Text: Simon Wulff, Foto: Watergate
Erstmals erschienen in Groove 136 (Mai/Juni 2012)

Eine ganze Dekade ist es her, dass zwei beherzte Jungs es wagten, sich dem damaligen Berlin-Mitte-Muss zu widersetzen und ihren Club in einem Bürogebäude an der Kreuzberger Oberbaumbrücke eröffneten – lange bevor sich die Gegend zu einer Ausgehmeile entwickelte. Die beiden Watergate-Betreiber und FlyBermuda-Organisatoren Steffen Hack und Ulrich Wombacher sprechen im Vorfeld der Jubiläumsfestivitäten über die Anfangszeit, alte und neue Probleme sowie die Molekularstruktur des Publikums.

 

Wie seid ihr 2002 an die Location hier an der Oberbaumbrücke gekommen?

Hack: Hard:Edged war unsere Drum’n’Bass-Party-Reihe. Das haben Uli, icke und noch ein paar andere im WMF gemacht. Als die dann aus monetären Gründen die Location wechseln mussten, haben wir gespürt, dass die Zuneigung der WMF-Macher nicht mehr dieselbe war. Ich bin dann auf sie zugegangen und hab gesagt: „Leute, ihr geht jetzt ins Café Moskau. Die Spatzen zwitschern uns von den Dächern, dass ihr uns nicht mitnehmen wollt.“ Weil die uns das aber von Auge zu Auge nicht klar kommunizieren konnten, haben wir eben im WMF gekündigt. Wir wussten danach, dass wir keine Untermieter mehr in einem anderen Club sein wollten.

Wombacher: Dann kam Tom, ironischerweise einer vom WMF, der städtische Location-Scout sozusagen, mit der Nummer hier. Das war damals nicht annähernd das, was es jetzt ist. Das waren ja Büroräume. Hierher zu gehen war erst einmal ein enormes Wagnis: Ein Club hatte damals einfach in Mitte und im Osten zu sein. Jeder, dem du gesagt hast, dass du einen Club in Kreuzberg machen willst, hat dir gesagt, dass du eine Voll-Macke hast! Auch noch in einem Neubau und mit so riesigen Fenstern. Dass dieser ganze Kiez so zum Techno-Strich wird, das war damals nicht absehbar. Die dachten, wir bauen die neueste Ku’ damm-Diskothek.

Gab es ein neues Konzept für das Watergate oder wolltet ihr die Hard:Edged-Reihe weiterführen?

Wombacher: Unser Publikum von Hard:Edged ist uns nicht gefolgt. Die Drum’n’Bass-Community hat uns hier als zu posh und zu edel gesehen. Die wollten in ihren Kellern bleiben. Wir waren halt ein bisschen abtrünnig und haben eher einen Sound gefahren, der wegging von diesem Industrial-Drum’n’Bass. Die Hard:Edged-Nummer war dann auch schon zehn Jahre alt. Wir haben hier noch das Jubiläum gefeiert und es dann auslaufen lassen.

Wie hat sich die Entwicklung hin zu eurem heutigen House- und Techno-Programm ergeben?

Hack: Außer Drum’n’Bass hat hier eigentlich nichts so funktioniert, dass wir den Kostenapparat hätten decken können. Wir mussten den Laden also anders ausrichten. Dann habt ihr bei uns die Freunde im Groove-Party gemacht und das war für uns einfach wie eine Erleuchtung! Die Leute, die Vibes, die Umsätze haben gestimmt und es war gute Musik. Danach war mir klar, dass wir weiter in diese Richtung gehen müssen.

Mit welchen Problemen wart ihr in den zehn Jahren Club-Geschichte konfrontiert und was beschäftigt euch heute?

Wombacher: Ganz am Anfang haben wir uns die Nase blutig gemacht: Wir haben versucht, aus eigener Kraft drei Tage zu bespielen, und dann haben wir gemerkt, dass wir das so gar nicht hinbekommen. Ich stand früher manchmal, wenn so richtig traurige Abende waren, an der Brücke und habe gesagt „Ey guck mal, da hinten kommen ein paar junge Leute, vielleicht kommen die hier rein.“ Und dann sind die vorbeigegangen und du dachtest „Oh, Fuck!“ Das haben wir jetzt hinter uns. Aber das Schwierigste für den Club ist der große Hype: Plötzlich sind die Leute reingerannt, wir wussten gar nicht warum. Das ist, was wir jetzt seit drei, vier Jahren versuchen: den Hype zu überwinden und Konstanz reinzubringen.

Hack: Gentrifizierung ist auch ein Problem. Es gibt hier nicht mehr nur wilde Lagerfeuer und irgendwelche Techno-Clubs. Das Umfeld in Kreuzberg hat sich geändert und die Miete steigt jedes Jahr. Wir sind auch sicherlich lauter geworden, weil man mit der Zeit eben Elemente dazu kauft und baut. Da kriegen wir natürlich schon mit, dass sich einige Nachbarn gestört fühlen, deswegen müssen wir daran arbeiten, die Schallemission nach draußen zu vermindern.

Wie steht ihr den Touristen gegenüber, die in euren Club wollen?

Wombacher: Es ist Fluch und Segen, aber du hast auch einfach die Türhoheit. Es steht jedem Club frei, wer reinkommt, und wir können sagen: „Heute leider nicht.“ Es ist wichtig, Maß zu halten, denn es kommen auch die Sauf-Touristen vorbei.

Hack: Ich sehe das wie eine molekulare Struktur. Ich spüre es im Laden von der Schwingung her, ob es passt oder nicht. Die Gäste, die sich am Tresen oder auf dem Dancefloor ja sehr nahe kommen, müssen denken „Hier sind meine Leute, hier fühle ich mich wohl!“ Und solange du das erhalten kannst, ist es egal, ob es ein Pole ist oder ein Eskimo, ein Kreuzberger oder ein Charlottenburger. Es hat mit Tourist oder Berliner nichts zu tun, es geht um die Ausstrahlung der Menschen. Und das entscheidet sich auch an der Tür. Es ist viel wichtiger, dass die Stimmung im Laden funktioniert, als dass die Kasse stimmt.

 

Wir verlosen jeweils 2×2 Gästelistenplätze für die Watergate-Geburtstagspartys am 22., 24. und 25. August. Schickt uns zur Teilnahme am Gewinnspiel bitte bis Montag, den 20. August eine Mail mit dem Betreff Oberbaum!

 

Zehn Jahre Watergate

Samstag, 18.08.12, 19 Uhr

Henrik Schwarz & Band live (Open Air auf der Spree vor der Oberbaumbrücke, freier Eintritt)

Mittwoch, 22.08.12, 23:59 Uhr

Mainfloor: Pan-Pot, Mathias Kaden, Tiefschwarz, Oliver Koletzki, SIS live
Waterfloor: dOP, M.A.N.D.Y., Ruede Hagelstein, Fritz Zander, Sven von Thülen, Mitja Prinz

Freitag, 24.08.12, 23:59 Uhr

Mainfloor: Dixon all night long
Waterfloor: Maya Jane Coles, Heidi, Marco Resmann, Lee Jones

Samstag, 25.08.12, 23:59 Uhr

Mainfloor: Richie Hawtin, Paco Osuna, The Martinez Brothers, Ambivalent, Matador live
Waterfloor: Barem, Heartthrob, Hobo, Click Box live, Hector, Nsound

Sonntag, 26.08.12, 10 Uhr

Waterfloor: Afterhour (feat. Secret Guests)

Watergate
Falckensteinstr. 49
10997 Berlin