„Man kann die Anlage wie ein Instrument spielen“, sagt Appel. Das muss man können. Danny Krivit und Kerri Chandler etwa hätten das drauf gehabt, die natürlich Erfahrung mit Anlagen dieses Kalibers mitbringen. Wenn es eine Welthauptstadt der Soundsystems gibt, dann New York. In den Siebzigerjahren baute der Toningenieur Richard Long für die Paradise Garage ein Soundsystem, das bis heute mythisch verklärt wird. Die DJs Nicky Siano und David Mancuso pflegten eine unbedingte Hingabe zum Sound. In den Neunzigern ging dieser Kult merklich zurück. In der Raveszene neigte man eher zum Pragmatischen.

Seit ein paar Jahren wiederum streitet man oft leidenschaftlich über die Vor- und Nachteile einzelner Hersteller wie Funktion-One, Void oder Martin Audio. Dabei sei die Marke gar nicht so wichtig, findet Muallem. Im Spitzenbereich seien die alle gut.

Der Blick aus der DJ-Kanzel des Plus, dem zweiten Blitz-Floor.

Entscheidend sei vielmehr der Sound-Engineer, und da hat Muallem mit Laurin Schafhausen einen Geistesverwandten getroffen (siehe Interview). Das Blitz ist nicht der Club, den man mit 23 aufmacht. Die Drinks sind außergewöhnlich gut, in den Mexico Mule kommt etwa ein mit Jalapeño und Koriander infusionierter Tequila, das Design, bei dem die Form der Funktion untergeordnet ist, der Materialmix aus Holz und Stahl sowie die Farbgestaltung, Schwarz, Naturholz, Petrol-Grün, sind von Jean Prouvé inspiriert, einem französischen Architekten, für dessen Möbel heute üppige Sammlerpreise gezahlt werden. Man kann sich schon fragen, ob das hier noch ein Ort der Subkultur ist. Kann ein Club auch zu perfekt sein? „Professionalität kann auch was Uncharmantes haben“, sagt Brane. „Aber bei uns ist auch viel work in progress. Die Lichter zum Beispiel sind auf eBay zusammengeklaubt. Die kommen aus Theater- und Diskobeständen aus den Siebzigern.“

Tatsächlich pflegen sie ein sehr puristisches Verständnis von einem Club. Keine Fotos, kein überdimensioniertes Branding, kein Starkult, starke Residents. Die Gäste legen auch schon mal am Anfang der Nacht auf, wenn das dramaturgisch wichtig ist. Die Namen der DJs sind alphabetisch aufgelistet – damit man nicht tagelang mit dem Management um die Reihenfolge diskutieren muss. Es sei in den vergangenen Jahren ja nicht eben einfacher geworden, einen Club zu betreiben. Der Druck habe zugenommen, erzählt Brane. Es sei auch schwieriger, mit Agenturen und Künstlern über Ideen zu sprechen, stattdessen müsse man viel mehr über Gagen verhandeln. „Mir geht’s da zu wenig um die Musik“, schimpft Muallem. „Man darf ja auch nie sagen, ich spiele ein paar Gigs weniger, weil das meiner Gesundheit, meiner Beziehung und meiner Passion guttut. Stattdessen wird immer nur mit Zahlen rumgeworfen – so 150 Gigs, 152 Gigs pro Jahr. Wie bei den Investmentbankern.“

Als der intimere Floor hat Plus samstags geöffnet.

Und Druck hat man natürlich auch in einer Stadt wie München, die in den vergangenen Jahren ein extremes Wachstum – auch bei den Mietpreisen – hinlegt, was jüngst in eine hitzige Debatte mündete, ob Subkultur in einer Stadt wie München überhaupt noch möglich sei. Wirklich verändert hätte sich dadurch nichts, sagt Mirko Hecktor, ein Elder Statesman des Münchner Nachtlebens. Immerhin hätte man als Veranstalter ein gutes Stichwort gegenüber der Stadt, wenn es um Genehmigungen geht. Im Augenblick gebe es viele neue Clubs, sagt Hecktor. Die machen sich durchaus auch Konkurrenz. Allerdings gelinge es ihnen oft nicht, eine Szene aufzubauen. Das hätte im Kong das letzte Mal funktioniert. Ob das im Blitz klappt, ist auch eine Frage der Zeit. Die Location ist nur eine Zwischennutzung. Für 2023 ist eine Generalmodernisierung im Deutschen Museum geplant. Und der Club ist umstellt von Mikrofonen, die messen sollen, ob sich ein paar Beats nach draußen verirren. „Wenn wir ein paarmal über den Grenzwerten liegen“, sagt Brane, „dann fliegen wir raus.“