Lunchbox Candy ist Geschichte. Am vergangenen Freitag gab Mitgründer Stephanos Pantelas alias Elninodiablo lapidar bekannt, dass ihn seine Energie in eine andere Richtung treibt.
Wir veröffentlichen ein Porträt des Mitgründers einer Veranstaltung, die sich mit ihrer Extravaganz und Farbigkeit deutlich vom typischen Bild der Berliner Technoszene abhob. Wer hier einheitlich schwarze Techno-Uniformen suchte, wurde enttäuscht. Der Dresscode, der keiner war, lebte von Kreativität und Einfallsreichtum.
Der wilde Stilmix aus allen Epochen des (queeren) Nachtlebens kannte keine Regeln. Er wollte inspirieren, zum Ausprobieren anregen und die Besucher:innen dazu ermutigen, sich auszuleben. Lunchbox Candy kooperierte dafür mit Second-Hand-Geschäften aus Berlin – nicht um Konsum zu fördern, sondern um DIY- und Upcycling-Projekte zu unterstützen und die Gäste zu Kreativität anzuregen.
Stephanos rief Lunchbox Candy gemeinsam mit seinem Partner Adam Munnings ins Leben. Im vergangenen November feierte die Party ihren vierten Geburtstag. Gleichzeitig ist Stephanos als (Resident-)DJ und Producer unter dem Alias Elninodiablo aktiv. Als wäre das nicht alles schon genug, tritt er in Drag als Stephania Pantiesless auf.
GROOVE-Autorin Katharina Pittack traf Stephanos in einem Café an der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain, um mit ihm über die Ideen hinter der beliebten Partyreihe zu sprechen. Dabei ging es auch darum, wie nachhaltig Dresscodes für spezifische Partys sind und ob sie nicht nur inklusiv, sondern auch exklusiv wirken können, etwa wenn sie unüberwindbare Hürden bilden.

Der Berliner Winter ist bereits mit voller Wucht hereingebrochen und peitscht eisig über die Warschauer Brücke. Die Berliner:innen lassen sich davon nicht einschüchtern: Modisch und oft farbenfroh trotzen sie der tristen Eintönigkeit. Auch Stephanos lässt sich von der Kälte nicht kleinkriegen, er betritt das KALA Café im Bezirk Friedrichshain in einem pastellfarbenen Pullover und einem gemusterten Mantel. Bei einem Kaffee und einem Croissant beginnt er zu erzählen.
Feiern geht Stephanos schon lange, seitdem er 14 oder 15 Jahre alt ist. Inzwischen ist er 50, eine 35-jährige Raver-Geschichte liegt hinter ihm. Stephanos‘ Eintauchen in die Nacht begann also um 1990, lange vor der Internetzeit, als man noch vor die Tür gehen musste, um Leute kennenzulernen, Communitys zu schaffen, gemeinsam Musik zu hören und zu erleben und sich als Teil von etwas zu fühlen.

So war das in den Neunzigern
Ursprünglich stammt Stephanos aus Zypern. Mit 19, im Jahr 1994, zog er für sein Studium nach England, 1997 verschlug es ihn nach London – „das goldene Zeitalter des Raves und des Clubbings”. „London blühte zu dieser Zeit wirklich auf”, sagt er. Er besuchte legendäre Clubs wie The End, The Fridge, Turnmills, Astoria und viele andere, die heute längst nicht mehr existieren. Beliebte Partys waren unter anderem TRADE im Turnmills, Plastic People für experimentelle elektronische Musik und Drum’n’Bass, DTPM in der fabric und alle Partys in The End. Anfang der Zweitausender starteten Horse Meat Disco und die Electroclash-Szene mit Clubs wie Erol Alkans TRASH, Arthur Bakers Return to New York und Electric Stew. „Ich wollte dieses Gefühl von damals zurück in die Clubszene bringen – verbunden mit viel Freude, Verspieltheit und einem Gefühl Zusammengehörigkeit.”

Nach seiner Zeit in London reiste er durch Asien, lebte die meiste Zeit im Urwald und begann durch die gewonnene Inspiration elektronische Musik zu produzieren. 2016 zog Stephanos nach Berlin und entschied sich, seinen Fokus stärker auf elektronische Musik und Produktion zu legen. Eine eigene Partyreihe zu starten, war lange ein Traum. 2021 erfüllte er sich: Gemeinsam mit seinem Partner Adam Munnings, der aus der Filmbranche kommt, gründete er Lunchbox Candy. Die erste Party fand im Oktober 2022 statt, im November feierten die beiden bereits das vierjährige Jubiläum der Reihe.
Hinter Lunchbox Candy steht ein kreatives Kollektiv aus Filmschaffenden, Musikproduzent:innen, DJs sowie Kostüm- und Fashion-Designer:innen und Lichtinstallateur:innen – eine vielseitige Gruppe, die die Partys mitgestaltet und ihren besonderen Spirit ausmacht.
Kink oder Karneval?
Stephanos beschreibt die Lunchbox Candy als Spielplatz für das innere Kind: Das Team bringt verrückte, kreative Ideen zusammen und versucht, sie auszubauen und noch verrückter zu gestalten. Das visuelle Konzept zieht sich durch die gesamte Partyreihe. Von ernsthafter Stumpfheit ist keine Spur – alles ist bunt und ausgefallen. Neben den DJ-Sets machen Lunchbox Candy Performances und Workshops zu einem Gesamtkunstwerk, bei dem es um viel mehr geht, als stundenlang auf den gleichen Beat zu tanzen.

Bemalte Visagen, Full-Body-Paint, Kostümierungen vom Hasenkostüm bis zum Teufel, Teletubby-Rucksäcke, Einhörner und jede Menge Glitzer. So würde man vermutlich eher eine Karnevals-Party beschreiben als eine queere, sexpositive Party mitten in Berlin. Doch genau diese grenzenlose Experimentierfreude und Verspieltheit prägt Lunchbox Candy.

Man weiß kaum, wohin man zuerst schauen soll, so vielfältig und inspirierend treten die Partygäste auf. Stachel-Choker, kinky Clubwear, ausgefallene Kopfbedeckungen und bunte Perücken mit noch verrückteren Frisuren: Lunchbox Candy ist nicht wie andere Partys. „Es geht darum, in sich zu gehen und verschiedene Versionen seiner selbst zu finden, die ausgedrückt werden wollen”, sagt Stephanos und lächelt wissend.
Bei kommerziellen Partys schätzt er das Risiko, Konsumdruck zu erzeugen, als deutlich höher ein. Umso wichtiger sei es, das offen anzusprechen.
Um DIY-Projekte anzuregen, Upcycling sowie Recycling in den Mittelpunkt zu stellen und übermäßigem Konsum entgegenzuwirken, kooperiert Lunchbox Candy mit Berliner Second-Hand-Läden, Designer:innen und Upcycling-Marken wie etwa Haha You’re Ugly, Diamond Freddie und Like a Casino. Einige Wochen vor den Events hängt das Team die Poster der Party in den Läden aus.

Die Geschäfte teilen die Ankündigungen auf Instagram, und Lunchbox repostet sie, um Aufmerksamkeit zu schaffen und die Leute zu motivieren, die Shops zu besuchen. Stephanos selbst trägt häufig Outfits von Like a Casino. Erkut, der Gründer des Ladens, ist bei allen Lunchbox-Candy-Partys dabei. Zu Stephanos‘ Lieblingsstücken gehören eine Schlagjeans, die aus mehreren Jeans zusammengenäht ist, und ein Tanktop, auf das „Diablo” gestickt ist.
Wenn die Energie entscheidet
Mit der Türpolitik, die laut Stephanos viel stärker auf Vibes als auf Looks basiert, wolle man ebenfalls vermeiden, dass Konsumdruck entsteht. Feiern gehen solle nachhaltig sein, und genau das müsse klar kommuniziert werden. So lasse sich aus fast jedem Outfit ein Lunchbox-Candy-freundlicher Look erschaffen – etwa indem man Kleidungsstücke zweckentfremdet: Aus einem T-Shirt kann zum Beispiel eine Kopfbedeckung werden, aus einer Jeans eine Shorts. Bei kommerziellen Partys schätzt er das Risiko, Konsumdruck zu erzeugen, als deutlich höher ein. Umso wichtiger sei es, das offen anzusprechen.

Ängste beim Anstehen kennt jede:r – unfreundliche Türsteher:innen, die Sorge, nicht reinzukommen oder nicht ins Bild zu passen. Die Türpolitik von Lunchbox setzt genau dort an und wirkt solchen Unsicherheiten entgegen. Es geht darum, ins Gespräch zu kommen, zu verstehen, warum die Menschen da sind, was sie erwarten und wer oder was sie an diesem Abend sein möchten. Das Wichtigste dabei ist, authentisch zu bleiben. „Mode ist eine Erweiterung der Persönlichkeit eines Menschen”, ist er überzeugt.
Die meisten Abweisungen passieren, wie Stephanos erklärt, aufgrund der Kapazität, nicht wegen des Outfits. Ist ein Dresscode nicht klar kommuniziert, kann dies eher exklusiv als inklusiv wirken.
Man könne mit Farben experimentieren, mit Texturen und Silhouetten spielen. Entscheidend sei die Energie, die jemand ausstrahlt – wie wohl man sich im eigenen Outfit fühlt, welche Haltung man mitbringt und welche Version von sich selbst man verkörpern möchte.

Wie genau man sich zu kleiden hat, schreibt niemand vor. „Wenn man einen strikten Dresscode aufstellt, wird der Look eher zu einem Kostüm und verliert seine Authentizität”, sagt Stephanos überzeugt. Trotzdem wurde vor jeder Party über die Social-Media-Kanäle klar kommuniziert, was für eine Art von Veranstaltung Lunchbox ist, woran man sich bei der Wahl des Outfits orientieren kann und was die Grundsätze der Party sind.

Dabei geht es beispielsweise um Awareness-Regeln, Barrierefreiheit, Raumkonzepte und Hinweise für die Ankunft. Die meisten Abweisungen passieren, wie Stephanos erklärt, aufgrund der Kapazität, nicht wegen des Outfits. Ist ein Dresscode nicht klar kommuniziert, kann das eher exklusiv als inklusiv wirken.

Ein klares Lieblingsoutfit kann er gar nicht benennen, wenn er an vergangene Partys zurückdenkt – dafür hat er schon zu viele außergewöhnliche und inspirierende Looks gesehen. Doch ein eigener Look bleibt ihm besonders im Gedächtnis: das Outfit seiner Drag-Persona Stephania Pantiesless, mit dem er auf der letzten Party im November in Full Drag erschienen ist. Niemand erkannte ihn. In einem Bikini, roten Boots und einer pinken Perücke mischte er sich unter die Gäste und war so undercover auf seiner eigenen Party. „Es war aufregend, meine eigene Party mal aus einer neuen Perspektive zu erleben.”
Eine Umarmung, bitte!
Wenn Stephanos an seine Lieblings-Lunchbox-Momente zurückdenkt, bleibt ihm ein Moment ganz besonders in Erinnerung. Vor zwei Jahren, bei der Geburtstagsparty 2023, hat eine Künstlerin eine immersive Performance direkt auf dem Dancefloor umgesetzt, in die viele Mitglieder des Kollektivs eingebunden waren. Am Ende führte das Ganze zu einer riesigen Gruppenumarmung, die sich bis ins Publikum ausbreitete und schließlich sogar nach draußen in den Garten schwappte.

Die Werte von Lunchbox Candy spiegeln sich auch in Stephanos‘ Musik wider. Unter seinem Alias Elninodiablo legt er nicht nur bei seinen eigenen Veranstaltungen auf, sondern veröffentlicht auch eigene Produktionen. Erst kürzlich erschien sein neues Album The Downey Groove. Aufgenommen wurde es größtenteils auf Zypern, wo Stephanos die Ruhe und Weite fand, um seinen warmen, organischen und zugleich experimentellen Sound zu entwickeln.
Bei der September-Ausgabe von Lunchbox gab es zu Beginn eine intime Listening-Session, in der er das komplette Werk vorstellte. Er selbst beschreibt die Tracks als „einen Schlag ins Gesicht, der sich warm und sanft wie eine liebevolle Umarmung anfühlt.”