Produzentin Cordula Kablitz-Post über den „KitKatClub – Kinks of Berlin”: „Der Club ist dafür gemacht, dass sich Menschen frei entfalten können”

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Am Donnerstag ist „KitKatClub – Kinks of Berlin“ von Regisseur Philipp Fussenegger in den deutschen Kinos gestartet. Der beispiellose Dokumentarfilm über eine Reihe von Stammgästen des ikonischen Kink-Clubs wurde von Cordula Kablitz-Post produziert. 

Cordula Kablitz-Post  hat zahllose Dokumentarfilme über so illustre Persönlichkeiten wie Mickey Rourke, Helmut Berger, Christoph Schlingensief, Nina Hagen, Wolfgang Joop oder HP Baxter gedreht. Mit ihrem Arte-Format „Durch die Nacht mit …“ hat sie sich auch auf besondere Weise der Nachtkultur angenommen. In unserem Interview zu „KitKatClub – Kinks of Berlin“ gibt sie Einblick in die Produzent:innen-Perspektive, das Fingerspitzengefühl, das im Umgang mit dem Club-Soziotop notwendig ist, und den tieferen Sinn, den der verruchter Ort für sie hat.

Wie ist die Idee entstanden diesem Film zu machen? 

Ich kenne den Regisseur Philipp Fussenegger seit 2018. Wir haben immer wieder darüber gesprochen, mal etwas gemeinsam zu machen. 2020 hat ihn Kirsten [Krüger, KitKat-Geschäftsführerin, d.Red.] angesprochen. Das war in der Corona-Zeit, als alles geschlossen war. Ob er nicht Lust hätte, einen Film über das KitKat zu machen. Er war dort Stammgast, hatte Kirsten dort kennengelernt. 

Interessant: Die Idee für den Film kam aus dem Club. 

Er hat dann gesagt: Ja, warum nicht? Das war ja alles komplett unklar damals. Wir hatten ja alle Angst, dass die Clubs alle untergehen werden, es keine Clubkultur mehr geben wird nach der Krise. Man wusste ja auch nicht, wie lange das alles dauern würde. Das war alles komplett unklar zu der Zeit. 

Cordula Kablitz-Post 12/2022

Wie hat er dann gearbeitet? 

Wir haben erstmal geguckt, was man überhaupt drehen kann, zuerst mit Kirsten alleine. Das ist alles gar nicht in den Film gekommen, weil Kirsten sich irgendwann entschieden hat, dass sie dann doch nicht vor der Kamera stehen will. 

Was war dann Deine Rolle? 

Ich habe versucht, die Finanzierung auf die Beine zu stellen, das ist für uns als Firma Bedingung, bevor wir drehen. Philipp hat dann das erste Rohmaterial gesichtet, weil er wissen wollte, wie die von ihm ausgewählten Protagonisten vor der Kamera wirken. Ich habe dann Das Kleine Fernsehspiel des ZDF angeschrieben und gefragt, ob sie Interesse haben.

Wie haben die reagiert? 

Sie haben innerhalb von drei Wochen zugesagt, das habe ich noch nie erlebt. Die Redakteurin wollte sich auch gleich mit uns treffen. Das ist natürlich auch ein Projekt, wo man hofft, dass da auch schnell Interesse kommt. 

Raven Van Krüger und Spielpartner (Foto: avanti media fiction)

Das ist bei Stoffen des Kleinen Fernsehspiels eher die Ausnahme. 

Die Filmförderung Medienboard Berlin Brandenburg und FFA haben auch sofort zugesagt, wir konnten schon ein Dreivierteljahr später anfangen. Dann hat Philipp sehr mühsam versucht, Protagonisten zu finden. 

Warum seid ihr überhaupt diesen Weg gegangen? 

Wir wollten nicht, dass der Club alleine im Zentrum des Films steht, dass wir nur eine Art Club-Geschichte erzählen. Es sollte eine Momentaufnahme sein, denn der Club verändert sich ja ständig. Ich war in den Neunzigern im KitKat in der Glogauer Straße, da gab es den Club ja schon. Ich muss auch sagen, dass das damals nicht einer meiner Lieblingsclubs war. 

Was hat dich dann überzeugt? 

Philipp war so begeistert, weil der KitKatClub sein Leben verändert hat. Ich bin dann auch mit ihm dort hin und fand es wirklich auch viel, viel besser und cooler als früher. 

Vici Marvin (Foto: avanti media fiction)

Was ist heute anders als in den neunziger Jahren? 

In der Jugend gibt es eine ganz andere Offenheit für das Thema, allein das Wort Kink war ja früher, in den Neunzigern, kein cooles Wort. Erst seit etwa zehn Jahren geht das mit einer bestimmten Coolness einher und ist Teil einer Jugendkultur. Deshalb hat der Club heute eine weltweite Relevanz. Er ist dafür gemacht, dass sich Menschen dort frei entfalten können. 

Der Club war wiederholt in der Kritik nachdem Frauen von Übergriffen berichtet haben. 

Das war für uns sehr wichtig, diese ganze Diskussion im Film zu haben. Das ist nicht von der Hand zu weisen, dass es da sicherlich immer auch mal wieder schwarze Schafe gibt. Aber zum Glück hat man heute mit den Awareness-Teams die Möglichkeit, da gegenzusteuern. 

Tatsächlich ist die Kinky-Klammer heute für viele attraktiver als die Techno-Klammer, die das Nachtleben in den Neunziger, 2000ern und 2010ern dominiert hat. Mich interessiert, wie ihr euch entschieden habt, den Club über eine Reihe von Stammgästen zu erzählen. Ihr hättet euch auch auf die Räume, auf die Macher:innen, auf die Mitarbeitenden, auf die Geschichte des Clubs mit seinen verschiedenen Stationen in der Stadt konzentrieren können. 

Ausgangspunkt war Philips Faszination für den Club. Er hat früher in Köln gelebt, da kam er immer mal für ein Wochenende nach Berlin, nur um dorthin zu gehen. 

Oli und Foxy (Foto: avanti media fiction)

Was hat er da gefunden, was es in Köln nicht gab? 

Natürlich musst du ihn das selbst fragen, für mein Gefühl hat er sich da von seiner Herkunft befreit. Ich denke, dass er sich selbst sieht in dem Film. Er hat ein positives Verhältnis zu sich selbst und seiner Sexualität finden können. Er kommt aus der Kleinstadt Dornbirn im österreichischen Vorarlberg, von dort aus betrachtet ist die KitKat-Welt absolut exotisch. 

Wie ist das dann entstanden, dass ihr gesagt habt, ihr sucht jetzt so eine Reihe von KitKat-Stammgästen, die in dem Club etwas Existenzielles durchleben? 

Das war ein langer Prozess. Natürlich kommt auch Simon [Thaur, d.Red.] vor als jemand, der den Club mit gegründet hat. Manche sind auf Phillip zugekommen, nachdem sie von dem Projekt gehört hatten. Natürlich war immer die Frage: Was haben die jeweiligen Protagonist:nnen zu erzählen? Was haben sie für eine Geschichte? Natürlich wollten wir auch verschiedene Geschichten abbilden, das kann ja nicht immer in dieselbe Richtung gehen. Nach einer Weile wurde uns klar, dass wir zu viele Männer als Protagonisten haben, dann hat Philipp verstärkt nach Protagonistinnen gesucht. Natürlich war das klar, dass das ausgewogen sein sollte. 

Gab es dann sowas wie ein Casting?  

Nein, Philipp hat einfach angefangen zu drehen und dann geguckt: Was trägt, wo liegen Sympathien, wo kann er sich connecten? Ich war beim Drehprozess nicht dabei, ich habe das Material dann immer mit Producer Robert Kreuzaler und Editorin Judy Landkammer, die ja auch den Peaches-Film geschnitten hat, gesichtet und wir haben uns dann mit Philipp ausgetauscht. 

Raven Van Krüger (Foto: avanti media fiction)

Wie merkst du, ob eine Figur für dich funktioniert? 

Einer meiner Lieblinge ist auf jeden Fall Tim [aka Raven Van Krüger, d.Red.]. Er hat eine ganz große Ausstrahlung, ganz viel Charisma. Er nimmt sich selber nicht so ernst, er hat Humor, ist sehr reflektiert und hat so eine Natürlichkeit vor der Kamera. Er ist in Drag und als Tim völlig authentisch, gleichzeitig gibt es eine Spannung dazwischen. 

Er ist ja schon im ersten Bild zu sehen, er trägt den Film vom ersten Moment an. 

Er ist immer auf der Suche nach der Liebe. Die findet er aber nicht so sehr im KitKat. Ich finde es wahnsinnig mutig von ihm, sich so authentisch zu zeigen. 

Das macht ihn auch jenseits des Kink-Zusammenhangs als Figur interessant. 

Welches Leben will er leben? Ist der Club dann irgendwann eine Art Ersatz? Am Ende wird er ja sogar rausgeschmissen, weil er zu viel Drogen genommen hatte.

Raven Van Krüger (Foto: avanti media fiction)

Es ist konsequent, dass der Film die Abgründe und die Schattenseiten der Nachtkultur zeigt. Das ist vielleicht die Ambivalenz des Nachtlebens insgesamt: Man kann sich dort ausdrücken und finden, man kann aber auch verloren gehen. 

Man muss halt so eine gewisse Selbstkontrolle mitbringen und eine gewisse Disziplin, um im Nachtleben überleben zu können. Wenn du frisch nach Berlin kommst, das weiß ich von mir selber, wie das früher war, dann kommst du automatisch in so einen Rausch rein, weil du denkst, wow, hier geht ja alles, das ist ja der Hammer. Etwas, das du von nirgendwo her kennst, tagelang durchfeiern können ohne Sperrstunde. Und natürlich nimmt man das erstmal alles mit, wenn einen das interessiert. 

Du bist ja selbst in den Neunzigern nach Berlin gezogen, wie hast Du diese Zeit erlebt? 

Die 90er waren wild für alle, man ist ausgegangen und wusste nicht, wie und wo die Nacht endet. Da hat man dann auch manchmal nicht geschlafen und bist dann gleich zur Arbeit gegangen. 

Wo bist du hingegangen damals? 

Wir haben hier die ganze Anfangszeit von Techno mitgemacht. Im UFO am Kleistpark habe ich sogar meinen allerersten Fernsehbeitrag gedreht, für das Jugendmagazin HIGH LIVE bei RIAS-TV. Das war total cool, Klaus Jankuhn [Produzent von Westbam, d.Red.] hat mir ein Interview gegeben. Das war 1989, noch vor dem Mauerfall. 

Mali (Foto: avanti media fiction)

Der Film hebt sich von anderen Dokus durch das Schwarzweiß ab, es schafft eine bestimmte Klarheit, einen Fokus, ein Pathos. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, in Schwarzweiß zu drehen? 

Das war schon die Idee von Philipp und Dino [Osmanovic, Kameramann des Films, d.Red.]. Der Verleih hat dann erstmal Angst bekommen: Bloß nicht, das ist Kassengift. Aber es gibt natürlich auch ein paar Beispiele, wo das perfekt funktioniert hat, wie bei den alten Jim Jarmusch-Filmen oder bei „Eraserhead” von David Lynch. Dino Osmanovic ist ein unglaublich toller Kameramann, er hat mit Philipp studiert und kommt auch aus Dornbirn. Die sind zusammen nach Deutschland gekommen. Das war schon immer ein eingespieltes Team. Sie haben irgendwann entschieden: das sieht viel besser aus, ist irgendwie cooler. Das gibt dem Ganzen eine besondere Wertigkeit. 

Zuletzt: Ich fand auch diese Szenen am Ende mit Simon und seiner Freundin beeindruckend in ihren Schonungslosigkeit.

Das sprengt irgendwie ein bisschen den Film, weil nicht alle Zuschauer ihn alle als Gründer des Clubs erkennen. Er wird ja gar nicht so klar so eingeführt. Es geht auch über die Grenzen des Formats hinaus, weil die beiden nicht Besucher des Clubs sind, Thaur ist einer der Macher. Dann gibt es auch noch diese sehr persönliche Szene mit seiner Freundin. Es geht um Kirsten [Mitbetreiberin des KitKats und Exfreundin von Simon Thaur, d.Red.], aber Kirsten kommt ja nicht vor. Das versteht sicher nicht jeder im Kino. 

KitKatClub-Mitgründer Simon Thaur (Foto: avanti media fiction)

Warum entschieden, das als so eine Schlussszene zu nehmen? 

Du musst ja immer gucken, dass du so eine Klammer schaffst. Und da Thaur ja auch am Anfang steht, ist es ja auch gut, ihn am Ende noch mal vorkommen zu lassen. Sonst löst sich dieser Erzählstrang nicht auf. Und ich liebe das, wenn Mali [Thaurs Freundin, d.Red.] die Treppe hochgeht und einfach sagt: „Ich hasse ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn.” Ich finde das großartig. Da ist so eine Zwiespältigkeit, die in dieser Beziehung steckt – das ist da drin. 

Hat Thaur sich dagegen gesträubt, dass das gezeigt wird? 

Wir haben Thaur und Kirsten die Gelegenheit haben, vor der Endfertigung einmal draufzuschauen: Kirsten ist nach der Hälfte des Screenings rausgegangen und meinte, ach, also wenn das für Thaur okay ist, ist es auch für mich okay. Ich muss nach Hause. Sie hat Philipp da vertraut, denke ich. 

Das Ende ist wieder ein Anfang, es endet mit dem Aufbruch in den Club. Die Botschaft ist: Die Nacht, das Nachtleben geht immer weiter. 

Das soll nichts Abgeschlossenes haben, sondern ein offenes Ende sein. Das ist eine Momentaufnahme. Heute ist das so, aber in drei Jahren ist es vielleicht ganz anders. Es geht halt weiter. Zum Glück. Nach der Corona-Zeit wusste man das ja nicht mehr so genau. 

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