KOBOSIL

„Ich kann ein ziemlicher Sturkopf sein!“

Fotos: Sven Marquardt
Erstmals erschienen in Groove 158 (Januar/Februar 2016)

Max Kobosil hat mit einem Remix für das viel beachtete Debütalbum von Sam Barker und nd_baumecker vor zwei Jahren ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Seitdem wuchs er als einer der wichtigsten Vertreter der nächsten Generation an Berghain-Residents heran. Dieser kontinuierliche Prozess findet mit dem nun auf Ostgut Ton erscheinenden Langspieler seinen bisherigen Höhepunkt.

Dieie sich mehr und mehr verdichtenden Berührungspunkte zwischen dem Berghain und Kobosil lassen sich allein aus musikalischer Sicht bereits als lange im Voraus vorprogrammiert betrachten, auch wenn er diese Umschreibung fast als ein bisschen unangenehm und zu kitschig empfindet. Zurückhaltung und Demut kommen nicht von ungefähr für jemanden, der sich ähnlich dem Berghain, nur sehr selten hinter die Fassade schauen und lieber die Musik für sich sprechen lässt. Auch wenn Kobosil im Gespräch erstaunlich offen über erste Gehversuche im Berliner Nachtleben plaudert, die von Gewissenskonflikten geprägt waren: „Ich kann ein ziemlicher Sturkopf sein, wenn es um Musik geht. Ich wollte nie, dass mir jemand vorschreiben kann, was für Musik laufen soll, sei es auf der Homeparty nebenan oder bei ersten kleineren DJ-Gigs. Deshalb hätte ich das mit dem Auflegen damals fast wieder an den Nagel gehängt, denn ich wollte als Persönlichkeit wahrgenommen werden und nicht als Jukebox.“

Kobosil verzog sich also zu Hause in sein stilles Kämmerchen und feilte beständig an seinem Sound, anstatt weiter bloß Platten ineinanderzuschieben. Locked Groove, Somewhen und Nitam wurden zu Weggefährten, man tauschte sich aus und gab Feedback. Wie der Zufall es so will, traf er schließlich einen aufgeschlossenen nd_baumecker in einer Bar, der bereits am nächsten Tag lobende Worte fand und den Weg für besagten Remix freimachte.

Spaß am Experimentieren

Rückblickend gesehen kam Kobosil dieser eigenbrötlerisch beschrittene Weg zugute, denn durch das stetige Am-Ball-Bleiben, ohne im Rampenlicht stehen zu wollen, stieg er trotz mangelnder Erfahrung direkt auf hohem Niveau in den professionellen Technokosmos ein. Zu hörten ist das etwa auf „RK3“, die er für sich immer noch zu seinen besten und auch persönlichsten Arbeiten zählt. Dabei balanciert er zwischen dezidiertem Clubsmasher mit Wiedererkennungswert und abstrakter, schleppender Maschinenmusik, die zeigt, dass er sich nicht bloß profaner Dancefloor-Tauglichkeit verschrieben hat. Der Hang zum Experimentellen entwuchs vielleicht jugendlichem Draufgängertum, dem Anderssein und Gegen-den-Strom-schwimmen, auch wenn Kobosil schlussendlich keinen passenden Ausdruck präsentieren kann, der ihm nicht zu abgedroschen erscheint. „Wenn ich privat ausgehe, möchte ich unterhalten und überrascht werden. Die DJs, die immer nur das straighte Zeug gespielt haben, fand ich langweilig. Als DJ will ich in erster Linie Spaß haben, deshalb beeinflussen mich auch die Achtziger so sehr. Da kannst du so viel variieren. Von „Blue Monday“ zu obskuren Prog-Sachen, dann zu Hi-NRG und wieder zurück zu Wave. Da hat Popmusik noch Sinn ergeben.“

Auch wenn Kobosil diesen Hang zur Abstraktion sowohl als DJ als auch Produzent immer schon ausgelebt hat, so stellt ferner das Albumformat in besonderem Maße eine Spielwiese der Improvisation und des Ausprobierens für ihn dar, um gänzlich abschweifen zu können, ohne ständig die Tanzfläche im Blickfeld behalten zu müssen. Stücke wie „Reflection“ oder „The Exploring Mountain“ bekommen hier den notwendigen Platz zugesprochen und verenden nicht als unbeachtete B-Seiten. So formieren sich gerade die ruhigeren Aspekte der Platte und das fast zum Leitmotiv hochstilisierte Momentum des schleppenden Grooves zu zentralen, das Album tragenden Stützpfeilern. Kobosil setzt damit ein für sich formuliertes Credo um, als Produzent elektronischer Musik wahrgenommen und nicht nur über den Terminus Techno vordefiniert zu werden.

Kobosil by Sven Marquardt 2

Die Puzzleteil-Maxime

Anstatt vollkommen neue Standpunkte zu präsentieren, ist We Grow, You Decline eher eine Ergänzung seines bisherigen musikalischen Fundus. Eine Umschichtung und Neustrukturierung, um bislang zu kurz gekommene Facetten einmal stärker hervorzuheben. Das Gesamtbild Kobosil funktioniert bereits seit der ersten Veröffentlichung auf Basis festgesteckter Prämissen, von denen ausgehend ein engmaschiges Netz gespannt wird, das sich in Gänze als seine Handschrift beschreiben lässt. Musique Concrète, Electronic Body Music, zeitgemäßer Techno und Industrial-Flair sind alles einzelne Puzzleteile, die in diesem Netz herumschwirren und sich ständig neu zusammenfügen. Dabei folgt die Entwicklung dem Prinzip der Ausdehnung, innerhalb derer das Netz immer wieder neue Berührungspunkte touchiert, die mit bis dato interagierenden Ingredienzien zu etwas Neuem entstehen.

Erkennbar wird dies in der Zusammenstellung der Tracks, die innerhalb verschiedener Perioden der vergangenen zwei bis drei Jahre (eine lange Zeit für ein vergleichsweise kurzes Produzentendasein) entstanden sind und dennoch ein in sich schlüssiges Gesamtbild abliefern, ohne Brüche entstehen zu lassen. Experimente mit Drone und Noise, dumpfe Doepfer-Bässe und die ekstatische, mal melancholische Wandelbarkeit von Stimmungslagen durch repetitive Melodiebögen lassen We Grow, You Decline zum wahrscheinlich musikalischsten Moment dieses Prozesses auseinanderfallen, um wieder neu zusammensetzen zu werden.

Kobosil sucht die Herausforderung, den Sprung in kaltes Wasser, sich auszuprobieren, zu revidieren und erneut heranzutasten. Enthusiastisch berichtet er über den Ausbau des Liveprojektes und gibt erste Einblicke in die nun stärker angedachte Auseinandersetzung mit seinem Label RK: „Das Label soll wie ein Stempel sein. Jeder Künstler entwickelt einen solchen mit der Zeit, deshalb möchte ich nicht unbedingt mit etablierten Artists arbeiten, bei denen die Veröffentlichung nur eine unter vielen ist. Der Nachwuchs ist da für mich viel interessanter. Ich sehe das als Liebhaberprojekt, mit dem ich nicht unbedingt viele, dafür aber die richtigen Leute erreichen möchte, um sie auf neue, aufregende Musik vielversprechender Talente aufmerksam zu machen. Für das kommende Jahr habe ich schon zwei Künstler bei der Hand, mit denen ich arbeiten möchte, und bin ganz zuversichtlich, dass das Ganze dann ein bisschen Fahrt aufnimmt. Genauso wie ich vom Vertrauen anderer profitiert habe, ist es wichtig, das an die nächste Generation weiterzugeben, denn dann kommen die Leute mit den coolen Ideen nach. Das hält die Szene gesund.“

 

 

KobosilWe Grow, You Decline (Ostgut Ton)

Tracklist CD
1. Telling The Truth
2. To See Land
3. Reflection
4. The Exploring Mountain
5. Aim For Target
6. The Living Ritual
7. When I Speak
8. Eihwaz
9. While The Stars Be Not Darkened
10. You Answered With Love
11. They Looked On

Tracklist 2LP
A1. Telling The Truth
A2. To See Land
A3. Reflection
B1. The Exploring Mountain
B2. Aim For Target
C1. The Living Ritual
C2. Eihwaz
D1. You Answered With Love
D2. They Looked On

Format: ltd. ed. 2LP, 2LP, CD, Download
VÖ: 29. January 2016