INTERVIEW Bersarin Quartett über „III“

Fotos: Jan Lamprecht

Um Bestätigung geht es Thomas Bücker nun wirklich nicht. Als er 2008 das Bersarin Quartett ins Leben rief, war sein eigentlicher Plan, völlig hinter der sanftmütigen Melancholie seiner Ambient-Electronica zu verschwinden. Allein schon der Projektname war dazu gedacht, in die Irre zu führen. Mittlerweile tritt er bei seinen eigenen Shows in zunehmender Dunkelheit auf. Spannend findet er nicht, sein eigenes Konzept durchzusetzen. Stattdessen geht es ihm darum, die Reaktionen auf seine Musik zu beobachten. Mit seinem dritten Album III unter dem Bersarin Quartett-Pseudonym wird er allerdings konkreter, wie er uns im Interview erzählt.

Auf Egotrips war Bücker allerdings ebenfalls nie unterwegs. Irgendwann hatte er, der damals noch unter dem Pseudonym Jean-Michel Musik machte, genug von all den netten Reviews und schickte seine neueste Veröffentlichung an ein Metal-Magazin. Es kam wie erhofft: Die an anderer Stelle auch liebevoll als „Frickelbumms“ getaufte Musik des Münsteraners wurde gehörig verrissen. „Ich wollte, dass mal jemand meine Musik so richtig hasst“, erklärt er. Leider aber war es da schon zu spät, um noch ein Pressezitat als Sticker auf das Cover der Jean-Michel-Platte The Audience Is Missing zu platzieren. Es wäre ein Statement gegen post-moderne Beliebigkeit gewesen, derzufolge alles und daher nichts nicht geht.

 

Findest du es wichtig, in der Musik klare Grenzen zu ziehen?
Es gibt dieses schöne Buch Musik = Müll von Hans Platzgumer und Didi Neidhardt, in dem das gut beschrieben wird. Darin ist der Vater verzweifelt, dass beim Sohn Nirvana neben Britney Spears stehen. Das muss man nicht überdramatisieren, aber ich kann diesen Frust schon verstehen. Früher waren die Strukturen dafür, wofür man sich begeistert und was gar nicht geht, klarer. Das scheint sich aufzulösen – was allerdings auch seine Vorteile hat. Zu Schulzeiten wurde ich noch mit Flaschen beschmissen, weil ich mit einem Drumcomputer auf der Bühne stand. Das hat sich zum Glück auch geändert. (lacht) Das hat alles seine positiven und negativen Seiten.

Deine Fanbase bezieht sich aber aus dem Ambient-Bereich. Du weißt ja nicht, was passieren würde, wenn du dein neues Album an eine Metal-Zeitschrift schickst.
Witziger Weise wurde mein Debütalbum, als es 2010 von Denovali neu aufgelegt wurde, in vielen Metal-Zeitschriften besprochen, weil das Label noch Verbindungen in diese Szene hat. Da kamen erstaunlich viele gute Rezensionen bei rum! Das ergibt allerdings schon Sinn in Hinsicht auf den getragenen Metal, der heutzutage als Post-Rock bezeichnet wird. Da passt dann das Bersarin Quartett wohl aufgrund des Pathos rein. (lacht)

Du scheinst aber persönlich eine Grenze ziehen zu wollen, Interviews willst du eigentlich nicht mehr geben.
Das klingt extrem divenhaft, ich weiß. Es liegt aber daran, dass ich mit dem zweiten Album einen großen Fehler begangen habe. Das Bersarin Quartett ist ein Konstrukt. Ich habe zu viele Fragen gnadenlos ehrlich beantwortet und damit war die Magie komplett zum Teufel. Das hat dem Projekt nicht gut getan, denn es ist das Gegenteil von dem, was ich bezwecken möchte.

Die Alternative ist, hinter dem Werk zu verschwinden. Im Fall von Aphex Twin, Boards Of Canada oder Burial hält das aber niemanden davon ab, wilde Mythengeflechte um die Personen zu flechten.
Das wäre supercool! Aber das gelingt einem ja nicht, wenn alle Fragen bis ins letzte Detail beantwortet. (lacht) Ich finde genau diese Künstler sehr spannend und es reizt mich an elektronischer Musik, dass sie bestenfalls identitätslos ist. Ich erinnere mich daran, wie ich auf einer Party Stachy von Fischmob kennenlernte. Der fand meine erste 12″ als Jean-Michel total durchgeknallt, war aber von mir enttäuscht. „Ey, du bist ja genauso wie mein Mitbewohner“, sagte der. Da habe ich mich auch gefragt, wie der die Platte danach wohl rezipiert hat. Da steckte ja nämlich kein durchgeknallter Franzose hinter.

Versuchst du dich denn auch aus deiner Musik herauszuhalten?
Naja, ich habe sie ja gemacht und kann das schlecht leugnen. Trotzdem finde ich es weniger interessant, selbst über meine Beziehung dazu zu sprechen als vielmehr zu schauen, wie es bei anderen ankommt. Beim dritten Album sind die Tracktitel konkreter. Wenn mich jemand vor ein paar Monaten gefragt hat, wie es denn so mit dem Album liefe, habe ich meistens gesagt: „Ich habe gerade einen Track namens ‚Jeder Gedanke umsonst gedacht‘ beendet!“ und dann auf die Reaktionen geachtet. Das ist schon witzig, weil es so over the top ist. Mein Konzept war ja schon immer das Pathos, Filmusikartige, Emotionsgeladene so heftig zu übertreiben, bis es schmerzt. Hoffentlich nur eben nicht so weit, bis die Schmerzgrenze überschritten wird und wir beim Kitsch landen!

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Du hast ja lange vor Veröffentlichung des Albums bereits einen Countdown gestartet…
…zweieinhalb Jahre zuvor! Ich mochte den Größenwahn dahinter. Selbst der neue Star Wars war nur mit anderthalb Jahren dabei. Die Reaktionen darauf waren sehr spannend. Vor allem ist die Zeit echt schnell herumgegangen. Ich hatte sogar darüber nachgedacht, das Album nach dem Veröffentlichungsdatum zu betiteln. Dann wäre es für nur einen Tag aktuell gewesen und am Folgetag hätte es schon der Vergangenheit zugehört und danach geht es immer schneller in Richtung Oldie. Diese Phasen, die so ein Album durchläuft, hätte der Titel auf einen Schlag transparent gemacht. Gerade in elektronischer Musik sind ein, zwei Monate schon extrem viel.

Das Thema Vergänglichkeit wird auch von Tracktiteln wie „Verflossen ist das Gold der Tage“, „Hinter uns die Wirklichkeit“ oder „Sanft verblassen die Geschichten“ angedeutet.
Genau. Wenn du aber länger drüber nachdenkst, ist damit aber noch nicht gesagt, ob das nun gut oder schlecht ist. „Jeder Gedanke umsonst gedacht“, da denkt sich zwar jeder zuerst „Mein Fresse!“, aber so negativ muss das gar nicht gemeint sein. Das kann ja lediglich heißen, dass etwas nicht so wird wie vorher ausgemalt. Auch politisch gedacht, denn wir werden ja mit Headlines konfrontiert, die alles als in Stein gemeißelt darstellen – da ist es doch zum Beispiel super, wenn dem gar nicht so ist!

Mit dem Titel „Verflossen ist das Gold der Tage“ zitierst du erneut den Dichter Georg Trakl, von dem du dir schon Zeilen für die Titel deines letzten Albums geliehen hast.
Genau. „Einsame wandeln still im Sternensaal“ zum Beispiel vom letzten Album, das ist ein toller Titel. Trakl hat eine ganz große Bildgewalt. Das ist für imaginäre Filmmusik wie meine super Material, um es zu sampeln. Genauso mache ich es in musikalischer Hinsicht.

Sampling bedeutet ja, sich Fremdes anzueignen und etwas eigenes daraus zu machen. Das meinte ich vorhin: Du steckst schon in deiner Musik drin.
Ich hoffe es sogar! Wenn jemand die Quelle irgendeines Klaviertupfers bestimmen kann, bedeutet das für mich, dass ich mir nicht genug Mühe gegeben habe, den in einen neuen Kontext zu setzen. Dabei geht es eigentlich nicht mal darum, Dinge in einen anderen Kontext zu übersetzen, sondern bereits vorhandene Sounds nutzbar zu machen, um daraus etwas Neues zu schaffen. Wenn etwas noch erkennbar ist, werde ich nervös. (lacht) Nicht allein der Urheberrechte wegen, sondern aus künstlerischer Hinsicht.

Neu ist vor allem, dass auf III erstmals eine menschliche Stimme zu hören ist.
Ob das so ein Novum ist, frage ich mich – denn die ist sehr dezent und hintergründig eingesetzt. Ich hatte Clara Hill, die auf „Welche Welt“ zu hören ist, gegenüber fast ein schlechtes Gewissen. Ich hatte für Claras letztes Album einen Ambient-Track produziert und glaube, selbst ihre Mutter ist Fan vom Bersarin Quartett! Sie wollte also mithelfen. Ein Stimm-Track im klassischen Sinne ist es natürlich nicht geworden, die Stimme ist nur ein Instrument unter vielen. Sie aber hat sich sehr gefreut.

Lyrics gibt es auch keine, deine Musik lebt von Andeutungen. Meinst du das, wenn du von imaginärer Filmmusik sprichst?
Mich persönlich sprechen Dinge an, die nicht zu konkret sind. Wenn also genügend Raum für Interpretation da ist. Gerade im Filmbereich wird es kurzweilig, wenn es zu konkret wird. Dann bekommst du anderthalb Stunden Popcorn-Unterhaltung. Eine der besten Schlussszenen der Filmgeschichte ist für mich die aus Lost In Translation

…in welcher Scarlett Johannson Billy Murray etwas ins Ohr flüstert und niemand weiß, was.
Genau. Der Film fällt und steht mit diesem Schluss. Wer atmosphärische Instrumental-Musik macht, der schmeißt natürlich auch – wie das immer so schlimm heißt – einen inneren Projektor an. Es wird immer viel mit so furchtbaren Begriffen wie „Kopfkino“ hantiert als sei das etwas Besonderes, dabei halte ich das für ganz selbstverständlich.


Stream: Bersarin QuartettIII

 

Bersarin QuartettIII (Denovali)

1. Verflossen ist das Gold der Tage
2. Staub und Sterne
3. Hinter uns die Wirklichkeit
4. Bedingungslos
5. Die Nächte sind erfüllt von Maskenfesten
6. Umschlungen von Milliarden
7. Sanft verblassen die Geschichten
8. Es ist alles schon gesagt
9. Schwarzer Regen fällt
10. Jeder Gedanke umsonst gedacht
11. Welche Welt
12. Ist es das, was Du willst

Format: 2LP, CD, Download
VÖ: 06. November 2015