Mit A History of Elevator Music: From Muzak to Streaming hat ARTE eine Dokumentation zur Geschichte von Gebrauchsmusik veröffentlicht. Anhand von Archivmaterial und Interviews, unter anderem mit Brian Eno und Jean-Michel Jarre, zeichnet Regisseur David Ungar den Werdegang eines Musikgenres nach, hinter dessen Namen ein Konzern steckte: Muzak.
Zunächst setzte die US-Firma das akustische Hintergrundrauschen in den 1920er-Jahren in Fahrstühlen ein, um den Menschen die Angst vor dieser neuartigen, technischen Konstruktion zu nehmen. Später fand Gebrauchsmusik Einzug in andere Orte des öffentlichen Lebens, zum Beispiel in Kaufhäuser und Büros. Die knapp 50-minütige Dokumentation untersucht zum einen die Ursprünge, aber auch wie aus der einstigen Funktionsmusik Ambient entstand und daraus ein globales Streaming-Phänomen wurde.
„Fahrstuhlmusik ist keine Musik, die ein bestimmtes kreatives Interesse weckt”, sagt die französische Philosophin Pauline Nadrigny in der Doku. Vielmehr werfe sie Fragen auf: „Wer komponiert hier? Und zu welchem Zweck?” Gebrauchsmusik sei laut ihr eine Nicht-Musik, die ausschließlich für außermusikalische Zwecke eingesetzt wurde, auch und vor allem um die Produktivität in den wachsenden Bürolandschaften der 1930er-Jahre zu steigern. Der US-amerikanische General George Owen Squier hatte sein Unternehmen 1922 zunächst unter dem Namen Wired Music gegründet, bevor er es 1934 in Muzak, ein Kofferwort aus Music und Kodak, umbenannte. Nach dem Tod Squiers im gleichen Jahr wurde Muzak vom Unternehmer Will Benton übernommen, der 1935 den erfolgreichen Orchesterleiter Ben Selvin als musikalischen Leiter anwarb. Im Zentrum seiner Musik: Keine dramatischen Steigerungen oder rhythmische Verlagerungen, dafür eingängige und leicht verdauliche Melodien in gleichmäßigem Tempo. Das primär funktionelle Design der Musik vergleicht der französische Autor Jacques Attali mit „Vogelgezwitscher, Sakralmusik und Militärmusik.”
Muzak sollte nicht nur die Produktivität in Büros, sondern auch das Kaufverhalten in Kaufhäusern steigern. „Während des Stöberns bleibt die Musik unterschwellig, aber in der Nähe des Kassenschalters wird sie plötzlich lauter”, erklärt der Musikwissenschaftler Toby Dubois-Heys. „So wird das Kaufverhalten der Menschen choreografiert”. Laut ihm sei Muzak der passende Soundtrack für die rasant fortschreitende Verbindung zwischen Mensch und Markt.
Erik Satie nannte Muzak „Furniture Music”, wobei er auf ihre bloße Funktion als Werbung verwies, und auch andere Zeitgenossen sprachen dem Genre seine Daseinsberechtigung ab. Dieser kulturkritischen Perspektive nahmen sich auch einige Musiker:innen in den Siebzigern an. Sie dachten Gebrauchsmusik um und machten aus ihr das, was heute als Ambient bekannt ist. Ein bekanntes Werk aus dieser Zeit ist Brian Enos Ambient 1: Music For Airports. Das 1978 erschienene Album des britischen Avantgarde-Musikers nimmt die Terminal-Lounge eines Flughafens als musikalisches Thema und inszeniert die monotone Atmosphäre als Gratwanderung zwischen trister Repetition und unterdrückter Imagination.
Seither hat sich Ambient zu einem globalen Phänomen entwickelt – nicht nur für das heimische Hi-Fi-Studio und Listening Events, sondern auch als marktgetriebene Plattform-Musik auf Streaming-Diensten wie Spotify, wo KI-Musik teilweise Millionen an Plays erzielt. Ambient ist aber auch Anlass für ungewöhnliche Social-Media-Trends: Zuletzt hatte das überraschend harmonische Brummen eines Tiefkühl-Segments in einem britischen Supermarkt für Aufsehen gesorgt.
Die Dokumentation A History of Elevator Music: From Muzak to Streaming ist in der ARTE-Mediathek und auf YouTube verfügbar.





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