Foto: Patrick Beerhorst (Karl Bartos)

15 Jahre lang war Karl Bartos Teil des „klassischen Line-ups“ von Kraftwerk und prägte als Schlagzeuger und Ko-Komponist deren Musik Ende der 70er und Anfang der 80er-Jahre entscheidend mit. Nach seinem Ausstieg 1990 arbeitete er mit Musikern wie Bernard Sumner und Johnny Marr und veröffentlichte drei Soloalben. Anlässlich des Erscheinens seiner Autobiografie Der Klang der Maschine sprachen wir mit Karl Bartos über sein Verhältnis zu Ralf Hütter, was Kraftwerk so besonders machte und seinen „Numbers“-Beat, dem wohl am häufigsten gesampleten elektronischen Beat überhaupt.

 


 

Du warst 15 Jahre lang bei Kraftwerk. Kommt dir diese Zeit im Rückblick kurz oder lang vor?
Beides. Die ersten Jahre bei Kraftwerk, die Zeit der Schöpfung unserer Musik war unfassbar spannend und schnell. Das war die genialste Zeit in meinem Musikerleben. Am tollsten war für mich nicht die synthetische Klangerzeugung, sondern die Synthese der Musik – wir haben alles miteinander verknüpft und verschmolzen, was wir gut fanden. Das war eine permanente Unterhaltung zwischen uns Musikern und unseren Instrumenten. Sehr lang kommt mir hingegen die ereignislose Zeit nach unserer Welttournee 1981 vor. Wir hatten mit „The Model“ auf einmal einen Nummer-1-Hit, aber anstatt das zu promoten oder daran anzuknüpfen, machten wir nichts. Wir brauchten am Ende fünf Jahre, um das nächste Album fertigzustellen. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre verloren wir schließlich den Blick auf unsere wirkliche musikalische Kompetenz. Wir orientierten uns stattdessen an dem, was andere machten.

Du bist 1975 als Student der klassischen Musik zu einem besonderen Zeitpunkt zu Kraftwerk gestoßen: Sie hatten gerade ihr viertes Album Autobahn fertiggestellt, es aber noch nicht veröffentlicht. Diese Platte wurde dann der erste große Erfolg von Kraftwerk.
Der Erfolg mit „Autobahn“ in den USA war damals völlig unvorhersehbar. Auch das Angebot, dort auf Tournee zu gehen, war für eine deutsche Band damals ganz außergewöhnlich – das gab es eigentlich nicht. Ich hatte Semesterferien und für mich war diese Tour dann ein großes Abenteuer. Ralf und Florian haben mir sehr imponiert, als ich sie kennengelernt habe. Sie waren extrem dynamisch und absolut motiviert.

Bei den folgenden Alben wurdest du ein festes Bandmitglied und Teil des Line-ups, das man heute mit Kraftwerk in Verbindung bringt: Ralf Hütter, Florian Schneider, Wolfgang Flür und du. Bezahlt wurden Wolfgang und du allerdings wie freie Mitarbeiter. War das nicht seltsam?
Ja, ich hab Rechnungen an Ralf und Florian gestellt. Am Anfang, bei dem Album Radio-Aktivität, war ich ja auch wirklich ein Session-Musiker. Bei Trans Europa Express hab ich mich dann erstmals stärker eingebracht, beispielsweise bei dem Titeltrack und dem Song „Spiegelsaal“. Ab Mensch-Maschine war ich dann Ko-Autor.

Gleichzeitig gab es auch den Anspruch von Ralf Hütter und Florian Schneider, dass du exklusiv für Kraftwerk arbeitest. Warum hast du dir das gefallen lassen?
In den ersten Jahren war das eigentlich kein Thema, weil wir so schnell und so viel Musik produziert haben. Diese Zeit war zu schön, um wahr zu sein. Um mein Studium und die klassische Musik kümmerte ich mich tagsüber und am Abend ging es dann zu Kraftwerk ins Kling-Klang-Studio. Das war wie ein Doppelleben. Und ich konnte meine Erfahrungen aus der klassischen Musik ja auch bei Kraftwerk mit einbringen. In der Musik waren wir komplett auf Augenhöhe. Deshalb führte das für mich dann auch zu einer Schräglage in der Einschätzung der Situation. Sobald ich Ko-Autor war, wollte Ralf nicht, dass ich noch andere Projekte habe. Ich hatte den Eindruck, er meinte, wer bei Mercedes arbeitet, könne nicht auch gleichzeitig bei Opel arbeiten. Da ist was dran, aber als Angestellter hat man auch einen Arbeitsvertrag mit allem, was dazugehört, und den hatte ich eben nicht. Hätte es dieses Grundproblem nicht gegeben, wäre ich wahrscheinlich heute noch bei Kraftwerk.