5Diverse – Drowned X (Drowned)


Eine gelungene Melange aus Bekanntem und frischem Wind macht diese EP zum runden Paket für Fans und Neuentdecker von Drowned Records. Dem Sound nach könnte man Drowned im Londoner Süden verorten, so eng scheint die DNA der UK-Rave-Geschichte mit dem seit 2014 operierenden Label verwoben. Der Eindruck täuscht jedoch, Platten und Künstler kommen aus Bremen statt aus Bristol! Ravige Breakbreat-Hymnen und atmosphärische Jungle-Ausflüge sowie polyrhythmisch swingende Grooves lassen stilecht das Herz eines jeden Headz höher schlagen, während man sich allerdings stets in einem Tempo bewegt, das zu Techno und House kompatibel ist. Mehr Mut zu Experimenten birgt die Flip: hier lassen wild synkopierte Drums virtuos die virtuellen Muskeln spielen, wird ein funkiges Disco-Motiv zu schrägen Orgeltönen abgerissen. Und schließlich lädt ein schrilles Gewirr aus Stimmen und Synths zur anschaulichen Vertonung besonders schräger Bewusstseinszustände ein. Leopold Hutter

4Holly Herndon x Jlin (feat. Spawn) – Godmother (4AD)


Inmitten des allgemeinen Hypes um Künstliche Intelligenz veröffentlichen Holly Herndon und Jlin eine EP, die mithilfe einer KI (“Spawn”) produziert wurde und weniger als musikalischer Beitrag denn als künstlerisches Statement zu den großen KI-Themen verstanden werden will. Soweit eigentlich auch so vorhersehbar, hatte Herndons Sound ja schon immer einen konzeptuellen Anspruch und in seinem digitalen Dekonstruktivismus stets auch etwas fundamental Artifizielles. Bedenkt man, dass die Nutzung von KI in der Musik bereits bis in die 70er zurückreicht, erscheinen die vertonten digitalen Artefakte von Godmother denn auch gleich etwas weniger originell und mehr vom aktuellen Hype getragen. Aber eine regelmäßige Erinnerung daran, dass die singularitätsinduzierte Apokalypse noch nicht direkt immanent ist, mag durchaus auch in 2018 nicht schaden. Vor dem Hintergrund, dass die wirklich verstörenden Fragen zur Rolle von Mensch und Menschlichkeit in Kunst und Kultur nicht erst seit gestern tagtäglich vom digital aufpolierten und künstlich emotionalisierten Auswurf der kontinuierlich rotierenden Popindustriemaschinerie aufgeworfen werden, hat Spawns Geknurspel dann aber schon fast wieder etwas naiv Retrofuturistisches. Stefan Dietze

3Last Nubian – The Reunion EP (Blaqtapes 005)


Samplebasierte Produktionsweisen und afrikanische Vocals sind im aktuellen House nicht gerade selten, und beides begegnet einem auf Last Nubians The Reunion EP. Aber Seltenheit ist natürlich kein Qualitätskriterium. Die Qualitäten, die den Londoner abheben von trendy Massenwareschmieden sind seine Detailverliebtheit, sein Arbeiten gegen die bloße Wiederholung und das allzu Offensichtliche. Er genießt es, immer wieder Dissonanzen und klangliche Reibungen in seine Stücke einzubauen wie in “Freddie Cougar”, einer groovenden Klangcollage voller Sound-Schlieren und kurz vorüber wehender Schall-Schnipsel. Im hervorragenden „Paso’s Jazz Up“-Mix des Tracks wird diese Technik durch den exzessiven Einsatz von Jazz-Samples angenehm auf die Spitze getrieben, wie überhaupt Vieles auf dieser EP leicht, aber höchst sympathisch over-the-top klingt. Mathias Schaffhäuser

2Nazar – Enclave (Hyperdub)


Ein Fall von Migration aus Europa zum afrikanischen Kontinent. Nach 14 Jahren in Belgien ging der angolanische Produzent Nazar wieder in das Land seiner Herkunft zurück – nach dem Ende des Bürgerkriegs 2002. Auf seinem Hyperdub-Debüt setzt er den „Sonic Warfare“-Ansatz des Labels fort, ziemlich buchstäblich, mit einem harten Kuduro-Stil, der Kriegslärm zu Clubmusik macht. Titel wie „Airstrike“ und „Warning Shots“ sind wörtlich zu nehmen. Von vordergründigem Industrial-Geräusch ist Nazar allerdings weit entfernt, seine Methoden sind so verfeinert, dass man zu dieser tönenden Auseinandersetzung mit der repressiven Geschichte seines Landes ernsthaft tanzen kann – als ein kleiner Sieg über die Gewalt. Tim Caspar Böhme

1volt.ctrl ‎– You Like Me EP (Mikrodisko)

Das Mikrodisco-Kollektiv, zu dem auch Kassem Mosse gehört, operiert seit jeher zwischen House und geradlinigem Techno und greift nie unnötig in die Nostalgiekiste. Auch in der Musik von volt.ctrl geht es nicht um die Blüte längst vergangener Tage. Die You Like Me EP schreit genau das heraus. Pur, hypnotisch, raw und brandaktuell. Der Title Track, ein über zehn Minuten langer Sturm aus verschiedensten Hi-Hats, von links nach rechts wandernden Cymbals, kraftvollen Synth-Sounds und melodischen Elementen, läuft auf einen gewaltigen Drop zu. Ein repetitives „Right Now“-Vocalsample prophezeit es: Jetzt fühlt man sich frei. Eine intelligente Hymne der Nacht. Der erste Titel auf der Flip-Side kommt dann wesentlich housiger daher. Wohlfühl-Synth-Sequenzen und bekömmliche Percussions bilden hier ein deliziöses Erfolgsrezept. „Roasted“ schließt die Platte dann ab. Ein fragiles Konstrukt, getragen durch atmosphärische Klänge, verletzlich und schön. Mikrodisko: genau so geht das. Andreas Cevatli