Die Mixe des Monats im Februar findet ihr hier, das Motherboard hier, die Compilations hier, Teil 1 der Alben hier.
Maara – Ultra Villain (NAFF)
Auf ihrem zweiten Album perfektioniert die in Montreal lebende Maara ihren Stil aus lysergischem Pop und moderner Elektronik, im brodelnden Kessel mit Breakbeats angerührt und gewispertem Gesang gewürzt. Diese Vocals, die von Liebe, Verlangen, von erfüllt bis zerbrochen singen, durchziehen das Album wie ein warmer, einlullender Strom. Dazu die schwebend vibrierende Musik voller psychedelischer Tiefe und elektrifizierender Vielfalt. Was wie ein Dampfbad ambienter Synthesizer-Flächen beginnt, dringt im Verlauf tiefer ein in einen düster-mysteriös klingenden Ozean. Da stehen die Reggaeton-Anklänge von „Dirt” perfekt neben dem Hip-Hop-Groove von „Gloves Off” oder den technoid treibenden Rhythmen von „The Chase”. Und schon sind wir mit „Kiss The Ring” mitten auf dem Bass-Music-Dancefloor, während Maara zu abgehackten Stöhn-Samples und wunderbar elastisch hüpfenden Beats „Suck it, fuck it, I’m a freak” in die tiefe Nacht flüstert. Na klar. Breakbeats sind es auch, die – neben Maaras Stimme – das verbindende Element aller Stücke des Albums sind. Mal electroid, mal bassmusikalisch. Meist jedoch in einer Hip-Hop-Ästhetik, doch ohne abgehangen zu klingen. Man munkelt allenthalben ja von einem Trip-Hop-Revival. Nun, wenn es so klingt, dann meinetwegen. Tim Lorenz

Noémi Büchi – Exuvie (-ous)
Flächige Musik macht die Franko-Schweizerin Noémi Büchi. Insofern lässt sich ihre Musik durchaus als Ambient bezeichnen. Dabei gibt es jedoch eine Verwirbelung. Während klassische Ambient-Tracks durchaus auf das Einlullen oder zumindest doch das Runterkommen zielen, fügt Büchi ihren Produktionen etwas Neues ein. Aus der Zweidimensionalität entfalten sich dreidimensionale Skulpturen. Sie entstehen durch künstlich gesetzte Spielunterbrechungen. Die Richtung kann sich ändern, das Tempo, die Tonart, der Rhythmus.
Im Eröffnungsstück „i was almost there” (Büchi schreibt die meisten Titel in Kleinbuchstaben) pumpt lediglich eine körperhafte Bassdrum. Das folgende „after the fold” rafft seine Synthesizer, sodass der Eindruck einer schneller vergehenden Zeit entsteht. Dieses Spiel mit dem Erleben von Zeit taucht wieder auf, wenn „I suppose” einen fülligen Keyboard-Strauß mal zusammenbindet, mal in der Vase gut zusammenschnurrt. Das abschließende „la mue” verabschiedet sich mit einem konstanten, stehenden Beat.
Auch nicht ambienthaft muten die dissonanten Harmonien an, mit denen Noémi Büchi hier spielt. Sie führen zu einem behaglichen Unbehagen. So entsteht mehr und mehr ein Verständnis für das, was die Komponistin meinen könnte, wenn sie über dieses Album sinngemäß sagt, sie interessiere sich für das, was nicht mehr ist, aber eben noch nachhallt. Christoph Braun

Nondi_– Nondi… (Planet Mu)
Dem Diffusen scharf umrissene Konturen verleihen. Diesen scheinbar paradoxen Ansatz verfolgt die Produzentin Tatiana Triplin mit dem jüngsten Album ihres Projekts Nondi_, dem sie den schönen Titel Nondi… verliehen hat. Man kann aus dieser leicht zu übersehenden Zeichenverschiebung eine Ästhetik der kleinen Differenzen herauslesen. Was zu Nondi_s Ansatz ebenso passt wie zu ihrer übrigen Arbeit. Unter dem Namen Yakui betreibt sie das Label HRR, das sich laut Selbstbeschreibung auf Web Folk, Nightcore und Dubst spezialisiert hat. Eine Ahnung, was sich hinter solchen kryptischen Genrebezeichnungen verbergen könnte, gibt ihr eigenes Album. Die Tracks bieten Clubmusik, die sich vergleichbar verwaschen präsentiert wie etwa der kultiviert kaputte House-Techno-Dubstep-Hybrid von Actress. Ähnlich wie bei diesem stehen in der Musik von Nondi_ schartige Beats mit synkopierter Schieflage neben verrauschtem Ambient. Die hektisch-brachiale Rhythmik von Footwork verarbeitet sie ebenso wie den zurückgelehnt hallenden Bass-Sound von Dub Techno. Bei ihr klingen diese Ansätze jedoch nicht nach vereinzelten Stilübungen, vielmehr greift sie deren Charakteristika auf, um sie verspielt weiterzuspinnen. Bei den Ergebnissen mag man sich mitunter die Frage stellen: „Soll ich dazu jetzt eigentlich tanzen?” Doch ist zu vermuten, dass Nondi_ ihrem Publikum da freie Hand lässt. Gut so. Tim Caspar Boehme

Placid Angles – Canada (Oath)
Bestimmt kann Kanada auch anders ausfallen, stürmischer, gewaltiger. Doch John Beltran, der Produzent aus Michigan, zeichnet auf seinem vierten Album unter seinem Ambient-Pseudonym Placid Angles ein sanftes, bisweilen zärtliches Porträt des Landes, das er in den vergangenen Jahren bereiste. Himmlische, süßliche Harmonien, langsam ein- und ausfadend.
„Hands Of Love” schwingt im Beat der Liebe, jenem aufgeweichten Boom-Bap-Pulsieren, das einst den zweiten Summer Of Love von Manchester begleitete, während „Reminds Me Of The Rain” lebhaftes Tirilieren und Echos von Menschenstimmen unter eine Kuppel schickt – mit dem Ziel Widerhall. Mit „Hero” zaubert der 1969 geborene und seit etwa 1990 veröffentlichende Beltran einen Burial-Anbetungstrack hin, gespickt mit verwunschenen Drums und quäkenden Engels-Sampeln. Er, Beltran, der ja selbst hochverehrt wird, von Four Tet bis Fiori. Auf „I Want What I Want” singt die Sängerin Sophia Stel einen Dreampop-Traum; Eine Kollabo gibt es auch mit Yussh aus Bristol: „Wildfire” klingt wie der Traum von einem Club-Erlebnis, „Tides Alternate” mit dem Londoner Tom VR pusht niedlich.
So klingt Canada mit seinem Ambient der Darin-Baden-Sorte gleichzeitig wie aus der Zeit gefallen und absolut zeitgenössisch. „Placid” bedeutet schließlich still und ruhend, wie in dem Lied mit dem leise rieselnden Schnee. Christoph Braun

Shane Parish – Autechre Guitar (Palilalia)
Ein Albumname, der wenig Spielraum für Interpretation lässt: Gitarrist Shane Parish hat sich für diese LP zehn Tracks von Autechre ausgesucht und sie mit seinem Leib- und Mageninstrument in feingliedrige, verletzliche akustische Kleinode umgewidmet. Harmoniesüchtig wie die Gitarre ist, hat Parish sich dafür beim Frühwerk des ikonischen Duos bedient, bei Alben wie Amber, Tri Repetae oder Incunabula. Zeiten, zu denen Autechre ihr volles disruptives Potenzial noch nicht entfaltet hatten, das bei Live-Gigs Arglose, die sich den ein oder anderen Hit aus den alten Tagen erwarten, die Flucht ergreifen lässt.
Auch wenn sich die beiden heute für die Schönheit genieren, die ihre Musik in den Neunzigern durchdrang, gehört sie zum ewigen Jargon und kulturellen Eigentum der Introvertierten. Perfekt also für einen Sologitarristen. Parish geht seine Mission respektvoll an, konserviert die ursprüngliche Schönheit dieser ehedem revolutionären analogelektronischen Werke und steckt sie in neue, reduzierte Kleider, transformiert ihr außerirdisches Potenzial in wildwestliche Anflüge von Americana und Country-Folk („Slip”, „Nine”), lässt Melodik und Rhythmus aufwendig ineinandergreifen („Yulquen”) oder erweitert den wohl schönsten Autechre-Track, „Eggshell”, um neue Facetten der Melancholie, wenn Saitenanschlag um Saitenanschlag in die Leere hallt.
Man kann nur darüber mutmaßen, wie Autechre diese pittoreske Neuinterpretation ihres musikalischen Vermächtnisses finden. Zum ständigen Konflikt zwischen Extroversion und Introversion, an dem die beiden zeit ihrer Karriere teilhaben, trägt diese Veröffentlichung aber eine entscheidende Erkenntnis bei: Wenn der Depp mit der Gitarre am Lagerfeuer nicht immer bloß „Wonderwall” spielen würde, sondern dieses Album, wäre die Welt ein besserer Ort. Maximilian Fritz
