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Mixe des Monats: Februar 2026

Carré – The Mix 094 (Mixmag)

Einmal ums Karree und zurück, das heißt: Im Kreis laufen, aber im gedachten Viereck. Dann aber im hüftbetonten Dreierhopp zurück auf die Couch und vor den Fernseher klemmen, denn es läuft Olympia. Das Event, bei dem sowohl notorische Sport-Simulierende, Ethnologie-Drittsemestler:innen, als auch das geneigte Sportschau-Publikum mal wieder auf einen Nenner kommen. Also endlich mal unbekümmert die innere Fahne schwenken, sich internationale Verständigung bescheren und dabei am alkoholfreien Schöfferhofer Grapefruit nippen. Beseelt vom olympischen Geist holt man schließlich die Schlittschuhe vom elterlichen Dachboden, dreht im Erika-Hess-Eisstadion mit den anderen Stangenhühnern die immer selben Runden und denkt sich: Das hat auf der Glotze aber anders ausgeschaut.

Ohne viereckige Augen, dafür mit schönen Sub-Kurven kommt Carré daher. Die amerikanische Musikerin bewegt sich für ihren Mix im erweiterten 140-BPM-Bereich und rührt eine Mischung aus reduziertem, technoidem Dubstep, schnellen, energetischen Breaks und druckvollem Dub Techno an. Sprich taumeln, taumeln, tanzen – aber Hauptsache ab auf die Piste, weil, eh: Dabei sein ist alles.

Den Auftakt für den einstündigen Mix bildet der hauseigene melodische Laidback-Tune „Hibiscus” mit der kalifornischen Rapperin Bbyafricka von ihrer neuen EP bei Tempa. Von da an schnürt sich das elegante Four-to-the-Floor-Korsett immer weiter zu, bis irgendwann bei der Hälfte Skreams grimmiger 808-Stomper „Tapped” mit seiner drakonischen Synth-Line einsteuert und das Ganze wieder aufbricht. Diese bassmusikalische Gratwanderung zieht sich durch den gesamten Mix und beweist ein goldenes Händchen für Grazie, Technik, Taktgefühl und bekommt ein zusätzliches Sternchen für die Haltungsnoten im Low-End-Bereich. Jakob Senger

Fuunkt – Zapped Cast 042 (Zapped Records)

Tech-House. Für die einen war er nie weg, für die anderen kam er nie an und für die ganz Verschrobenen ist er wieder da. Zuzugeben, dass man diese Musik gerne hört, kam in den späten Zehnerjahren und während der Pandemie einem gustatorischen Sakrileg gleich, inzwischen funktioniert das Genre als bisweilen snobistische Pose einer offensiv zur Schau gestellten Genügsamkeit der Heads, als ehemaliges guilty pleasure, als aktueller Triumph der Reduktion nach dem großen Krach.

Dabei eignet sich das Genre nicht nur für rave-soziologische Abhandlungen und als ästhetischer Zankapfel, sondern macht musikalisch einiges her. Fuunkt zeigt das meisterlich. Nicht nur vermittelt sich in seinem anderthalbstündigen Zapped Cast glorios, warum Tech-House viele Partys nach Sonnenaufgang erst so richtig angezündet hat – mit seinen dominanten Basslines, dem abwechslungsreichen Drumming und paranoiden Vocals ist und bleibt er das tanzmusikalische Perpetuum Mobile oder die ewige Möbiusschleife. Der in Berlin lebende Spanier entkräftet in diesem Mix zudem Vorwürfe der Seichtheit, indem er die große Kunst vollbringt, abwechslungsreiche Passagen in einen konstanten Fluss einzuhegen. Sinn und Wesen eines Raves, Kernkompetenz eines guten Tech-House-Sets. Maximilian Fritz

Hannie Phi – STATION 074 (METRO)

Wenn sich Hobby-Feuilleton-Lesende und Literarische-Quartett-Begeisterte zur grauen Masse werden, ist wieder Buchmesse. Am Eingang diskutiert man hochliterarische Fragen über den spektakulären Debütroman und landet am Ende doch bei der Autogrammstunde von Fitzek. Der neue Thriller fürs Jahr ist natürlich auch schon angekündigt: Wie gewohnt. Wie gehabt!

Da biegt man lieber zum Kontrastprogramm des Leipziger Kollektivs Metro ab: Ein synergetischer Prolog aus ekstatischen Percussion-Patterns verdichtet das Erzähltempo und hält dadurch die Spannung gleich zu Anfang hoch. Mit einem Abbruch konzentriert man sich blitzartig auf das Wesentliche. Kalt, hart und minimal – manchmal braucht es nicht mehr. Zum Ende wird der Subtext wärmer, ohne in Happy-End-Kitsch abzurutschen.

Hannie Phi präsentiert ihre bunte Sammlung nischiger Tech-House-Perlen. Auch wenn eine Platte ab und an holprig reinkommt, der Lock-in-Effekt befriedigt jede Person mit Hang zum organischen Vinyl-mixing umso mehr. Perfektion in der Imperfektion: Kein gehaltloser Pathos, keine perfekte Selbstdarstellung. Eher wie damals, wenn der Vater auf das Blechding hämmert und sagt: „Das ist noch richtiges Handwerk!” Michael Sarvi

Ogazón – SPND20 (Spandau20)

Da kennt jemand seinen Werkzeugkasten in- und auswendig. Ogazón weiß genau, welcher Schraubenzieher wann zum Einsatz kommt, mit ruhiger Hand geführt, geduldig eingesetzt und getragen von einem Timing, das weniger auffällt, als dass es wirkt. Auf Spandau20 zeigt sie ein Abbild jenes Clubsounds, der die in Berlin ansässige DJ längst zu einer festen Größe gemacht hat.

Wer gedanklich vom Berghain-Floor in Richtung Panorama Bar läuft und genau diesen musikalischen Schnittpunkt hören möchte, findet ihn hier erstaunlich klar. Kontinuität wird zum eigentlichen Konzept: Unterschiedliche Stimmungen, Akkorde oder seltene Vocals tauchen auf und verschwinden wieder, doch unter allem arbeitet eine konstante Bewegung. Fast durchgängige Kickdrum, offene Hi-Hats, ein Groove, der nicht drückt, sondern zieht. Detroit und Berlin würden ihr gemeinsames Kind hier gleichzeitig vom Spielplatz abholen wollen.

Besonders bemerkenswert ist, wie flüssig alles wirkt. Die Übergänge greifen so selbstverständlich ineinander, dass man komplett vergisst, dass Ogazón konsequent Vinyl spielt. Genau darin zeigt sich ihr Verständnis für Setstruktur: Nichts wirkt zufällig, trotzdem verliert sich der Hörer im Verlauf, weil Kontrolle hier nicht ausgestellt, sondern versteckt wird. Tracks wie „Swinger” von Tobias von Hofsten öffnen kurz den emotionalen Raum, ohne den linearen Zug des Sets zu unterbrechen. Das durch unzählige Mixkritiken beinahe entleerte Wort „Reise” gewinnt hier seine ursprüngliche Bedeutung zurück – weil Ogazón sich die Freiheit nimmt, sie nicht erzwingen zu müssen. Paul Sauerbruch

Roos Reijmers – 14 February 2026 (SWU.FM)

Blaue Lippen oder rote Rosen, Hauptsache Valentinstag. Ist ja wirklich ein schöner Tag. Sofern man, hach, Tankstellenbesitzer mit angehängter Floristikabteilung ist. Dabei muss man Zuneigung nicht in eine Pralinenschachtel pressen, um an diesem Tag eine gute Zeit zu haben. Es reicht auch dieser Mix auf dem großartigen SWU.FM von der mindestens so großartigen Roos Reijmers. Die schmachtet einem keine 20 Kilometer von der deutschen Grenze entgegen wie Laura Palmer zu besseren Zeiten. Das heißt, damals, also: Mark-Ruffalo-in-der-Clearasilwerbung-damals. Könnte eine Weile her sein. Deshalb müssen da die sogenannten Kultklassiker rein. Die Dorfdisco verliert ihren Glauben, R.E.M. einen Gott. Und Roos, die sagt „Danke, gleichfalls”, wenn wir „Love You” sagen. Christoph Benkeser

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