Die Platten der Woche mit Carlos Nilmmns, Der Zyklus, FaltyDL, Piezo und Saved My Life

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Carlos Nilmmns – Legacy EP (Ornaments) 

Eine stilvolle, reife House-Platte für die späten Stunden gefällig? Hier gibt es etwas für alle Jazz- und Techno-Liebhaber:innen auf die Ohren – gleichermaßen geeignet für das konzentrierte Hören zuhause oder aber bei einem entspannten Cocktailabend. Mit der Legacy EP setzt Carlos Nilmmns seine langjährige Zusammenarbeit mit Ornaments fort. Seine sechs Tracks verbinden Deep House, Jazz und Detroit-Einflüsse stimmungsvoll miteinander und überzeugen weniger durch große Höhepunkte als durch ihre geschlossene Atmosphäre.

Der Opener „Hustlin‘ Heights” überzeugt mit einer fast cineastischen Atmosphäre. Jazzige Elemente, sanftes Piano und dynamische Drums erinnern an den Soundtrack eines stilvollen Casino- oder Mafiafilms und erzeugen eine spannende, nostalgische Stimmung. „Midnight” setzt anschließend auf einen reduzierteren, hypnotischen Groove, der durch seinen wachsenden Bass an Intensität gewinnt. Mit „Where Would They Go” folgt das emotionale Herzstück der EP. Genovevas eindrucksvolle Stimme verleiht dem Track gemeinsam mit tiefen Basslinien und fein geschichteten Sounds aus zischenden Texturen, feinem Percussion-Rasseln und den charakteristischen Pianoakkorden eine melancholische Note. „Bahia” bringt anschließend mit Bläsern und jazzigen Elementen etwas Leichtigkeit ins Spiel, bevor „Peanut Butter And Jelly” mit den Vocals des verstorbenen Karl The Voice und Keter Darker zu einem bewegenden Vermächtnis wird. Den Abschluss bildet „Shades Of Blue”, das mit Piano, organischen Drums und dezenten elektronischen Klängen die nostalgische Grundstimmung der EP abrundet. Anne Holzki

Der Zyklus – … (Clone Aqualung Series)

Die besten Zaubertricks sind die, bei denen man genau sieht, was passiert, und trotzdem nicht versteht, wie das jetzt gegangen ist. Gerald Donald, der Drexciya-Hälftling, ist so ein Trickser. Packt Tracks vor unser aller Ohren aus. Tracks, die alle vor langer, langer Zeit erschienen sind. Und was wir hören, ist trotzdem die Zukunft. Ja, genau. Zukunft. Nicht die langweilige Feuilletonzukunft. Ich meine: die Back-to-the-Future-Zukunft. Mit Knall und Flux und Kompensator. Letzteren hat Gerald Donald sicher mal verwendet. Er nennt ihn bis heute nur anders: „Formenverwandler”, so ein epochaler Space-Age-Schmachtfetzen, den Richie Hawtin für seinen DE9-Mix wie eine Trophäe entführte. „I’m shape shifting …”, gehaucht – weniger als Gesang denn als klinische Diagnose für das, was 2001 selbst Zukunftsvernarrte wie DJ Hell nicht ahnen konnten. Nämlich, dass man schon drei Jahre zuvor alles gesehen, ja, gehört hatte. Es war halt alles nur ein „Tonimpulstest”. Einer, den Gerald oder Heinrich oder Rudolf bis heute immer mal wieder durchführen, damit wir alle dasitzen und den Mund aufklappen und wie, was, häh! sagen. Christoph Gleich

FaltyDL – Body Me (Hooversound Recordings)

FaltyDLs opulenter Six-Tracker beginnt mit trancy Breitwand-Techno. „A World” würde sich definitiv sehr gut in einem dystopischen Heldenfilmepos machen, wobei das Stück nie die Des-guten-zu-Viel-Grenze überschreitet und geschmackvoll-reduziert endet. Es folgen fünf beruhigende Downtempo- und sechs mittelwilde Tech-House-Minuten. Beide Tracks mit erfreulich wenig strapazierter Soundauswahl, die natürlich Geschmacksache ist, aber allein die Traute verdient allen Respekt – no risk, no Weiterentwicklung. Diese Sounddesign-Formel geht in den zwei verbleibenden Originalen dann perfekt auf und wird sowohl, was Klangoriginalität anbetrifft, als auch hinsichtlich ihrer stilprägenden Komponente höchst abwechslungsreich und anspruchsvoll durchdekliniert. Vor allem „Neurology Department” ist eine Hölle von Track mit rasendem Breakbeat und atemberaubender Dynamik. Klasse-EP, die von einem ebenfalls gelungenem Minor-Science-Remix auf ballernden 155 BPM abgeschlossen wird. Mathias Schaffhäuser

Piezo – Sky Burial (NAFF)

Mit Sky Burial veröffentlicht der Mailänder Piezo zum zweiten Mal auf NAFF. Inspiriert vom tibetischen Brauch der Himmelsbestattung, bei dem Verstorbene rituell zerteilt und aasfressenden Vögeln überlassen werden, übersetzt er dessen spirituelle Symbolik in fünf Tracks, die zwischen psychedelischem Techno, IDM, Breakbeat und psychedelischem Trance einen unwiderstehlichen Sog entfalten.

Der Titeltrack spiegelt den Namen der EP ohne Umschweife. Er öffnet mit hallender, sanft vor sich hinwabernder Bassline, tribalen Synths und weit entfernten, lieblich säuselnden Vocals einen nebeldurchzogenen sakrosankten Raum, der sich Stück für Stück mit pulsierenden Chorus-Patterns und schillernden Melodien füllt. In „Their Amnesiac Couriers” treffen fragile Breakbeats auf progressive Trance-Ausbrüche, während sich mehrere Bass- und Synthlinien zu einem euphorischen Strudel verweben. „Bardo Klimax” führt noch tiefer in mystisches Terrain: quakende Synths, rasselnde Glöckchen und hypnotische Glockenspiele schichten sich zu einem immer dichter werdenden Klangdschungel. „Trunks” verleiht der EP mit treibendem Bass und unaufhaltsam vor sich hinrollenden Trance-Pattern zusätzlichen Drive, ehe „Vimelodica” den Abschluss in einer verträumten Mischung aus flirrenden Percussions, Breakbeats und schwebenden Tranceflächen findet. Johanna Lühr

Saved My Life – Basement Cuts (803 Crystal Grooves)

Langsam erschlaffen die Glieder, und der DJ spielt nur Tools? Saved My Life haben in ihrem Keller eine Frischzellenkur für all jene geschaffen, die auf dem Dancefloor mehr vegetieren denn existieren, und zwar in Form zweier Neuinterpretationen.

Einmal von Sharon Stoneds depressivem Song „Down”, der im Original an Slowdive erinnert, wenn diese Indie-Rock gemacht hätten. Wie sich in der Club-Version Piano-Akkorde zusammenrotten, bevor die Vocals einsetzen, füllt unweigerlich mit Leben – und erinnert an Dancefloors in den Nuller- und Zehnerjahren und damit, man muss es leider sagen, sorglosere Zeiten. Das track-gewordene breite Grinsen unter der Sonnenbrille auf Festivals und Open Airs.

Auf „Beauty & Thug” hingegen regiert zunächst nicht der Maximalismus, sondern die Gedankenversunkenheit zwischen Strings und fragilem Pianogeklimper. R’n’B-Vocals setzen erst ab der Hälfte ein und beschwören am Ende doch wieder Euphorie herauf. Wieso auch nicht, die Zeiten waren ja mal sorgloser. Maximilian Fritz

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