Fotos: Birgit Kaulfuss (René Pawlowitz/Shed)

Zwischen poshen Clubs und roughem Underground hat René Pawlowitz schon viel gesehen. Seit seiner ersten Platte im Jahr 2004 hat der Wahlberliner mit diversen Pseudonymen wie Wax, EQD oder Head High den Staub von den Tanzflächen gefegt. Den Anfang machte er mit Shed, einem Projekt, das mit zahlreichen Singles und bisher vier Alben auf dem schmalen Grat zwischen Rave und Wohnzimmer balanciert. In Eigenregie bringt Pawlowitz jetzt erneut die ersten beiden Shed-Alben als Reissues auf seinem Label The Final Experiment heraus. Wir haben im Interview mit ihm zurückgeblickt auf die Zeit, in denen die Alben entstanden sind und sprachen mit ihm über Melancholie, die Vorteile von Breakbeats, Weichspül-House im Friseursalon und den Irrsinn, Vinyl zu veröffentlichen.

 


 

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass du Musik machst, um sie zu hören. Hast du denn Shedding The Past und The Traveller in den vergangenen Jahren oft gehört?
Tatsächlich höre ich Shedding The Past manchmal nebenbei – wenn Freunde da sind und ich nicht weiß, was ich sonst spielen soll. Es läuft eher im Hintergrund und ist kein bewusstes Hören mehr. Man wird ja auch ein bisschen wehmütig. Vor allem, wenn man daran denkt, dass es jetzt auch schon fast zehn Jahre her ist, dass das Album rausgekommen ist. Man wartet immer, während man so aufsteigt, dass irgendwas passiert und dann, erst viel später, merkt man, dass doch ganz schön viel passiert ist. Deswegen hör ich das Album wahrscheinlich auch nicht bewusst – weil es mich auch ein bisschen melancholisch macht.

Die Melancholie des Anfangs?
Ja, man ändert sich ja auch selber. Wenn man ein bisschen bekannt wird und viel reist, ist alles so aufregend. Erst will man das alles mitnehmen, aber man bekommt diesen Punkt gar nicht mit, an dem die Aufregung weg ist und das alles Routine wird. Wenn man so lebt, kriegt man die Gegenwart gar nicht so mit, aber wenn man Punkte hat, die markieren, wann was passiert ist, dann kann man darauf auch zurückblicken. Bei Platten kann man genau ausmachen, wann das war. Dann überlegt man schon, was man die letzten zehn Jahre so gemacht hat. Früher hat man zu DJs aufgeguckt, die dahin oder dorthin geflogen sind und die diese oder jene Platte gemacht haben und die ganz busy waren. Man wollte das auch immer machen und merkt aber gar nicht, dass es irgendwann so ist. Das ist ganz eigenartig: man wartet immer drauf, dass es so wird, wie die coolen DJs immer erzählen und dann macht es auf einmal Bumm! und es ist vorbei. Den Punkt hatte ich letztes Jahr. Da hatte ich das Gefühl, dass irgendwas passiert ist.


Stream: Shed – Shedding The Past

Meinst du ein Gefühl, dass man realisiert, wo man gerade steht?
Man ist irgendwie in so einer Blase. Wenn man international gebucht wird, fängt man irgendwann an, sich selber wichtig zu nehmen. Ich habe mich nie getraut, mich selbst so in den Mittelpunkt zu schmeißen, weil ich‘s total bescheuert finde, wie man sich verhalten kann, wenn man die Chance oder die Macht dazu hat. Man denkt immer, man ist irgendwas. Aber das stimmt gar nicht! Man fängt an, sich in dem ganzen Ding zu wichtig zu nehmen.

Hast du dir denn damals, 2008, als du Shedding The Past rausgebracht hast, vorgestellt, dass es so werden wird wie jetzt?
Ja, klar. Das Coole ist jetzt, dass ich nicht mehr so sehr nach Aufmerksamkeit haschen muss. Irgendwann ist dann aber auch die Frage, ob man das Ganze wieder mehr forciert, es so lässt, wie es ist oder vielleicht sogar aufhört.

Shed ist das Projekt, das von deinen vielen Pseudonymen das ist, das wie für das Albumformat geschaffen zu sein scheint. Hast du das damals so angelegt?
Auf keinen Fall. Es gab ja vorher auf Soloaction schon einige Shed-Singles. Die Nummer Sieben lief damals wahnsinnig schlecht, weshalb ich kurz daran gedacht habe, aufzuhören. Die nächste Single, „Well Done My Son“, hat das dann wieder komplett auseinandergenommen. Damals hatte es sich etabliert, dass man Funktionsmusik machen kann, die nicht auf das Gefühl guckt, sondern die einfach knallt. Mit der Platte war es zum ersten Mal, dass ich auf eine Party gegangen bin und gehört habe, wie ein anderer DJ was von mir spielt. Das war eine Initialzündung. Shed-Sachen sollten aber schon immer variieren und ausprobieren, nicht so den Fokus auf Funktionalität legen. Viel Gefühl, viel Atmosphären, viel Hall. Mit dem Album hat es sich erst herauskristallisiert, dass Shed sowas überhaupt sein kann.

Die Herangehensweise bei Shedding The Past war also noch eine andere als bei den späteren Alben?
Es war eher eine Compilation in dem Sinn, dass es aus Stücken zusammengestellt war, die über eine längere Zeit entstanden sind. Ich hab mich nicht hingesetzt und dieses Album gemacht, sondern ich hab Tracks zusammengesucht, die es schon gab. Aber diese Auswahl folgte einer Idee, wie der Aufbau des Albums sein sollte.

Wie siehst du das Vorgehen damals?
Es ist damals genauso so gewesen, wie ich‘s machen wollte. Ich kann nicht sagen, ob ich es nochmal so machen würde, das geht nicht. Das ist ja immer so eine Gefühlssache, es kommt ja auf den Moment an. Im Nachhinein, wenn etwas fertig ist, nochmal drüber nachzudenken und es nochmal zu machen, funktioniert nicht. Dann wär‘s nicht mehr das. Dann wär‘s was andres.

Wie hat sich dein Ansatz bei The Traveller von 2010 geändert?
Da habe ich dann alle Tracks extra dafür gemacht. Ich hatte einen Track, von dem aus ich weitergedacht habe, wie ich Stücke aufeinander staple.

Geht es dir dabei um eine Dramaturgie?
Nicht unbedingt Dramaturgie, eher die Variation von Stilen. Es geht nicht so sehr um eine Choreografie als Ablauf, sondern darum, verschiedene Elemente über das ganze Album zu verteilen: wie zum Beispiel hart, weich, traurig oder extrem.

Ist es diese Stilvielfalt, die für dich Shed ausmacht?
Ja natürlich, unbedingt! Das ganze ist sehr verwurzelt in diesem Englischen, gebrochenen – nicht unbedingt im Hardcore-Bereich – mit ein bisschen IDM, etwas Birmingham-Schule, so ein bisschen in diese Richtung, ohne unbedingt funktional zu sein.

Shedding The Past wurde teilweise als Kombination aus Detroit Techno und Basic Channel gehört.
Basic Channel – echt!? Also Detroit finde ich okay. Damals bei The Traveller haben dann viele Leute von Dubstep geredet, wobei ich mich gefragt habe, ob die überhaupt wissen, was Dubstep ist. 2009, 2010 war die Zeit, als plötzlich eine Menge Techno-DJs auch Dubstep gut fanden und Dubstep-DJs auch Techno gut fanden. Das war das Ende. (lacht)

Der Break-Aspekt ist bei The Traveller jedenfalls ausgeprägter als bei Shedding The Past. Damit lag die Verbindung zum Hardcore Continuum schon auf der Hand. War das eine bewusste Entscheidung damals?
Ich finde, dass man mit gebrochenen Sachen viel mehr musikalische Möglichkeiten als mit gerader Bassdrum hat. Wenn man zuerst anfängt, Musik zu machen und dann die Drums und den Rhythmus drunter legt, kommt man ganz schnell zu dem Punkt, dass dieses Gerade nicht mehr funktioniert. Gebrochene Beats kann man wesentlich mehr variieren. Das Gerade nimmt einen gefangen. Das Dazwischen ist ganz schnell nicht mehr möglich. Schon wenn ich auf der zwei und vier die Clap setze, um zu gucken, wie das funktioniert, gerät es sofort ins Stocken, fließt nicht mehr. Deshalb können so viele nicht auf UK Hardcore tanzen oder zu Dubstep. Die stehen da und wissen nicht, was sie machen sollen, weil die Musik dazwischen stattfindet – nicht auf der eins und der zwei, sondern auf der anderthalb.

Auch wenn Dubstep vielleicht nicht unmittelbar was mit deinem zweiten Album The Traveller zu tun hat, gibt es doch eine Verbindung – zumindest liegt für mich eine Nähe im Umgang mit diesem Dazwischen, mit dem Einbauen von Leerstellen, von Raum. Beim Track „The Bot“ lässt du dir zum Beispiel viel Zeit zwischen den Klängen.
Das war der einzige Track, den ich mir jetzt bewusst nochmal angehört habe, als ich beim Remastern dabei war. Da ist so viel Luft drin. Das ist von der Wax No. 30003 eine Dub-Version gewesen oder anders rum. Jedenfalls ist das um die gleiche Zeit entstanden. Da habe ich mir mal Zeit gelassen. Heute dagegen denkt man alles gleich durch – was geht und was geht nicht.

Hast du zu der Zeit damals Dubstep verfolgt?
Extrem, ja! Ich war einer von den Techno-DJs, die es wirklich gut fanden. (lacht) Dadurch, dass ich im Hardwax gearbeitet habe, war ich ja nah dran an den ganzen Sachen und irgendwann sind auch Connections entstanden. Ich bin aber relativ spät drauf gekommen. Mit Dubstep, wie er so um 2004, 2005 klang, mit diesem geraden Loefah-Sound konnte ich nicht so viel anfangen. Ich bin über die Broken Beats-Sache reingerutscht. Zum Beispiel Elemental oder Toasty, die eher aus dem Hardcore ihre Energie gezogen haben als aus Dub oder Reggae. Das hat für mich die Schnittmenge zwischen Techno und Breakbeats ergeben.

Mit The Killer schienst du 2012 dann musikalisch – vor allem im Vergleich zum ersten Album – noch mehr im Hardcore Continuum-Kosmos angekommen zu sein. Gleichzeitig hast du mit der LP das Label von Ostgut Ton zu 50Weapons gewechselt. Dadurch wurdest du bestimmt auch mehr außerhalb des Techno-Kontextes wahrgenommen.
Das war eine coole Umbruchzeit, da hat es angefangen, dass ich viel nach England gekommen bin – weil die Modeselektoren dort auch groß sind. Ich konnte auf Partys und Raves spielen, auf denen ich mich wohl gefühlt habe und wo auch DJs gewesen sind, die ich selber gerne gesehen und gehört habe.

Man könnte meinen, dass du durch deinen Wechsel von Ostgut Ton zu 50 Weapons und Monkeytown ein bisschen freier von Techno-Reglementierungen auch als DJ geworden bist.
Bei mir steht immer noch Ostgut dahinter, wenn ich irgendwo spiele. Das verkauft sich am besten für die Leute und dann steht das halt dahinter. Klar, so lang man einen gewissen Hype genießt, kannst du spielen, was du willst. Aber sobald das vorbei ist, kannst du den Leuten noch so mit cooler, neuer Musik kommen – das interessiert sie nicht. Für eine Weile nehmen sie das hin, aber dann wollen wieder alle das Gleiche hören. Wenn man so ein bisschen speziell ist, dann gibt‘s nur 30% der Leute, die das gut finden und manchmal ziehen die andere Leute mit und manchmal ziehen sie sie nicht mit. Man kann es sich bequem machen und sich die größte Schnittmenge suchen und die ist dann halt die gerade Bassdrum und Bass rein, Bass raus. Dann ist das ein Abend wie jeder anderer, aber eben auch easy money ohne Stress. Es kommt drauf an, warum man diesen Job als DJ macht – ob man das wegen der Musik macht oder dieses Entertainment-Ding und die eigene Person cool findet und in den Vordergrund spielt. Irgendwann steht jeder DJ an dieser Schwelle, wo es sich entscheidet: mach ich‘s wegen der Musik oder will ich jetzt mehr, als die Musik hergibt? Dann wird danach ausgewählt, nicht was man selbst gut findet, sondern halt das, womit man den Leuten Genüge tut.

Tools angucken ja, Tools auflegen nein.

Wie ist das mit deinen anderen Pseudonymen, die neben dem etwas experimentellen Shed eher auf den Dancefloor abzielen und auch explizit funktional sind?
Als Head High oder WK7 hatte ich schon Bookings, die ich lieber nicht angenommen hätte. Da spielt man dann so in Posh-Discos in Barcelona oder in London, wo du dir denkst, das kann doch jetzt nicht wahr sein. Aber ich versteh total, warum manche DJs darauf abfahren, weil man hofiert wird wie ein Star. Wobei das genau das ist, was man eigentlich nicht haben wollte im Techno – Techno und House war so ein Anti-Ding. Jetzt hörst du in jedem beschissenen Modeladen weichgespülten Deep House und Techno. Oder du sitzt beim Friseur und wirst zugeballert mit diesem Wahnsinn. Obwohl es eine Menge DJs gibt, die Techno auflegen, wird es nie passieren, dass sie zusammen auf einem Festival spielen, geschweige denn auf der selben Party oder im selben Club. Das kommt alles aus einer Szene, hat aber nichts mehr miteinander zu tun.

Deine Musik ist sowohl von Detroit als auch von UK Hardcore und Broken Beat beeinflusst. Von Shedding The Past, das noch viel mit geraden Bassdrums funkioniert hat, hast du dich mit Shed scheinbar immer weiter entfernt von bestimmten Parametern, in denen Techno abgesteckt wird. Das macht es schwer, deine Musik in einer Szene zu verorten.
Ich weiß nicht, was ich für eine Identität habe in dieser Szene. Man sitzt grundsätzlich zwischen den Stühlen und muss immer versuchen, zu erklären, was man macht. Das, was ich als Shed spiele, ist dann halt Techno. Dann spiele ich und dann sagen andere: das ist gar kein Techno! Ich kann mich nicht verorten. Das ist extrem anstrengend – auch als DJ. Mir ist es egal, ob den Leuten gefällt, was ich spiele oder nicht. Ich sehe es so, dass ich für meinen Geschmack gebucht werde und für meine Auswahl. Ich bin nicht da, um Leute zu belehren, um ihnen zu zeigen, was es alles gibt. Ich spiel das, was ich selber gut finde. Und damit kommt man schnell an Grenzen. Wenn man zwischen zwei Styles hin und her springt, ist es noch okay, aber sobald es mehr werden und man auch noch die Geschwindigkeit reduziert oder schneller macht, dann ist man raus. Man wird oft nicht mehr gebucht, weil die Leute überfordert sind. Als jemand, der wie ich, schon irgendwie im Techno verankert ist, muss man schauen, wie das funktioniert.

Das aktuelle Shed-Album The Final Experiment vermittelt dabei wieder elegant zwischen Rave und Wohnzimmer.
Das Album ist in meinen Ohren schon fast Popmusik. (lacht)

Wie bist du die LP denn dieses Mal angegangen?
Ich habe das von Anfang an ein bisschen größer gedacht – wollte musikalisch und auch visuell zeigen, was Shed ist. Die A/V-Show zusammen mit Transforma ist fester Teil davon. Viele haben mir gesagt, dass es sich anhört wie alte Sachen von Kenny Larkin – die Art-Sachen. Das stimmt ja auch, da komm ich ja auch her. Aber die anderen Alben klingen auch wie Sachen davor. Manchmal weiß man nicht, warum das eine dann gefeiert wird und das andere nicht. Als Künstler muss man damit leben. Es gibt gerade diesen Punkt, an dem man merkt, dass man mit der Szene, mit der man groß geworden ist, nicht mehr viel gemein hat, das ist ganz eigenartig. Releases wie die Shed-Alben sind so Punkte, an denen man festmachen kann, wie es zu dem jeweiligen Zeitpunkt gewesen ist.

Wie ist es gerade für dich?
Dieses Jahr ist irgendwas komplett anders. Plattenpressen macht keinen Spaß mehr. Ich habe jetzt diese Power House-Platte rausgebracht, bei der das Mastering im April gewesen ist, also ewig her. Jetzt ist die Platte rausgekommen und war schnell ausverkauft, weil ich nicht so viele Kopien habe machen lassen. Jetzt wollte ich sie schnell nachpressen lassen – die kommt im April nächsten Jahres! Ich weiß nicht, ob die dann überhaupt noch jemand haben will. Ich mach keine Platten mehr – das ist total bescheuert.


Stream: Shed – The Final Experiment

Das sagst du doch jetzt nur so.
Ich weiß nicht. Alle reden immer davon, dass das mit Platten so cool läuft gerade, aber eigentlich ist alles total bescheuert. Früher habe ich für eine Wax-Platte vier Wochen gebraucht, dann war die draußen. Man ist zum Mastern gegangen, eine Woche später hat man die Testpressung gehabt und drei Wochen später waren die Platten da. So kann man auch so coole Underground-Platten machen. So kann man die einfach raushauen. Man kann doch Musik nicht emotional steuern – dass man sagt, die find ich in einem halben Jahr gut.

Würdest du wirklich auf Vinyl verzichten?
Klar. Nicht, dass ich das gerne möchte – eher würde ich mich durch die Plattenindustrie dazu gezwungen sehen. Finanziell ist es ein totales Desaster, Platten zu machen. Teilweise musst du für Platten aus Amerika mit drei Tracks 13 Euro zahlen – wer soll das denn kaufen? Da kann der Track noch so geil sein. Da sagst du dir doch: Da warte ich auf den Download oder hol mir den Rip. Auch was auf Discogs läuft! Für mich spielt das keine Rolle, weil ich irgendwann gesagt habe: ich lass alles nachpressen, bis das wirklich keine Sau mehr haben will – bevor sich Leute daran bereichern. Sobald man zum Anlageobjekt wird, muss man eigentlich direkt alles zumachen. Die Reissues sind in dieser Hinsicht auch eher ein Liebhaber-Ding.