Wie lief denn dieses erste Liveset für euch? Das Setup muss ja ein wenig komplexer gewesen sein.
Flügel: Da war kein Computer auf der Bühne. Dieses Liveset wurde von einem Achtspur-Hardware-Sequencer gesteuert. Zwischen den Songs mussten wir diese 3,5-Zoll-Disketten nachladen. Das hat dazu geführt, dass wir immer so einen Flächensound zur Überbrückung brauchten. So richtig absturzsicher war das alles nicht. Insofern war das sehr aufregend.

Stichwort Weihnachten – wie kam es eigentlich zum Namen Acid Jesus?
Wuttke: Ich kann mich noch so vage daran erinnern. Im Delirium-Büro dachten wir über einen Labelnamen nach. So kam es zu Klang Elektronik und Playhouse. Bei dieser Gelegenheit suchten wir auch nach einem Projektnamen. Woher das mit Acid kommt, ist klar. Das mit Jesus kommt von The Jesus and the Mary Chain. Mir gefiel der Bandname total gut, in den Achtzigern war er umstritten wegen Blasphemie. Ich stellte mir dann vor, wie ein Stapel White Labels in einem Plattenladen ankommt, auf dem Acid Jesus drauf steht. Da hörst du doch sofort rein!


Stream: Acid Jesus – Interstate EP (Snippets)

Konntet ihr aus dem Stand weg etwas von eurer ersten Maxi „Move Your Body“ verkaufen?
Wuttke: Es war verrückt: Die erste Platte lief total gut. Natürlich haben wir uns das gewünscht, aber man konnte nicht davon ausgehen. Ich konnte im Laden ja sehen, was sich sonst so verkaufte. Damals waren vor allem die Harthouse-Platten Bestseller oder diverse Trance-Platten auf R&S oder so. Die klangen ja schon sehr anders als unsere Sachen. In mehreren Auflagen, die erste lag bei tausend Stück, haben wir 5.000 Platten von der Maxi verkauft. Im New Musical Express gab es so eine Technoseite, da waren wir auf Platz eins. Wenn man es bedenkt, lief das alles im Eigenvertrieb. Freunde und Bekannte halfen uns, diese Plattenpakete in die Welt hinauszuschicken. Mit der Abrechnung klappte das natürlich nicht so präzise, aber der Verkauf lief sehr gut. Auf jeder Platte hatten wir zumindest einen ruhigeren Track, wie das damals so üblich war. Wir waren von Intelligent Techno, wie man das so komisch nannte, beeinflusst, beispielsweise von The Black Dog. Wenn etwas komplexere Tracks auf der Platte waren, hatte man es im Frankfurt dieser Zeit nicht leicht. Meine Stammkunden wollten immer nur so typische Väth-Hits oder 140 Bpm-Hardtrance-Platten. Denen musste man die Platte erst mühselig erklären. Oft gab ich den Leuten die Platte mit und sagte, dass sie sich das doch mal zuhause in Ruhe anhören sollten. Im Plattenladen ist es ja so, dass die ersten paar Takte sehr entscheidend sind. Es musste erst mal so ein Digedi-digedi-Sound losfahren, sonst wurde die Platte gleich wieder weggelegt.

Solch einen Sound wie den von Acid Jesus machte im damaligen Deutschland sonst wirklich kaum jemand.
Wuttke: Es gab eine Diskrepanz zwischen dem musikjournalistisch gefeatureten Technosound, zum Beispiel in der Spex oder in der englischen Presse, und dem Raver, der mit seiner Geldbörse am Samstag nach dem Omen im Laden abstimmte. Da hielten wir uns ganz gut, wir wussten ja, dass mindestens ein clubtaugliches Stück auf die Platte musste.