Andreas Krumm aka Dynamo Dreesen mischt seit über zwei Jahrzehnten in einer Berliner Underground-Szene mit, die sich über gängige House-Standards hinwegsetzen will. Als DJ, Producer und Macher des Labels Acido verfolgt er einen offenen, experimentierfreudigen Club-Sound, in dessen Kosmos neben Akteuren des befreundeten Labels SUED so diverse Namen wie $tinkworx, Madteo, Luke Eargoggle, Telephones, Convextion oder der legendäre Japaner Web auftauchen.
Krumms Produktionen zeigen, wie sich House nicht komplett neu erfinden muss, um ungewohnt und neuartig zu klingen. Mit einem offenen Ohr für Zufallsklänge verbindet er klassische Roland-TR-77-Drumworks mit Ambient-, Leftfield- und Techno-Splittern. Dass sich Dynamo Dreesen in seinem Sound auch durch andere Musikgenres inspirieren lässt, merkt man an der Art, wie vertraut er in unserem Interview über sie spricht – sei es der klassische Rock-Sound seiner Jugend, Jazz oder den Post-Punk der Achtziger.
GROOVE-Autor Michael Sarvi hat sich mit Andreas Krumm zusammengesetzt. Unter anderem verrät er im Gespräch, inwiefern zwei besondere Bücher mit seiner Labelgründung in Verbindung stehen und welcher Kindheitstraum ihm der berühmte BBC-Moderator John Peel erfüllt hat.
Berlin, grau in Grau und nur ein paar Grad über dem Gefrierpunkt. Ich betrete das Foyer des schrulligen B-Ware-Kinos. An den Wänden hängen alte Filmposter. Überall stehen Achtziger-Jahre-Canapés – ja, das Omi-Deutsch ist hier angebracht. Und dazwischen Andreas Krumm. Kaum zu übersehen, bei einer Körpergröße von rund zwei Metern. Wir schütteln die Hände. Ich frage ihn, was er trinken möchte. „Ein Bier, gerne!”, antwortet er. Nach ein paar Minuten bin ich mit zwei Flens in der Hand zurück. „Ah, mein Heimatbier – gute Wahl!” Bewährungsprobe bestanden.
Flensburg – Hamburg – Berlin
Unser Interview beginnt in Hamburg, seine Zeit dort ist über 30 Jahre her. Warum er denn damals von seiner Heimat Flensburg dorthin gezogen sei, frage ich ihn. „Wenn man aus Flensburg kommt, dann zieht man zuerst nach Hamburg. Das macht man ein paar Jahre, und dann geht’s wieder woanders hin”, analysiert er norddeutsch-trocken.
Pionierarbeit leisteten Labels wie Warp oder Rephlex Records – zwei Adressen, mit denen wir uns langsam dem Sound annähern, den Andreas Krumm bis heute verfolgt.
Für elektronische Musik habe er sich damals noch nicht interessiert, erzählt Andreas. Seine Jugendidole kommen aus dem Alternative Rock: Dinosaur Jr., Sonic Youth, aber vor allem The Fall. Die britischen Post-Punker um die legendäre Type Mark E. Smith gehören zu den wichtigsten Einflüssen, wenn es um Andreas‘ musikalische Entwicklung geht. Und: Zu den besonderen Förderern von The Fall gehörte außerdem der legendäre Radio-DJ John Peel. Wie sich im weiteren Gespräch herausstellt, wird er auch eine Rolle bei der ersten Acido-Platte spielen.
Nach den besagten „paar Jahren in Hamburg” verschlägt es Andreas 1992 nach Berlin. „Alle redeten immer von Detroit und Chicago, aber wirklich toll fand ich den UK-Sound”, erzählt er über seine ersten Kontakte mit Clubmusik. Besonders beeindrucken ihn die sogenannten Braindance-Produktionen – schnelle Acid-House Tracks mit komplexen Drum-Rhythmen, die Anfang der Neunziger in Großbritannien entstanden. Für die Quirkiness verwendeten Producer wie Autechre oder Aphex Twin vor allem analoge Synthesizer, die dem Genre den typischen experimentellen Glitch-Sound verliehen.

Italia e Acido
Doch zuvor fällt Andreas noch ein Detail seiner Biografie ein. Anfang der Zweitausender verbrachte er einige Zeit in Mailand. Der Grund liegt auf der Hand: Aperol, gutes Essen – „Bella Italia halt!” Beim Blick aus dem Fenster in den eiskalten Nieselregen gibt sich er sich keinen Illusionen hin, und wir kommen auf die ersten Tage des Labels zu sprechen.
„Das war der Ritterschlag par excellence: Der Unterstützer deiner Jugendidole findet deinen Sound so gut, dass er ihn spielt!”
Wie es zur Gründung von Acido 2004 gekommen ist, frage ich ihn. Andreas korrigiert mich sofort: „A-tschi-do” – natürlich wird es italienisch ausgesprochen. Schließlich habe er die Label-Gründung in Mailand initiiert. Die zündende Idee kam ihm auf einem Antikmarkt. An einem Bücherstand fand er zwei „richtig dicke Wälzer” über die Biennale von Venedig. Abgedruckt darin: Kunst und Designs aus den Sechzigern und Siebzigern. „Mein erster Gedanke dazu war: Wow, hier wird mir alles erklärt, was ich immer schon gesucht habe! Da hab‘ ich also in ein Wespennest gestochen”, sagt er. Unterstützung erhält er dabei auch von seiner Frau Michelle Jarvis, die das Label insbesondere in Sachen Artworks betreut. 2004 erscheint die erste Veröffentlichung: Mit dem Programm Cubase und ein paar alten Electro-Breakdance-Platten schneidet sich Andreas seine Samples zurecht und produziert die Tracks für seine Debüt-EP. „Die Hi-Hats von „Acido Fist” auf der B-Seite sind eigentlich eine Amsel”, fügt er hinzu. Nicht einmal gepitcht werden musste dieses Sample: „Die hat schon so geklungen.”

Hier kommt die Geschichte wieder auf den britischen Radio-DJ John Peel zurück. Obwohl Peel sich schon im Indie-Underground einen Namen als Förderer und Unterstützer der Szene gemacht hat, war er offen für neue, progressive Musikgenres. In den Neunzigern waren das House und Techno. „Die erste Acido-Platte habe ich ihm einfach zugesendet”, sagt Andreas mit einem kleinen Schmunzeln im Gesicht. Die Adresse habe er von den Leuten des international bekannten Plattenladens A-Musik aus Köln bekommen. „Später kam raus, dass Peel meine Platte in seiner Radioshow gespielt hat”, sagt er freudig. „Das war der Ritterschlag par excellence: Der Unterstützer deiner Jugend-Idole findet deinen Sound so gut, dass er ihn spielt!”
Die Berliner Leftfield-House-Connection
Wieder zurück in Berlin bedient Andreas mit Acido eine Subszene, die einen House-Sound ablehnt, der sich zu direkt an den US- und UK-Vorbildern orientiert: Enge Wegbegleiter von Acido sind Robotron und SVN. Unter den Aliassen Dynatron und Dreesvn produziert Andreas mit beiden den für diese Bubble so typischen Leftfield-lastigen House und Techno. „Viel Ambient ist immer in unserer Musik drin. Mit Robotron habe ich jetzt meine ersten Produktionen mit durchgehend harter Techno-Bass-Kick komponiert, auf Acido gibt es bis jetzt wenig in diesem Style.”
Die Hauptbegriffe, die Andreas dabei verwendet: dark, jazzig, industrial, sweet – und ehrlich.
Auch zu den Brüdern DJ Sotofett und DJ Fett Burger pflegt Andreas ein gutes Verhältnis. Kein Wunder, bei der gleichen Mentalität im Sound: Es ist Freakiness mit höchstem musikalischem Anspruch. Kennengelernt hat er DJ Sotofett bei seinem ersten Berlin-Gig Ende der Zweitausender. „Er hat in einem Atelier gespielt, und ich war der einzige Gast”, sagt Andreas. „Ich habe ihm ein bisschen Mut gemacht und ihn angefeuert! Die Musik war richtig toll.”
Später habe DJ Sotofett die ersten Platten seines mittlerweile legendären Labels Sex Tags Mania verkauft. „Ich wollte ihm alle abkaufen, und er hat sie mir einfach geschenkt.” „Kurz darauf habe ich auch seinen Bruder DJ Fett Burger kennengelernt”, ergänzt er. Die ersten zwei Maxi-Singles von DJ Fett Burger gehören übrigens zu seinen meistgespielten Platten und seien mittlerweile „richtig runter und durch”.
Andreas wirkt etwas erstaunt, als ich ihm sage, wie sehr der Stil von DJ Sotofett und DJ Fett Burger in meinen Augen seinem eigenen ähnelt. „Beide sind so euphorisch in ihren Beats. Die Kombination aus exzessartigen Elementen und viel Gepiepse. Das finde ich auch gut!”, philosophiert er. In einem Spannungsfeld bewege sich seine Musik – irgendwas zwischen nachdenklich und euphorisch. Die Hauptbegriffe, die er dabei verwendet: dark, jazzig, industrial, sweet – und ehrlich.
Für sich mögen das keine neuen Kategorien sein, in der Kombination beschreiben sie aber genau Andreas‘ elektronischen Sound. In diesem Zusammenhang hallt sein Schlusssatz nach: „Es passieren auch viele Unfälle beim Produzieren!” Und: „Das akzeptiere ich dann sofort, weil man weiß, dass man so was gar nicht selbst komponieren kann. Und wahrscheinlich machen das alle so. Jeder, der einen Magic Moment in der elektronischen Musik erleben will, sucht diese Fehler!” Nun ist das Bier aus Andreas‘ Heimat Flensburg auch leer, draußen wartet das kalt-nieslige Berliner Wetter auf uns – zum Abschied erklingt ein warmes „Ciao”.
Andreas‘ gemeinsam mit Robotron und SVN aufgenommenen Coppi-Resident-Mix findet ihr hier.