Zeitgeschichten: Marshall Jefferson

30 Jahre Acid House

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War Jesse Saunders eine wichtige Inspiration für dich?
Die Inspiration! Hätten Jesse Saunders und Vince Lawrence nichts produziert, so würde ich wahrscheinlich immer noch bei der Post arbeiten. Ihre Musik hat mich davon überzeugt, dass auch Nichtmusiker Musik machen können. Das war eine große Sache. Vorher machten in den USA nur Musiker Danceplatten. Ohne Jesse Saunders und Vince Lawrence wäre in Chicago und Detroit keine einzige Platte produziert worden – davon bin ich überzeugt. Keine House- und keine Technoplatte. Viele möchten das nicht wahrhaben. Zudem hat ihr Ansatz, dass jeder Musik machen kann, auch maßgeblich Rap und HipHop beeinflusst.

Du hast eben von „Move Your Body“ gesprochen. Der war ja bereits ein Hit in Chicago, bevor er offiziell erschien. Wie war das Gefühl, als du erstmals eine Vinylplatte mit deiner Musik in der Hand gehalten hast?
Virgo, Sleazy D, Hercules, Ten City, Kym Mazelle: Jede Platte, die ich gemacht habe und die offiziell erschien, war für mich grandios. Deine Musik ist draußen – ein Gefühl, das jeder Produzent gut findet. Ich muss aber heute auch sagen: Manches von dem alten Kram würde ich gerne noch mal aufnehmen. Ich kann das jetzt besser! Nur „Acid Tracks“ und „I’ve Lost Control“, das könnte ich nicht neu einspielen. Es waren einfach nur Fehler, die für unsere Ohren cool geklungen haben. Das Ganze entstand aus Jamsessions. Das ist nicht wiederholbar.


Stream: Marshall Jefferson – Move Your Body (The House Music Anthem)

Wie wichtig waren auch Larry Sherman und sein Label Trax sowie DJs wie Frankie Knuckles oder Ron Hardy? Ohne dieses Netzwerk wäre deine Musik doch nicht so stark vorangetrieben worden.
Ich wollte Platten machen. Larry brachte Platten raus. Bevor die Platten rauskamen, habe ich meine Musik auf Tapes zu Ron Hardy gebracht. Der hat sie in der Music Box gespielt. All diese Dinge waren wichtig. Nur kam ja alles nicht so, wie ich es wollte. Meine erste EP Go Wild Rhythm Trax erschien ja unter dem Pseudonym Virgo auf meinem Label Other Side Records. Ich habe Larry dafür bezahlt, dass er die Platte für mich presst. „Move Your Body“ sollte eigentlich die zweite Katalognummer werden, aber Larry hat sie einfach unter meinem bürgerlichen Namen auf Trax herausgebracht. Ich hätte gern als Virgo weitergemacht. Das war aber nach dem Hit nicht mehr möglich. Das beschäftigt mich bis heute. Auf der Platte steht ja sogar drauf: „produced by Virgo“. Als Artist wird Marshall Jefferson genannt. Eigentlich sollte der aber On The House heißen. Das war die Gruppe, die ich mit Rudyard Forbes und Curtis McClain damals hatte. Larry hat das einfach in letzter Minute geändert und es als Marshall Jefferson verkauft. Das hat mein Leben verändert. Aber „Move Your Body“ war so ein Hit, der hätte das Leben so oder so geändert, egal unter welchem Namen.

Wusstest du direkt, dass es ein Hit wird?
Direkt! Ich dachte sogar, dass es ein viel größerer Hit wird, als er geworden ist.

Ron Hardy hat den Track groß gemacht, richtig?
Ja schon, aber ab einem gewissen Zeitpunkt lief „Move Your Body“ überall in Chicago. Und das ungefähr ein Jahr bevor er offiziell erschien. Es gab zahlreiche Tape-Kopien. Auch in New York wurde er in der Paradise Garage gespielt. Frankie Knuckles hatte Larry Levan eine Kopie gegeben. Dann hat irgendwie Jazzy M eine Kopie bekommen und das Stück in seiner Show beim Londoner Piratenradio LWR gespielt. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ein paar Reporter aus Europa rüberkamen und mich über House Music interviewen wollten. Da war der Song noch nicht veröffentlicht. Und Larry Sherman wusste von alldem nichts. Er mochte den Song auch gar nicht. Dann hat er alles herausgefunden und ihn ohne meine Einwilligung auf Trax veröffentlicht.

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