Viele DJs aus Detroit und Chicago wirken in europäischen Clubs seltsam unnahbar – nicht so DJ Rush – DJ Rush warf sich in Netzstrümpfen, mörderisch hohen Stöckelschuhen und Make-up ins Getümmel, seine imposante Erscheinung machte ihn zu einer Ikone queerer Feierkultur. Musikalisch reizte er mit maximaler Übersteuerung und verzerrten Vocals das Techno-Potenzial des Chicago House aus wie kaum ein anderer. Rushs anstehender Gig bei der Rave The Planet Afterparty in der Berliner Columbiahalle war für GROOVE-Redakteur Alexis Waltz Anlass für einen Check-in mit dem Musiker und Performer, der so viele Leben verändert hat.
2001 hast du Jeff Mills von Platz 1 des GROOVE-Leser:innenpolls verdrängt. Wie hat sich das angefühlt?
Das war für mich kein Moment der Aufregung, denn ich respektiere alle Künstler:innen meiner Generation. Wir haben beide gute Arbeit geleistet. Ich war einfach glücklich, dass die Leute zugehört und anerkannt haben, was ich der Szene gegeben habe.

Zwei Jahre zuvor ist dein bahnbrechender Track „Motherfucking Bass” erschienen. Erinnerst du dich noch an die Situation, in der du das Stück aufgenommen hast? Wie ist der Vocal-Part entstanden? Und was ist dir dabei durch den Kopf gegangen? Und wie kam es zu der Bassline und der drastischen Distortion?
Das ist eine seltsame Geschichte. Ich saß einfach in meinem kleinen Wohnzimmer und hab mit etwas Musik rumgespielt, während meine beste Freundin am Telefon war – am Festnetz, Handys hatten wir damals noch nicht. Ich hab‘ so aus Spaß gesagt: „Sie will, dass du ihr deinen Bass ins Gesicht drückst.” Dann hat’s klick gemacht. Später hab‘ ich ein paar Vocals zusammengebaut, und daraus wurde am Ende das „Do you like bass in your motherfucking face?”-Vocal. Danach hab‘ ich den Track eigentlich abgehakt und dachte, ich hätte ihn mit einer anderen Aufnahme überschrieben. Als ich dann ein Demo an Mental Groove geschickt habe, war der Track, von dem ich dachte, er sei gelöscht, ganz am Ende doch noch drauf. Sie wollten ihn unbedingt veröffentlichen. Ich war mir erst nicht sicher, hab’s dann aber doch erlaubt. Heute denke ich: Jeder verdient – und braucht – ein bisschen Bass im Gesicht.
Gab es nach deinem massiven Erfolg in den Neunzigern einen Tiefpunkt, an dem du an dir und der Musik gezweifelt hast? Oder bist du eher organisch in den geerdeten, zufriedenen Zustand hineingewachsen, in dem du dich heute befindest?
Es gab schon einen Moment, an dem ich gesagt hab‘: Jetzt ist es genug. Ich habe mein Zuhause vermisst, weil ich nach Europa zog und sehr viel Zeit mit dem Reisen und Auflegen verbracht hatte. Irgendwann dachte ich: Ich hatte meinen Spaß, lass‘ uns das etwas runterfahren. Ich bin dann tatsächlich für sechs Monate zurück nach Hause gezogen.

Wie hat es sich angefühlt, wieder in Chicago zu leben?
Ich habe schnell gemerkt, dass mir fehlt, was ich liebe, besonders auch die wunderbaren Menschen, die ich auf meinem Weg kennengelernt habe. Also hab‘ ich wieder meine Sachen gepackt und bin zurück nach Berlin gezogen. Diesmal wurde es richtig intensiv – ich hab viermal die Woche gespielt, teilweise zwei Shows an einem Abend. Das war eine fantastische Zeit, weil ich die Energie dafür hatte und mir die Leute eine unfassbare Energie zurückgegeben haben. Ich hatte auch die Chance, mit einigen äußerst talentierten DJs die Bühne zu teilen, lokal wie international – es war nie ein Problem, sich an einem Abend die Bühne zu teilen. Irgendwann wurde ich aber älter und dachte: Es war alles wunderschön, aber ich will runterfahren und ein Leben jenseits des Reisens und Auflegens haben. Also habe ich angefangen, mir gezielt Gigs rauszusuchen, bin nicht mehr an Silvester unterwegs gewesen, sondern nach Hause geflogen. Das hab‘ ich dann dreimal im Jahr gemacht, jeweils bis zu zwei Monate am Stück. Bis heute genieße ich es, Zeit für mich selbst zu haben. Das Leben macht viel mehr Spaß, wenn man sich zurücklehnen und seine Umgebung genießen kann.
Wenn du deinem jüngeren Ich vor der ersten Europareise etwas sagen könntest – was wäre das?
Sei vorbereitet, denn es erwartet dich Gutes wie Schlechtes. Aber sei bereit, dich all diesen Herausforderungen zu stellen, und hab‘ keine Angst davor, dich auszudrücken und zu zeigen, wer du bist. Bleib wachsam, denn die Welt schaut zu.
1996 hast du zusammen mit Tina Panitzke, die bis heute deine Bookerin ist, Knee’Deep gegründet. Wie habt ihr beide euch kennengelernt? Was macht eure Beziehung so besonders, dass sie über 20 Jahre hält?
Ich habe Tina kennengelernt, als sie bei der Agentur zu arbeiten begann, die sich damals um mich gekümmert hat. Sie war neu im Booking-Geschäft, also haben wir uns gemeinsam reingekniet. Kennengelernt haben wir uns aber eigentlich abseits vom Business, sie hat nebenbei als Bartenderin gejobbt, wir haben einfach Zeit miteinander verbracht.
Danach ist sie mit mir zu jedem Gig gereist, um ein Gefühl für das Leben als DJ zu bekommen und die Promoter:innen kennenzulernen, mit denen sie sonst nur per E-Mail und Telefon zu tun hatte. Daraus ist eine echte Freundschaft geworden – geschäftlich wie privat. Wir haben uns einfach verstanden, wissen, was der andere denkt, ohne groß reden zu müssen. Als sich später einiges bei meiner damaligen Agentur änderte, haben wir beschlossen, unseren eigenen Weg zu gehen. Sie war sich erst nicht sicher, aber bei ein paar Gläsern Wein, beim Tanzen in einer kleinen Bar haben wir gesagt: Okay, wir machen das. (lacht) Wir sind uns so nahe gekommen, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen könnte, jemand anderen an mein Booking und mein Leben zu lassen. Heute arbeiten wir immer noch zusammen – und es geht nicht nur ums Geschäft, wir streiten, vertragen uns wieder, lachen und verbringen einfach Zeit miteinander wie Freund:innen.

Letzte Frage, zu deinen frühen Tagen in den USA: The Music Box und die anderen Clubs in Chicago: Welche waren die größten Unterschiede im Feierverhalten im Vergleich zu europäischen Clubs? Was wäre einem europäischen Clubgänger am schwersten zu erklären?
In Chicago wussten wir, warum wir feiern gingen. Wir verstanden die Musik, weil die Songs von Liebe, von Spaß und davon, was gerade im Leben passierte, erzählten. Wir konnten uns in diesen Songs wiederfinden und uns selbst ausdrücken, weil wir das real gelebt haben – das hat die Partys so besonders gemacht.
Wie haben das die DJs umgesetzt?
Die DJs haben einen herausgefordert, Songs manipuliert, Edits gemacht, langsame Songs schnell gespielt und schnelle Songs langsam – wir wussten einfach, wie man Spaß hat. Ich erinnere mich, wie ich in Chicago zwölf Stunden lang pure Disco-Musik aufgelegt habe, und in den letzten 45 Minuten haben die Leute draußen gebettelt, noch reingelassen zu werden. Die waren sogar bereit, dafür extra zu zahlen. So intensiv war die Musik damals und so loyal die Szene. Die Leute haben verstanden, worum es geht, und sich den Dancefloor geteilt, ohne dass es Probleme gab.