Interview: Sascha Uhlig
Erstmals erschienen in Groove 150 (September/Oktober 2014)

Wofür man vor zwanzig Jahren noch ein ganzes Heimstudio voller Sampler, Computer, Mischpulte, DAT-Recorder und vielem mehr benötigte, kann heute längst auf dem Laptop mit Musikprogrammen wie Ableton Live oder Native Instruments Reaktor produziert werden. Doch nicht nur die Kosten für die Produktionen eigener Tracks sind drastisch gesunken, sondern auch die Hürden des Einstiegs. Wir sprachen mit dem Produzenten und DJ Ricardo Villalobos sowie Native Instruments-Geschäftsführer Mate Galic, der als Szeneaktivist selbst jahrelang produzierte, auflegte und die VIVA-Sendung Housefrau moderierte, über die Veränderungen, welche die Demokratisierung der Musikproduktion mit sich brachte und wie wir in Zukunft an neuer Musik arbeiten werden.

 

Ricardo VillalobosRicardo Villalobos: Bereits zwei Mal in der Geschichte der Groove war Ricardo Villalobos auf dem Cover zu sehen. 2003 (Ausgabe 84) alleine, 2009 in Heft 119 dann an der Seite von DJ Koze, mit dem der in Chile geborene Produzent und DJ ausführlich über den aktuellen Stand der Clubmusik und -kultur diskutierte. Villalobos ist bekannt für seine Vorliebe für Modular-Systeme, und seine Releases auf Labels wie Perlon, Playhouse oder sein eigenes Imprint Sei Es Drum waren stilprägend für Minimaltechno und darüber hinaus.

 

Mate GalicMate Galic: Vor nunmehr zwanzig Jahren zierte Mate Galic das Cover der Groove-Ausgabe 28. Der gebürtige Kroate lebte in seiner Jugend in Köln, wo er zu einem der bekanntesten Techno-DJs avancierte. Von 1994 bis 1995 moderierte er die Sendung Housefrau und bis 1997 Viva Trance. Als Szeneaktivist produzierte er zudem selbst oder zusammen mit unter anderen Robert Babicz Musik und betrieb Labels wie Degenerate, Spacemate oder Rhinebeat. Heute lebt Galic in Berlin und ist Mitgeschäftsführer von Native Instruments.

 

Ricardo, dein erstes Solo-Release erschien 1993 – kannst du dich noch an dein Studio-Setup von damals erinnern?

Ricardo Villalobos: Klar, das war ein Atari, verschiedene Sampler, zum Beispiel von Casio, ein Live-Mischpult, eine 707 und 606, Synthesizer, etwa ein Roland JX-3P und eine 101. Das war aber auch alles mehr so zusammengeliehen.

Und wie hast du angefangen zu produzieren, Mate?

Mate Galic: Ich war Anfang der Neunziger vor allem DJ, Musik habe ich meist zusammen mit anderen Leuten gemacht. Und da war eigentlich auch gerade in den ersten Jahren schon relativ viel digitales Equipment am Start. Die ganzen eher analogeren Maschinen von Roland und Korg kamen erst in Spiel, als ich mehr mit Robert Babicz gemacht habe. Der Computer war eigentlich immer am Start, eben der Atari. Zunächst mehr fürs Arrangement, später wurde das bei mir immer wilder, da ging’s dann nur noch bis zu einem gewissen Teil um den Computer, der hat dann nur noch die Clock gegeben, da ist dann relativ viel an den Geräten selbst passiert. Begonnen hat es mit Yamaha-Synthesizern, Akai-Samplern, so ein paar Roland-Maschinen. Später ist mir dann das ganze Potenzial des Computers klargeworden. Das war in der Zeit, als ich zum ersten Mal die Möglichkeit sah, die Jams, mit denen Robert und ich damals beschäftigt waren, ins Digitale zu überführen und daran dann weiterzuarbeiten. So bin ich dann immer mehr und mehr in die Technik abgedriftet, die mich dann letztendlich auch zu Native Instruments geführt hat.

Der Computer spielte bei euch also von Anfang an eine Rolle.

Villalobos: Auch bei mir war das zunächst mehr so eine Art Clockgeber, ich habe damit kaum arrangiert. Vielmehr habe ich im Cubase erstmal so einzelne MIDI-Sachen oder später auch Audiofiles geloopt. Der Computer hatte eher so eine Art Aufzeichnungs- oder Taktgeberrolle. Ich finde auch, dadurch, dass bei Cubase alle MIDI-Befehle seriell und nicht gleichzeitig geschickt wurden, hatte es so einen gewissen Groove. Und je mehr MIDI-Befehle im System waren, desto eher hat das irgendwie angefangen so auseinanderzufallen. Das war sehr charmant bei Cubase.

Galic: Aber vor allem auf dem Atari, oder?

Villalobos: Genau! Allerdings kam es schon damals gar nicht darauf an, mit was man etwas produziert. Keine Maschine von Roland oder so hat eine Sonderrolle gespielt, sondern es sind immer verschiedene Geräte. Man kann das mit einer Pizza vergleichen. Die Kick ist der Boden, der Bass die Tomatensoße, und man versucht die Pizza dann auf verschiedenste Arten und Weisen zu belegen, muss aber auch darauf achten, dass alles ausgewogen bleibt und die Gewürze stimmen. Aber so lange es am Ende schmeckt, ist doch egal, was man verwendet. Deshalb hat sich im Prinzip in den vergangenen zwanzig Jahren auch gar nicht so viel geändert.

Ihr beide habt am Anfang aber wahrscheinlich wesentlich mehr Geld investieren müssen als die Leute, die heute mit einem Laptop und einer günstigen oder gar gecrackten Software starten.

Villalobos: Auf jeden Fall! Oder man hat die Sachen eben getauscht und weiterverliehen. Ich habe auch mal meine Depeche Mode-Platten verkauft und konnte mir dadurch wieder etwas leisten – was übrigens ein großer Fehler war! (lacht) Naja, das war auf jeden Fall ein steinigerer Weg, das waren andere Zeiten.

Der Einstieg heute dagegen ist so einfach und günstig wie nie zuvor. Wirkte sich diese Demokratisierung der Produktionsmittel eher positiv oder negativ auf die Musik aus?

Galic: Selbst zu den Blütezeit des Techno in den Neunzigern sind ganz viele schlimme Platten rausgekommen, weil sich jeder eine Drum Machine kaufte und glaubte, wenn er da was zusammenkloppt, das auch veröffentlichten zu müssen. Durch die Investition in Hardware ist keineswegs unmittelbar bessere Musik entstanden. Und eigentlich ging es bei der elektronischen Tanzmusik damals ja auch schon darum, über relativ reduzierte Mittel an einem neuen Sound zu arbeiten, wo es nicht darum geht, das allergrößte Studio und ein riesiges Budget zu haben. Auf eine gewisse Art und Weise setzt sich das in der Software fort, dieser Do-it-yourself-Approach. Ich und Native Instruments als Firma sind auf jeden Fall daran interessiert, absolut unelitär so vielen Leuten wie möglich die Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken. Natürlich kommt dabei auch richtig viel Schrott um die Ecke. Aber ist das jetzt ein Grund, das nicht zu tun? Nein, denn du erlaubst einfach soviel anderen Leuten, die normalerweise überhaupt nicht die Möglichkeit hätten, sich in irgendeiner Art und Weise auszutoben, genau das zu tun. Das überwiegt für mich so dermaßen gegenüber all den Downsides.

 

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Mate Galic

 

Villalobos: Das finde ich auch. Und ob die Musik dann am Ende gut oder schlecht ist, das entscheiden die Menschen draußen. Dass die Kosten der Produktion gesunken sind, finde ich eine unglaublich tolle Sache.

Neben dem geringeren finanziellen Einstieg sind auch die technischen Hürden gesunken. Mate, wie versucht Native Instruments heute auch komplette Anfänger abzuholen?

Galic: Anfangs ging es vor allem darum, sehr techniknahe elektronische Musiker anzusprechen, die quasi auf der Suche nach diesem Mehr waren und dadurch schon bestimmte Grenzen erreicht hatten. Durch den Erfolg des Computers, der auch immer mehr Leute dazu ermutigt hat, Musik zu machen, haben sich auch die Erwartungen verändert und natürlich auch für eine Firma wie uns auch die Art, wie wir jetzt über etwas nachdenken, wie viel Wert wir auch auf bestimmte Aspekte legen. Heute geht’s eher häufig darum, wie kriege ich eine Idee so transportiert, dass die sich letztendlich wie ein kreatives Tool anfühlt, da wird vor allem die Zeit reingesteckt – oder die Optimierung bestimmter Sound-Engines. Wir müssen einfach einen Weg schaffen, viele unterschiedliche Leute, Einsteiger und Profis, anzusprechen.

Ein weiterer positiver Aspekt der Demokratisierung der Produktionsmittel ist natürlich auch die Erreichbarkeit von Ländern, aus denen es zuvor nicht wirklich viel elektronische Musik zu hören gab.

Villalobos: Stimmt, durch die Möglichkeiten von Software wurde auch in den ärmeren und nicht so angebundenen Ländern, zum Beispiel in Südamerika, unglaublich viel Potenzial geweckt.

Galic: Und durch Plattformen wie Soundcloud und Co können sich die Leute eben auch Gehör verschaffen. Das sind die positiven Aspekte der Globalisierung, die man sicherlich auf bestimmten Ebenen auch ganz stark kritisieren kann, aber auf der kulturellen Ebene führte das zu ganz vielen neuen Strömungen. Davon träumten wir früher und das ist jetzt real. Seit einigen Jahren kann man mit dem Computer ja auch endlich von überall aus Musik machen und kreativ sein.

Villalobos: Und man kriegt an den unterschiedlichen Orten auch wieder ganz anderen Input. Das führt dann eben auch zu anderen musikalischen Ergebnissen. Auch ich nutze das viel unterwegs. Man sollte immer so intuitiv wie möglich arbeiten können.

Galic: Genau dieser Punkt hat uns auch zur Produktion von Hardware geführt. Ich habe so viele Jahre vorm Computer gesessen und irgendwelche Sounds geschraubt und Musik designed, also im Prinzip gar nicht mehr gespielt. Das war bei allen Errungenschaften, die man mit dem Computer so hatte, eine echte Downside, die uns dazu trieb, uns damit zu beschäftigen, wie man das Digitale um Interfaces ergänzen kann um wieder diese Lost-in-the-flow-Gefühl zu erzeugen. Wenn du beim Musikmachen die ganze Zeit nur total konzentriert mit der Hand an der Maus dasitzt und in so einen Bildschirm starrst, das ist der Horror.

 

„Wenn du beim Musikmachen die ganze Zeit nur total konzentriert in deinen Bildschirm starrst, das ist der Horror.“ Mate Galic

 

Villalobos: Ein richtiger Schritt, denn das Arrangieren, die Breaks, all sowas muss eher auf dem Flow heraus entstehen. Dieses ganze Durcharrangieren, ob man da im Nachhinein noch eine Melodie reinmacht und so, das macht sehr viele Stücke kaputt und manchmal auch voraussehbar.

Galic: Das liegt aber auch oft daran, dass die Leute so stark visuell arbeiten, was einen dazu verleitet, in diesen Breaks zu denken.

Die Samples und Presets der Software wurden im Laufe der Zeit immer besser. Würdet ihr sagen, dass es sich viele Leute zu einfach machen, wenn sie diese direkt für ihre Produktionen verwenden?

Villalobos: 99 Prozent der Leute, die ein Preset benutzen, verändern das ein bisschen. Darüber hinaus finde ich das völlig egal, ob jemand ein Preset benutzt oder eine kleine Abweichung davon. Da ist einfach eine Zusammensetzung von Sequenzen, die entweder passt oder nicht. Der Rest spielt keine Rolle, Hauptsache, alles hat frequenzmässig seinen Platz.

 

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Ricardo Villalobos

 

Galic: Das ist halt auch die Art und Weise, wie wir bei Native Instruments an Sachen herangehen. Wir machen halt für jedes Instrument Presets, die müssen auch eine hohe Qualität haben, aber wir stellen genauso sicher, dass jedes Preset sofort verschraubt werden kann. Ich denke aber auch, dass komplett originelle Musik gemacht werden kann, indem man sich nur bei Presets bedient. Denn letztendlich geht’s ja darum wie du diese unterschiedlichen Sounds über die Zeit entwickelst und mischst und Spannung erzeugst. Am Ende zählt ja das, was dabei rumkommt.

Die Aufregung um Klangkarussell und ihren Track „Sonnentanz“, für den sie Samples aus einer einzigen Sample-CD-Library verwendeten, habt ihr also nicht verstanden?

Villalobos: Ach, das haben wir doch alle gemacht!

Galic: Ist doch super, wenn der Song gut ist, ist das doch kein Problem. Das Problem ist, wenn der Song scheiße ist, dann wird das jetzt darauf zurückführt, dass Presets scheiße sind. Aber wie viele Leute haben soviel Zeit damit verbracht, irgendwie an irgendwelchen Sounds rumzuschrauben und die Musik war am Ende auch scheiße?

Gab es für euch in den letzten 10 bis 15 Jahren etwas ähnliches wie die 303, 808 oder 909? Also Sounds, die extrem prägend für die elektronische Musik waren oder gar etwas neues geschaffen haben?

Villalobos: Man konnte Reaktor am Anfang immer sehr gut heraushören. Das hat sich als Klangästhetik und eigenständiger Sound entwickelt. Und auch die Art und Weise, wie Rhythmen gesprungen sind, wie bestimmte Sachen passiert sind. Ich habe auch immer absichtlich versucht, das nicht zu kaschieren.

Galic: Absolut, gerade die ersten 2000er-Jahre waren sehr stark davon geprägt. Und in den letzten Jahren war natürlich auch Massive sehr stark zu hören, erst bei dem ganzen Dubstep-Kram aus UK und später auch bei der US-Variante davon und im EDM. Dieser extrem digitalisierte Sound, der da entstanden ist, sei es jetzt durch Justice oder Skrillex, die aus der Kombination von Ableton und einem Synthesizer wie Massive nochmal eine komplett neue Soundästhetik entstehen ließen, die so ohne den Computer auch überhaupt nicht denkbar gewesen wäre.

Villalobos: Den Sound dieser jungen Dubstep-Produzenten finde ich oft erstaunlich frisch, vor allem was da in den Frequenzen passiert. Die pfeifen auf irgendwelche Conventions und Limits, was den Frequenzbereich angeht. Ich bin immer erschrocken, was mir da ein 20-Jähriger für Bässe um die Ohren jagt.

 

„Was mir die 20-Jährigen heute für Bässe um die Ohren jagen, da bin ich immer wieder erschrocken.“ Ricardo Villalobos

 

Galic: Ich habe das Gefühl, dass da eine größere Scheißegal-Attitüde am Start ist, halt einfach jüngere Leute, die sich dessen bedienen, was da ist. Und einfach sagen: Ey, ich mach mir meinen Sound und mach den Edit, den Drop oder den Cut total falsch, und hier und da, und daraus entstehen eigentlich diese Spannungen. Und ich habe das Gefühl, im Moment ist wieder so eine neue Kultur am Entstehen an Mashup-Sounds, wo sich Leute zwischen Noise, HipHop, elektronischer Musik und teilweise Gabba-Elementen bedienen und daraus ein komplett neuer Mischmasch entsteht.

Villalobos: Da bedarf es auch einer Generation, die sich dieser Grenzen vielleicht gar nicht bewusst ist und einfach nur macht. Das ist auch für die alten Hasen ein sehr wichtiger Impuls.

Mate, wie versucht ihr bei Native Instruments Kollaborationen zwischen Künstlern zu ermöglichen oder zu fördern?

Galic: Es gibt schon heute viele Möglichkeiten für Musiker um zusammenzuarbeiten, einige nutzen Dropbox, was sehr musikerunspezifisch ist. Aber es gibt auch neue Services, die sich auf Kollaborationen von Musikern spezialisieren, und natürlich sind wir mit diesen Leuten in Kontakt. Aber auch so ganz grundsätzlich spielt die Cloud natürlich immer mehr eine Rolle auch für uns, weil sie sich auf der digitalen Ebene bewegt, auf der wir ohnehin schon unterwegs sind. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich daraus wieder neue kreative Möglichkeiten ergeben, die es so heute noch nicht gibt.

Was erwartet und erhofft ihr euch von der nahen Zukunft der Musikproduktion?

Galic: Ich denke, dieses ganze Thema „Ich bin ein reiner Musikkonsument“, das gibt es auch weiterhin, aber wir können feststellen, dass immer mehr Leute das Bedürfnis haben, irgendwie Teil von dem Musikproduktions- oder Performance-Aspekt zu werden. Das fängt bei Soundcloud und den Kommentaren an, geht weiter mit Crowdfunding und auf der Ebene des Musikerstellungsprozesses ist auch noch viel mehr möglich. Nicht nur die Kollaboration zwischen den Musikern, spannend finde ich auch, wie man durch die Technologie eine stärkere Interaktion zwischen Produzent und Konsument herstellen kann.

Villalobos: Ich denke, es wird immer mehr zu einer Vermischung der analogen und digitalen Welten, aber auch der Stile kommen. Das finde ich spannend.

Galic: Mich interessiert auf jeden Fall auch, dass neue Dinge entstehen und Leute Grenzen aufbrechen. Sei es hinsichtlich dessen, wie die Musik klingt oder das Ökosystem rund um die Musik. Und ich hoffe, dass die Technologie dazu beitragen kann, dass sie das verbindende Element sein kann, um Dinge zusammenzubringen und die Leute sich kreativ austoben zu lassen. Nicht nur alleine, sondern auch wieder mehr im Kollektiv, sei es off- oder online.