JAMIE XX „Ich will Leute zum Tanzen bringen“

Interview: Florian Obkircher, Fotos: Mads Perch
Erstmals erschienen in Groove 154 (Mai/Juni 2015)

Von Adele über Four Tet und Radiohead zu Gil Scott-Heron – die Namen gehen kaum prominenter und dennoch war die Gefahr in der Remix-Sackgasse steckenzubleiben nicht klein. Sechs Jahre nach dem Debütalbum von The xx legt Band-Produzent Jamie xx nun seine Solo-LP vor. Im Interview wollten wir vom Londoner nicht nur wissen, woher seine Leidenschaft für Steeldrums und Vinyl-Platten kommt, der Beatmaker sprach außerdem über die Zusammenarbeit mit Alicia Keys und warum er gerade über ein eigenes Clubprojekt nachdenkt.  

 

Es war das Jahr 2009 als drei blasse, schwarz gekleidete Teenager aus London mit ihrem Debütalbum den angebrochenen Zaun zwischen Underground und Mainstream endgültig niederrissen. Auf xx von The xx konnten sich alle einigen: Gitarren-Nerds und Club-Kids, Kritiker und Popstars. Das Trio gewann den prestigereichen Mercury Prize, gleichzeitig wurden ihre Songs von Rihanna und Shakira gecovert. Neben dem spartanisch melancholischen Songwriting im Stil der Young Marble Giants sorgte vor allem das dezente wie effektive Elektronik-Fundament des Albums für Begeisterung. Dafür verantwortlich: Jamie Smith alias Jamie xx.

Sechs Jahre später legt der Brite nun sein Solo-Debütalbum vor. Oder besser: sein richtiges Solo-Debütalbum. Denn schon 2011 veröffentlichte der damals 22-jährige Produzent eine Remix-Sammlung von Songs, die Soul-Legende Gil Scott-Heron kurz vor seinem Tod aufgenommen hatte. Danach folgten drei Solo-EPs, das zweite Album seiner Band, lange Tourneen und Ausflüge in die große Welt des Pop. Verschnaufpausen? „Gab es in den letzten Jahren kaum“, meint Smith. Letzten Monat habe er sich endlich eine kurze, überfällige Auszeit genommen, „und jetzt, mit dem Album, geht der Rummel wieder von vorne los“, sagt er und lächelt schüchtern.

 

Wie fühlt es sich an, einmal länger als eine Woche am Stück in London zu verbringen?

Sehr angenehm. Seit meiner kurzen DJ-Tour in Australien Ende Januar war ich jetzt fast ohne Unterbrechung daheim. Ich genieße das Reisen sehr, aber nichts ist inspirierender als zuhause zu sein.

Wirklich?

Vermutlich verkläre ich das Alltagsleben ein wenig. Weil es für mich in den letzten Jahren zur Seltenheit geworden ist. Wenn ich dieser Tage in London bin, lebe ich viel aufmerksamer als früher, ich will jeden Moment auskosten. Ich vermisse das unaufgeregte Leben. Sich mit Freunden zu treffen, im Sonnenschein zum Studio zu spazieren.

Wie sieht dein Alltag in London momentan aus? Die Ruhe vor dem Sturm?

Kann man so sagen. Ich stehe auf, koche Tee und lege eine Soul-Schallplatte auf. Danach trainiere ich Boxen.

Ich hätte dich gar nicht als Boxer oder als Fitnesscenter-Typen eingeschätzt.

Ich geh’ auch nicht ins Fitnessstudio. Mein Boxtrainer kommt zu mir nach Hause, in meine Wohnung in Ost-London. Joggen auf dem Laufband finde ich so trist, Boxen erscheint mir da nützlicher.

 

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Interessant, dass du das häusliche Leben als so inspirierend empfindest, wo dein Soloalbum doch vor allem auf Reisen entstanden ist, oder?

Ja. Beim Warten auf den nächsten Auftritt und an konzertfreien Tagen. In Hotelzimmern und Flugzeugen, und auf Parkplätzen mitten im Nirgendwo.

Wie kommt’s?

Gerade auf Tour nimmt das Warten irrsinnig viel Zeit in Anspruch. Um die Zeit totzuschlagen kannst du lesen, schlechte Fernsehserien anschauen – oder Musik machen. Wenn ich nicht kreativ sein kann, werde ich schnell depressiv. Sogar wenn nichts Brauchbares dabei herauskommt, mache ich lieber Musik als nichts zu tun.

Fällt es dir schwer, dich an unruhigen Orten zu konzentrieren?

Gar nicht. Ich kann meine Umwelt relativ leicht ausblenden, mich kurz aus der Realität ausklinken, sozusagen. Klar erreicht man dabei nicht den Level an Ruhe und Konzentration wie im Studio. Aber in Hinblick auf mein Album waren diese kurzen Kreativschübe sehr ergiebig.

Was entsteht in solchen Schüben?

Keine kompletten Tracks, es sind Entwürfe. Das Gute ist, dass man im Flieger nicht genug Zeit hat, um zu viel über diese Skizzen zu grübeln. Dieses Zerdenken von Ideen wird mir beim Arbeiten im Studio oft zum Verhängnis. Im Flugzeug schaue ich einfach aus dem Fenster und lasse mich von der Landschaft unter mir inspirieren.

Welches Land überquerst du am liebsten?

Ich fliege gern über den Mittleren Westen der USA. Über diese weiten, endlosen Felder mit ihren seltsamen Formen und Farbschattierungen.

Welche Spuren hat das Reisen auf deiner Platte hinterlassen?

Ich nehme auf Tour oft Alltagsgeräusche auf. Die Publikumsatmo im Club. Oder den dumpfen Sound der Kickdrum vom Floor nebenan. Oder den Hochgeschwindigkeitszug in Tokio. Geräusche wie diese hab ich für Intros und Überleitungen zwischen den Tracks auf dem Album verwendet.

So wie das Intro zum Track „Girl“, wo jemand murmelt: „You’re the most beautiful girl in Hackney, you know“.

Ich wünschte, das hätte zufällig jemand in meiner Gegenwart gesagt (lacht). Nein, den Satz hab ich aus der TV-Sendung Top Boy gesampelt. Gesprochen übrigens von Kano [Grime-Veteran, Anm. d. Red.].

 


Video: Jamie xxGirl

 

Apropos Samples, mich überrascht der unbeschwerte Umgang mit alten Soul- und Disco-Samples auf deinem Album. Im Song „Loud Places“ setzt du ein fast unbearbeitetes Sample von Idris Muhammads Klassiker „Could Heaven Ever Be Like This“ zwischen die Gesangsteile deiner The-xx-Kollegin Romy Madley Croft.

In diesem konkreten Fall hatte ich den Song schon ziemlich fertig. Es war ein einfacher Housetrack. Ich fand ihn gelungen, aber irgendetwas fehlte. Ein Element, das ihn wirklich speziell macht. Ich hörte mir dann „Could Heaven Ever Be Like This“ an und fand, dass die Songzeile perfekt zu Romys Text passt. Ich samplete den Refrain und stülpte ihn einfach auf meinen Track drauf. Ich hätte nie gedacht, dass es so einfach funktionieren würde, aber es klang sehr gut.

 


Video: Jamie xxLoud Places

 

Wie gehst du beim Sampling vor?

Prinzipiell sample ich nur von Platten, die ich liebe. Es ist eine einfache Art, den Hörern meinen Musikgeschmack näher zu bringen. Und mit ihnen zu kommunizieren. Weil ich nicht selbst singe, repräsentieren Samples wie das von Idris Muhammad quasi meine Stimme.

Hast du mit dem Gedanken gespielt für dein Soloalbum selbst zum Mikrofon zu greifen?

Nein. Das will niemand hören, glaub mir (lacht). Und um ehrlich zu sein: Mir sind Songtexte egal. Ich muss mich zwingen, bei Musik auf den Text zu achten. Melodien sind mir dafür umso wichtiger.

Genießt du diesen spielerischen Umgang mit Soul-Samples auch deshalb, weil du das mit deiner Band nicht ausleben kannst?

Bis jetzt hätten Soul-Samples wirklich keinen Platz auf The-xx-Platten gehabt. Aber wir haben vor kurzem mit der Arbeit an unserem dritten Album begonnen und wollen uns neuen Arbeitsweisen gegenüber öffnen. Wir wollen für die nächste Platte einen eklektischen Weg einschlagen.

Woher kommt die Liebe zum Soul bei dir?

Es war die Musik, die bei uns zuhause lief. Mein Vater war Schlagzeuger in einer Hobby-Band, meine beiden Onkel waren DJs. Einer von ihnen arbeitete bei einer Piraten-Radiostation in Nordengland, der andere war Resident-DJ in einem New Yorker Club. Meine ersten Plattenspieler bekam ich als 11-Jähriger.

Das ist erstaunlich früh.

Ich weiß gar nicht mehr, ob DJ damals mein Traumberuf war. Aber ich wollte unbedingt zwei Plattenspieler. Also überließen mir meine Eltern einen alten Hi-Fi-Plattenspieler und schenkten mir einen Billig-Turntable mit Direktantrieb dazu. Ich war überglücklich.

Wo kaufst du heute Platten?

Am liebsten auf Tour in den USA. Die besten Läden finde ich oft in unscheinbaren Kleinstädten. Mein Ritual: Ich packe mein Skateboard, frage mich zum besten Plattenladen der Stadt durch und stöbere dort stundenlang. Für mich sind solche Nachmittage die Höhepunkte des Tour-Lebens. Sie bereiten mir fast mehr Spaß als die Konzerte selbst.

Welche Abteilung durchstöberst du als erstes?

Die Soul- und Disco-Kisten. Ich suche hauptsächlich nach Sachen, die ich noch nicht kenne. Klar freue ich mich, wenn ich Platten finde, die ich schon lange auf meiner Suchliste hatte. Aber richtig begeistert bin ich, wenn ich auf Schätze stoße, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte.

Was war der letzte Schatz, den du geborgen hast?

In Belgien fand ich vor kurzem ein Album von The Mighty Chevelles. Eine der besten Soul-Platten, die ich je gekauft habe. Es dürfte sich um eine private Pressung handeln, weil es im Netz null Info dazu gibt. Auch auf Discogs ist das Ding nicht gelistet.

Zurück zu deinem eigenen Album: Der Opener „Gosh“ rumpelt mit einem grobkörnigen Jungle-Break los. Dann kommt ein MC mit Cockney-Akzent dazu: „Hold it down, oh my gosh!“ Ein Tribut an das Hardcore Continuum?

In gewisser Weise, ja. Musik bewegt sich in Zyklen. Kids entdecken die Musik ihrer Eltern und großen Geschwister und romantisieren sie. Sie denken, früher war alles besser. Bei mir war das ähnlich als ich „Gosh“ machte. Als das Jungle-Comeback vor zwei Jahren losging, erinnerte ich mich an meine eigene Jugend.

 


Video: Jamie xxGosh

Inwiefern?

Jungle war die erste Form von elektronischer Tanzmusik, die ich als Jugendlicher hörte. Ich wohnte in Südlondon. Alle coolen Kids in meiner Schule standen auf Jungle. Und die einzigen Clubnächte, bei denen wir als Schüler reinkamen, waren die Jungle-Partys im Club Mass [umgebaute Kirche, in der 2005 auch die ersten Dubstep-Partys von Digital Mystikz stattfanden, Anm. d. Red.]. Klar war damals die eigentliche Hochphase von Jungle schon lange vorbei, aber für uns klang es aufregend.

War Clubmusik früher vielleicht wirklich spannender? Oder denkst du, dass der Sound der Gegenwart in 15 Jahren auch romantisiert wird?

Ich weiß es nicht. Vermutlich ist das jetzt schon wieder eine Verklärung der Vergangenheit, aber ich denke, früher waren die einzelnen Szenen stärker ausgeprägt. Als es noch kein Internet gab, waren subkulturelle Strömungen für viele identitätsstiftend. Schwer zu sagen, ob Leute in 15 Jahren nostalgisch werden, wenn sie sich an PC Music zurückerinnern. Ich bezweifle es. Weil das Label derzeit so omnipräsent ist, dass man sich schnell gesättigt fühlt. Und der nächste Hype wartet schon hinter der nächsten Ecke.

Diesbezüglich fand ich es schade, dass deine Nostalgie-Hymne von 2014, „All Under One Roof Raving“, gar nicht auf dem Album vertreten ist.

Den Track bastelte ich letztes Jahr zwischen Tür und Angel. Weil ich noch einen Kracher für meine DJ-Sets auf den Sommerfestivals brauchte. Für das Album erschien mir das Stück aber nicht subtil genug, zu wenig ausgearbeitet. Obwohl ich generell eher kein Tüftler bin. Ich bin niemand, der zu viel Zeit damit verbringt, den perfekten Sound zu suchen. Ich habe Respekt vor allen Kollegen mit modularen Synthesizer-Burgen, aber ich habe oft das Gefühl, dass die vielen Knöpfe und Kabel der Kreativität im Weg stehen.

Diesen intuitiven Zugang hört man deinen Produktionen schon immer an, etwa deiner ersten Solo-EP „Far Nearer“ von 2011.

Findest du (lacht)?

Im positiven Sinn natürlich.

Ich denke, ich war damals einfach naiv und konnte es nicht erwarten, Musik unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen. Vielleicht hätte ich etwas länger daran feilen sollen, aber ich war total euphorisch.

„Far Nearer“ war auch der erste Track, bei dem du Steeldrums eingesetzt hast. Ein Instrument, das mittlerweile zu deinem Markenzeichen geworden ist. Was fasziniert dich daran?

Ich war mit meiner Band auf US-Tour und fand in einem kleinen Musikgeschäft in Atlanta diese Steeldrum für Kinder. Sie klang so toll, dass ich sie kaufte. Ich liebe den Klang der Steeldrum. Er weckt tropische Insel-Assoziationen in mir. Gleichzeitig hat der Sound etwas Melancholisches.

 


Stream: Jamie xxFar Nearer

 

Spielst du die Steeldrum-Parts auf deinen Tracks eigentlich selbst ein oder kommen sie vom Sampler?

Teils, teils. Mittlerweile besitze ich auch eine richtige Steeldrum. Sie war ein Geschenk von dem Typen, der am Karneval in Trinidad Steeldrum-Bands dirigiert. Ich übe regelmäßig, bin aber immer noch kein Meister. Wenn es um kompliziertere Melodien geht, kommt der Sampler zum Zug.

Diesbezüglich ist interessant, dass die Steeldrum auf deinem Album nur einmal – auf dem Stück „Obvs“ – zum Einsatz kommt.

Das stimmt. Ich habe keine Lust als one trick pony abgestempelt zu werden. Und zum Glück gibts ja etliche andere Percussion-Instrumente mit ähnlichem Klangcharakter.

Der One-Trick-Pony-Vorwurf wird dir ohnehin erspart bleiben, spätestens wenn deine Kritiker „I Know There’s Gonna Be (Good Times)“ hören. Ein Dancehall-Track mit den Vokalisten Young Thug und Popcaan. Ist das der späte Stinkefinger für die Post-Dubstep-Schubladisten?

Das würde ich nicht behaupten wollen (lacht). Letztes Jahr wohnte ich für einige Wochen in New York. Weil wir mit The xx dort eine einmonatige Konzertreihe spielten. Mein Arbeitsweg führte mich jeden Tag über die Brooklyn Bridge. Der perfekte Soundtrack mit Blick auf die Skyline: der lokale HipHop-Radiosender Hot 97. Dort liefen die Tracks von Young Thugs auf Heavy Rotation und ich dachte, wie super es wäre, ihn auf meinem Album zu haben. Am besten zusammen mit Popcaan, einem jungen Dancehall-Künstler aus Jamaika. Weil ich fand, dass sich die Stimmen der beiden gut ergänzen würden.

 


Video: Jamie xxI Know There’s Gonna Be (Good Times) – Fan-Video

 

Wie waren die Studioaufnahmen mit den beiden?

Es kam leider nicht dazu. Sie schickten mir ihre Gesangsspuren per E-Mail und ich schraubte den Track dann bei mir im Studio zusammen. Die Arbeit daran ging mir sehr leicht von der Hand. Ich gab den Track deshalb auch noch an andere Rapper. Im Laufe des Jahres will ich verschiedene Versionen des Stücks veröffentlichen.

Gibt es im Studio eigentlich Situationen, die dich zum Verzweifeln bringen?

Mir fällt es extrem schwer, Tracks fertigzustellen. Das erste Gerüst steht meistens schnell, aber den Abschluss finde ich immer unglaublich mühsam. Von den vielen Skizzen in meinem Archiv haben es letztendlich die Stücke auf das Album geschafft, für die ich genug Leidenschaft aufbringen konnte, sie zu vollenden.

Wie überwindest du dich, Tracks fertigzustellen?

Meistens gar nicht. Ich bin ein Meister darin, Dinge aufzuschieben. Auch wenn es mich psychisch fertigmacht. Ich liege dann nachts wach und hasse mich selbst. Oder ich betrinke mich, um dieses Angstgefühl zu verdrängen.

Das klingt kompliziert.

Ich bezweifle, dass ich es schaffe, diese Verschleppungstaktik irgendwann abzulegen. Meine aktuelle Strategie: Anstatt zu verzweifeln, fange ich mit einem neuen Track an. Das löst zwar das Problem nicht, ist aber zumindest produktiv.

Abgesehen von den erwähnten Rappern gibts auf dem Album stimmlich nur zwei weitere Kollaborateure: deine Bandkollegen Romy Madley Croft und Oliver Sim.

Die beiden sind dafür verantwortlich, dass ich Musik mache. Deshalb war es undenkbar, mein Album ohne sie zu machen. Oliver und Romy sind weit mehr als Bandkollegen für mich, sie sind meine engsten Freunde.

Erleichtert oder erschwert diese Nähe das gemeinsame Arbeiten?

Definitiv ersteres. Ich habe in den letzten Jahren mit vielen verschiedenen Künstlern außerhalb der Band zusammengearbeitet – mit jungen Grime-MCs wie mit Popstars. Je berühmter die Künstler sind, desto mehr Leute mischen sich ein. Ich war teilweise erstaunt, wieviel Diskussion ein Drei-Minuten-Popsong auslösen kann. Aus dieser Erfahrung heraus wollte ich für mein eigenes Album möglichst wenige Leute an Bord haben.

Spielst du auf Zusammenarbeit mit Alicia Keys an? Du hast einen Song für ihr Album „Girl On Fire“ (2012) produziert.

Genau. Ich flog nach New York, um sie zu treffen, während ich mitten in den Arbeiten am zweiten The-xx-Album steckte. Das war ein irrer Tapetenwechsel: Vom Kellerstudio in London in einen riesigen HiTech-Tempel. Die ganze Zeit schwirrten Techniker, Managertypen und A&Rs um mich herum. Alle schauten mir auf die Finger. Eine sehr unangenehme Situation.

 

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Wo wir von Kulturschocks sprechen, The xx ist ja damals innerhalb sehr kurzer Zeit vom Geheimtipp zu einer Band avanciert, deren Songs von Shakira und Rihanna gecovert werden. Wie hast du diesen Aufstieg erlebt?

Hm (denkt nach). Ich weiß nicht, es war schon seltsam. Aber gleichzeitig auch großartig. Wir wurden mit Komplimenten überhäuft und erlebten unglaubliche Momente. Wir standen zum Beispiel auf der Bühnenseite beim Glastonbury-Festival als Shakira unseren Song „Islands“ spielte.

Das muss sich ziemlich surreal angefühlt haben.

Nach ihrem Konzert erzählte sie uns dann noch, dass sie unser Album liebt. Das fühlte sich erst surreal an (lacht)!

Nach all diesen musikalischen Abenteuern und Erlebnissen, wo findest du derzeit neue Herausforderungen?

Ich produziere die Musik für ein Ballettstück, das im Sommer uraufgeführt wird. Mit Tänzern zu arbeiten, Musik für die Bühne zu schreiben – das ist eine ziemliche Herausforderung. Weil es ganz anders ist als einen Track zu produzieren. Du musst eine Geschichte erzählen.

Was meinst du damit?

Wenn ich an meinen eigenen Stücken arbeite, habe ich schnell das Gefühl, dass sich Teile zu lange hinziehen. Dass ich mehr Variationen reinbringen sollte, um die Tracks spannend zu halten. Beim Ballett ist die Musik aber Nebendarsteller, der Fokus liegt auf den Tänzern. Schon bei den ersten Proben erkannte ich: Ich muss meine Stücke ausdehnen und prägnante Elemente entfernen, um den Tänzern Platz zu geben.

 

„Als Hörer mag ich hypnotische Club-Epen.“

 

Dass du kein Freund ausufernder Tracks bist, zeigt sich auch auf deinem Album, kaum ein Stück überschreitet die Fünf-Minuten-Grenze.

Es fällt mir schwer, Tracks einfach laufen zu lassen. Vom Popsong her kommend werde ich leicht ungeduldig, wenn sich in einem Stück zu lange nichts Neues tut. Zumindest was meine eigene Musik betrifft. Als Hörer mag ich hypnotische Club-Epen aber sehr.

Von dieser Vorliebe wissen wir spätestens seit der Innervisions-Remix-EP von 2013, auf der Âme, Dixon und Marcus Worgull Stücke eures zweiten Albums „Coexist“ bearbeitet haben. Wie kam es dazu?

Ich kann mich gut an den Boiler-Room-Auftritt von Dixon erinnern, bei dem er zum ersten Mal den „Howling“-Remix von Âme spielte. Ich fand sein Set ganz groß. Wenig später lernte ich ihn dann persönlich kennen. Meine damalige Freundin stellte uns einander vor und wir verstanden uns prima. Das führte zu der Remix-EP, außerdem luden wir die Jungs zu unserem Night + Day-Festival in Berlin ein. Seitdem ist der Kontakt allerdings leider abgerissen.

Wie sieht es mit deinem eigenen Ausgehverhalten aus? Bist du Tänzer oder der Typ, der die Playlist des DJs mitschreibt?

Tänzer! Ich liebe House-Musik genau deshalb, weil sie mir den Stock aus dem Arsch zieht. Ich fand’ elektronische Tanzmusik schon als Teenager toll, aber verstanden hab ich sie erst auf der Tanzfläche. Schon in meiner ersten Nacht im Club Plastic People war mir klar – das ist genau, was ich auch machen will: Leute zum Tanzen bringen.

Stichwort Plastic People: Dieser wohl wichtigste Londoner Underground-Club der jüngeren Geschichte wurde im vergangenen Dezember geschlossen. Wie geht’s weiter? Wie schätzt du den Status Quo der Szene ein?

Londons Szene befindet sich an einem interessanten Punkt. Viele sind besorgt, dass die Stadt – und damit auch ihr Nachtleben – von ausländischen Investoren sukzessive kaputt gemacht wird. Dass durch deren Einfluss Orte mit subkultureller Relevanz immer weiter verdrängt werden. Ich habe aber auch das Gefühl, dass viele Leute sich schon jetzt gegen diese Entwicklungen wehren. Und dass dadurch bald neue Szenen mit neuen Treffpunkten entstehen werden.

Gibt’s schon jetzt Anzeichen dafür?

Die spannenden Dinge passieren derzeit ganz im Nordosten und im Süden der Stadt. Es brodelt an den Rändern. Ich hoffe, dass die ehemaligen Plastic-People-Betreiber bald einen neuen Laden eröffnen werden. Ich denke sogar selber drüber nach, ein Clubprojekt zu starten. Weil mir Plastic People schon jetzt fehlt. Ein zweites Wohnzimmer, wo du von wirklich guter Musik aus einem wirklich guten Soundsystem sprichwörtlich umgeblasen wirst.

Welche drei jungen, britischen Produzenten würdest du für die Eröffnungsnacht deines neuen, hypothetischen Clubs buchen?

Dauwd vielleicht. Ein junger Produzent aus Wales, der derzeit in Berlin lebt. Er hat mir letzte Woche seine neue EP geschickt, die finde ich sehr gut. Ich mag auch Quirke, der einige Sachen auf Young Turks veröffentlicht hat. Und Hodge natürlich. Seine aktuelle Platte auf Hemlock ist großartig.

Abschließende Frage: Dein Album heißt „In Colour“. Ein zumindest angesichts deines notorisch schwarzen Outfits erstaunlicher Titel, oder?

Der Titel ist eine Reaktion darauf, wie sehr viele Menschen The xx vor allem am Anfang unserer Karriere wahrnahmen – als launige Teenager, die traurige Songs schreiben und immer schwarz tragen. Schwarz angezogen sind wir noch immer, aber wir sind heute selbstbewusster. Wir lieben es zu tanzen und hören beschwingte Musik. Mit dem Titel wollte ich das klarstellen. Zeigen, dass wir Farben mögen. Und dass wir glückliche, junge Menschen sind.