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Kölsch über sein neues Album „Kinema”: „Warum sample ich mich nicht einfach selbst? Wäre doch lustig!”

Es ist ein nebliger Nachmittag in Berlin. In der Ferne erkennt man gerade noch das pulsierende rote Licht an der Spitze des Fernsehturms. Vor mir zieht ein Demonstrationszug über die Torstraße. Ich warte auf Rune Reilly Kølsch vor dem Soho House. Heute Abend wird Kölsch im Kesselhaus eine Headline-Show spielen. Mit seinem neuen Album Kinema hat er ein weiteres Kapitel in seiner kontinuierlichen musikalischen Transformation aufgeschlagen. Es ist ein Werk, das zwischen orchestraler Weite, clubtauglicher Energie und persönlicher Rückschau oszilliert.

Kurz nach 5 klingelt dann mein Telefon auf dem unwirtlichen Platz vor dem Soho Haus. Er warte bereits drinnen. Allein: Wie war er unbemerkt an mir vorbeigekommen? Als ich ihn begrüße, wird mir klar, wie er sich an mir vorbeischleichen konnte: Ohne seinen signifikanten Hut habe ich Kölsch schlichtweg nicht erkannt. Wir lassen uns auf einer gemütlichen beigen Kaffeehaus-Couch nieder. Es riecht nach Gebäck und Acqua di Parma. Die verschwommenen Umrisse der Stadt draußen sind ein passender Auftakt zu einem Gespräch über seine Musik, die für ihn mehr als je zuvor zwischen Intimität und Ekstase pendelt.

GROOVE: Kinema bedeutet im Griechischen „Bewegung”, was bedeutet es für dich?

Kölsch: Meine ersten drei Alben waren retrospektiv. Ich habe versucht, Schlüsselmomente aus meiner Kindheit einzufangen und musikalisch wiederzugeben. Dieses Mal hat es sich nach dem richtigen Zeitpunkt angefühlt, um nach vorne zu schauen und neue Ideen zu entwickeln.

Was für Ideen hattest du da?

Ich habe einen Songwriting-Ansatz verfolgt. Außerdem wollte ich Opern-Techno ausprobieren. Und Soul-inspirierte Sachen. Auch Volksmusik hat mich interessiert. Vor allem aber wollte ich in meinen eigenen Katalog greifen und mich, ohne Zurückhaltung, gnadenlos selbst samplen.

Wie hängt das mit der Art zusammen, wie du das Album live auf die Bühne bringst?

Ich wollte etwas schaffen, das eine Erweiterung meiner bisherigen Arbeiten ist – auch durch Instrumente auf der Bühne. Gleichzeitig möchte ich die Freiheit des DJings bewahren. Das ist ein herausfordernder, experimenteller Ansatz, aber ich schätze ihn. Auch weil er der ultimative Ausdruck ist.

Du performst auch ein paar deiner älteren Tracks. Wie kam es zu der Entscheidung?

Die Idee, meine alten Tracks erneut aufzugreifen, stammt aus einer Annahme, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Ich habe einen Artikel gelesen, in dem stand, dass 95 Prozent unserer Erinnerungen eigentlich falsch sind. Alles, woran man sich in vier oder fünf Jahre erinnert, hat nichts mit dem zu tun, was tatsächlich passiert ist. Das wusste ich nicht.

Kölsch auf der Hauptbühne beim Tomorrowland (Foto: Presse)

Wie hat sich das auf deine älteren Tracks ausgewirkt?

Ich dachte: Was wäre, wenn ich 1977 oder 1983 heute neu aufnehmen würde? Wie würden sie dann klingen? Wären es überhaupt noch dieselben Alben? Die Antwort ist ganz klar: nein. Die Technologie hat sich weiterentwickelt, ich habe mich als Mensch weiterentwickelt, aber auch Klänge, Gefühle – alles hat sich verändert. Deshalb fand ich den Gedanken spannend, manche meiner eigenen Sachen zu samplen. 1977 kam 2013 heraus – das ist schon ziemlich lange her. Und ich habe oft an diese Platten gedacht, die altes Disco-Vinyl samplen; etwa DJ Sneak in den Neunziger, der Tracks samplete, die oft nicht mehr als zehn oder 15 Jahre älter waren als sein eigener Release. Da dachte ich: Warum sample ich mich nicht einfach selbst? Das wäre doch lustig!

Wie ist das mit den Produktions-Tools, die du benutzt? Verändern die sich oder benutzt du immer noch die gleichen wie damals?

Ich benutze immer noch dieselbe Grundausstattung wie früher. Ich erinnere mich, dass ich vor ein paar Jahren mit Diplo im Studio war und er mich ausgelacht hat, weil ich immer noch Sylenth benutzt habe – das war damals schon elf oder zwölf Jahre alt.

Warum benutzt du es noch immer?

Es ist für ganz grundlegende Dinge – zum Beispiel eine einfache Bassline, eine Sinuswelle oder Hi-Hats – super praktisch. Ich weiß genau, wie ich die dort programmieren muss, und ich muss mir keine Gedanken machen.

Wie würdest du die Veränderungen deines Sounds im Laufe der letzten zehn Jahre zusammenfassen?

Ich begann mit einem sehr stringenten Pop-Techno-Sound, der sich immer mehr geöffnet hat. Außerdem gab es eine lange Phase, in der ich mit neoklassischer Musik experimentiert habe, besonders auf dem Album 1989, das stark in der sinfonischen Musik verankert ist. Ich habe auch mit Jazz und Ambient gearbeitet. Danach folgte das ganze Ode-an-meinen-Vater-Projekt, das sehr Folk-inspiriert war. Inzwischen liege ich irgendwie dazwischen. Ich habe ein bisschen was aus all meinen musikalischen Epochen mitgenommen und stecke nicht mehr in etwas Spezifischem fest. Mir gefällt die Idee, all diese Inspirationen um meinen eigenen Sound herum zu versammeln.

Deine Musik lebt von Fülle und Wärme. Wie kombinierst du das mit dem kühlen Minimalismus von Techno?

Diese Idee von Maximalismus versus Minimalismus zieht sich durch alles, was ich mache – auch durch meine DJ-Sets. Ich mag diese übertriebenen, großen Gesten. Aber sie funktionieren nur, wenn das, was davor passiert, so zurückhaltend ist. Sonst ist es einfach nur Schicht auf Schicht. Das gilt genauso für meine Musik. Ich mag die Vorstellung, Musik wie ein dekonstruiertes Gericht zu betrachten.

Wie meinst du das?

Sagen wir, du kochst eine schöne Pasta. Sie besteht aus verschiedenen Elementen. Wenn du sie nun dekonstruierst, hast du nur noch die einzelnen Elemente. In Kombination erreichen sie zwar dasselbe Ergebnis, aber einzeln können sie zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Emotionen hervorrufen. Das Wichtigste für mich ist, dieses Gefühl auf eine Platte zu bekommen.

Wie geht das?

Ich bin selbsternannter Melancholiker – ich liebe Melancholie! Also suche ich zuerst nach diesen grundlegenden Elementen: eine Akkordstruktur, ein Vocal, ein Riff, das genau das Gefühl einfängt, das ich in diesem Moment habe. Von dort aus lege ich Schichten darüber. Oft nehme ich diese Schichten wieder weg, denn: Ich glaube fest daran, dass man die Intention dieser Schichten trotzdem spürt. Man kann sie entfernen, aber irgendwie fühlt man immer noch, dass sie einmal da waren – was ziemlich seltsam klingt, aber viel Minimalmusik leitet sich ja davon ab, dass die Vorstellungskraft des Hörers diese Schichten ergänzt. Und genau damit versuche ich zu arbeiten, wann immer ich kann.

Schreibst du Musik für dich selbst, oder hast du auch einen Dancefloor vor Augen?

Die ursprüngliche Idee ist persönlich, also emotional begründet. Weil ich so oft als DJ auftrete, probiere ich aber viel von der Musik live aus. Nur: Dance Music muss nicht mehr unbedingt Dance Music sein. Früher hieß es: „Oh, du machst einen Dance-Track? Dann muss er mindestens acht Minuten lang sein und ein zweiminütiges Intro und ein Outro haben.”

Wie sieht es heute aus?

Da sind wir nicht mehr, Dance Music kann mittlerweile auch Hörmusik sein. Einige meiner größten Inspirationen, was Mixing angeht, sind Leute wie Steely Dan oder generell diese westcoastigen Rock-Sachen aus den Achtzigern. Bei niedriger Lautstärke haben sie wenig Impact – man kann sie leise hören, ohne dass sie stören. Bei hoher Lautstärke haben sie allerdings einen riesigen Impact: Man hört die Details und spürt die Energie. Ich mag diese Philosophie der Dualität – dass man Musik leise spielen kann, und sie erzeugt ein bestimmtes Gefühl. Dieses Gefühl kann sich aber völlig verändern, wenn man sie laut hört. Das passiert mir auch selbst ständig. Ich bekomme einen Promo-Track zugeschickt und denke beim ersten Hören: „Okay, interessant, aber vielleicht nicht so meins.” Eine Woche später spielt ein anderer DJ denselben Track laut, und plötzlich denke ich: „Wow, das ist unglaublich!” Diese merkwürdige Beziehung zur Lautstärke haben wir alle irgendwie.

Kölsch
Kölsch (Foto: Presse)

Apropos andere Songs zugeschickt bekommen: Du hast Remixe für bekannte Künstlerinnen und Künstler wie Imogen Heap und London Grammar gemacht. Welchen Einfluss haben diese Projekte auf deine Musik?

Es waren Remixe, die mir den Weg eröffnet haben, mehr Songs zu schreiben. Man arbeitet mit Vocals und merkt, wie gut sie im jeweiligen Kontext funktionieren. Elektronische Musik muss nicht instrumental sein, wie ich früher dachte. Und Remixe sind die perfekte Gelegenheit, das auszuprobieren. Außerdem sind die Vocal-Stems meistens fantastisch gemischt, man bekommt die besten Elemente. Ich erinnere mich an meinen Coldplay-Remix von „A Sky Full of Stars” – die Einzelspuren klangen unglaublich.

Was ist die Geschichte hinter diesem Remix?

Ich hörte die Vocals und dachte: Warum mache ich daraus nicht einen ganz anderen Song? Das Original ist sehr uplifting. Ich bin aber über diesen einen Satz gestolpert, der eine ganz andere, vielleicht sogar ungewollte Stimmung vermittelt hat. Dadurch klang plötzlich alles sehnsüchtig, emotional und irgendwie romantisch. Ich liebe die Idee, dass man durch Kontextveränderung etwas komplett Neues erschaffen kann. Das hat mir wirklich Freude gemacht.

Gibt es eine Künstler:in, mit der:dem du gerne mal zusammenarbeiten würdest?

Für mich wäre Bon Iver das Größte. Aber ich habe auch große Angst vor meinen Idolen. Wenn ich Justin Vernon [Sänger und Songschreiber von Bon Iver, d.Red.] treffen würde, und er wäre ein Arsch – das würde mir zu viel zerstören.”

Du willst lieber das Mysterium bewahren?

Ich mag die romantische Vorstellung in meinem Kopf – und genau die brauche ich für meine Inspiration. Es ist wie bei Kunst: Man möchte nicht unbedingt den Künstler treffen, der sie geschaffen hat, weil die eigene Interpretation einem etwas gibt.

Inwieweit hat dein Herkunftsort, die Freistadt Christiania in Kopenhagen, diesen künstlerischen Ansatz geformt?

Christiania ist ein Schmelztiegel vieler Kulturen. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Ire, meine Stiefmutter kommt aus Paris – ein komplettes Durcheinander. Ich denke oft an meine Zeit in Deutschland zurück, in Worms, bei meinen Großeltern. Meine Großmutter war Politikerin im Bundestag, sie hatte eine ganz besondere Art und war sparsam mit ihren Emotionen. Mein Großvater war bei der Wasserschutzpolizei und wiederum ein ganz anderer Charakter.

Woran erinnerst du dich aus dieser Zeit noch?

Mein Großvater nahm mich einmal in die Oper, in [Richard Wagners Zyklus, d.Red.] Der Ring des Nibelungen mit. Ich war ein kleiner Hippie-Junge in Lederjacke, umgeben von all diesen feinen Leuten. Die waren total unfreundlich zu mir, weil sie dachten, ich sei irgendein Straßenkind. Diese Art von Klassenkonflikt hat mich fasziniert. Und er inspiriert mich bis heute. Ich mag schließlich die Kombination aus etwas Trashigem und etwas extrem Schönem.

Vielleicht ist der minimalistische, taktgebende Techno deine deutsche Seite, das Warme und Fantastische entspricht hingegen eher deinen Erfahrungen in Christiana.

Das stimmt – genau diese Kontraste machen das Leben spannend. Ich mag es ja auch, im einen Moment einen Döner auf der Straße zu essen und im nächsten Moment in einem Drei-Sterne-Michelin-Restaurant zu sitzen.

Zum Schluss: Erst gestern habe ich deinen älteren Track „Calabria” wiederentdeckt. Ich habe seit Jahren nicht mehr an den Song gedacht, aber dann war er plötzlich wieder da – und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Spielst du ihn gelegentlich noch? Oder ist er für dich so wie „Creep” für Radiohead – du willst ihn nicht mehr hören?

Ich habe eine ambivalente Beziehung zu dem Track, irgendwas zwischen Ablehnung und Dankbarkeit. Einerseits fühle ich mich durch ihn ein wenig stigmatisiert. Andererseits habe ich ihm auch viel zu verdanken und bin verdammt stolz drauf. Keine Ahnung, was passiert wäre, wenn es „Calabria” nicht gegeben hätte. Er hat die Richtung vorgegeben. Vielleicht bringe ich ihn irgendwann zurück, er ist schließlich Teil meiner Reise.

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