Seit Anfang Februar ist der Kreuzberger Tickethändler KOKA36 zahlungsunfähig und geschlossen. Weil die Konzertkasse die Einnahmen aus Ticketverkäufen treuhänderisch verwaltete und erst nach den Konzerten an die Clubs auszahlte, steckt das Geld für kommende Shows in der Insolvenzmasse fest. Bekannten Clubs wie dem Lido, Astra und dem Festsaal Kreuzberg fehlen Beträge zwischen 76.000 und über 100.000 Euro. Insgesamt sind mindestens zehn Clubs und diverse Veranstalter:innen betroffen. Unsere Umfrage gibt einen Einblick, wie es bei den Betroffenen aussieht.
Der Live-Club SO36 konnte durch ein erreichtes Crowdfunding-Ziel von 50.043 Euro den Schaden schon begleichen. Nanette Fleig vom SO-Team bekommt „Gänsehaut”, als sie mit der GROOVE über die Unterstützung aus der Community spricht. Doch so rosig sieht es nicht überall aus. Im Moment geht es bei allen Betroffenen um eine Summe im mindestens hohen fünfstelligen Bereich, so Florian Kleinschmidt, der Insolvenzverwalter.
In Telefongesprächen melden sich einzelne Betroffene der KOKA-Insolvenz zu Wort. Radek von Bronikowski ist einer der beiden Geschäftsführer von Greyzone, einer Berliner Konzertveranstaltungsfirma, die unter anderem für Altin Gün oder Modeselektor tätig ist. Er spricht über einen Verlust von 92.000 Euro. „Das ist für uns als kleine Firma wirklich viel Geld und trifft uns hart”, erklärt er.
Das sagen die Clubbetreibenden
Björn von Swieykowski betreibt das Bi Nuu und den Festsaal Kreuzberg. Bei ihm beläuft sich der Schaden auf 75.000 Euro, der sich auf die nächsten zehn bis 15 Konzerte verteilt. „Wie wir das kompensieren, wissen wir noch nicht”, so der Clubbetreiber.
Von Swieykowski sorgt sich, dass die Insolvenz der KOKA36 zumindest temporär „eine Verarmung” des Konzertbetriebs mit sich bringen könnte. „Dass es keine Chancen mehr für kleinere Venues gibt, die nicht das große Geld bringen. Dabei unterstützen diese kleineren Locations auch weniger bekannte Artists. Und genau davon – von dieser Nische – lebt Berlin.”

Nanette Fleig vom SO36 gibt sich trotz der existenzbedrohenden Insolvenz der Konzertkasse optimistisch. „Durch die gemeinsame Betroffenheit rückt man natürlich auch ein bisschen zusammen. Wir alle hoffen, dass sich daraus vielleicht ein Ersatz für die KOKA ergibt. Denn die Dienstleistung war für uns super wichtig”, so Fleig.
Daniel Meteo ist eigentlich Musikverleger und veranstaltet im Jahr ungefähr drei- bis viermal Konzerte in Berlin. In der Veranstaltungsbranche könne kein Player einen solchen Ausfall mit links wegschieben, meint er. „Wir haben alle keine Rücklagen. Wenn ich eine Veranstaltung mache und dann 3.000 Euro verliere, ist das auch unheimlich schlecht für die Moral.”

Meteo weist in diesem Zusammenhang darauf hin, wie fragil die Szene unabhängiger Musik in Berlin sei. „Man könnte die Wohnungen in Neukölln nicht so teuer verkaufen, gäbe es da nicht so eine lebendige Musik- und Kunstszene.” Die Insolvenz der KOKA36 sei natürlich dramatisch, aber für ihn nur ein Symptom für die aktuelle Situation der Berliner Kulturlandschaft.
Unterstützung kommt auch aus der Politik
Was sich in den Gesprächen mit den Betroffenen zeigt: Das Geschäftsverhältnis zwischen der KOKA36 und Clubbetreiber:innen basierte hauptsächlich auf Vertrauensbasis, einem herzlichen Handschlag und Treuhandkonten. Alle Gefragten betonen das freundschaftliche Verhältnis zum ehemaligen Geschäftsführer Christian Raschke. Und: Niemand kann sich erklären, wie es zur Insolvenz kommen konnte.

Die Betroffenen dürften sich in Geduld üben müssen. „Das Insolvenzverfahren könnte sich zeitlich in einem Spielraum von zwei bis zehn Jahren ziehen”, so Insolvenzverwalter Kleinschmidt bei einer Gläubigerversammlung. Positive Signale kommen aus der Politik: Staatssekretär Michael Biel (SPD) von der Senatsverwaltung für Wirtschaft lud die Beteiligten ein und signalisierte Unterstützungsbereitschaft. Auch sonst zeigt sich große Solidarität in der Club- und Kulturszene Berlins. So bietet das Musicboard Berlin Förder- und Vermittlungskontakte an. Die Berlin Music Commission will zudem die Vernetzung unter den Gläubigern moderieren.
Warum die KOKA36 so wichtig war
Die KOKA36 galt über Jahrzehnte als Institution im Kampf gegen die totale Kommerzialisierung des Ticketings. Man wollte lieber den lokalen Partner unterstützen als anonyme Großkonzerne. Selbst digitale Verkäufe über Riesen wie Eventim ließen viele Clubs über die KOKA36 abwickeln. Die Konzertkasse pflegte die Kalender und koordinierte die Abrechnungen. Das war für Clubs bequem, machte sie aber auch abhängig.

Nach dem überraschenden Tod des Gründers Christian Raschke im Oktober 2025 kam das finanziell ohnehin instabile System ins Wanken. Denn im Live-Geschäft ist der Vorverkauf die Grundlage, um Bands, Technik und Personal im Voraus zu bezahlen. Weil dieses Geld nun fehlt, ist die Durchführung vieler Konzerte gefährdet. „Man muss den Leuten näherbringen, was das alles wirklich bedeutet und was das für immense Auswirkungen haben kann”, sagt Radek von Bronikowski von Greyzone. „Es sind so viele, die da betroffen sind, von Clubs über Veranstalter:innen, Menschen, die ehrenamtlich arbeiten, das hat einen viel größeren Radius, als man ahnt. Wir können nur schauen, wie wir da wieder rauskommen.”