Dieser Festivalsommer war für Freund:innen ostdeutscher Schullandheimromantik besonders hart, denn: Kein Nachti. Kürzlich startete allerdings die Registrationsphase für 2027, ein zarter Hoffnungsschimmer am Horizont für all jene, die seit vergangenem Jahr sehnsüchtig darauf warten, ins Bungalowdorf Olganitz zurückzukehren. Auch wir waren dabei und erinnern uns in diesem Text gleich zweifach: Im ersten Teil Celeste Dittberner aus Erstgängerinnen- und im zweiten Teil Maximilian Fritz aus Wiederkehrer-Perspektive.
Ich bin Neuling auf dem Nachtdigital. Seit Jahren höre ich Schwärmereien darüber – von der musikalischen Vielfalt, von der eng gewobenen Gemeinschaft der Besucher:innen, die dem Festival seit Jahren die Treue halten. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen und meine Vorfreude. Der Weg zum Festival am Freitagnachmittag durch das ländliche Sachsen ist gesäumt von pittoresken Alleen, kleinen Höfen und Wirtshäusern. Am alten Schullandheim angekommen, wo das Festival stattfindet, trägt der Wind bereits beim Aufbau der Zelte die bebenden Bässe und sommerliche Prog-House-Klänge ins Camp. Der Uhrzeit nach, es ist bereits 20 Uhr, dürften gerade Helena Hauff und Victor spielen. Das Programm läuft also schon, und die wummernden Beats treiben uns dabei an, mit dem Zeltaufbau Tempo zu machen, was gar nicht so einfach ist. Zwar haben wir noch einen der letzten freien Plätze ergattern können, dummerweise befindet sich dieser aber auf einem kleinen Abhang. Kein Wunder also, dass dort noch niemand vor uns sein Lager aufschlagen wollte.

Mittlerweile ist es dunkel, und wir drehen erst einmal eine Runde über das Festivalgelände. Es ist überraschend klein, aber genau das macht den Charme aus: überschaubar, greifbar, irgendwie vertraut; vielleicht auch, weil das Nachti in einem alten Schullandheim stattfindet und unweigerlich Kindheitserinnerungen weckt. Die Beleuchtung auf den Stages wirkt stellenweise etwas grell, die Lichtshow über dem See ist umso eindrucksvoller. Die Dancefloors vor beiden Bühnen sind schon gut gefüllt, auf der Hauptstage spielt Special Request, auf der Seebühne Dahmar. Doch so sehr wir uns bemühen, fesselt uns keines der beiden Sets wirklich. Special Requests schwerer, bretternder Sound wirkt für uns in diesem Moment zu intensiv, zu roh und zu aggressiv. Passend dazu ereignet sich eine schon fast unheimliche Szene.
Bei Tageslicht wirkt auch das Publikum viel entspannter und altersmäßig sehr breit gefächert. Fast alle tragen ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.
Eine kleine Gruppe tanzt ekstatisch, getragen von Special Requests eindringlichem Set, währenddessen spiegelt sich die Lichtshow in ihren Gesichtern, vergrößert die ohnehin schon riesigen Pupillen und verzerrt ihr breites Grinsen zu gruseligen Masken. Das bewirkt, dass wir uns beinahe ein wenig fehl am Platz fühlen, inmitten dieser Energie. Also ziehen wir uns zurück und machen uns auf den Weg zum Ambient-Floor, der etwas abseits liegt und sofort mit einer ruhigeren, verspielteren Atmosphäre lockt. Offiziell eröffnet er um Mitternacht, doch schon zehn Minuten vorher hat sich eine kleine Menschentraube vor dem Eingang versammelt, die den Countdown mitzählt, bis er endlich öffnet.

Zur Stage führt ein schmaler Feldweg, gesäumt von sternförmigen Lampen, die fast wie Weihnachtsdekoration anmuten. Auf dem Floor selbst schaffen große Perserteppiche eine behagliche Grundlage, auf der sich eine kleine Matratzenlandschaft ausbreitet. Stofffetzen und Palmen rahmen die Szenerie, eine Kombi, die auf den ersten Blick fast so wirkt, als hätten Weihnachtslichterketten Urlaub in der Karibik gemacht, überzogen von weißen Sonnensegeln, in denen sich der rötliche Schimmer der Scheinwerfer verfängt. Das Opening übernehmen Shimmy Robin b2b F#X, die mit einem breakigen Fundament und verträumt tänzelnden Chime-Melodien starten, die wie ein Windspiel im Raum klingen. Ein Wermutstropfen: Obwohl der Ambient-Floor etwas abseits liegt, dringt der Bass von der Hauptbühne bis hierher durch.
Zum Abschluss überrascht er mit einem Cover von Bryan Ferrys „Don’t Stop the Dance” und übergibt danach die Bühne an Nadia Struiwigh, die mit einem einstündigen Live-Set nahtlos anknüpft.
Vielleicht kommen wir auch gerade deshalb an diesem Abend nicht so richtig in Stimmung: Der druckvolle, aggressive Sound von Special Request, der tiefe Bass der Hauptbühne. Und wohl auch unser Fehler, erst so spät im Dunkeln anzukommen, als viele schon auf einem ganz anderen Level sind. Im Gegensatz zum Morgen darauf: Auf der Mainstage herrscht von 10 bis 19 Uhr Pause, davor gestaltet Sarkawt Hamad das Closing des ersten Festivaltags – ein Set voller proggiger, breakiger Sounds, das gleichermaßen verträumt wie groovy wirkt und den Morgen auf eine sehr wohltuende, atmosphärische Weise einleitet. Bei Tageslicht wirkt auch das Publikum gleich viel entspannter und altersmäßig sehr breit gefächert. Obwohl viele wahrscheinlich immer noch wach sind, tragen fast alle ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.
Anschließend eröffnet Job Jobse die Seebühne in gewohnter Manier mit fröhlichen, upliftenden House-Tracks und dem einen oder anderen Hit, der für gute Laune sorgt. Ursprünglich als b2b mit Alex Kassian angekündigt, steht er an diesem Tag alleine hinter den Decks, was hier niemanden stört.

Allzu viele zusätzliche Nebenbeschäftigungsmöglichkeiten bietet das Festival nicht, und die braucht es auch nicht. Es gibt aber Karaoke und sogar einen Triathlon. Richtig gelesen: Am Samstag um 13:30 Uhr stürzen sich tatsächlich einige Festivalgänger:innen in einen Wettbewerb aus Schwimmen im See, Radfahren und einem abschließenden Lauf. Ungewohnt wirkt das im Festival-Kontext allemal, ist aber äußerst unterhaltsam anzusehen – und den Teilnehmenden scheint es sichtlich Spaß zu machen.

Ab 19 Uhr eröffnet Der Assistent die Mainstage. Hinter dem Projekt steht Tom Hessler, Frontmann der Hamburger Indie-Band Fotos. Er gilt als „Geheimtipp des Festivals”. Eine Bezeichnung, die insofern überrascht, als Songs wie „Domino” oder „Signale” bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Auffällig ist vor allem der stilistische Bruch: Während sich das Festival überwiegend auf House, Techno und Dub konzentriert, schlägt Der Assistent eine ganz andere Richtung ein und sorgt damit für einen besonderen Kontrast im Line-up. Die Sonne steht inzwischen tief und taucht die transparente Bühne in pastellfarbenes Licht. Die Atmosphäre wirkt entspannt, fast verträumt: Viele sitzen im Sand vor der Bühne, andere wiegen sich im Stehen zu den melancholischen Melodien und weitläufigen Klangkulissen. Musikalisch pendelt Der Assistent zwischen introspektivem, dubbig gefärbtem Pop und zarten, organischen Soundtexturen. Zum Abschluss überrascht er mit einem Cover von Bryan Ferrys „Don’t Stop the Dance” und übergibt danach die Bühne an Nadia Struiwigh, die mit einem einstündigen Live-Set nahtlos anknüpft.

Hier, auf der Mainstage des Nachti, entfaltet sich ihr Konzert wie eine musikalische Erzählung, die das Publikum sanft in eine andere Welt zieht. Zwischen tiefen Ambient-Landschaften, treibendem Electro und hypnotischem Techno tauchen immer wieder eigenständige Passagen auf, verträumte, beinahe schwebende Downtempo-Orbit-Sounds etwa, die eine beruhigende Wirkung entfalten und auf eine seltsame, fast intime Weise berühren. Dann, wie aus dem Nichts, brechen schnellere Breakbeat-Sequenzen mit treibenden Kickdrums durch – kraftvoll, energetisch und zugleich präzise kontrolliert.
Nadia Struiwigh wechselt spielerisch zwischen beatlosen, atmosphärischen Momenten und energiegeladenen Peaktime-Ausbrüchen. Schade ist nur, dass sich die Stage während des Sets zunehmend leert – vermutlich weil sich viele Besucher:innen zu diesem Zeitpunkt eher nach energetischen Beats mit mehr BPM sehnen. Nichtsdestotrotz: Ihr Set ist eines der Highlights des Programms.

Mit diesem Gefühl im Rücken gehen wir weiter zum einzigen Floor im Innenbereich, der Laube. Dort können sich Besucher:innen anmelden, um in einem DJ-Battle gegeneinander anzutreten. Dann wird gelost, und mit ein wenig Glück bekommt man einen Timeslot. Aus dem geplanten kurzen Abstecher wurden schnell zwei Stunden, in denen wir uns von der Energie des Raums mitreißen lassen. Die Stimmung ist großartig, die Sets abwechslungsreich und überraschend facettenreich. Sie reichen von treibendem House über experimentelle Basslines bis hin zu schnellen, rohen Techno-Tracks. Ein wilder Mix, der die eine oder andere musikalische Überraschung liefert.
Im Sand tanzt eine Mischung aus Nachteulen, die noch kein Auge zugemacht haben, und den frühen Vögeln, die mit einem frisch aufgebrühten Kaffee in der Hand den neuen Tag begrüßen.
Draußen auf der Mainstage spielt derweil Neel, ursprünglich als Live-b2b mit Vril geplant, der jedoch kurzfristig absagen musste. Sein Set: hypnotisch und tief, dichte, fließende Grooves, subtil schraubende Synth-Flächen und ein Bass, der eher unter die Haut kriecht als frontal anzugreifen. Wir wechseln immer wieder zwischen drinnen und draußen, um sozusagen best of both worlds mitzunehmen: die rohen, spontanen Battle-Momente der Laube und Neels präzise, tranceartige Séance unter freiem Himmel.

Ein weiteres Highlight ist das Set von Richard Akingbehin und Sevensol am Sonntagmorgen. Während die Sonne die Mainstage in ein helles Licht taucht, tanzt die Menge im Sand, eine Mischung aus Nachteulen, die noch kein Auge zugemacht haben, und den frühen Vögeln, die mit einem frisch aufgebrühten Kaffee in der Hand den neuen Tag begrüßen. Musikalisch spannt das Duo einen weiten Bogen: Richard Akingbehin, bekannt für seine deepen, dub-infizierten Techno- und Ambient-Sets, bringt hypnotische Tiefe ins Spiel, während Sevensol mit seinem Faible für warmen House, UK-inspirierte Grooves und detailverliebte Dub-Techno-Varianten für Leichtigkeit und Flow sorgt. So entsteht ein breit gefächertes Set, das zwischen dubbigen Soundscapes, subtilen Breaks und sanft rollenden House-Rhythmen changiert und für uns das Ende des Festivals markiert.

Obwohl der Zeltaufbau am Freitag auf dem kleinen Abhang einiges an Kraft und Geduld gekostet hat, gestalten sich Abbau und Abreise am Ende überraschend unkompliziert und problemlos. Das Nachtdigital bietet viele wohlige Momente, die im Gedächtnis bleiben. Dennoch ist es, wie die Name schon verrät, vor allem ein Festival der Nacht, und gerade tagsüber entfaltet es für mich persönlich weniger Reiz, weil ich gerne im Hellen feiere. Gleichzeitig wird deutlich, dass die langjährig eingespielte Gemeinschaft für Neulinge zunächst etwas schwer zugänglich sein kann: Viele kennen sich, haben feste Abläufe und bevorzugte Plätze und ihre vertrauten Rituale prägen das Festivalerlebnis auf eine Weise, in die man erst hineinfinden muss. Trotzdem sind all die Schwärmereien durchaus nachvollziehbar: Die besondere Atmosphäre auf dem alten Schulland-Gelände lässt das Ganze wie einen großen Spielplatz für Erwachsene wirken, vor allem für jene, die seit Jahren Teil dieser eingespielten Gemeinschaft sind und sich hier inzwischen alle zwei Jahre aufs Neue wiederfinden. Celeste Dittberner
Der Hang zur augenzwinkernden Aneignung des Geistes des ZDF-Fernsehgartens
Ich gebe es zu: So ganz habe ich die sklavische Verehrung des Nachtdigital, heute Nachti, früher nicht durchdrungen. Das mag daran liegen, dass ich aus Bayern bin und das Festival nicht untrennbar mit meiner Rave-Sozialisation verknüpft ist. Oder daran, dass ich mit dem etwas eigentümlichen Olganitzer Humor nicht immer viel anzufangen wusste. Und doch besuche ich es seit 2019, seiner letzten Edition als Nachtdigital, bei der während des Closings gefühlt der komplette Dancefloor weinte, bis auf mich, jedes Mal aufs Neue. Und lasse mir von meinen Berliner Freund:innen mit großen Augen erklären, was es für sie bedeutet, die ikonische Elefantenrutsche zu sehen oder nur wenige Meter vom Gelände entfernt unterm Basketballkorb zu campen. Das ist schließlich Tradition, oder akustische Selbstgeißelung, die sich aus nostalgischer Verklärung speist. Dachte ich zumindest, bis ich mein Zelt letztes Jahr erstmals dort aufschlug und feststellte: Es ist dank des Grabens tatsächlich deutlich angenehmer als am Hang.
Das Nachti killt with kindness und lädt auch die grummeligsten Distinktionsraver:innen dazu ein, sich zum Deppen zu machen.
Das Nachti, das wurde auch 2025 wieder klar, ist zuvorderst ein Festival für Eingeschworene und Eingeborene, deshalb aber noch lange keine selbstreferenzielle Nabelschau mit den immergleichen Abläufen. Klar, in Olganitz pflegt man seine Rituale, etwa eine chaotisch choreografierte Pyroshow zu Beginn des Festivals, ehe sich die Tore zum Einlass öffnen. Oder das gemeinschaftliche Fetischisieren ulkiger Gegenstände wie Stoffzigaretten in Übergröße auf dem Floor. Oder das Bilden einer monströsen Polonaise, die das Potenzial hat, jede:n einzusaugen. Oder Stagediving mit Sturzhelm und Sektdusche, das ich in diesem Jahr ausnahmsweise nicht beobachten konnte. Das Nachti besteht aber ebenso aus seiner musikalischen Identität, die das Festival in diesem Jahr besser traf als noch 2023, als sich auf dem Line-up etwas zu viele Acts aus dem internationalen Jetset tummelten. Mindestens ebenso wichtig ist die Perspektive, ein Festival tatsächlich gemeinsam zu bestreiten, ob man will oder nicht.

Das Nachti killt with kindness und lädt auch die grummeligsten Distinktionsraver:innen und Floormaschinen dazu ein, zu menscheln, sich zum Deppen zu machen. Nirgends wird das offensichtlicher als beim samstäglichen Animationsprogramm abseits der regulären Bühnen. Die diesjährigen Zutaten: Haufenweise mitgebrachter Alkohol, Karaoke und Biertische, die nur folgerichtig Bierzeltatmosphäre unter freiem Himmel aufkommen ließen. Karaoke-Performances zu „Freed From Desire” oder spontane Bob-Einlagen zum guten alten „Schumacher” von DJ Visage, so würde man es wohl im Sinne der Ausrichter mit ihrem Hang zur augenzwinkernden Aneignung des Geistes des ZDF-Fernsehgartens formulieren, ließen kein Auge trocken. Oder: sorgten für ausgelassene Atmosphäre.


Das Alleinstellungsmerkmal des Nachti ergibt sich nun daraus, dass ein humoristischer, niedrigschwelliger Zugang auf durchweg seriöse elektronische Musik trifft. In Zeiten, in denen andere Festivals ihr erlesenes Line-up kuratieren oder gewisse von der Muse geküsste DJs in vermeintlich grenzgängerischer, tatsächlich arg prätentiöser Manier austesten, wie viel Kunst eine Clubveranstaltung verträgt und inwieweit sich diese beiden Welten befruchten können, verdient es Lob, das Kulturgut Rave nicht auf Teufel komm‘ raus zu überintellektualisieren. 2025 bewies: Das funktioniert, und zwar sehr gut.

Weil nicht nur das Line-up an sich unverwechselbarer gebucht wurde und mit Dahmar, lindos XP und weiteren regionalen Acts der Fokus wieder stärker auf der ostdeutschen Szene lag. Auch weil über weite Strecken wieder zwei Bühnen gleichzeitig liefen und man deshalb die Wahl zwischen Techno und House hatte. Wer nicht mit Mary Lake, die ein fantastisches Set spielte, in den Tauchroboter steigen wollte, ließ sich ein paar hundert Meter weiter von LIA oder Sprays Live-Set, das schnell zum Festivalgespräch Nummer eins avancierte, in enthemmte Stimmung versetzen. Introversion, Extroversion, Yin und Yang.

Und die letzten Stunden gehörten sowieso zum Besten, was der Festivalsommer in diesem Jahr zu bieten hatte. Das fing mit Sonja Moonear an, die muskulösen Tech-House für eine Afterhour spielte, die zur Zielgeraden wurde – Camisras „Let Me Show You” oder Jhobeis „Defusion Solution” –, und mit dem gelinde gesagt hypnotischen „Xumba Xumba” von Mainline Magic Orchestra im Eden-Burns-Remix das Publikum wahlweise knapp an der Psychose vorbeischrammen oder endgültig ausrasten ließ. Das Closing von Map.ache und Yamour wartete mit gelegentlichen Hits auf, ohne diese paradieren zu lassen. Will sagen: DJ Tonkas „She Knows You” flankierten nachdenkliche Tracks wie Trevinos „Backtracking”, die wehmütige Gedanken an die anstehende Durststrecke aufkommen ließen. Bis nächstes Jahr, Nachti. Maximilian Fritz