Die Nation of Gondwana ist so etwas wie das gute Gewissen der deutschen Festivals für elektronische Tanzmusik: Nicht-kommerziell, inklusiv, ein generationenübergreifendes Spektakel für Raver:innen ohne zwanghaftes Distinktionsbedürfnis. Um die Probe aufs Exempel zu machen, haben wir dieses Jahr zwei unserer Autor:innen aus verschiedenen Alterskohorten als Tagteam auf den Acker geschickt, der eine, Maximilian Fritz, zum fünften Mal, die andere, Lea Jessen, zum ersten Mal da. Wie sie das Festival erlebt haben, haben sie im Folgenden abwechselnd geschildert.
Ein niedrigschwellig zugängliches Premiumprodukt
Ist es zu dick aufgetragen, von Homecoming zu sprechen? Das Wetter in Grünefeld ist lau, der Empfang fällt wie immer wärmstens aus. Nirgends sonst begrüßen die Mitarbeiter:innen am Festivalgelände mit einer derart gut ausgegorenen Mischung aus Herzlichkeit und Professionalität. Nach dem Scannen der Tickets führen Lotsen zu jenen Flecken im Zeltwald, wo noch ein paar Quadratmeter Platz sind – in unserem Fall direkt neben einem ausladenden Anhänger mit aufgedrucktem Logo der Mittelalterband Corvus Corax und üppiger Einrichtung. Dessen Besitzer begrüßt uns mit breitkrempigem Hut und noch breiterem Lächeln. Und einem Prügel von Hammer, mit dem er die Heringe unserer Zelte in den kargen Brandenburger Boden rammt. Der Mann hat für jedes Problem eine Lösung – wenn im Vorhinein von intergenerationaler Verständigung die Rede war, passiert sie just in diesem Moment. Eine Konstellation, wie sie nur in der selbsternannten und selbsterfüllenden Parallelwelt Nation of Gondwana möglich ist. Und eine, die auch beim fünften Mal noch überrascht.
Auf keinem Festival sonst kommen Menschen so harmonisch zusammen, die im sonstigen Feierleben so wenig Schnittmenge aufweisen. Unseren Nachbarn, der neben seinem Job als Pfleger für Menschen mit Behinderung am Wochenende als Schausteller Trinkhörner verkauft, hätten wir höchstens auf einem Mittelaltermarkt kennenlernen können. Homogenität und Snobismus wie auf handelsüblichen Boutique Festivals, die den ewigen Sermon von wegen Von der Szene, für die Szene wiederholen, den vibe curaten und nicht merken, dass alle elitären Grüppchen nach dem Breathworkworkshop nur nebeneinander her feiern, finden sich hier nicht. Die Nation ist und bleibt niedrigschwellig im Zugang, gleichzeitig ein Premiumprodukt in allen anderen Belangen. Und wer mit Hippies und dem ein oder anderen Glitzergesicht so gar nichts anfangen kann, sucht sein Glück eben woanders. Maximilian Fritz
Den Acker, ganz in Lehrlingsmanier, so wenig wie möglich verlassen
Als selbst- und fremdernanntes Küken der Gruppe mangelt es nicht an Hilfe der erfahrenen, bunten Festival-Hähne dabei, das sandige Gelände in den ersten Minuten auf seinen essenziellen Orbit zu begrenzen. Die Nation hat eine angenehme Größe, bemerke ich auf den ersten Blick; klein genug, um sich nicht fremd zu fühlen, groß genug, um seine auserkorene Wochenendfamilie für eine halbe Stunde aus den Augen zu verlieren. Die ein oder andere Federpracht in Form von Hut-Accessoires oder langen Ohrringen bekomme ich sogleich zu Gesicht. Mir laufen aber auch alltagstaugliche, ausgewaschene Metallica-Shirts oder Menschen in sommerlichen Hemden entgegen. Außerdem finden sich auffallend viel Nachti-Merch und gesiebdruckte Hinweise darauf, dieses oder jenes Label zu kennen. Musiknerdtum ist so zwar zu spüren, steht aber eher für die jahrelange Rave-Erfahrung und das – für mich – höhere Durchschnittsalter anstatt den krampfigen Berliner Szene-Smalltalk.
Netz gibt es hier so gut wie keines, deshalb machen wir uns am frühen Abend grob mit dem analogen Timetable vertraut. Ich habe mir vorgenommen, das Line-up vor Festivalbeginn nicht genauer anzuschauen, um den Acker, ganz in Lehrlingsmanier, so wenig wie möglich zu verlassen.

Mit dem schon vor Festivalbeginn beworbenen Erdbeer-Daiquiri bekommt die Meute nun endlich Auslauf zum von Victor gespielten Edit von Jump Sources „Shattered” – ein klassischer Festival-Track, der trotzdem mal etwas anderes ist. So richtig in Fahrt kommen alle, als mit der Dämmerung Xiaolin zu spielen beginnt. So lese ich es zumindest den zufrieden lächelnden Nation-Expert:innen von den Lippen ab. Lea Jessen
Zu viel angestrengter Pop im White-Noise-Gewitter
Xiaolin, derem infektiösen Grinsen man anmerkt, dass sie hinter den Decks mehr als Routine verrichtet, ist ein gutes Beispiel für das extrem ausgewogene Booking in diesem Jahr: Aufstrebende Namen aus dem Mittelbau stehen neben den ganz Großen wie Avalon Emerson oder Robert Hood. Erstere feuert am Freitagabend ein Hitfeuerwerk ab, dem es nicht an Drops, aber an Sensibilität mangelt. War sie früher ein untrüglicher Cheesiness-Seismograph für den exakt richtigen Moment, in dem die Hände nach oben gingen, verhält sie sich an diesem Abend zu House Music wie Tame Impala zu Psychedelic Rock: Da ist zu viel angestrengter Pop im White-Noise-Gewitter und leider zu wenig Substanz.

Die trieft ein paar Hundert Meter weiter in rauen Mengen zwischen Kicks hervor, wo 1morning ein hochgeschwindiges Set abliefert, das kein Gebretter ist, sondern eine Lehrstunde in Funk und nachvollziehbarem Groove, als hätte man Jeff Mills sanft gebettet und ins Neapel der Neunziger verfrachtet. Dazu das fein perlende Knacken von Vinyl: Die Nation hat ihren ersten großen Moment, weil kantiger Techno-Traditionalismus auf dem Acker seine Bestimmung findet und kaum irgendwo besser hinpasst. Maximilian Fritz
Eine Zigarette, für die es eindeutig noch zu früh ist
Wenn man nicht schon nach den feuchten und blickdichten Nebelschwaden zu erbarmungslos schönem Gewummer das Gefühl hatte, man würde erstmals in den heiligen Ritualcharakter der Nation hineingetauft werden, so geschieht dies spätestens mit dem vom Barkeeper wiederholt gepredigten Gebot Entschwindet in die Nacht.
Die riesigen Lichtinstallationen drehen unterdessen unermüdlich ihre Spiralen und Pirouetten über dem Teich, den man hier See nennt, und vervollständigen damit endgültig das endgültige Bild einer Zeremonie, mit Coffintexts als Meisterin auf der anderen Uferseite. So tanzt man sich also in den Sand, bis die traditionelle Musikpause beginnt.

Eine Nebenwirkung bringt der kurze Schlaf mit sich: Die Sorge, womöglich die Allstars des Festivals verpassen; nach einem üppigen Frühstück aus zwei zerquetschten Müsliriegeln schließen wir uns schleunigst dem Menschenstrom an, den es vom Zeltplatz zur bereits überfüllten Seebühne mit dem Grünefelder Frauenchor zieht. Auf dem Programm stehen „Yellow Submarine” und das selbst gedichtete Nation-Cover von „Ohne dich (schlaf ich heut‘ Nacht nicht ein)”. Aus Verlegenheit über meine Textunsicherheit zünde ich mir eine Zigarette an, für die es eindeutig noch zu früh ist und die ich letztendlich abbrechen muss. Ein schnelles Mittagessen, dann wieder Richtung Schläfchen.

Auf dem Acker muss man seine Beine zum Glück nicht in katerunübliche Yogapositionen verrenken oder sich mit morgendlich vernebeltem Hirn auf Kakaozeremonien konzentrieren. Wer auf der Suche nach kollektiver Aktivität ist, wird sich wohl oder übel irgendwann auf der Tanzfläche wiederfinden. Und wer bis zu diesem Spätnachmittag daher noch nicht auf der Wiese gelandet ist, wird spätestens jetzt von Luigi Tozzis hypnotischem Live-Set sanft, aber bestimmt aus seinen Träumen gerissen. Sein Sound begibt sich in Deep-Techno-Gefilden organisch wabernd zwischen die Menge, bevor er tiefer greift und dunkler wird. Wegen dieser Vorhersehbarkeit im besten Sinne ist uns der frühe Slot des Italieners allerdings unbegreiflich. Lea Jessen
Der bunte schweißberandete Stoffzylinder eines schwulen irischen Muskel-Dons
Die Begleitungen schon zur Darbietung des Chors entschwunden, gilt es bei den Dusch-Schlangen nun ein Malheur zu vermeiden. Viel zu lange stehe ich in der FLINTA-only-Reihe, um schlussendlich zu merken, dass ich die kardiovaskuläre Belastungsübung nach der ersten Partynacht schon längst hinter mir haben könnte: Die All-Gender-Schlange geht relativ fix voran, das eiskalte Wasser lässt den Atem zu einem arhythmischen Hecheln werden.
Der Frauenchor, der eigentlich keiner ist, sondern ein Kirchenchor, der nur aus Frauen besteht, wie mir vor inzwischen sieben Jahren noch von beiden Nation-Gründern mitgeteilt wurde, ergreift auch heute noch. Tatsächlich bewegt sich Rave hier so nahe am Sakralen, dass der Exzess liturgischen Charakter bekommt: Die Performance fühlt sich jedes Jahr an wie ein Freiluftgottesdienst ohne vom Glauben Ausgeschlossene, ob sie nun während der Zeremonie konsumieren oder eine Sexualität haben, die etwa der katholischen Kirche nicht passt. Nach der Darbietung, während der wie jedes Jahr Aufregung, die ein oder andere musikalische Unzulänglichkeit und Herzblut ineinanderfließen, heißt es Abhängen mit unserem Nachbarn, Anekdoten aus der Welt der Schausteller und Gaukler inklusive.

Nachdem Luigi Tozzi während der letzten Sonnenstunden dunkle Musik spielte, verfolgen wir Marie Montexiers Dub-House und -Techno-Set mit „Knights Of The Jaguar” als Schlusspunkt, das optimal in die Nacht überführt, von Hängematten am Waldrand aus. Ich probiere den bunten schweißberandeten Stoffzylinder eines schwulen irischen Muskel-Dons an, der mir nicht so recht über den Kopf rutschen will. Bis ich begreife, dass Zylinder das überhaupt nicht sollen – und es plötzlich Nacht wird. Maximilian Fritz

Eine Platte, von der ich mich vier Tage nach dem Festival nicht erhole
Wie wir da so baumeln, zwischen den Bäumen, haben wir die Zeit ein wenig aus dem Blick verloren. Sehr gut im Blick haben wir hingegen die lange, beleuchtete Tafel, die bis in den Wald hineinragt. Sie bietet eine Vielzahl an Plätzen, um sich auszuruhen und wieder in den Festivalgroove zu finden.
Ich lasse mir nach beharrlicher Fragerei auch den Rest des Geländes mit seinen zwei kleineren Bühnen und der Sauna zeigen, steige nach Auskunft in den Groove der kleinen Gruppe ein, der eine binäre Bühnenpendelei zwischen See und Wiese ist. Die Pirouetten der Laser-Ballerina sehe ich heute also en détail, während Gene On Earth vor mir eine Platte auflegt, von der ich mich auch die vier Folgetage nach dem Festival nicht erhole und für die ich verzweifelte Reddit-Suchanfragen nach der Track-ID ins Nichts schieße.
In den heiligen Stunden einer jeden Musikveranstaltung (1 bis 4 Uhr) besuchen wir die Mutter des peitschenden Peaktime-Techno (Dasha Rush) und das rotbärtige Mustsee aller Berghain-Altersstufen (Rødhåd). Lea Jessen
Souveränes Heimspiel
Das Faszinierende an Dasha Rushs Techno-Sets ist, wie sie Subtilität und Zug verschränkt. Bei ihr hat man fortwährend das Gefühl, als würde unter dem Gewitter aus Kicks etwas Zartes warten, das man nicht so recht greifen kann, ein schüchterner Ozean mit Irrungen und Wirrungen, eine wohlige Desorientierung, wie sie die irisierenden Visuals an der Wasseroberfläche über uns nicht besser abbilden könnten. Ein konsistenter Fluss ergießt sich auf die Wiese, völlig anders als etwa bei 1morning am Vorabend, spirituell, psychoaktiv, eines jener Sets, das man präsentiert, wenn man Personen zu erklären versucht, wieso man Techno House vorzieht: Eine zweistündige Séance, druckvoll und überwältigend, aber eigentlich ein Verweilen in Ambient-Sphären.
Im Anschluss betritt Rødhåd die Bühne. Sein Set ist eines jener habitualisierten Rituale, das die Frischzellenkur der Nation überlebt haben. Ehedem Dystopianer und nun am Wiesenweg situiert, steht Mike Bierbach für klassischen Techno, der gerne in Bleep-Gefilde ausschert und das Meer aus Totems zum Wogen bringt. Hier hat jemand ein Heimspiel, das er über Gebühr souverän gestaltet. Maximilian Fritz
Einige Gesprächspartner:innen und guten Discoplatten mit leicht übersteuerten Mitten
ivwutang spielt sich unterdessen lässig und mit chaotischer Finesse durch die eher unkonventionelle Dub-und Dance-Music-Palette. Ihr Sound ist so chic, dass man sich als Genrefremde zum violetten Gleißen über dem Strand unvermittelt in ihn verlieben muss. Ein bisschen Wärme in der Brust hat nämlich noch niemandem geschadet. Und genau die liefern in den Morgenstunden Prosumer und Immy weiterhin – dem oft gespielten Closer-Classic „Lovelee Dae” schwört man auf jedem Festival aufs Neue ab und findet sich doch wieder mit einem so dicken wie dämlichen Grinsen in den ersten Reihen vor.
Mein Weg zum Zelt wird von einigen Gesprächspartner:innen und guten Discoplatten mit leicht übersteuerten Mitten unterbunden, bis es für mich – entgegen traditioneller Durchmach-Richtlinie der älteren Generationen – in den Polyesterkokon geht. Lea Jessen
Knüppelharter, digitaler Techno in unbarmherziger, lebensfeindlicher Umgebung
Prosumer ist einer jener DJs, bei denen man schon beschwingt auf den Floor schwoft. Soll heißen: Hier wird nicht nur chinstrokerhaft zugehört, sondern sowieso getanzt. Achim Brandenburg thront im schwarz-weißen Hawaiihemd über der Menge und sondert jene ungemein einnehmende Liebenswürdigkeit ab, die nur er ausstrahlt, seine Erscheinung synonym mit Geborgenheit. „Lovelee Dae” und „Promised Land” machen Spaß wie eh und je, später folgen noch weitere Klassiker aus dem Disco-House-Segment, die mich persönlich nie abgeholt haben und nie abholen werden. Sakrileg und Wurzelverleugnung? Hilft ja nichts.
Ich gehöre zur älteren Generation und plane also wach zu bleiben, deswegen schnurstracks rüber zu Irakli, der überhaupt nichts von Sonnenaufgangsdynamiken zu halten scheint und knüppelharten, digitalen Techno durch jene unbarmherzige, lebensfeindliche Umgebung peitscht, die sich einst Wiese nannte. Steampunk, Mad Max, Sand und Dreck ziehen durch die Crowd und in deren auf Halbmast hängende Münder, steter Tropfen höhlt den Stein – und schabt bei Bruxismus gehörig am Dentin.
Tagsüber spielt noch so einiges, nach einigen Irrungen, Wirrungen und Hängematten-Hängern finden wir uns bei CCL für den Schlussspurt wieder. Maximilian Fritz
Etwas Gospel von Floorplan auf den sandverkrusteten Körper
Am Nachmittag erwache ich zu genauen Standortanweisungen auf einem mir hinterlassenen Zettel zu meinen Füßen. Unser Nachbar, offenbar aus demselben unverwüstlichen Holz geschnitzt wie meine Festivalbegleitungen und dementsprechend noch wach, hält mir schon das Koffein vor meine von Sand und Staub malträtierte Nase. Startklar also. Die Sonne knallt erbarmungslos auf den bunten und munteren Haufen, in den ich mich nun, so die Anweisung, werfe. Die leichte Wehmütigkeit, die üblicherweise auf wochentags nach dem Festivalwochende terminiert ist, hat es eiliger als sonst, spätestens nach Trevinos „Eclipse”.

Mit dem Regen folgt kurz darauf das Highlight der ursprünglich grünen Wiese: Der Detroiter Robert Hood braucht drei Elemente, um eine Crowd zu fangen: Kick, Hi-Hat und einen Loop, der sich in mikroskopischen Verschiebungen enger und enger um einen legt, bis die eigenen Synapsen im Viervierteltakt feuern. Mittendrin reißt etwas Gospel von Floorplan die kargen Fetzen auf und streichelt sorgsam die sandverkrusteten Körper.
Nach rasch verflogenen Stunden zwängt sich die Gewissheit über meinen Arbeitsalltag außerhalb des Festivalkosmos langsam zwischen die Produktionen von Hood. Mit Blick in Richtung Ausgang und dabei, den Track „And Then We Planned Our Escape” ernst zu nehmen, zerrt mich Jeff Mills‘ „The Bells” unweigerlich zurück ins Getümmel und sorgt für einen perfekten Abschluss, bevor ich mich endgültig und wortwörtlich vom Acker mache. Lea Jessen
Aperol für die Freiwillige Feuerwehr Grünefeld zu skelettalen Tracks von Robert Hood
Der Plan mit dem Zettel und unserem mittelalterlichen Boten hat funktioniert. Die ersehnte Zusammenkunft auf der Wiese ist der dramaturgische Klimax des Festivals, zu dem die Witterung ihr Übriges beiträgt. Am Rande des Floors klammert sich ein sediert dreinschauender Ire an seinen Tanzstab, den der Wind immer wieder gefährlich Richtung Crowd biegt. Mit vereinten Kräften seiner Kollegen bleibt das Fanal ein aufrechter Fixpunkt für unsere Gruppe. CCL reagiert derweil hochprofessionell auf die Schauer, die trotz ursprünglich extrem wechselhafter Wettervorhersage erstmals an diesem Wochenende einsetzen. „Eclipse”, Verfinsterung, genau, ansonsten harte Breaks, mal was anderes als Four-to-the-Floor.
Robert Hood legt mit skelettalen Tracks aus seiner Minimal-Techno-Phase los, zu denen sich Jugendliche von der Freiwilligen Feuerwehr Grünefeld Aperol aus dem Becher teilen. Unter uns matscht es langsam gewaltig, wie bei meinem ersten Festivalbesuch auf dem Chiemsee Reggae Summer 2010, how far I’ve come, seit ich mir selbst geschworen habe, nie wieder auf ein Festival zu gehen. Hood spielt zum Regen weiterhin ein Set, in dem für feingliedrige Nuancen von Beginn an kein Platz ist, geradeaus, schnörkellos, mit so viel Wiedererkennungswert, dass auch die verklebtesten Synapsen Platz für letzte Serotonindiffusionen machen. Auf Floorplans „Never Grow Old”, die nächste Eigenproduktion Hoods, folgen bald „The Bells”, die auf einem Floor selten mehr Eindruck schindeten. Gerade fällt es besonders schwer, sich vorzustellen, dass Hood die Decks bald an Sven Dohse übergeben wird. Der Regen drückt durchs Cap, die Scheinwerfer glimmen ein letztes Mal auf, die Kategorie Zeit hat nun exakt zwei Bedeutungen: Wie lange spielt Robert Hood noch, und wann müssen wir los?

Das Set endet so abrupt, wie vor knapp zwei Tagen alles anfing. Sven Dohse spielt, die Astronauten schenken aus, der Floor erstrahlt in der goldenen Stunde, einer der ganz großen Techno-Philosophen hätte dazu wohl „After Rain Comes Sun” gesagt. Letzte Gespräche am Rande des Floors über den trippigen Boards-of-Canada-Schriftzug auf dem T-Shirt eines Ravers. Früher seien die besser gewesen, meine ich zum neuen Album. Für die Nation gilt das aller Unkenrufe zum Trotz nicht. Das merke ich in den Folgetagen nach der Abreise, als ich mich, krank im Bett und völlig entgegen meines Naturells, aufrichtig wie flehend auf die diesjährige Ausgabe zurückwünsche. Maximilian Fritz