Und siehe da: Die Musik trifft einen Nerv. „Nostalgieausbrüche folgen oft auf Revolutionen“ schrieb die Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym und die Revolution des 21. Jahrhunderts ist die Digitalisierung und das Internet. Lo-Fi ist ein Ausdruck dieses Nostalgiegefühls, das sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten lässt. Fotografie zum Beispiel: Derweil sich in den Nullerjahren eine Digitalkamera in nahezu jeden Haushalt einschlich, griff Instagram die analoge Retro-Ästhetik wieder auf und machte sie für Smartphone-Schnappschüsse verfügbar. Der Erfolg des Unternehmens zeigt, dass die Menschen keine HD-Aufnahmen der Realität möchten. Sie möchten weichgezeichnete Bilder, die eine diffuse Emotionalität transportieren.

Emotionen sind menschlich. Genau dieses Menschliche stellt Lo-Fi noch auf eine andere Weise heraus: Durch den Fehler. Das Element des Fehlers zeichnet die Klangästhetik in ihrem Kern aus. Eine bis zur Dissonanz verzerrte Vocal, eine flach scheppernde Hi-Hat – das sind eigentlich Fehler. Manch einer mag bei den ersten L.I.E.S.-Releases sogar gedacht haben, die Platte wäre kaputt, so viele „Fehler“ waren in der Produktion enthalten. Fehler sollten eigentlich nicht passieren. Aber Fehler sind auch menschlich. Sie rücken das Handgemachte hinter einem Track wieder in den Vordergrund und hauchen ihm so Leben ein. Authentizität ist das Ergebnis. Auch wenn die Musik oftmals digital produziert wird und diese Authentizität somit eigentlich simuliert ist – es ist eine Qualität, die manche während der Deep-House-Hochzeit vermisst haben mögen.


Stream: Mall GrabCan’t

Aber, und damit kommen wir zu der Paradoxie und der letztendlichen Sackgasse, die Lo-Fi innewohnt: Fehler sind nicht planbar. Mit der zunehmenden Institutionalisierung des Sounds hat sich aus dem anfänglich roughen Gegenentwurf ein Stil nach Schema F entwickelt. Ein bisschen Rauschen hier, etwas Übersteuerung da – es braucht nur die Verwendung der richtigen Elemente und fertig ist der Lo-Fi Track. Es sind keine Fehler im eigentlich Sinne mehr, die den Klang ausmachen, und der Reiz des Authentischen geht verloren. Was einmal innovativ war, ist ein Stil geworden, aus dem das Gegenteil von Innovation zu kommen scheint. Da drängt sich die Frage geradezu auf, ob ein Name wie DJ Boring mit passender Absicht gewählt wurde oder ob diese Produzenten tatsächlich glauben, sie würden etwas Neues oder wenigstens Spannendes produzieren.

Aber vielleicht braucht man das an der Stelle auch gar nicht mehr. Der erste Bruch hat stattgefunden und neue Möglichkeiten eröffnet. Lo-Fi als Innovation hat sich inzwischen zwar überholt, dennoch hat es zu einer neuen Art von Subgenre geführt, so viel es an dem auch zu kritisieren geben mag – von mangelnder personeller Diversität gar nicht erst anzufangen. Kulturpessimismus ist indes wie immer unangebracht: Auch für die, bei denen dieser nicht-neue Lo-Fi House des 2016 Langeweile bis Unbehagen hervorruft, gibt es noch Hoffnung. Labels wie L.I.E.S., The Trilogy Tapes oder 1080p halten weiterhin die Fahne für echte Kratzbürstigkeit hoch. Im Klang, im Geiste und vor allem in Form spannender Musik.