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Vorabdruck des Romans „Partypeople” von Stefan Sommer: „Die stärkere Wirkung der argentinischen Oxycodon-Tabletten hätte mich überrascht, sagte ich”

Die einen bewundern erfolgreiche DJs, die anderen verachten sie. Journalist und Schriftsteller Stefan Sommer hat sich für einen anderen, literarischen Weg der Annäherung an diesen Menschentypus entschieden, der das Bild der Nachtkultur maßgeblich prägt.

In seinem Roman Partypeople gibt Sommer Einblick in das Leben eines Star-DJs, einem namenlosen Musiker, der sich zwischen Bühne, Flughafen-Lounges und Fotoshootings verloren hat und dabei nicht um seine verstorbene Mutter trauern kann. In diesem Vorabdruck geben wir euch einen keinen Eindruck des Buches, an dessen Ende der Autor unter anderem DJ Hell, Gerd Janson und Marie Montexier dankt.

Das im Otto Müller Verlag erschienene Buch ist für den Deutschen Popliteraturpreis 2026 nominiert

Ich liege nachts wach in meiner Lodge. Der Laptopscreen beleuchtet mein Gesicht. Der heranrauschende Ozean hinter den zugezogenen Vorhängen. Seit ich hergebracht wurde, habe ich den schweren Leinenstoff nicht zur Seite geschoben. Ich schaue nicht hinaus. Ich laufe nicht runter an den Strand. Ich schwimme nicht. Ich wandere nicht durch die Dünen. Ich gehe nicht ins Restaurant. Ich spreche mit niemandem. Besonders nicht über mein Verhältnis zu verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln. Nur weil mir während einer Show in Buenos Aires schwarz vor Augen wurde?

Das war, obviously, ein normaler Schwächeanfall. Haben die Ozempicspritzen Philippe auch das Hirn weggeschmolzen? Das hat nichts mit Bogotá zu tun. Da hatte ich es übertrieben. Das sehe ich ein. Buenos Aires hat genauso wenig mit der Notaufnahme in Lima zu tun. Auch das wollte er mir partout nicht glauben. Die stärkere Wirkung der argentinischen Oxycodontabletten hätte mich überrascht. Die seien anders dosiert, sagte ich. Ich hätte zu wenig Wasser getrunken. Dehydriert sei ich gewesen. Wenn überhaupt, hätte ich aktuell eine kleine Spiral. Ich sei dauernd erkältet. Nebenhöhlen, Kehlkopf, Stimmbänder. Das zehre an mir. ChatGPT sehe dennoch keinen Handlungsbedarf. Das ließ Philippe aber ebenfalls nicht gelten. Ich bräuchte „eine kreative Pause”, stimmten er und die Agency überein. „Eine kreative Pause”, so nannten sie es im Videocall, den sie am Flughafen hielten. So wurde es offiziell über meine Social-Media-Kanäle kommuniziert. Noch im Terminal, bevor mich Philippe hierherbringen konnte, musste ich eine Erklärung der Presseabteilung in die Kamera einsprechen. Philippe hielt das iPhone für mich. Eigentlich hätte ich das selbst gekonnt, weil ich alles unter Kontrolle hatte. Was ungeschickt war – das will ich allerdings zugeben –, dass jemand meinen Sturz von der Bühne gefilmt hat. Weil das hier so ein Resort ist, in dem sie mir das Smartphone abgenommen haben, kann ich nur mutmaßen, wie viral es gegangen sein könnte. Im Tausch gegen das Telefon wurden mir ein Notizbuch und ein Stift ausgehändigt. Ich soll täglich notieren, was ich fühle. Bisher habe ich damit Mosquitos erschlagen.

Ich würde in diesen Tagen an meinem zweiten Album arbeiten. Deshalb die Pause. Deshalb keine Interviewanfragen. Deshalb würden die Auftritte in Paraguay und Ecuador im Herbst erst nachgeholt. Es scheint mir eine glaubwürdige Strategie zu sein. Schließlich wurde der Release des Albums in den letzten Jahren wieder und wieder verschoben. Ich habe das Gefühl, nicht zum letzten Mal.

Ich liege unter der Daunendecke, und anstatt an Songskizzen zu arbeiten, scrolle ich auf dem Laptop durch eine Playlist, die ich nie wieder öffnen wollte. Darin die vier Stücke, die ich für ihre Beerdigung zusammengesucht hatte, aber mich nicht getraut habe, sie im evangelischen Gemeindehaus abzuspielen. Ich saß neben dem stummen Götz und dachte dort plötzlich, ich würde allen etwas über sie verraten, was nur für mich bestimmt war. Ich hatte tagelang nichts anderes gemacht, als mich durch ihre Platten zu hören. Es fiel mir so schwer, und ich war so froh, als ich diese Lieder beisammenhatte. Ich hätte damals nicht glauben können, dass es irgendwann so leicht sein würde, sie für immer zu löschen. Als ich die Files mit dem Cursor markiere und in den Papierkorb schiebe, spüre ich kein winziges Zögern. Es ist mir schlicht egal.

Ich versuche es mit einem meiner Lieblingslieder: Armand Van Heldens „You Don’t Know Me”. Die Vinyl konnte ich als Teenager wochenlang nirgends finden, bis ich mich getraut habe, einem Typen in Bandshirt in seinem Plattenladen die Vocals vorzusingen. Ein Track, von dem ich dachte, ich könnte ihn nie tothören. Er ist mir aber nur noch fremd. Das ist Kitsch. Sentimentaler, abgedroschener, dummdreister Kitsch. Ich lösche auch ihn und spüre keine Reue. „Final Credits” von Midland? Nichts. Immer wenn nichts geholfen hat, hat der Song zumindest ein bisschen geholfen. Ich weiß nicht, in wie vielen Taxis ich saß und ihn hörte und an Maman dachte und damit haderte, ob ich ihn damals nicht doch hätte spielen sollen. Nur diesen einen Song. Weil es darin doch heißt: „Neither one of us, wants to be the first to say goodbye.”

Ich warte kurz.

Aber nein, auch da, kein Ballast, der abfällt, nur dumpfes Desinteresse. Und so mache ich weiter, bis mich ein Track aufhören lässt zu vernichten, was ich früher geliebt habe wie nichts anderes. Auch „Promised Land” von Joe Smooth, der Soundtrack des ersten Ecstasyrauschs mit einem Boyfriend, kickt kaum. An „Breathe” von CamelPhat irritiert mich, wie ich daran so bemitleidenswert hängen konnte. Vielleicht die Playlist für die erste Show im Berghain? Mein Closer war „Everything In Its Right Place” von Radiohead. Ich dachte, dort gehöre ich hin. Es kommt mir heute vor, als hätte das jemand anderes gedacht. Ist von dieser Person, die ich war, denn noch irgendetwas übrig?

Ich lösche auch diesen Titel und nehme die Oxycodonpackung aus der Unterhose, wo ich sie vor Philippe und den Ärzten im Krankenhaus verstecken konnte. Darin nur noch fünf Tabletten. Die letzte Reserve. Ich nehme direkt zwei davon, die ich mit dem schweren Sockel des Smoothiemixers aus der Küche zerschlage und mit der schwarzen Mastercard zu weißem Pulver zerkleinere, um sie durch die Nase zu ziehen. Ein bisschen Fun muss sein. Es hittet aber nicht so, wie ich es gewohnt bin. Ich spüre den wattigen Effekt, den samtigen Schoß, in den ich mich zurückziehe. Diese totale Leichtigkeit, die ich mir wünsche, wird es nicht werden. Da ich von den Benzocain aber auch noch welche übrig habe, die sie mir nicht abnehmen konnten, kann ich zumindest nachjustieren. Herrlich, wenn das Stechen aufhört und da, wo mein Bauch war, eine Wolke schwebt. Ich sinke wieder tief in die Laken. Es ist, als würde ich ein Vollbad in Bepanthen nehmen.

Next up: Fotos und Videos, die ich auf dem Laptop für eine Ausstellung gespeichert habe, die nie stattfinden wird. Ich, in Paris. Vor dem Spiegel. Der Vorhang im Wind. Was soll ich damit? Was soll ich überhaupt noch mit Bildern? Ich, und Palomita-Orchideen auf dem Oberkörper im Stroboskop des Space Miami. Ich, auf dem Rodeo-Drive im Cadillac. Ich, in Bogotá, bevor mir die Champagnerflasche entgleitet. Bassiani, Tbilisi. Goldener Reiter, München. Ich, auf dem ADE beim Paneltalk über Equality. Das Sahara-Tent auf dem Coachella. Ich, mit Drake an seinem Laptop. Ich, am Times Square vor einer LED-Leinwand, auf der ich mit dem Debütalbum zu sehen bin. Kuscheltiere, die mir Fans nach der Show in Seoul zugeworfen haben. Ich, als Figur in GTA6. Ich, auf dem roten Teppich neben Francesca, die sich unterhakt. Ich, auf einem Sofa in der Akademie der Künste neben Gerhard Richter. Und da, tatsächlich, ein Foto, das ich übersehen habe. Christian, mit offenem Hemd, auf dem Balkon meiner Wohnung in der Weserstraße. Er telefoniert mit seiner Frau, aber schaut zu mir. Mit den anderen Files auf dem Desktop hebe ich es in den Papierkorb, den ich danach leere.

Trotzdem wird es Morgen. Das erste Sonnenlicht unter den Vorhängen. Schnelle Schatten dazwischen, die vorbeihuschen. Ich erinnere mich, dass Philippe mich für eine Pinguine-Watch-Tour anmelden wollte. Hier wären sie zu Hause, sagte er, als wir vorgestern ankamen. Und da klopft es tatsächlich an meiner Tür.

In einem schwarzen Hoodie, den ich mir tief ins Gesicht ziehe wie das lächerlichste Depressivenklischee, stehe ich später an der Reling des Bootes. Mit anderen aus dem Resort und einer Böblinger Reisegruppe vermutlich aus einem der Nachbarhotels, die sich – anders als ich – für die frühmorgendliche Ausfahrt mit Funktionsjacken und wasserdichtem Schuhwerk gerüstet hat, schaue ich hinaus auf das wilde Meer. Wellen schlagen gegen den Bug. Gischt spritzt an Deck. Wir warten auf Flamingos, Blau- und Buckelwale, Seelöwen, Schwarzhalsschwäne und auch andere Wasservogelarten wie Schwarzzügelbisse, Magellangänse und – eventuell – Magellanpinguine. Die könnten zu dieser Jahreszeit jedoch scheu sein, hatte man uns vorgewarnt. Ich beiße in ein belegtes Brot, das man mir in die Hand gedrückt hat. Ich trinke aus einer Flasche, die ich austrinken soll. Ich sehe in unserem Rücken die tiefgrüne Küste. Ich sehe meine Lodge. Die geschotterte Straße, die den Hügel hinabführt zu einem Bootsanleger. Ich hatte ein bisschen darauf gehofft, dass das Meer manches in mir ändern würde, aber was, wenn da nichts ist, das man noch ändern kann? Sonst sehe ich das Meer, und es ist schön und weit und ich klein und alles halb so fürchterlich, aber heute nicht. Heute ist alles doppelt so fürchterlich.

Noch zwei Stunden fährt uns das Boot kreuz und quer über den Pazifischen Ozean.

Irgendwann ein Schatten zwischen den Wogen. Möwengeschrei in der Ferne, das der Wind über das Wasser trägt. Wir sehen, wie eine Fontäne aus dem Ozean in die Höhe spritzt. Wir eilen von einer Bordseite zur anderen. Die Pinguine kommen nicht. Zur Brut hätten sie sich auf eine Insel zurückgezogen, erklärt eine Rangerin in Fleeceweste. Die sei Naturschutzgebiet. Außerdem ziehe Nebel auf.

Zurück in der Lodge beschließe ich dann, auch die Messages an Maman zu löschen, die ich ihr seit diesem Tag im Februar vor drei Jahren geschickt habe. Manchmal habe ich mehrmals täglich geschrieben, dass ich eines ihrer Gerichte vermisse; was ich dem Vater sagen möchte, aber nicht sagen kann; wie müde ich bin, wie sehr ich Flughäfen hasse, wie sehr Taxis, wie sehr Hotelzimmer, wie müde ich bin. Dann wochenlang nichts. Und dann wieder einen ganzen Roman in einer Nacht, nachdem ich Christians Overshirt endlich mittendurch zerschnitten habe. Ich lese mir ganz leise vor, was ich ihr gestern geschrieben habe, weil ich es plötzlich endkomisch finde, meine eigene Stimme zu hören, wenn ich so lange mit niemandem gesprochen habe.

23:47 Uhr
Kannst du das mit dem Totsein endlich lassen?

23:48 Uhr
Bitte?

06:49 Uhr
Alles Gute zum Geburtstag

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