Hinter einem unscheinbaren Eingangstor am Berliner Holzmarkt verbirgt sich ein Mix aus improvisiertem Künstlerdorf und verwunschener Fantasiewelt. Seit mehr als 20 Jahren steht der Kater gemeinsam mit seinen Vorgänger-Clubs Bar25 und Kater Holzig für eine Clubkultur, die weit mehr sein will als ein Ort zum Feiern.
Doch auch dieser Kosmos bleibt vom Wandel der Zeit nicht verschont. Anlass für unseren Kater-Besuch sind die neuen, vergünstigten Tickets für 18- bis 25-Jährige, die der Club neuerdings anbietet. Denn auch der Kater hat wie viele andere Clubs und Festivals ein Nachwuchsproblem. Mit dieser Aktion möchte man auch die nächsten Feier-Generationen auf Tanzflächen an der Holzmarktstraße holen. Doch unsere Geschichte handelt von weit mehr als einem vergünstigten Eintritt: Sie erzählt von einem Ort, der sich über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder neu erfinden musste, ohne seine Identität zu verlieren.
GROOVE-Autorin Anne Holzki hat den Kater besucht und mit Gründerin und Clubbetreiberin Steffi Lotta, Pressesprecher Dennis Schmees, Clubleiter Pablo van der Locht und Booking-Chef George Stanhope über die Geschichte des Clubs, seine musikalische Identität und die schwierige Zukunftsfrage der Berliner Nacht gesprochen.
Der Weg zum Kater beginnt nicht am Eingang, sondern mit der Suche danach. Mein Treffpunkt ist die Backpfeife, die Bäckerei des Holzmarkts. Bei dem Namen denke ich zunächst eher an eine Ohrfeige als an frische Brötchen. Ich muss schmunzeln, während mir der Duft von Brot und Gebäck in den Magen schießt. Dann steht auch schon Dennis, der Pressesprecher des Katers, vor mir. Kurze, dunkelbraune Haare, Dreitagebart, schmale Statur. Unter den Ärmeln seines karierten Hemdes blitzen Tattoos hervor. Auf den ersten Blick wirkt er fast unauffällig – keiner, der sich in den Mittelpunkt drängt. Doch schon bei der Begrüßung fällt mir seine ruhige, offene Art auf. Er lächelt, reicht mir die Hand und strahlt eine angenehme Gelassenheit aus, die sofort Vertrauen schafft. Eine Eigenschaft, die erstaunlich gut zu dem Ort passt, den er mir gleich zeigen wird.
Zwischen den verwinkelten Fassaden des Holzmarkts zweigen immer wieder schmale Wege ab, hinter jeder Ecke scheint sich ein neuer Hof zu öffnen. Allein hätte ich den Eingang zum Kater vielleicht nie gefunden. Dann biegt Dennis um eine unscheinbare Kurve und plötzlich taucht ein riesiger blauer Pfeil mit der Aufschrift „Kater“ auf und weist auf einen schmalen Seiteneingang. „Hier geht’s rein“, sagt er. Der blaue Pfeil erinnert daran, dass der Club bis 2024 Kater Blau hieß.

Dieser Zugang ist normalerweise nur im Sommer geöffnet – etwa für Open-Air-Veranstaltungen im Katergarten oder während des Wintermarkts, wenn Holzmarkt und Club miteinander verbunden werden. Kaum fällt die Tür hinter uns ins Schloss, fühlt es sich an, als hätte ich die Stadt für einen Moment hinter mir gelassen. Ein schmaler Weg führt in den zentralen Außenbereich, der wie ein kleiner Dorfplatz wirkt und von dem aus sich das Gelände wie ein Labyrinth entfaltet. Der Trubel draußen scheint plötzlich weit weg. Statt Straßenlärm und Großstadt empfängt mich eine entschleunigte Atmosphäre. Diese malerische Stimmung hat etwas beruhigendes und zugleich magisches an sich. Am liebsten würde ich sofort losziehen und jede Ecke erkunden. Doch dazu später. Dennis dreht sich noch einmal um. „Ich zeige dir erst den offiziellen Eingang.“ Also gehen wir zurück – dorthin, wo für die meisten Gäste der Abend beginnt.

Nach wenigen Minuten stehen wir vor dem Haupteingang, über den man den Club direkt von der Holzmarktstraße erreicht. Dort verrät ein schlichtes Holztor nicht, was sich dahinter verbirgt. Wer nicht weiß, wonach er sucht, läuft vielleicht daran vorbei. Für die anderen eröffnet sich eine eigene Welt. Hinter der Kasse beginnt sich ein verwinkeltes Raumgefüge, das eher an einen Abenteuerspielplatz als an einen Nachtclub erinnert.
Am Ufer einer anderen Welt
Ein paar Schritte reichen, dann ist die viel befahrene Holzmarktstraße verschwunden. Statt auf Asphalt läuft man nun über Holz. Kleine Häuschen schmiegen sich an versteckte Wege, buntes Licht aus rechteckigen Lampen wirft Farbflecken auf die Planken. Die Mittagssonne kämpft sich durch die offene Dachkonstruktion, während die schimmernden Strahlen der zahlreichen Discokugeln unter ihr tanzen. Es riecht nach Holz und warmem Kaffee, den mir Dennis aus dem Café nebenan mitgebracht hat. Nichts wirkt hier geschniegelt oder perfekt. Eher so, als hätten über Jahre unzählige Menschen immer wieder etwas hinzugefügt, umgebaut oder einfach dagelassen.


Gleich hinter dem Eingang bleibt der Blick an einer kleinen rosafarbenen Hütte hängen. „Viele denken, das ist schon der Floor“, erzählt Dennis und schmunzelt. Gäste können ihr Handy anschließen und ihre eigene Musik spielen. „Manche bleiben dort einfach vier Stunden hängen.“ Hier scheint niemand Eile zu haben. Wer herkommt, entscheidet selten bewusst, wo und wann der Abend beginnt oder endet. Hinter der nächsten Tür könnte sich ein Dancefloor befinden. Oder ein gemütlicher Rückzugsort. Vielleicht führt der Weg aber auch plötzlich auf eine kleine Terrasse direkt ans Wasser.


Auch der Hopper, der erste der beiden Floors, gibt sich nicht sofort zu erkennen. Ein schmaler Gang führt um mehrere Ecken, bis sich der Raum plötzlich öffnet. Eben noch draußen, zwischen Sonnenstrahlen, bunten Lichtern und hellem Holz, wirkt hier alles dunkler. Schwarze Wände schlucken das Licht, nur durch kleine, eckige Fenster fallen einzelne helle Rechtecke in den Raum. Sie markieren Lichtpunkte auf dem Boden und durchbrechen die Dunkelheit, ohne sie ganz zu vertreiben.
Zwischen bunten Sofas, Kissen und Bänken laden unzählige Ecken zum Verweilen ein.
Links steht die Bar, die bereits mit Flaschen bestückt ist und darauf wartet, am Abend zum Ort für Unterhaltungen zu werden. Rechts fügt sich das DJ-Pult fast unscheinbar hinter Lautsprecher und Lichtanlage ein. Es drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern ist einer der vielen Bestandteile des Raumes. Vor ihm liegt die noch leere Tanzfläche. Nur die Menschen fehlen noch. Während der Club nachts in der Regel gut besucht ist, glänzen seit der Pandemie die jungen Menschen oftmals durch Abwesenheit – ein Problem, mit dem sich nicht nur der Kater konfrontiert sieht. „Da ist einfach ein Band gerissen“, sagt Dennis. „Und wir versuchen, den Faden zur nachwachsenden Generation wieder aufzunehmen.“


Deshalb bietet der Kater nun ein neues Ticket an. Gäste im Alter zwischen 18 und 25 Jahren zahlen damit fünf bis zehn Euro weniger Eintritt. Was auf den ersten Blick wie eine Rabattaktion wirkt, verstehen die Betreiber:innen als kulturpolitisches Statement. „Teilhabe an Kultur sollte keinen Preis haben, Kultur sollte kein Luxusgut sein“, ist Dennis überzeugt. Angefangen hat alles mit einer Beobachtung.


Nach Corona seien viele junge Leute schlicht nicht mehr nachgerückt. Während früher jede Generation ganz selbstverständlich in die Berliner Clubs hineinwuchs, sei dieser Übergang nun ins Stocken geraten. Gleichzeitig seien die Kosten explodiert – für Energie, Personal, Künstler:innen, Technik. Die Eintrittspreise steigen zwangsläufig mit. Für viele wurde ein Clubbesuch plötzlich zur Kostenfrage.
„Clubbing stirbt so ein bisschen aus“, befürchtet Dennis. „Nicht, weil die Leute keine Lust mehr haben. Sondern, weil sie sich gar nicht mehr leisten können, mehrere Clubs auszuprobieren.“ Früher sei man durch die Nacht gezogen, habe spontan entschieden weiterzuziehen und so neue Orte kennengelernt. Heute scheitere genau das oft schon am Eintritt für den ersten Club.
Zwischen Rakete, Schaukelpferd und Riesenkatze
Wer den Hopper verlässt, tritt wieder hinaus auf das weitläufige Außengelände. Über den Dächern thront eine riesige blaue Katze und scheint das bunte Treiben unter sich zu beobachten. Mal taucht das Motiv des Katers nur als Paar gebastelter Augen auf, die über einen Zaun spähen, mal wacht es meterhoch über dem Gelände. Fast überall begegnet es einem – offensichtlich oder erst auf den zweiten Blick.


Treppen führen hoch zum idyllischen Garten, der an der Spree endet und sich fast wie Urlaub anfühlt – irgendwo zwischen improvisiertem Künstlerdorf und verwunschener Fantasiewelt. Der Holzboden knarzt bei jedem Schritt, beinahe als wäre man auf dem Deck eines alten Schiffes. Das Wasser glitzert nur wenige Meter entfernt. Und zwischen bunten Sofas, Kissen und Bänken laden unzählige Ecken zum Verweilen ein.


Wenige Meter weiter ragt eine Rakete zum Hineinklettern zwischen den Holzbauten empor. Daneben steht ein restauriertes Schaukelpferd. Es stammt noch aus der Bar25, dem legendären Gründungsort des Holzmarkts, erzählt Dennis. Überhaupt begegnet man der Vergangenheit hier auf Schritt und Tritt.
Noch ist der Floor natürlich leer, die Anlage ist aus. Laut wird es plötzlich trotzdem.
Alte Materialien wurden wiederverwendet, Dekorationen ziehen seit Jahrzehnten von einem Club zum nächsten. Holz, das früher einmal den Boden eines Floors bildete, trägt heute die Decke der Toiletten. Alte Materialien werden recycelt, neu zusammengesetzt oder an anderer Stelle wieder eingebaut. Weggeworfen wird kaum etwas. „Wir nutzen das, was schon da ist“, erklärt der Pressesprecher. „Natürlich spart das Kosten. Aber vor allem wäre es schade, Dinge einfach zu entsorgen, die eine Geschichte erzählen.“


Diese Haltung zieht sich durch den gesamten Club. Neues entsteht fast immer aus Altem. Die Dekoration verändert sich ständig, ohne ihre Geschichte zu verlieren. Jule Müller, die für die Gestaltung verantwortlich ist, entwickelt regelmäßig neue Installationen. Gleichzeitig tauchen an allen Ecken Erinnerungen an frühere Jahre auf. Doch während Möbel, Figuren und Holzbalken Jahrzehnte überdauern, lassen sich die Menschen nicht so einfach konservieren.
Die Nacht braucht Nachwuchs
„Wir wollen die Verbindung zur nächsten Generation nicht verlieren“, erklärt Gründerin und Clubbetreiberin Steffi Lotta. Früher habe sich die Frage nach dem Alter kaum gestellt. Heute dagegen werde auffällig oft über Generationen gesprochen. Über die sogenannten TikTok-Raver und über Altraver. Über alte und neue Szenen. Über die richtige und falsche Art zu feiern. Für die Betreiber:innen ist das aber der grundsätzlich falsche Blick. Sie wollen keine Grenze ziehen, sondern Grenzen überwinden. „Club ist Community“, betont Dennis. „Nicht nur Veranstaltungsort.“ Und diese Haltung endet nicht bei der Tür oder der Gestaltung des Clubs, sie prägt auch das Booking.


„Wir glauben, dass man viele Jahre braucht, um ein guter Club-DJ zu werden“, sagt Booking-Chef George. Gesucht würden deshalb keine Selbstdarsteller, sondern Künstler:innen, die die Rolle eines DJs als Teil des Ganzen verstehen. „Der DJ ist nicht der Mittelpunkt einer Party, sondern Teil eines größeren Ökosystems.“


Wer den Hauptplatz hinter sich lässt, entdeckt nochmal eine neue Seite des Katers. Ein schmaler Gang führt zum zweiten Floor, dem Acidbogen, der von außen aussieht wie ein geheimnisvoller Tunnel. Wieder gibt der Club seinen nächsten Raum nicht sofort preis. Erst hinter einer weiteren Kurve öffnet sich die Halle. Überdimensionale Skatkarten des Funky Chicken Clubs hängen von der Decke. Es ist die Partyreihe, die jeden Dienstag stattfindet, bei der Disco-Klassiker auf moderne House-Grooves treffen. Noch ist der Floor natürlich leer, die Anlage ist aus. Laut wird es plötzlich trotzdem.
Wer aufmerksam durch den Club läuft, entdeckt an jeder Ecke neue Details – manche erst beim dritten oder vierten Besuch.
Mit einem metallischen Rattern fährt ein Zug über den Acidbogen, denn dort oben verlaufen die Schienen der Deutschen Bahn, verbinden Alexanderplatz und Ostbahnhof. Für einen Moment übertönt er jedes andere Geräusch. Später, wenn die Musik läuft und der Club voller Menschen ist, dürfte sie kaum noch auffallen. An diesem Nachmittag aber gehört sie genauso zur Atmosphäre wie das Knarzen der Holzdielen. Ein weiteres Detail: Rostfarbene Rohre ziehen sich quer durch den Raum. Aus ihnen ragen Stangen empor, an denen später getanzt und geturnt wird. Rechts steht das bronzefarbene DJ-Pult – schwer, kantig und auf Rollen. Man sieht ihm an, dass dieses Möbelstück schon viele Nächte erlebt hat. Genau deshalb passt es hierher.


Überhaupt scheint im Kater kaum etwas ausschließlich für seinen ursprünglichen Zweck gebaut worden zu sein. Alte Materialien bekommen neue Aufgaben. Ausgediente Böden werden zu Decken. Dekorationen wandern von einem Raum in den nächsten. In einer Vitrine glitzert eine rosafarbene Miniaturwelt, die Dekorateurin Jule immer wieder verändert. Daneben halten Skulpturen aus einer Unterwasserwelt Kerzenständer. Wer aufmerksam durch den Club läuft, entdeckt an jeder Ecke neue Details – manche erst beim dritten oder vierten Besuch.


Der Kater wirkt dadurch weniger wie ein fertiger Club als vielmehr wie eine Werkstatt. Ein Ort, an dem ständig gebaut, ergänzt und verändert wird. „Man kann ihn auch unfertig nennen“, sagt Dennis. „Aber genau das macht ihn aus. Es bleibt immer Raum für Neues.“ Dieses Prinzip zieht sich seit mehr als zwanzig Jahren durch die Geschichte des Clubs.
Von der Sonnenseite auf die Schattenseite – und wieder zurück
Angefangen hat alles dort, wo sich der Kater heute wieder befindet. 2003 eröffnete am nördlichen Spreeufer die Bar25 – ein improvisierter Kulturort auf einer Brache direkt am Wasser, der damals die After-Hour-Kultur im Look einer Country & Western-Bar nach Berlin brachte. Was als Zwischennutzung begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der prägendsten Berliner Clubs der 2000er, der das Feiern auf das gesamte Wochenende ausdehnte und die legendären „Tage außerhalb der Zeit” erschuf. Doch auch die zeitlose Zeit war begrenzt. Im Zuge des Mediaspree-Projekts sollte das Gelände an Investoren verkauft und mit Bürogebäuden bebaut werden. 2010 musste die Bar25 schließen.


Die Crew zog jedoch nicht weit. Nur wenige hundert Meter entfernt, auf der gegenüberliegenden Spreeseite, entstand 2011 der Kater Holzig in einer ehemaligen Seifenfabrik. Der neue Ort war rauer, dunkler und völlig anders als die lichtdurchflutete Bar25. Lotta beschreibt den Wechsel rückblickend als Umzug „von der Sonnenseite auf die Schattenseite“. Während sich die Betreiber:innen erst an die neue Umgebung gewöhnen mussten, kam dort überraschend schnell eine neue Generation von Stammgästen zusammen. „Wir selbst brauchten länger, um mit dem Ort warm zu werden“, erinnert sie sich. „Die jungen Leute fanden ihn aber sofort großartig.“
Menschen gehen, andere kommen dazu. Räume verändern sich. Gegenstände wechseln ihren Platz. Aber die Idee bleibt.
Von Anfang an war jedoch klar, dass auch der Kater Holzig nur eine Zwischenstation sein würde. Die Nutzung des Geländes war befristet. Parallel arbeitete ein Teil der Crew daran, auf das ehemalige Bar25-Areal zurückzukehren. Gemeinsam mit der neu gegründeten Holzmarkt-Genossenschaft entwickelte sie ein alternatives Konzept für das Gelände. Unterstützt von der Schweizer Stiftung Abendrot, die das Grundstück erwarb und der Genossenschaft im Erbbaurecht überließ, setzte sich die Initiative gegen eine rein kommerzielle Entwicklung des Areals durch. So entstand Schritt für Schritt der heutige Holzmarkt – ein offenes Quartier mit Ateliers, Werkstätten, Gastronomie, Veranstaltungsorten und dem Kater als kulturellem Herzstück.


Im Sommer 2014 kehrte der Club schließlich fast an seinen Ursprung zurück. Dorthin, wo einst die Bar25 stand. Viele hätten damals erwartet, dass mit jedem Ortswechsel auch ein Stück Identität verloren geht. Stattdessen wanderte sie einfach mit. „Seit 2003 gab es eigentlich nie einen richtigen Bruch“, sagt Gründerin Lotta. „Es hat sich immer weiterentwickelt.“ Sie erzählt die Geschichte des Katers nicht als Abfolge verschiedener Clubs, für sie ist es ein einziger langer Prozess. Menschen gehen, andere kommen dazu. Räume verändern sich. Gegenstände wechseln ihren Platz. Aber die Idee bleibt.
Kein altes Industriegebäude
Nichts hier scheint konserviert zu werden. Stattdessen wird die Vergangenheit immer wieder in die Gegenwart eingebaut. Diese Haltung prägt auch den Klang des Clubs. Musikalisch bleibt der Club seiner Geschichte treu – und entwickelt sie dennoch weiter. Während melodischer Minimal-House das Fundament bildet, öffnete sich das Booking nach und nach bewusst für weitere Einflüsse. Techno, US-House, Disco, Italo oder EBM ergänzen heute das Programm. „Unsere historische Identität bleibt wichtig“, sagt Booking-Chef George. „Aber sie steht heute neben dem, was in der elektronischen Musik gerade neu entsteht.“


Während andere Berliner Technoclubs auf Beton, Dunkelheit und industrielle Härte setzen, klingt der Kater weicher. House statt reiner Maschinen-Rhythmen. Melodien statt Dauerdruck. Geschichten statt bloßer BPM. „Der Sound des Katers bewegt sich am verspielten, emotionalen und farbenfrohen Ende von House und Techno“, beschreibt George das musikalische Konzept des Clubs. Es gehe nicht darum, möglichst hart oder laut zu sein. Die Musik solle den Charakter des Ortes widerspiegeln – offen, verspielt und voller Emotionen.


„Wir sind halt kein altes Industriegebäude“, erklärt Clubleiter Pablo. „Dieser industrielle Sound funktioniert hier einfach nicht.“ Statt einer Berliner Techno-Kathedrale entstehen hier kleine Räume, in denen Menschen zwangsläufig miteinander ins Gespräch kommen. Wer sich hier bewegt, begegnet immer wieder denselben Gesichtern. An der Bar. Auf einer der bunten Sofainseln. Oder draußen am Wasser, wo das Gelände fast wie ein kleines Feriendorf wirkt. George beschreibt die Musik als etwas, das den Abend trägt, aber nie dominiert. Gäste sollen zwischen Tanzfläche, Bar und Außenbereich wechseln können – je nachdem, wonach ihnen gerade ist.
Bedürfnis Clubkultur
„Unser Club ist gar nicht so riesig“, sagt Steffi Lotta. „Man sieht sich. Man begegnet sich.“ Genau das unterscheide den Kater von den großen Clubs der Stadt, in die 1.000 oder sogar 1.500 Menschen passen. Sie wolle ihr Publikum deshalb auch gar nicht beschreiben, sagt sie, nicht nach Alter, Kleidung oder Szene differenzieren. Entscheidend sei etwas anderes.


„Wenn Menschen Lust haben, sich zu zeigen, miteinander zu reden und offen aufeinander zuzugehen, dann fühlen sie sich hier wohl.“ Um Anonymität ginge es deshalb weniger an diesem Ort. Hier werde man angelächelt, angesprochen – oder gefragt, ob auf der Bank noch Platz sei. Denn der Club lebt nicht nur von seinen Floors, sondern vor allem von den Zwischenräumen. Von den Sofas. Den kleinen Wegen. Den versteckten Zimmern. Den Momenten zwischen zwei Tracks. Es ist eine Art des Zusammenseins, ist Steffi überzeugt. Eine Kultur, die nur funktioniert, wenn immer wieder neue Menschen ihren Platz darin finden. Eine Kultur, die Räume schafft, in denen sich Generationen begegnen können.
Irgendwann kommt der Punkt, an dem eine Generation nicht mehr jede Nacht hinter dem DJ-Pult, an der Bar oder an der Tür steht.
Schon an der Tür arbeiten Menschen aus vier Generationen. Auch dort habe sich in den vergangenen Jahren viel verändert, erzählt Gründerin Lotta. „Unser ältester Türsteher ist 65, unser jüngster 20“, sagt sie. „Das macht etwas mit den Gesprächen.“ Als das neue Ticket intern vorgestellt wurde, seien die Reaktionen entsprechend unterschiedlich ausgefallen. Manche hätten gezögert, andere gejubelt. Dann habe einer der Jüngeren trocken eingeworfen: „Ich bin gerade erst 20 geworden.“ Und plötzlich sei klar gewesen, dass es bei der Diskussion nicht um eine abstrakte Altersgruppe ging, sondern um die Menschen, die längst Teil des Katers sind.
Denn Clubkultur, darin sind sich alle drei einig, ist mehr als ein Ort zum Feiern. Sie ist ein sozialer Raum. Ein Ort, an dem Ideen entstehen. Freundschaften. Musik. Kunst. „Im Club passiert so viel mehr“, sagt Clubleiter Pablo. „Man kommt ins Gespräch, entwickelt Projekte, probiert sich aus. Man vergisst für ein paar Stunden, was draußen gerade alles schief läuft.”


Für Dennis gehört dazu auch, sich die Geschichte der Clubkultur bewusst zu machen. House und Techno seien nicht einfach Musikrichtungen. Sie hätten queere und schwarze Wurzeln. Sie seien aus einem Bedürfnis nach Freiräumen entstanden – für Menschen, die außerhalb der Clubs oft keinen Platz hatten. „Clubkultur entsteht aus einem Bedürfnis“, sagt er. „Sie ist kein Produkt.“ Deshalb bezeichnet der Kater den Preisnachlass nicht als Rabatt. „Es ist kein Discount“, sagt Pablo. „Es ist Wertschätzung.“ Eine Wertschätzung für diejenigen, die den Club eines Tages weitertragen sollen. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem eine Generation nicht mehr jede Nacht hinter dem DJ-Pult, an der Bar oder an der Tür steht. „Dann muss jemand nachrücken, anderenfalls sterben wir aus.“
Vom Abenteuerspielplatz zurück in den Alltag
Der Wind trägt den Geruch der Spree über den Holzmarkt. Hinter mir knarzt noch einmal der Holzboden, bevor das Tor hinter mir ins Schloss fällt. Zurück bleiben die verwinkelten Wege, die kleinen Räume, das alte Schaukelpferd und all die Geschichten, die seit den ersten Tagen der Bar25 von Ort zu Ort weitergetragen wurden.


Vor mir liegt der Holzmarkt in der Nachmittagssonne. Menschen sitzen mit Kaffee am Wasser, unterhalten sich auf den Holzstufen oder schlendern zwischen den Ateliers und Restaurants hindurch. Am Abend wird sich das Tor des Clubs wieder öffnen. Die ersten Gäste werden über das verwinkelte Gelände laufen, zwischen Rakete, Schaukelpferd und bunten Sofas verschwinden, sich in den weitläufigen Gängen verlieren und irgendwann vor den Skatkarten wieder im Acidbogen auftauchen. Noch wartet der Club. Auf den Abend. Auf neue Begegnungen. Und auf die Menschen, die seine Geschichte weiterschreiben.