5Kiki Kudo – Splashing EP (Incienso)


Ihr Englisch war zu schlecht, um sich zu verständigen, deshalb kochte die Exil-Japanerin für ihre Bohème Clique in Brooklyn. Später belieferte Kiki Kudo ein lokales Deli mit veganem Bento und baute einen Dinner Club auf. Eine Rave-Vergangenheit hat sie auch. Im Szenebezirk Shibuya feierte sie in den Neunzigern zum trippigen Madchester-Sound von Primal Scream oder Andy Weatherall. Dass in dieser Szene jeder mehr über Musik zu wissen schien als sie, hielt Kudo davon ab, selbst Tracks zu produzieren. Sie konzentrierte sich auf das Auflegen, durch das sie in der amerikanischen Houseszene bekannt wurde. Ihre Debutmaxi auf Incienso klingt, als würde man Stücke von Kaitlyn Aurelia Smith und von Portable übereinanderlegen: in die Synthesizer vertieft und auf unerwartete Weise eingängig. Die Arbeit mit dem Messer steht in keiner Küche so im Zentrum wie in der Japanischen. Kudo lässt die Klinge an Drums und Synths entlanggleiten, bis die einzelnen Elemente für sich stehen. Die Magie der Tracks liegt darin, dass Kudo keinen Pop-Dialekt braucht, um den matten, fluffigen Klängen Leben einzuhauchen. Alexis Waltz

4ASOK – To Think I Hesitated (Lobster UNDR 03)


Lobster Theremin und seine Sub-Label-Armada verkörpern einen dieser Tage allseits gegenwärtigen Retrofuturismus. Dieser identitätsstiftende und ästhetisch motivierte Nostalgieschub hinterfragt festgefahrene Strukturen. Jungle, Tribal und UK-Hardcore entsprechen in diesem aus Alt mach Neu den Casio-Uhren des modernen UK-Outsider-Techno. Wie die anderen Acts aus dem Lobster Theremin-Zusammenhang versucht ASOK einen so bewussten wie kritischen Austausch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ähnlich wie Vril ist der bereits seit 20 Jahren im Hintergrund agierende Produzent aus Liverpool erst im aktuellen Jahrzehnt öffentlich in Erscheinung getreten. Seinen düsteren Joey-Anderson-trifft-Christopher-Rau-Sound entwickelte er dabei stetig weiter und setzt in den vier nun erschienenen Tracks einen minimalistischen Kontrapunkt zum Pathos des UK-Rave der 90er Jahre. Den Sound seiner Jugend wiederum nimmt er nicht als gegeben hin, sondern selektiert, idealisiert und schreibt bisweilen um. Die Art, wie er das tut, ist glaubwürdig und und hat nichts mit einem klassischen Revival zu tun. ASOK ist eher Teil einer Re-Inszenierung, die ein wesentliches Moment jener kollektiven Identität abbildet, von dem die unaufhörlich voranschreitende Techno-Szene aus Großbritannien aktuell zehrt. Felix Hüther

3DJ Qu – Heed the Message (Strength Music)


Zehn Jahre ist es her, dass DJ Qu gemeinsam mit Jus-Ed oder Fred P als Teil einer neuen New Yorker House-Szene gefeiert wurde. Geprägt wurde Ramon Lisandro Quezada vom House der Neunziger im benachbarten New Jersey. In seiner Jugend war er Mitglied einer Tanzcrew, die sich zu Housemusik auf Wettbewerben im B-Boy-Style battlete. Doch war es nie sein Ansatz, in seinen Produktionen die goldene New Yorker Ära der Neunziger wiederauferstehen zu lassen. Zwischen House und Techno mag der US-Amerikaner keine Grenzlinie ziehen. Die Heed the Message EP zeigt DJ Qu bestens aufgelegt. “May I Say” filtert Disco- und 80s-R&B-Samples auf unwiderstehliche Weise, “Things Get Ordinary” verfolgt einen ähnlichen Ansatz, nur läuft die Bassline hier rückwärts. Die B-Seite startet mit einer absoluten Granate: “Picazón” besteht im Grunde nur aus Latin-Percussion-Patterns und einer Mörder-Bassdrum. Den Schlusspunkt setzt mit “Circumvent” ein darker Track mit Trance-Anleihen. Eindimensionalität war noch nie das Ding von DJ Qu. Holger Klein

2Kyle Hall – Equanimity (Wild Oats)


Zu Deutsch bedeutet „Equanimity“ so viel wie Gelassenheit oder Gleichmut. Und in der Tat klingt Kyle Halls neue Single auf seinem eigenen Label Wild Oats durch und durch entschleunigt. Der Opener „Katastematic Pleasure“ erinnert an den Hit „Ghosten“ von 2010: Über einen gemächlichen Beat mit sanften Breaks schieben sich einnehmende Synthesizer-Schichten, die dem Track eine starke Ambient-Note verpassen. Die zwei folgenden Stücke verdoppeln ihr Tempo auf housigere 120 BPM. Nur das sinnig betitelte „4Rwrd Motion“ eignet sich mit seinen straighten Kicks dabei aber wirklich für den Dancefloor, „No More Moon“ hingegen begnügt sich mit dubbigen Melodien, ausufernden Flächen und einem dezenten Beat, der vor Soul nur so strotzt. „Ghosted 4 Second X“ verlässt sich anschließend wieder auf Breaks und zarte Bassspuren, über die Hall eine Prise Funk streut. Dass alle vier Stücke schlicht hervorragend klingen, kommt nicht von ungefähr: Chicago House-Legende Glenn Underground zeichnet für das Sounddesign verantwortlich. Maximilian Fritz

1Neal White – Still 1999 (Nachtamt)


Bei Nachtamt aus Hamburg klingt Techno individualistisch und intim wie Jazz und schwelgerisch und emotionsgeladen wie Soundtracks. Neal White baut die vier Tracks der Nachtamt 02 um eine monoton pulsierende, ungewöhnlich verhaltene Bassline, an der er Drumschnörkel und Melodiesplitter aufzieht wie eine Perlenkette. „Still 1999“ hat mit dem Schranz von 1999 nichts zu tun, die glockenartigen Synths klingen verzaubert und entrückt und wie die Musik eines tschechischen Kinderfilms, über den sich Hypnagogic-Producer hergemacht haben. „Cistern“ ist zackiger, „Spulimander“ ist mit seinem murmelnden Vocal der hitverdächtige Track der Platte. Und bei „Minibaukasten“ lässt White genüsslich zerdehnte Synths am stetigen Herzschlag seiner Drummachine vorbeiziehen. Alexis Waltz

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