VUT-Vorständin Verena Bößmann über Weimers Streaming-Gipfel: „Natürlich besteht bei solchen Prozessen immer die Gefahr, dass sie am Ende eher symbolisch bleiben”

Für die Zukunftsagenda Musikstreaming hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Anfang Juli drei Gesprächsrunden initiiert, die für mehr Transparenz und eine faire Vergütung im Musik-Streaming sorgen sollen. Herzstück sind ein Vergütungskompass, der die Geldflüsse im Streaming erstmals systematisch sichtbar machen soll, sowie eine Taskforce Musikstreaming, die ab August Vorschläge zu Vergütung, Transparenz, Metadaten, KI und Streaming-Betrug erarbeiten soll.

Ob sich Streaming-Giganten wie Spotify oder YouTube vom runden Tisch von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beeindrucken lassen, ist allerdings noch völlig offen. Ebenso unklar ist, was sich Weimer genau vorstellt und wie das umgesetzt werden soll, ob er etwa auf eine Selbstverpflichtung oder auf neue Gesetze zielt.

Angesichts dieser Reihe von Unklarheiten befragen wir mit Verena Bößmann eine Expertin, die sich als Musikmanagerin im Vorstand des im Verbands unabhängiger Musikunternehmer:innen (VUT) für die unabhängigen Musikunternehmen und Musiker:innen stark macht. Sie erklärt, wie der Prozess gestaltet sein müsste, damit Künstler:innen endlich fairer vergütet werden.

GROOVE: Was ist aus deiner Sicht das konkrete Ziel von Wolfram Weimers Initiative?

Verena Bößmann: Das konkrete Ziel ist, denke ich, eine Lösung zu finden, mit der erst mal alle Branchenbeteiligten zufrieden sein können. Inwiefern sich das erreichen lässt und wie weit dann welche Parteien zufriedengestellt sind, das wird man abwarten müssen.

Geht es dabei in erster Linie um mehr Transparenz oder soll am Ende tatsächlich die Vergütung von Musikschaffenden verändert werden?

Ich glaube, das ist ein mehrteiliger Prozess, und es sind auch mehrere Ziele, die erreicht werden sollen. Sowohl Vergütungsgerechtigkeit als auch mehr Transparenz stehen auf dem Zettel. Jetzt wird sich zeigen, wo man am Ende tatsächlich hinkommt. Für uns ist vor allem wichtig, dass es eine gute Datenerhebung gibt. Die Datengrundlage, also wie transparent und umfassend sie ist, wird letztlich bestimmen, wie ein Vergütungskompass aussehen kann und wie stabil er am Ende umsetzbar ist.

Wie könnte sich die Pläne auf die Praxis auf Musikstreaming auswirken?

Das ist jetzt Teil des Prozesses. Die konkrete Ausgestaltung muss gemeinsam erarbeitet werden.

Wie realistisch ist es, dass sich globale Plattformen wie Spotify oder YouTube auf grundlegende Veränderungen einlassen?

Das ist eine sehr große Frage. Ich bin jedenfalls gespannt. Wie einzelne Maßnahmen am Ende praktisch umgesetzt werden, kann ich derzeit noch nicht sagen. Positiv bewerten wir zunächst einmal, dass sich überhaupt alle an einem Tisch zusammengefunden haben und Bereitschaft signalisiert haben, miteinander zu sprechen. Inwiefern daraus tatsächlich Bewegung entsteht, ist im Moment noch völlig offen. Jetzt muss der Prozess möglichst schnell beginnen und mit konkreten Ergebnissen gefüllt werden.

Rechnest du eher mit freiwilligen Selbstverpflichtungen oder am Ende doch mit gesetzlichen Regelungen?

Für uns als VUT ist eine brancheninterne Lösung immer der bessere Weg. Wenn die Akteure gemeinsam tragfähige Lösungen finden, ist das sinnvoller und zielführender, als wenn alles von oben geregelt wird. Im Moment ist aber noch offen, wie sich der Prozess entwickelt. Gesetzliche Regelungen stehen grundsätzlich als Möglichkeit im Raum. Dabei wird natürlich auch auf Belgien geschaut und verfolgt, wie der Prozess dort läuft.

In Belgien wurde ein gesetzlicher, nicht übertragbarer Vergütungsanspruch für Urheber:innen und ausübende Künstler:innen gegenüber Streaming- und Onlineplattformen eingeführt. Mehrere Unternehmen, darunter Spotify und Google, gehen dagegen juristisch vor. Der Europäische Gerichtshof prüft derzeit, ob das belgische Modell mit dem EU-Recht vereinbar ist.

Gerade deshalb haben wir gemeinsam mit Pro Musik schon früh Gespräche angestoßen – mit dem Ziel, auf Augenhöhe gemeinsame Vergütungsregeln innerhalb der Branche zu entwickeln.

Was müsste am Ende dieses Prozesses herauskommen, damit der VUT sagen kann: Das hat sich gelohnt?

Kompromisse werden wahrscheinlich alle Beteiligten eingehen müssen. Für uns sind aber eine Reihe von Punkten zentral, unter anderem faire und transparente Vergütungsmodelle – so wie sie auch im Koalitionsvertrag angestrebt werden. Außerdem müssen Themen wie die Tausenderschwelle oder ungerechtfertigte Strafzahlungen, die Streamingdienste teilweise verhängen, auf den Tisch. Davon sind insbesondere Independent-Labels und selbstvermarktende Künstler:innen betroffen.

Die Tausenderschwelle auf Spotify sieht vor, dass ein Song innerhalb von zwölf Monaten mindestens 1.000 Streams erzielen muss, damit die Tantiemen ausgezahlt werden. Anderenfalls wird das Geld in einen Pool für Songs umverteilt, die die Schwelle überschritten haben.

Ebenso wichtig sind die ungleichen Wettbewerbsbedingungen und die zunehmende Marktkonzentration. Wir brauchen mehr Fairness für kleinere Marktteilnehmer. Wenn es gelingt, diese Schieflagen zu beseitigen, wäre das ein großer Erfolg.

Glaubst du, dass aus diesem Prozess tatsächlich substanzielle Veränderungen entstehen können – oder besteht die Gefahr, dass die Zukunftsagenda am Ende vor allem ein politisches Signal bleibt?

Die Hoffnung ist auf jeden Fall da. Viel wird davon abhängen, was die Beteiligten jetzt aus diesem ersten Aufschlag machen. Natürlich besteht bei solchen Prozessen immer die Gefahr, dass sie am Ende eher symbolisch bleiben. Wir arbeiten aber darauf hin, dass genau das nicht passiert. Wir stehen ganz am Anfang. Alle gehen mit Hoffnungen und Erwartungen hinein. Was letztlich daraus wird, müssen wir abwarten. Für uns als VUT ist entscheidend, unsere Möglichkeiten bestmöglich auszuschöpfen, damit dieser Prozess für Independent-Unternehmen und Künstler:innen am Ende zu einem positiven Outcome führt.

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