Kaum eine Drum’n’Bass-Partyreihe in Europa kann wie Recycle auf eine 30-jährige Geschichte zurückblicken. Initiiert wurde das Format 1996 von Pamela Schobess und Lars Döring im Mittneunziger-Berlin – in einer Zeit, in der der Technoaufbruch an Kraft verlor und Musikverrückte nach neuen Genres suchten, die den Blick in die Zukunft wagten.
In der ersten Hälfte der Zeit war Recycle vom Icon geprägt, jenem Club, dessen rohes Gemäuer 15 Jahre lang Homebase bildete, in der zweiten Hälfte von Pamelas und Lars‘ eigenem Club Gretchen, der zugleich als Venue für ein ambitioniertes Konzertprogramm dient. GROOVE-Autorin Madu Abeysekera hat die beiden vor der Recycle-Jubiläumsparty mit Allstars und Gästen im Rahmen des Tags der Clubkultur im Gretchen Office besucht.
Montagmorgen, strahlender Sonnenschein vor dem Gretchen: Inhaber und Betreiber Lars Döring begrüßt mich freundlich im lässigen Look – allerdings nicht am Eingang des Clubs, sondern dahinter auf dem Hof einer Autowerkstatt. Lars führt mich zum Hintereingang des Clubs, und grüßt im Vorbeigehen die Mitarbeitenden der Werkstatt mit einem lockeren Handzeichen. Die nicken, schließlich kennt man sich schon 15 Jahre. Hinter einer unscheinbaren Metalltür ist Musik- und Partyequipment gestapelt, daneben führt eine steile Treppe zu den Büroräumen des Clubs.
Hier wartet Pamela Schobess, ebenfalls Inhaberin und Betreiberin vom Gretchen und politische Sprecherin der LiveKomm. Mit derselben Lässigkeit wie Lars begrüßt sie mich und bietet mir etwas zu trinken an. Während wir uns an einen runden Tisch setzen, wandert ihr Blick immer wieder zum Smartphone in ihrer Hand – der Cluballtag läuft offenbar auch an diesem Montagmorgen schon auf Hochtouren.

Anlass unseres Gesprächs sind gleich zwei Jubiläen: Der 15. Geburtstag des Clubs Gretchen und der 30. Geburtstag der „Recycle“-Partyreihe. Zur entsprechenden Jubiläumsparty kommen, neben ihren Residents N‘Dee, Flower, Mr. Jay, Survey und den MCs: MC Mace, MC Jamie White und Rollin MC, namhafte Urgesteine, die Recycle teilweise seit Jahrzehnten begleiten: Congo Natty aka Rebel MC, Alley Cat und Bassface Sascha. Pamela und Lars nehmen mich mit in 30 Jahre Clubgeschichte. Mehr als alles andere ist entscheidend, dass die Begeisterung für die Musik auch heute noch spürbar ist. „Es gibt diese Momente, in denen ein Tune läuft, der Bass einsetzt und der Sound plötzlich nicht nur aus den Boxen kommt, sondern wie ein Schauer durch den ganzen Körper läuft“, beschreibt Pamela Schobess begeistert, während sie an ihre Highlights der letzten 30 Jahre zurückdenkt.
Freundschaften statt Bookinglisten
Ich will wissen, wie es damals vor fast einem Drittel Jahrhundert losging. Lars antwortet auf seine zurückhaltende Art. „Man traf sich beim Vinyl kaufen, lernte DJs unterschiedlichster Genres und andere Veranstalter:innen kennen und holte sie schließlich gemeinsam auf die Party“, erinnert sich Lars an die Zeit in der Mitte der Neunziger. „Aus Bookings wurden Freundschaften, aus einzelnen Nächten langjährige Verbindungen.“ Zu diesem Zeitpunkt war Drum’n’Bass Neuland für Musikliebhabende, Techno dominierte die Berliner Clubs.
Dass Pamela selbst einst kaum etwas mit Drum’n’Bass anfangen konnte, ist heute undenkbar. Sie und Lars lachen, während sie von ihrer ersten Begegnung erzählen – eine Szene, die fast filmreif scheint: Sie lernten sich an einer Ampel kennen – beide waren zufällig auf dem Weg zum damaligen „Icon“, dem Vorgänger von Gretchen. Pamelas Musikgeschmack variierte zu dem Zeitpunkt zwischen Grunge, Metal und Crossover.
„Zu Beginn kamen rund 50 Menschen, die wir über Mundpropaganda und persönliche Kontakte für die Drum’n’Bass Partys überzeugen konnten”, erzählt Lars.
An diesem Abend begleitete sie eine Freundin zum Trance Superstar Paul van Dyk, der im Icon auflegte. Sie fühlte sich in ihrer Skepsis gegenüber elektronischer Musik bestätigt, da sein Stil sie überhaupt nicht überzeugte. Dafür aber Lars als Mensch. Und weil er Unterstützung im Club benötigte, beteiligte sich Pamela immer mehr an der Organisation. Und je mehr Zeit sie im Club verbrachte, desto näher kam sie der Musik.
Nach und nach entwickelte sich aus anfänglicher Distanz eine Leidenschaft für Drum’n’Bass. Lars wiederum legt selbst seit seinem 18. Lebensjahr auf und bewegte sich schon damals musikalisch auch außerhalb des Genres, etwa in Hip-Hop und Reggae.

Aus der Anfangszeit von Recycle ließen sich zahllose Anekdoten erzählen. Eine davon zeigt besonders gut, dass Pamela und Lars auch angesichts von Hindernissen nichts unversucht ließen, um ihren Gästen eine gute Party zu bescheren. Im Mittelpunkt steht Grooverider, einer der prägenden DJs des Genres und bis heute langjähriger Weggefährte von Pamela und Lars.
Der charismatische Londoner DJ legte 1996 auf einer der damals schon gut besuchten Partys im Icon auf. Doch seine Anreise wurde zur Zerreißprobe: „Grooverider musste aufgrund eines Vorfalls am Berliner Flughafen kurzfristig in Prag landen”, erinnert sich Pamela euphorisch. Gemeinsam mit dem DJ überlegten sie und Lars, wie der langersehnte Gig trotz der Umstände doch noch stattfinden kann. Die improvisierte Notlösung: „Vom Flughafen in Prag fuhr ihn jemand schnellstens an die tschechische Grenze, wo Lars ihn mit dem Auto abholte”, erzählt sie lachend. „Die Party lief zu diesem Zeitpunkt bereits und Grooverider sollte spätestens um drei Uhr spielen“, ergänzt Lars. „Aber wir haben ein bisschen die Entfernung unterschätzt.“

Während die Veranstalter fieberhaft auf Grooverider warteten, wurden einige Gäste bereits ungeduldig und warfen ihnen sogar vor, das angekündigte Line-up erfunden zu haben. Doch Pamela und Lars hielten an ihrem Versprechen fest: „Bis sechs Uhr morgens warteten die treuen Gäste gespannt – dann tauchte Grooverider tatsächlich noch auf“, erzählt Pamela, nach all den Jahren noch sichtlich erleichtert.
Vom Keller ins Gretchen
Die Geschichte der „Recycle“-Partyreihen beginnt mit der Drum’n’Bass-Partyreihe „Jungle Mania“, die Lars damals noch im kleinen Keller des Clubs Acud schmiss. „Später wurde dann das von mir gegründete Icon im Prenzlauer Berg zum Zuhause von Recycle“, erklärt Lars und ergänzt bescheiden: „Zu Beginn kamen rund 50 Menschen, die wir über Mundpropaganda und persönliche Kontakte für die Drum’n’Bass Partys überzeugen konnten.”
„Mit dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten begann eine neue Episode“, ergänzt Pamela.
Im Icon wurde „Recycle“ für Pamela und Lars mehr als nur eine Partyreihe – sie wurde zum festen Bestandteil ihrer eigenen Clubgeschichte. „Wir waren damals 23 und haben uns die Verantwortlichkeiten innerhalb eines Clubs selbst beigebracht“, merkt Pamela an. Sie habe schon immer ein Talent für Organisation gehabt und in diesem Zuge Barkeeper:innen eingeteilt und stand auch selbst hinter der Bar. Pamela fährt fort: „Als das Icon dann aufgrund der Gentrifizierung schließen musste, stand deshalb nicht nur eine Venue auf dem Spiel.“ Es sei ein Ort gewesen, an dem sie erwachsen wurden und für den sie „viel Zeit, Geld und Emotionen“ investierten. Kurzzeitig stand im Raum, mit der Schließung des Icons grundsätzlich als Clubbetreibende aufzuhören. Obwohl diese Ereignisse 15 Jahre zurückliegen, ist Pamela im Gespräch sichtlich berührt, während sie über diese Erfahrung spricht.

Dann kam Unterstützung aus der Community: „Wir lassen uns unser Wohnzimmer nicht wegnehmen“, war die Haltung der Gäste, was die Clubbetreiber:innen dazu anspornte weiterzumachen. „Glücklicherweise fanden wir dann die Räumlichkeiten vom Gretchen.” Deutlich größer mit mehr Platz und zusätzlichen Möglichkeiten, beispielsweise für Live-Auftritte und Konzerte. Zwar waren Konzerte auch im Icon möglich, „jedoch musste man dort aufpassen, dass kein Gast von einer Posaune getroffen wird“, beschreibt Pamela lachend. „Mit dem Umzug in die neuen Räumlichkeiten begann eine neue Episode“, ergänzt sie.
Im Vergleich zu den wöchentlichen Partys im Icon finden die Recycle-Partys mittlerweile monatlich statt. Pamela erklärt: „Die geringere Frequenz gegenüber den frühen Jahren kompensieren wir mit größerem Line-Up, um möglichst viele DJs aus unserem Umfeld unterzubringen.“

Trotz der 30-jährigen Zeitreise ist für Pamela und Lars etwas Entscheidendes gleich geblieben: der Vibe. Ein gutes Beispiel dafür ist die Tanzfläche selbst. Findet eine Party statt, beginnen die Gäste nach gewisser Zeit Sitzmöglichkeiten zu verrücken. Ein Akt der Rücksichtslosigkeit könnte man meinen, doch Pamela und Lars wissen: „Die Gäste machen das auf vorsichtige und respektvolle Weise, bloß, um noch mehr Platz zum Tanzen zu haben.”
Auch sonst beschreiben die beiden eine auffällige Selbstverständlichkeit im Verhalten ihrer Gäste: „Sie geben Bescheid, wenn ein Wasserhahn kaputt ist, nehmen bei Scherben selbst einen Handfeger zur Hand und achten aufeinander. Manche kommen von weit her, bleiben bis zum Ende und legen sich vor der Rückreise noch kurz im Club hin“, erzählt Pamela begeistert.
Drum’n’Bass auf dem absteigenden Ast?
Dass eine Reihe wie Recycle drei Jahrzehnte übersteht, bedeutet allerdings nicht, dass die Bedingungen einfacher geworden sind. Im Gegenteil. „Das ist dein Steckenpferd.”, sagt Lars in Pamelas Richtung, als es zu diesem Thema kommt und das auch aus gutem Grund: Pamela engagiert sich seit 2015 dafür, dass Clubs als Kulturgut anerkannt und gefördert werden. Als heutige politische Sprecherin der LiveKomm und ehemalige Vorsitzende der Clubcommission sehe sie das Clubsterben und steigende Kosten als unmittelbare Bedrohung für Orte, die sich Nischen und bestimmten Communities widmen.
Die Gefahr: Wenn Kosten steigen, wächst der Druck zur Kommerzialisierung. Für Recycle sei das eine schwierige Balance. „Nicht alles Kommerzielle ist automatisch schlecht“, stellt Pamela klar, „Aber wir möchten keine Party veranstalten, hinter der wir nicht zu 100% stehen.“ Clubkultur sei schließlich mehr als Tanzen: Sie schaffe Räume, in denen Künstler:innen aufgebaut werden, Menschen sich ausprobieren können und unterschiedliche Lebensentwürfe Platz finden. „Gerade angesichts des aktuellen Rechtsrucks sind diese Räume besonders wichtig.“, fügt sie im ernsteren Tonfall hinzu.

Und dann ist da noch die neue Generation: Den 20-Jährigen, die ihren eigenen Club eröffnen wollen, würden Pamela und Lars vor allem eines mitgeben: Sich nicht von den Hindernissen abschrecken zu lassen. Für Pamela gilt: „Passion ist sehr viel wichtiger als eine Ausbildung. Die Gründung aus kommerziellen Gründen ist kein guter Ansatz.“ Lars ergänzt: „Gleichzeitig muss klar sein, worauf man sich einlässt: Tagsüber Büro, nachts Club – feiern ist nur ein kleiner Teil des Jobs.“
Wie geht es nach 30 Jahren weiter mit „Recycle“? Pamela und Lars sehen die Antwort ziemlich einfach und beantworten die Frage entschlossen: „Wir lieben Drum’n’Bass, die Energie und Vielseitigkeit. Vor allem aber schätzen wir die familiäre Struktur der Szene.” Immer wieder sei behauptet worden, Drum’n’Bass befinde sich auf dem absteigenden Ast. Die Erfolgsquoten der Recycle-Partys erzählen eine andere Geschichte. An ein Aufhören sei also noch lange nicht zu denken.

Das Jubiläum planten die beiden nicht als einmaligen Höhepunkt der Partyreihe. „Lars bucht ohnehin jedes Mal auf hohem Niveau.“, erkennt Pamela an. Für die beiden mache es keinen Unterschied, ob eine Veranstaltung ausverkauft ist oder vor kleinerem Publikum stattfindet. Bei Partys und Konzerten erfährt jeder Act dieselbe Wertschätzung, unabhängig vom Erfolg. „Alle Künstler:innen, egal ob Nachwuchs- oder bereits etablierte Bands, bekommen die bestmögliche Betreuung“, nennt Pamela als Beispiel und ergänzt: „niemand wird bevorzugt.“
Die Jubiläumsparty am 10. Oktober zum 30-jährigen Bestehen der Recycle-Reihe und dem 15. Geburtstag des Club Gretchen ist damit eine ziemlich deutliche Ansage: Die Party geht weiter. Vom Keller im Acud über das Icon im Prenzlauer Berg bis ins Gretchen hat sich einiges verändert. Geblieben sind dieselben Werte: Einen Raum zu schaffen, in dem Musik, Menschen und eine Szene Platz haben.