Kein stummes Museum, sondern Katakomben, die die Phantasie befeuern: Tief in den Beton-Gewölben des Kraftwerks in Berlin-Mitte erweckt die von der Clubcommission produzierte Ausstellung „Tanzflächen der Wiedervereinigung” die Nachwendezeit zum Leben. GROOVE-Autorin Mascha Schaper erklärt, warum die Schau Geschichte nicht nur erzählt, sondern unmittelbar spürbar macht.
Mein Weg in die Welt der Nachwendezeit beginnt mit einer Suche. Auf Orientierungstour durch das Kraftwerk an der Köpenicker Straße, das auch Tresor und OHM beherbergt. Ich trete durch dunkle Gänge und muss erst herausfinden, wo ich mich überhaupt befinde. Am Ende eines langen Flurs lande ich nicht etwa in einem cleanen Foyer, sondern in einem blau beleuchteten Clubbereich.

Menschen stehen mit Getränken an der Bar, ein DJ legt auf und die Stimmung ist entspannt und neugierig. Ich bin an meinem Ziel angekommen: Die Vernissage der Ausstellung „Tanzflächen der Wiedervereinigung”. In der DJ-Booth erscheint Katharin Ahrend von der Berliner Clubcommission, die die Ausstellung mitkuratiert hat. Über die Anlage erklärt sie kurz, worum es in der Ausstellung gehen wird: um das Erfahren und Verstehen von ganz unterschiedlichen Geschichten rund um den Mauerfall und die Explosion der Technokultur in der Zeit danach, um ein Freiheitsgefühl, Neuanfänge, die Ekstase der ersten Raves, aber auch um Verlust, Unsicherheit und Depression.
Das Portal in die Unterwelt: “SOURCE“
Dass die Ausstellung an genau diesem Ort stattfindet, passt perfekt. Unter dem Namen “SOURCE” werden erstmals die bisher verborgenen, unterirdischen Räume des Kraftwerks für das Publikum geöffnet. Weil der Raum eben kein klassisches Museum ist, gelten strengere Regeln: Der Zugang ist nur in kleineren Gruppen möglich, und wer hinein will, muss am Eingang eine Haftungserklärung unterschreiben.

Sobald man durch die Tür getreten ist, steht man in einer eigenen Welt. Rechts und links türmen sich Bauschutt, Steine, alte Rohre und Metallstangen. Die Gänge wirken wie rohe Katakomben. Warmes Licht bricht durch dichten Nebel, während verfremdete Soundkulissen durch das Gewölbe hallen. Es riecht nach feuchtem Beton und kalter Kellerluft, ich erlebe das Gefühl, an einem Ort zu sein, den jahre- oder jahrzehntelang keiner mehr betreten hat. Hier und da erahnt man hinter Absperrbändern dunkle Gänge, die sich weit in die Finsternis erstrecken.

Auf alten Bildröhren-Fernsehern, die auf Betonsockeln im Schutt stehen, laufen Videodokumente aus der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall. Die rohe Kulisse und die historischen Aufnahmen verbinden sich zu einer besonderen Stimmung.

Von Sabotage-Pullovern bis Provinz-Hardcore
Hat man den ersten, atmosphärischen Teil durchquert, öffnet sich der Raum zu einer großen, ebenso charakterstarken Ausstellungsfläche. Von der Decke hängen Metallgitter, an denen Fanzines, Fotos und Zeitdokumente klemmen. Auf Tischen liegen echte Zeitzeugnisse: historische Tonbandgeräte, vergilbte Flyer, handgeschriebene Songtexte und verwaschene Sabotage-Pullover. Sogar ein alter „eMac“ lädt dazu ein, sich selbst durch digitale Zines zu klicken.

Die Ausstellung entfaltet hier ihre inhaltliche Tiefe mit vielen persönlichen Perspektiven. Was mir besonders gefällt: Die Exponate drehen sich eben nicht nur um den oft erzählten Berliner Techno-Mythos. Auch ostdeutsche Kleinstädte, ländliche Jugendclubs sowie Punk, Hip-Hop und queere Subkultur sind ein prägnanter Teil der Schau.

Ein besonders nachhaltigen Eindruck hat bei mir die Videoinstallation „Blindman Leading Blindman” von Björn Reichhardt hinterlassen. Sie nimmt die Besucher:innen mit nach Sachsen-Anhalt ins Jugendzentrum „Der Club”. Dort wird gezeigt, wie Jugendliche in der Nachwendezeit durch Hardcore-Musik, Pogo und DIY-Kultur nicht nur Freiräume suchten, sondern sich auch ganz konkret gegen die kapitalistische Weltordnung und den aufkommenden Neofaschismus auf den Straßen behaupteten.
Neben den Aufbrüchen etwa mit Aufnahmen aus den Anfangstagen des Tresors werden so eben auch die Schattenseiten des politischen Umbruchs beleuchtet: der Verlust von kultureller Identität und Arbeitsplätzen und der aufkeimende Rechtsradikalismus. Es gibt hier nicht die eine Geschichte, sondern viele Erfahrungen nebeneinander.

Gespräche über Damals
Als ich auf dem Weg zurück schließlich wieder die Treppe nach oben steige, empfängt mich die kalte Berliner Abendluft. Für mich hat die Atmosphäre vor Ort die Ausstellung erst richtig lebendig gemacht. Es war kein stummes Nebeneinanderherlaufen, sondern überall haben sich Leute angeregt unterhalten. Neben Besucher:innen aus der jüngeren Generation waren auch viele da, die schon damals in den 1990er Jahren selbst unterwegs waren.

Immer wieder bleiben Leute fasziniert vor Bildern und Exponaten stehen, die persönliche Erinnerungen in ihnen geweckt haben, die dazu führen, dass sie sich gegenseitig Geschichten erzählten. So werden die Tanzflächen von einst nicht nur als Partyraum greifbar, sondern als ein Ort, an dem Menschen zusammengekommen sind und sich ausgetauscht haben. “Tanzflächen der Wiedervereinigung” schafft so etwas, das selten gelingt: Die Ausstellung nimmt einen mit in ein Zeitgefühl, das man selbst vielleicht gar nicht miterlebt hat, lässt es einen aber überraschend unmittelbar spüren.
