Das Motherboard aus dem März 2026 findet ihr hier.
All-Irish Takeover with taurean – dubs out! (Refuge Worldwide)
Wer auf gute Sets steht, kann ruhig bei Refuge Worldwide reinhören. Diesmal steht die Frequenz auf All-Irish Takeover: Coddle, taurean und ein Guinness, bei dem sich der Mischsirup zu einem Klumpen am Boden verdichtet hat. Macht nichts, die Musik schmeckt, wenn warme Synth-Chords in Begleitung von butterweichen Drum-Racks sich zu einem komprimierten Raum verdichten, der das Sounddesign streng an den Zügeln hält. Dann ein Aufbruch: Die einzelnen Elemente zerstreuen sich und bilden kathedral anmutende Dub-Sphären. Keineswegs ist die zuvor betonte Enge noch zu spüren. Ab hier baut die Spannung so richtig auf. Jeder einzelne Break nimmt kurzzeitig Energie raus, um beim Einsetzen der Drums in unterschiedlichen Dimensionen zu explodieren. Rohe Naturkräfte tun sich auf: Feuer, Wind und Donner. Doch auch eine Sintflut geht irgendwann vorbei. Es bleibt: die Ruhe nach dem Sturm zu genießen und auf der grünen Wiese ein vierblättriges Kleeblatt pflücken. Natürlich alles passend zum St. Patricks Day. Michael Sarvi

Curses – EG.1059 (EG)
Verflucht, ich meine, Gott sei Dank, mal wieder ausgedehnte Curses-Mischung. Also: Unbekümmert all black, mit obligatorischem Weekday-Doppel-Monokel und der 1,5-Liter Sant’Anna-Pulle am apulischen Azurbecken vor sich hin vegetieren und nur darauf warten, dass sich der Hauttyp von kreidebleich zu krebsrot transformiert. So sitzt man, im vollendeten La-Deutsche-Vita-Feel mit LSF-50-Sprenklern übersät, und summt die Melodie von Cuccurucucù mit, während einem grazie und prego schon mit muttersprachlicher Beiläufigkeit über die Lippen kullern. Das Problem, die Preußenblässe braucht regelmäßige Schlagschattengelage – und hier kommt Curses ins Spiel. Der hat Für EG den passenden Mix aufgenommen.
Das zehnminütige NTS-Intro sucht man hier vergeblich, und glücklicherweise erzählt einem auch niemand, wie gerade das Wetter in Auckland ist – stattdessen gibt’s ab der ersten Minute feinstes EDM-Geschiebe, das nach Röhrenjeans, weißem Unterhemd und taillierter Lederjacke schreit. Ab der Hälfte des Mixes wird die glitzernde Dancefloor-Euphorie von Tracks wie „Ultimo Imperio” von Atahualpa zunehmend offener und songlastiger, heißt: Beständige Dark-Italo-Manier mit Moll, Melancholie und Pathos im gelegentlichen Peaktime-Radioformat. Das fühlt sich bald schon weniger nach konsekutiver Langzeitmischung denn nach bloßem feel an: Du, ein ausgebreitetes, viel zu kleines Handtuch, das lauwarme San Bitter im sandigen Bodensatz und dazu dieser „You Came”-Edit von Kim Wilde. Jakob Senger

Paide – outlines mix 6.1 (outlines)
Zehn Jahre outlines. Das sind: zig Releases für nervöse Beine oder Blasen oder beides. Weil, na ja, wir hören Footwork, den Zappelphilipp unter den elektronischen Musikrichtungen. Oder: das Gegenteil von Wohlfühlvibes für die Vernissagenwelt. Ja, outlines, das ist eher polnische Präzisionsparty. Mit Durch-die-Lupe-Schauen und Lineal-Anlegen und damit also komplett ungerade Striche ziehen. Striche, die Alben wurden, die Pawel Dunajko seit zehn Jahren rausbringt. Weil es das eben auch gibt: Footwork, der nicht im Schlachthof von Chicago entsteht, sondern in japanischen Teehäusern oder Alpenhinterländern. Oder irgendwo aus Frankreich schwitzt. outlines ist das beste Label für diese Holper-di-Polter-Musik. Und das hier, das ist der beste Mix für eine Beckenbodenbestandsaufnahme. Christoph Benkeser

Vainqueur – Ilian Tape Podcast Series 125 (Ilian Tape)
Der Seetaucher meldet sich nach knapp einer Minute, und auch wenn man sein charakteristisches Zwitschern eher mit Acid House denn mit Dub Techno verbindet, kündet er von einer musikalischen Geschichtsstunde in ästhetischer Zeitlosigkeit. Vainqueur, seines Zeichens einer der wichtigsten Dub-Techno-Innovatoren, hat für die Mixreihe von Ilian Tape eine musikalische Rückbesinnung auf bessere Zeiten aufgenommen.
Maurizio im Remix von The Orb, daher der Seetaucher, Sueño Latino mit ewigem Echo von Manuel Göttschings Meisterwerk „E2-E4”, Wax/Shed, Substance – die Liste der Interpreten ist ein All-Star-Kompendium des guten Geschmacks. Was noch lange nicht heißt, dass der Mix geschmäcklerisch ausfällt. Im Gegenteil legt Rene Löwe ein funkiges, spielerisches Verständnis seinerzeit bahnbrechender elektronischer Tanzmusik an den Tag, das mit dem althergebrachten und manchmal sicher zutreffenden Vorurteil der Hard-Wax-Verschrobenheit aufräumt. Ron Trents „Altered States” etwa spielt dramatische Strings und einen federleichten, fluffigen Beat auch 2026 noch genial gegeneinander aus. Jeff Mills‘ „4 Art” stellt technoide Dringlichkeit und gelöstes Drumming gegenüber. Löwe verlässt sich in dieser Stunde nicht nur auf die fahlen Grauschattierungen des Dub Techno. Er zeigt, wie Techno und House in den Neunzigern zum transatlantischen Phänomen mit unverwechselbaren Handschriften aus Detroit, Chicago und Berlin avancierten – ästhetisch zeitlos, wie eingangs festgestellt. Maximilian Fritz

Voodoos And Taboos – Yoyaku Instore Sessions (Yoyaku)
Bei Voodoos And Taboos bekommt Voodoo eine ganz neue Bedeutung. In diser Glaubensrichtung treten Gläubige in Kontakt mit Geistern, die sie heilen oder beraten. Um den Kontakt herzustellen, werden Musik und Tanz praktiziert. Ein schönes Bild, das sich ganz einfach auf diesen Mix übertragen lässt. Sobald man auf Play drückt, nimmt man teil. Der Ton am Anfang baut sich sanft auf, so wie du dir das von deinem Wecker morgens um 7 wünschst. Die Wohltat des sachten Erwachens ist garantiert, als italienische Vocals sich träumerisch ins Klangbild einarbeiten. Und dann geht es los, mit mehr Rhythmus, mehr Euphorie, mehr von allem. So nimmt man Kontakt auf, zu den Geistern der beiden mysteriösen Männer hinter Voodoos And Taboos, die ein Geheimnis aus ihren Wesen machen. Sie sind zurückhaltend und kommunizieren nicht über Sprache, sondern über ihre trippigen und electroiden Sets. Sie ziehen in ihren Bann, je länger man sich der Musik hingibt. Ein Set, bei dem man das Zeitgefühl verliert, bis plötzlich der letzte Ton verklungen ist. Übrigens: Ihre Produktionen veröffentlichen die beiden auf ihrem eigenen Label Voodoos And Taboos Records oder auf anderen auf Imprints wie CWPT oder Duality Trax. Greta Allgöwer
