Und für den neuen Sniper-Mode-Release war dir auch sofort klar: Das wird ein ganzes Album?
Das war mir sofort klar. Ich habe schon damals zwei Alben als Sniper Mode rausgebracht, deswegen hatte ich auch dieses Mal direkt ein Album im Kopf. Die Leute bei Turbo haben es extrem gepusht. Gemeinsam kam dann ziemlich schnell die Entscheidung, das Projekt nicht unter dem Namen Gregor Tresher, sondern als Sniper Mode zu veröffentlichen.
Wie kam es damals zu der Entscheidung, Sniper Mode hinter dir zu lassen und unter deinem richtigen Namen zu veröffentlichen?
Ich wollte das letzte Hintertürchen zuschlagen und nicht mehr unter einem Pseudonym veröffentlichen. Damals habe ich einen Remix für Sven Väth gemacht und zwei Platten auf Datapunk herausgebracht. Das hat sich wie der richtige Zeitpunkt angefühlt, um meinen eigenen Namen draufzuschreiben und mich nicht mehr hinter einem Alias zu verstecken. Ich habe das Gefühl, man selbst, aber auch die Menschen, die deine Musik hören, gehen auf einmal viel feinfühliger mit der Musik um, wenn dein bürgerlicher Name auf dem Cover steht. Im Nachhinein war dieser Imagewechsel die beste Entscheidung ever.
„Wenn’s mal nicht läuft, sitze ich einfach im Studio und höre Musik oder schmeiße den Staubsauger an.”
Wie war denn die Arbeit an deinem allerersten Album als Gregor Tresher?
Das ist aus einem kreativen Rausch heraus entstanden. In solchen Momenten denkst du dir: Ich kann jetzt nicht nach Hause gehen. Ich muss wieder die Nacht durchmachen, weil ich so viel Spaß daran habe. Der jugendliche Eifer sozusagen. So was weißt du irgendwann zu schätzen, weil es auch andere Phasen gibt. Manchmal läuft gar nichts, und du zweifelst an dir, und das Ganze steigert sich zu einem existenziellen Ausmaß. Aber damit lernt man umzugehen. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wenn’s da mal nicht läuft, sitze ich einfach im Studio und höre Musik oder schmeiße den Staubsauger an.
Und der Sound von damals, wie würdest du den beschreiben?
Er war stark von der Melodik der Neunziger geprägt, gemerged mit dem Sound der Nullerjahre. Das war eine ganz neue und eigene Sache, hinter der ich immer noch voll stehe. Aber klar ist auch: Ich schaue immer nach vorne, das würde ich heute nicht nochmal so produzieren.

Danach hast du kontinuierlich weiter produziert, Alben, EPs und Remixe. Nur zwischen 2013 und 2016 findet man eine kleine Lücke in deiner Bio. Wie kam es zu der Pause?
Da bin ich Vater geworden. In der Zeit hat es sich irgendwie falsch angefühlt, ins Studio zu fahren und eine Kickdrum anzuschmeißen, während du bei deiner kleinen Tochter sein könntest. Da habe ich lieber Zeit mit ihr als mit dem Produzieren verbracht.
Parallel zu diesen biografischen Einschnitten haben sich auch andere Beziehungen konstant weiterentwickelt. Wie kam der erste Kontakt mit Sven Väth zustande?
Am Anfang war ich natürlich Fan. Ich bin als Deck-Shark im Omen rumgelaufen und habe mir Platten aufgeschrieben. Tatsächlich sind wir dann über diesen Remix zum ersten Mal in Kontakt gekommen, und dann ist daraus eine Freundschaft gewachsen, die bis heute anhält. Vor ein paar Jahren hat es sich ergeben, dass ich sein Album Catharsis produziert habe. Dabei habe ich nie aufgehört, Fan zu sein. Es ist schon Wahnsinn, dass diese Beziehung nunmehr 20 Jahre besteht und seitdem so viele verschiedene Facetten hervorgebracht hat.
„Wir arbeiten hier schon an einem Album, oder?” – „Ich glaube schon.”
Wie hat sich diese Zusammenarbeit ergeben?
Das ist ziemlich organisch entstanden. Sven hat mich irgendwann während Corona angerufen und meinte: „Gregor, ich habe da ’ne Idee zu einem Vocal im Kopf. Ich schick‘ dir das mal.” Daraus ist letztlich die erste Single „Feiern” geworden. Ein paar Tage später hat er nochmal angerufen und meinte, er wolle zu mir ins Studio kommen. Nach ein paar Tagen und Nächten im Studio haben wir uns angeguckt und meinten: „Wir arbeiten hier schon an einem Album, oder?” – „Ich glaube schon.”
Und wie lange habt ihr dann daran gesessen?
Wir waren circa sechs Wochen am Stück bei mir im Studio. Das war wieder so ein kreativer Rausch, in dem du nicht so richtig weißt, was gerade passiert. Klar, ein paar schlaflose Nächte sind da nicht zu vermeiden, aber das muss man kurz mal ignorieren und durchziehen. Danach habe ich nochmal Monate dran gesessen, um das Ganze zu polieren.
Man hört raus, dass die Handschrift von euch beiden drinsteckt.
Absolut. Aber daraus entwickelt sich wiederum eine gemeinsame Handschrift. Klar hast du auch ein, zwei Tracks drauf, bei denen du denkst, das könnte ein Solo-Release von einem von uns sein. Aber über allem steht schon Svens klare Vision, die er mit dem Album verfolgt hat. Deswegen habe ich überhaupt erst mitgemacht. Was daraus entstanden ist, ist nur entstanden, weil wir zusammen daran gearbeitet haben. Davor war ich manchmal abgeturnt von Collabs. Du hast so deine Vorstellungen, der andere hat seine. Alles dazwischen, die Kompromisse, die man eingehen muss, empfand ich als störend. Ich saß auch schon mit Leuten im Studio, die haben nebenbei auf Facebook und Instagram abgehangen. Das ist nicht so befruchtend für eine Zusammenarbeit, wenn du maximal ein Ja oder Nein zu hören bekommst. Das ist nur eine Auftragsproduktion, und darauf habe ich keine Lust mehr. Aber wenn man wie hier eine Vision verfolgt und etwas so wachsen kann, ist das eine der schönsten Sachen, die ich mir vorstellen kann.
Hat sich deine Einstellung gegenüber Collabs dadurch grundlegend geändert?
Ich denke schon. Vorher hatte ich so eine blöde, arrogante Einstellung, dass es besser ist, etwas allein zu machen. Es ist manchmal schwierig, die geeigneten Partner:innen zu finden. Aber an den Punkt musste ich erst mal kommen – dass ich bereit war, mich mehr zu öffnen. Ich mache allerdings schon seit über einer Dekade Musik mit Petar Dundov. Da ist es so, dass du merkst, dass beide Seiten Bock drauf haben. Es ist übrigens eines der geilsten Gefühle, wenn dir klar wird: Alleine wäre das so niemals entstanden.

Für dein letztes Album False Gods hast du mit vielen Künstler:innen zusammengearbeitet. Laurent Garnier, Anja Schneider, Matthias Kaden, um mal ein paar zu nennen. Nach welchen Kriterien suchst du das aus?
Die stehen gewissermaßen für meine persönliche musikalische Historie, gleichzeitig sind es allesamt Freunde von mir. Man könnte das Line-up auch als rückwärtsgewandt bezeichnen, aber ich hatte keine Lust, mich dem Zeitgeist zu beugen. Ich wollte kein Statement setzen, sondern bin einfach dem musikalischen Flow gefolgt. Übrigens: Ich hab mal einen Track gemacht, der heißt „Nostalgia (Is the Enemy)” Ich bin echt kein Freund von verklärter Nostalgie. Es soll nach vorne gehen: neue Projekte, neue Zusammenarbeiten. Klar, Sniper Mode ist jetzt keine neue Nummer, aber die Features mit Perel oder Kira sind es schon.
In Sachen Collabs hast du 2025 mit einem Edit des Tracks „Endsong” auf dem Remix-Album Mixes from a Lost World von The Cure mitgewirkt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Das war ganz brutal: Ich habe letztes Jahr zum Spaß mal einen Remix-Sketch von der Nummer gemacht. Gar nicht mit der Intention, den zu veröffentlichen. Einfach nur, weil ich das Album so geil fand. Nach 40 Jahren Bandgeschichte so abzuliefern; so sperrig, so traurig, und an jeder Ecke trieft es vor Verzweiflung. Besonders „Endsong” hat mich voll mitgenommen. Also habe ich diesen Remix gemacht und versucht, ihn über ein paar Ecken Robert [Smith, Mitgründer und Sänger von The Cure, Anm.d.Red.] zukommen zu lassen. Da kam erst mal nichts zurück, und damit habe ich es eigentlich schon abgehakt. Im Februar kam allerdings eine direkte E-Mail von ihm. Es war total surreal, Robert Smith als Absender in deinem Postfach zu sehen. Neben Martin Gore ist das echt mein ultimatives Idol, was Songwriting angeht, und plötzlich fragt er dich, ob er den Remix mit auf das Album nehmen kann. Von da an ging alles ganz schnell: Er hat mir noch die Parts geschickt, ich hab‘ ein bisschen dran gefeilt und plötzlich landete mein Track auf deren Album. Das ist schon stark.
The Cure spielen 2026 in Berlin. Hast du es geschafft, dir Karten zu besorgen?
Ich gehe auf alle drei Konzerte. Ich habe sie auch neulich auf einem Festival gesehen und muss wirklich sagen: Die Energie ist immer noch da. Robert Smith ist knapp 70 und reißt locker seine drei Stunden ab. Das ist verrückt. Mittlerweile war ich schon auf echt vielen Shows und erlaube es mir auch, ein bisschen abzunerden. Ich freu mich total, wenn sie bestimmte Songs spielen, aber denk mir auch Sachen wie: Scheiße, warum haben sie heute nicht mit „Plainsong” angefangen? Es ist geil, sich diese kindliche Freude zur Musik zu behalten. Ich bin Nerd und Fan, und ich stehe auf Musik, und wenn ich drauf stehe, macht sie mir Spaß, und wenn das nicht mehr so wäre, wäre alles obsolet.