Zuerst erschienen in Groove 171 (März/April 2018).

„Digital heißt, dass man technisch unglaublich sauber aufnimmt. Bei analog gab es immer wieder auch Kollegen in der Tontechnik, die sagten: ‚Da ist Schmutz auf der Aufnahme.‘ Das heißt: die atmet. Die Aufnahmen, die mit dem Kassettenrekorder gemacht wurden, die haben mehr Seele“, findet der frühere Radioredakteur Wolfgang Bauernfeind. Zurzeit lässt sich eine junge Generation von Musikfans von einem ähnlichen Eindruck treiben und entdeckt die besondere klangliche und physische Haptik der Kassette.

Da kommt diese Dissertation Record.Play.Stop. – Die Ära der Kompaktkassette von Pia Fruth gerade recht: Akribisch hat die Medienwissenschaftlerin die Geschichte der Kassette erforscht. Zurück bis Valdemar Poulsen, der in den 1890er-Jahren entdeckte, dass Stahldrähte als Medien für Schallaufnahmen benutzt werden können, indem man sie magnetisiert. Zuerst benutzte man Drahtspulen, später beschichtete man Kunststoffbänder mit Metallpulver. Aber die Technologie war noch nicht reif für den Endkonsumenten. Der Anfang des Bandes musste bei jedem Gebrauch auf eine leere Spule gewickelt werden, Bandsalat war da vorprogrammiert.

„Zum ersten Mal in der Geschichte der elektronischen Medien können die Menschen auch ohne technische Grundkenntnisse auf ein- und demselben mobilen Gerät aufnehmen und abspielen. Niemand muss mehr komplizierte Bandwechsel mit riesigen Spulen vollbringen, die komplette Technik steckt in einem praktischen Gehäuse und ist denkbar einfach zu bedienen: »Schwupp – die Cassette rein, schnapp – den Knopf gedrückt und schon macht er Musik« wird zum allgegenwärtigen Werbe-Slogan der Firma Philips“ (Auszug aus Record.Play.Stop. – Die Ära der Kompaktkassette, Seite 20).

Es lag auf der Hand, beide Spulen in eine verschlossene Kassette einzulassen. Am Anfang konkurrierten verschiedene Systeme. Philips setzte sich 1963 mit günstigen portablen Geräten durch. Auch indem man Lizenzen an japanische Firmen verkaufte. Hi-Fi-Snobs rümpften angesichts der Klangqualität der Kassette die Nase, die Konsumenten liebten sie. Der Absatz explodierte. Die Boombox befeuerte die HipHop-Kultur und mit dem Walkman von Sony konnte man zum ersten Mal unterwegs ungestört Musik hören. Darüber hinaus konnte man eigene Mixkassetten aufnehmen. Die Beliebtheit eines Mädchens lasse sich daran messen, wie viele solcher Mixtapes sie geschenkt bekommt, schrieb Benjamin von Stuckrad-Barre.

Durch die Digitaltechnik wurde das Mixtape zum Podcast und zur Spotify-Playlist weiterentwickelt. Die Kassette hat zum ersten Mal die Individualisierung des Musikhörens ermöglicht, die heute mit dem Smartphone Standard ist. So können in diesem lehrreichen Buch nicht nur Kassettenfreaks etwas über ihren Fetisch erfahren. Wir können auch verstehen, warum wir heute Musik so hören, wie wir sie hören.

Das Buch Record.Play.Stop. – Die Ära der Kompaktkassette (352 Seiten) von Pia Fruth erscheint am 26. Februar im Transcript Verlag. Hier geht’s zur Leseprobe.

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