Felix Kubin

"Der Laptop hat als Fetischobjekt ausgedient"

Foto: Martha Colburn (Felix Kubin)

Felix Kubins Musik ist manchmal ein bisschen verquer und meistens ziemlich witzig. Wie kaum jemand sonst schafft es der Gagarin-Betreiber, der seine Karriere bereits während früher Neue Deutsche Welle-Zeiten Anfang der achtziger Jahre startete, selbst die wildesten musikalischen Experimente und ästhetischen Stilbrüche mit viel Humor zu transportieren und damit auch Brücken zu all jenen zu bauen, die sonst bei Modular-Geknusper spontane Kopfschmerzen bekommen. Bevor er sich jedoch für einen Film über sein Werk die Haare schneidet, kuratiert er weiterhin die von ihm mithilfe des NDR ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe Toxic Tunes, für deren nächsten Termin am 19. April wir Tickets verlosen. Wir sprachen mit Kubin über die Serie, Avantgard und Öffentlich-Rechtliche sowie seine kommenden Projekte.

 


 

Felix, was ist der grundlegende Gedanke der von dir mitinitiierten Toxic Tunes-Serie? 
Toxic Tunes wird von NDR das neue werk gemeinsam mit NDR Jazz im Hamburger Resonanzraum. Die Idee ist eine Mischung aus Konzerten und Künstlergesprächen. Das ist etwas, was mir vor allem in der experimentellen, zeitgenössischen Musik, die hier hauptsächlich präsentiert wird, immer gefehlt hat. Oft wird man mit abstrakten Klängen konfrontiert, die einem wenig sagen, wenn man noch keine Hörerfahrung hat. So ging es mir selber auch vor 20 Jahren, den Zugang fand ich damals nur über bestimmte Schlüsselwerke und über Freunde wie Uli Rehberg und Asmus Tietchens. Wir hingen immer in Ulis Plattenladen „Unterm Durchschnitt“ ab. Da habe ich alles gelernt, das Gute wie das Böse. Eigentlich soll Toxic Tunes wie gutes Schulfernsehen funktionieren. Der Komponist erklärt sein Leben und Wirken. Und vor allen Dingen stellt er dem Publikum sein Instrumentarium vor, das kommt immer sehr gut an. Thomas Lehn dreht an seinem EMS-Synthesizer herum; Jerome Noetinger zeigt seine Revox Tonbandmaschine, die er als Scratch- und Effektgerät benutzt; Andrea Neumann führt ihr Innenklavier vor und Michael Vorfeld erklärt sein Glühlampenorchester und Daniel Düsentriebs Erfindung der Dunkelbirne. Die ersten zwei Abende waren erstaunlich erfolgreich. Das Publikum ist sehr gemischt und zeigt ein großes Interesse, tiefer in die Materie einzudringen, etwas zu lernen. Hinzu kommt, dass die Konzerte aus einzelnen Sets bestehen, die in der Regel nicht länger als 15-20 Minuten sind. Es wird den Hörern also nicht allzu schwer gemacht. Aus den Live-Mitschnitten werden kürzere Sendungen zur Ausstrahlung auf NDR Info destilliert.


Video: Berliner Echtzeitmusik und Felix Kubin, Toxic Tunes 2

Was ist dir bei der Kuration der Events wichtig? Nach welchen Kriterien suchst du die KünstlerInnen aus?
Ich achte darauf, dass die Konzerte performativ funktionieren, also auch visuell interessant sind. Das schließt nicht aus, dass auch mal 10 Minuten lang einem reinen Tonbandstück gelauscht wird. Was ich aber vermeiden will, ist eine endlose Reihe statischer Laptopkonzerte. Der Laptop als Fetischobjekt auf der Bühne hat ausgedient, es wurde einfach begriffen, dass er ein Studiowerkzeug ist, das fantastische Klangbearbeitungen erlaubt und auch als Live-Interface oder Tonbandersatz funktioniert, aber ansonsten die optische Ausstrahlung eines Aktenordners hat. Weiterhin ist uns wichtig, dass die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler (hier soll die Mischung möglichst ausgewogen sein) gute Gesprächspartner sind. Es interessiert mich nicht nur die Musik, sondern auch, wie man heute als Künstler lebt, wie man sich sozial organisiert, seine Unabhängigkeit bewahrt, wie der Austausch mit dem Publikum funktioniert, womit man sich außer Musik sonst noch so beschäftigt. Gerade in dieser Zeit, wo sich alles nur um Verwertung dreht, halte ich unabhängige Kultur, ja Untergrundkultur, für wahnsinnig wichtig. Und ich glaube, ich bin damit nicht alleine. Vor allem ist es mir wichtig, verschiedene Generationen von Künstlern aufeinander treffen zu lassen, weil sie aus unterschiedlichen Idealen und Positionen heraus handeln. Am Ende spielen sie alle ein Set zusammen. Wie Weihnachten.

Die nächste Ausgabe beispielsweise bringt am 19. April die Vokalkünstler Schaerer & Niggli mit Ashraf Sharif Khan und Viktor Marek unter einem vom Schriftsteller Walt Whitman entliehenen Motto – sing the body electric – zusammen. Wo lassen sich da die Anknüpfpunkte finden?
Ausgerechnet diesen Abend habe ich leider nicht kuratiert, das ist eine Zusammenstellung der NDR Jazz-Redaktion. Andreas Schaerer arbeitet sehr vielseitig mit seiner Stimme als Gesangs- und Klangapparat, begleitet wird er dabei von dem Schlagzeuger Lucas Niggli. Viktor Marek ist ein alter Weggefährte von mir, den ich vor 15 Jahren im Golden Pudel kennengelernt habe. Der kennt sich ausgezeichnet mit den unteren Frequenzbändern aus, das ist seine Spezialität! Er hat früher bei 8 doogymoto gespielt, einer tollen Club-Band, die Ende der neunziger Jahre eine minimalistische House-CD auf Matthew Herberts Label soundslike rausgebracht hatte. Bei Toxic Tunes wird er sicherlich die beiden anderen Künstler live sampeln und daraus etwas Rhythmisches entwickeln. Ashraf Sharif Khan gesellt sich dazu mit seiner Sitar. Wenn er mit Viktor zusammenspielt, treffen orientalische Skalen auf Clubsound. Viktor und er haben auch bei Pudel Produkte schon eine LP zusammen veröffentlicht. Moderiert wird dieser Abend übrigens von der Berlinerin Manuela Krause, denn ich stecke im Moment bis zum Hals in Kompositionsarbeit.


Video: Andreas Schaerer & Lucas Niggli @ Kunsthaus Glarus, Switzerland

Die Serie wird vom NDR veranstaltet und soll eine Plattform für Performances jenseits des Mainstreams bieten. Öffentlich-rechtliche Medien und Underground – wie passt das eigentlich zusammen? 
Im Grunde sollten die Öffentlich-Rechtlichen ja gerade der Ort sein, an dem auch neue, aufregende Dinge aus dem Untergrund präsentiert werden. Den Charts-Konsens erledigen ja schon die Privaten für uns. Diese Aufgabe hat (nicht nur) der NDR meiner Ansicht nach in den vergangenen 30 Jahren etwas vernachlässigt. Wir besorgen uns die Informationen lieber aus dem Internet oder über Freunde, die in guten Plattenläden arbeiten. Als reisender Musiker bekomme ich natürlich eh ganz oft neue Musik zugesteckt oder empfohlen. Es fehlt aber einfach ein Ort, an dem diese „schwierige, nervige Musik“ (als solche wird sie ja gern abgetan), gehört, verstanden und diskutiert wird. Und vor allem kann das Internet eines nicht liefern: eine kompetente Moderation. Bis Mitte der achtziger Jahre hat das beim NDR Klaus Wellershaus gemacht, der hat sich um diese „schwierige, nervige Musik“ gekümmert. Dieses Live-Format von Toxic Tunes als neues NDR-Format, das ja im Grunde erstmal ein Experiment ist, zeigt, dass Leute wirklich Lust auf eine moderierte Vermittlung experimenteller Musik haben. Im Herbst planen wir übrigens, einen Hamburg-Abend bei Toxic Tunes zu machen. Diese Stadt hat eine riesige experimentelle Musikszene, die bei weitem nicht so gut durchgefördert und in den Medien präsent ist wie die Berliner Szene. Hier gibt’s das Blurred Edges Festival, den Verband für aktuelle Musik Hamburg, die Hörbar, Konzertreihen von Stark Bewölkt und Radio Gagarin, Soundkünstler aus dem Frappant und dem Gängeviertel, das Krachkistenorchester, Asmus Tietchens, Walter Ulbricht Schallfolien und so weiter. Da werden wir ein paar alte und junge Helden auf die Bühne bitten.

Was können wir in naher Zukunft von dir selbst erwarten. Sind Releases geplant?
Seit Monaten schreibe ich Musik für eine große Aufführung in der Hamburger Musikhalle am 16. Mai, eine Auftragskomposition für das noch junge Hamburger Internationale Musikfest. Das Stück wird ungefähr 70 Minuten dauern und heißt „Falling Still“. Es geht darin im weitesten Sinne um den Begriff der Freiheit, den ich mit dem Zustand des Fallens in Verbindung bringe. Da spielt der Wunsch nach Unabhängigkeit, verbunden mit der Angst vor Einsamkeit, eine wichtige Rolle – der Sprung ins Ungewisse. Geschrieben habe ich das Ganze für Streichorchester, Perkussion, Elektronik und einen 40-köpfigen Kinderchor. Ansonsten plane ich in diesem Jahr zwei Veröffentlichungen: eine Platte mit Theater- und Filmmusik („Felix Kubin & das Mineralorchester II“, den Nachfolger der 2008 bei Dekorder erschienenen Veröffentlichung) und eine bei Editions Mego mit Musik für Elektronik und drei Schlagzeuger, das ist so etwas wie Filmmusik zu Industrie- und Lehrfilmen zum Thema Arbeit, die wir in Hamburg und in Danzig live aufgeführt haben. Da geht’s um Arbeiterromantik, mechanisierte Abläufe, aber auch Selbstausbeutung und Selbstoptimierung („Drugs and the nervous system“). Das Ganze heißt „Takt der Arbeit“, es wurde seinerzeit in einem NDR-Konzert uraufgeführt. Ansonsten interessiere ich mich zur Zeit auch sehr für abstraktere Clubmusik, eigentlich eher Sequenzermusik, sehr runtergefahren, sehr skelettiert, so wie ich sie 2012 auf meinem Doppelalbum „TXRF“ (it’s 008) präsentiert hatte. Hin und wieder werde ich da mal was über den Tellerrand werfen. Und sonst? Hörspiel und Film: Im Winter produziere ich ein neues Hörspiel für den Bayerischen Rundfunk, das Thema wird diesmal das Mikrofon selbst sein. Das wird eine Art Mikrofonbeschimpfung, Mikromassage und -massakrierung. Eine Beichte also. Außerdem dreht die französische Filmemacherin Marie Losier, die diesen wunderschönen Film über Genesis P-Orridge und Lady Jaye gemacht hat, gerade einen Film über mich, der immer größere Ausmaße annimmt. Das wird so etwas wie ein improvisierter Kunstfilm. Ich freu mich schon sehr auf das Ergebnis, 2017 wird er fertiggestellt. Bis dahin muss ich mir noch die Haare schneiden.

Wir verlosen 2×2 Tickets für Toxic Tunes: sing the body electric Ashraf Sharif Khan, Viktor Marek, Lucas Niggli, Andreas Schaerer! Schickt uns zur Teilnahme am Gewinnspiel bitte bis spätestens bis Sonntag, den 17. April eine Mail mit dem Betreff Toxic Tunes!

Toxic Tunes
19. April 2016

Mitwirkende: Ashraf Sharif Khan (Sitar), Viktor Marek (Remix), Lucas Niggli (Percussions), Andreas Schaerer (Vocals)

Ticekts: ab 12,56€

Resonanzraum
Feldstraße 66
20359 Hamburg