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Humboldthain-Macher Ludwig Eben über seinen Kampf gegen die Mikroapartments: „Ein Club braucht Luft”

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Kurz nach Weihnachten wandte sich das Humboldthain mit einer Petition an die Öffentlichkeit: Schon bald könnte ein Luxemburger Investor 120 Mikroapartments in unmittelbarer Nachbarschaft des Clubs im Berliner Wedding bauen, die mittelfristig dessen Ende bedeuten könnten. GROOVE-Autor Paul Sauerbruch wollte genau wissen, wie das Bauvorhaben den Club bedroht und wie sich Clubmacher Ludwig Eben dagegen rüstet.

Winter in Berlin. Dicke Flocken fallen vom Himmel, die Straße ist vereist, der Atem steht in der Luft. Am gleichnamigen S-Bahnhof pfeift der Wind durch die Unterführung. Dort befindet sich der unscheinbare, aus rotem Backstein gemauerte Eingang zu einem Ort, der in den vergangenen Jahren zu einem Sympathieträger der Berliner Nacht geworden ist. Der Türsteher lässt mich gewähren, hinter dem Einlass erstreckt sich ein langer Gang, der in den Garten des Humboldthain führt – im Sommer einer der Gründe für die Beliebtheit des Clubs. Doch auch jetzt strahlt dieser seine eigene Ästhetik aus: rotes Licht, von der Kälte gekrümmte Pflanzen und eine dramatische, existenzialistische Stadtansicht von Clubmacher Ludwig Eben, der auch Maler ist.

Der unscheinbare Eingang des Humboldhain – allerdings im Sommer (Foto: Philipp Klöckner)

Auf dem Programm steht wie an jedem Dienstagabend: Open Decks und Tischtennis. Für viele Newcomer-DJs und Rundlauf-Fans ist das Tradition; Geburtsstätte etwaiger Größen wie Marlon Hoffstadt oder Ski Aggu sollen diese Abende gewesen sein. Das „Humbi” bietet hier aber nicht nur eine Bühne für junge Talente, sondern ist auch einfach Treffpunkt.

Kurze Zeit später stehe ich oben im Backstage. Das Treppenhaus ist mit Graffitis und Aufklebern übersät; sie bezeugen, dass dieser Ort schon länger Schauplatz jugendlicher Ausdruckskraft ist. Dort wartet Ludwig Eben – der Betreiber.

Ludwig Eben im Selfie-Modus (Foto: Ludwig Eben)

GROOVE: Was ist der Anlass für die Petition? Inwiefern ist das Humboldhain bedroht?

Ludwig Eben: 2023 war erst mal die Rede von einem Hotel, dann sollte es ein Bürohaus werden, dann war die verantwortliche Firma insolvent. Dann wurde das Grundstück von jemand anderem gekauft. Die haben verkündet: Wir bauen da Mikroapartments. Und der Bezirk ist auch einverstanden.

Was bedeutet das konkret für den Clubbetrieb? 

Die Fenster von 120 Mikroapartments öffnen sich dann über dem Spielplatz direkt neben unserem Club, da ist Ärger vorprogrammiert. Das wird mit dem Clubbetrieb nicht gehen. Weil das Gewerbefläche ist, wird das als „gewerbliches Wohnen” verkauft. Das ist eine irre Kiste. Mikroapartments sind so aufgebaut: ein ganz kleiner Raum, eingerichtet, mit Internet – und das kostet einen Tausender.

Tischtennis im Humboldthain (Foto: Sunny Kumar/ Google)

Ist schon etwas Konkretes passiert?

Die wollten im Sommer die ganzen Bäume und Büsche wegmachen. Ich habe mich dann beim Bezirksamt beschwert, das das dann erst mal untersagt hat. Dann ist nichts mehr passiert. Das heißt: Irgendwo ist da ein Stöpsel drin.

Wo genau?

Wir wüssten zu gerne, was los ist. Wir haben ein Recht darauf, das zu wissen. Die tun aber so, als hätten wir als Mieter überhaupt keine Rechte. Wir wollen zum einen wissen, nach welchen Maßgaben das bestimmt wird. Und: Können wir bitte auch Bescheid kriegen, bevor wir irgendwann sehen, wie die Bagger anrollen?

Graffitiüberzogene Wände im Humboldthain (Foto: Vedrej/ Google)

Wie läuft die Kommunikation? Mit wem seid ihr im Kontakt?

Das ist mit der Bezirkspolitik sehr schwierig. Irgendwann hat man verstanden: Da gibt es eine Bürgermeisterin, mit der können wir zwar gut, die hat aber eigentlich nichts zu sagen. Dann gibt es lauter Fürsten, die jeweiligen Stadträte. Da gibt es einen Baustadtrat, Ephraim Gothe. Der macht seltsame Sachen. Der tauscht zum Beispiel Grund und Boden von dem erwähnten Spielplatz mit dem Gewerbegebiet, damit der andere eine schöne rechteckige Fläche zum Bauen hat. Angeblich ohne Gegenleistung – was natürlich keiner glaubt.

Das ist ein handfester Korruptionsvorwurf.

Die wollten alles heimlich machen, so im Sinn von: Wir machen gar nichts, wir reißen nur ab, uns gibt es gar nicht, Bautafeln gibt’s auch nicht. Der Projektleiter ist eigentlich gleichzeitig Eigentümer – die setzen das so auf, dass das nicht anfechtbar ist.

Der Dancefloor des Humboldthain mit Kunstinstallation (Foto: Humboldthain)

Wie hast du überhaupt herausgefunden, dass da was im Busch ist?

Es ging nur mit Anwalt, überhaupt mal eine Info vom Bauamt zu kriegen. Früher ist man ins Bauamt reingegangen, hat sich durchgefragt: Wer ist hier zuständig? Das geht heute nicht mehr. Man braucht einen Termin, dann gibt’s ein Telefon, wo eigentlich nie einer abhebt. Der Anwalt kostet 1.000 oder 2.000 Euro, dann kriegt man eine dürftige Antwort. Das geht so nicht. So dürfen wir uns nicht behandeln lassen. Letztendlich kommen die Leute ja nicht wegen dem Bezirksamt nach Berlin, sondern wegen Clubs und Feiern.

Du hast ja bestimmt nicht zum ersten Mal mit dem Bezirksamt zu tun.

Die waren von Anfang an alle so: Nee, nee, zu laut, jetzt kannst du nur noch 40 Gäste haben, bis da alles eingepegelt ist. Die wollten uns von Anfang an richtig glatt machen. Das geht aber nicht, hier ist halt ein Club. Da wird gelacht, da reden Leute, auch wenn’s dunkel ist. Und ich denke, die Nachbarn an sich haben das inzwischen auch gecheckt – das sind knorrige Typen, Loner.

Laue Sommernächte im Humboldthain (Foto: Tobias Wimmer/ Google)

Bisher haben wir über deinen Kampf gegen die Mikroapartments gesprochen. Den Club gibt es aber schon mehr als zehn Jahre – was für Kämpfe hattest du noch zu führen?

Das war ein permanenter Überlebenskampf. Ich habe den Vertrag hier ja auch nur abgeschlossen, weil der am Anfang relativ günstig war. In jedem Jahr habe ich drei Prozent mehr gezahlt. Dann kannst du 15 Jahre kalkulieren. Die ersten fünf Jahre waren trotzdem die Hölle, weil es der Wedding war, wo keiner hinwollte. Es ging eigentlich erst 2017, 2018 richtig los. So, dass es wirklich gelaufen ist.

Heute ist das Humboldthain eine Institution – fast jeder junge Mensch, der in Berlin aufwächst und ausgeht, hat hier gefeiert. Was macht den Club für dich aus, wie siehst du ihn?

Das Humboldthain ist ein Club im Wedding, der von Leuten betrieben wird, die selbst – in allen möglichen Genres – Kunst machen und ein Verständnis für Künstler haben. Deshalb, und das ist wichtig, ist Luft zum Atmen da. Luft zum Atmen bedeutet aber auch ein gewisses Risiko: Wenn was in die Hose geht, dann geht’s in die Hose. Das ist bei jeder Veranstaltung so. Das muss man sich leisten können und wollen. Natürlich könnte man hier kommerziell mehr rausholen. Das ist aber mein Leben hier, das sind meine Leute hier. Wir leben nicht fürs Finanzamt oder für den Bundeskanzler. Es ist ein Ort von Künstlern für Künstler. Wir nennen das auch Kunst-Club-Projekt.

Die Rückseite des Clubs (Foto: Philip Smith/ Google)

Was für ein Verständnis braucht man für Künstler?

Künstler haben Depressionen, es flattert hier, läuft dort nicht. Dann kommt wieder eine Nummer, die ist total geil, ein Rettungsring für alles. Es ist nicht einfach, aber als Künstler hast du mehr Verständnis für Künstler als irgendeine Verwaltungskraft, die nine to five irgendeinen Scheiß abhakt.

Du hast vorhin gesagt, dass das Humboldthain kein Selbstläufer war. Wie habt ihr angefangen?

Das Konzept mussten wir erst entwickeln. Am Anfang war es: Ich buche jetzt ein paar Leute – passt schon. Das passt aber eben nicht. Berlin ist da viel sensibler als kleinere Städte, wo es drei, vier, fünf Clubs gibt. Man hat hier eine große Konkurrenz, das ist auch gut.

Ein Bild von Ludwig Eben im Humboldthain (Foto: Andy Korb/ Google)

Wie habt ihr im Berliner Club-Ökosystem eure Position gefunden? 

Wir leben schon vom Clubbetrieb, der muss sich rechnen – es muss was übrig bleiben, sonst geht es nicht. Aber es muss trotzdem in unserem Sinne sein, so wie wir unseren Style leben. Wir machen kein High End, und es ist auch kein Club, wo man ewig anstehen muss. Wir machen hier eine andere Geschichte. Das ist uns wichtig. Und dass wir mit den Leuten, die immer wieder kommen – inzwischen haben wir ein großes Stammpublikum – auch zusammenleben.

Die Partys am Wochenende bucht ihr nicht selbst, das übernehmen Kollektive. Warum?

So haben wir immer wieder ein anderes Publikum. Das ist manchmal lästig, aber eigentlich sehr spannend. Man hängt sich nicht an denselben Leuten auf – das ist schon mal gut. Du hast die Jungen erwähnt, es gibt aber auch ältere Leute, die hier feiern. Die haben andere Bedürfnisse. Darauf gehen wir ein, etwa bei den Getränken. Durch die Jungen bleibt man in Bewegung, es gibt kein Das-war-schon-immer-so.

Ein verwunschener Ort mitten in der Großstadt (Foto: Andy Korb/ Google)

Wie seid ihr dahin gekommen?

Das hat sich auch so ergeben, weil das Modell Ich-buche-teure-DJs-dann-habe-ich-die-Leute-hier sich in dieser Größe nicht realisieren lässt. So ein Sorglos-Paket, das ich am Wochenende vermiete, braucht schon eine große Werbegeschichte und eine Crew, die voll dahintersteht. Dafür müsste die Firma doppelt so groß sein. In Berlin ist das nicht so einfach wie anderswo, weil es so viele Clubs und Veranstaltungen gibt. Man muss immer am Ball bleiben.

Du machst den Bug zum Feature.

Ich finde es gut, dass wir nicht alles selbst arrangieren und alle Veranstaltungen sebst machen. Die anderen können hier üben. Das hat auchbmal einen privaten oder Amateur-Charakter. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Warum auch nicht? Jeder kann mal. Natürlich: Wenn keiner kommt, wird es teuer, dann sind wir alle genervt, und dann veranstaltet derjenige halt nicht mehr. Aber grundsätzlich: Beides ist da – Verständnis für Künstler, aber irgendwie muss auch die Kohle reinkommen. Die Kalkulation ist so, dass es nie eine lebensbedrohliche Nummer ist.

Ein Bild von Ludwig Eben

Im Berliner Nachtleben fallen auch viele Veranstaltungen durch.

Kunst kann immer in die Hose gehen. Dann kommt keiner, oder es ist total scheiße oder sonst irgendwas. Dafür braucht man Luft. Wenn die Luft zum Atmen nicht da ist, wenn alles auf Kante genäht ist und ein Monat ohne Geschäft reicht, um pleite zu gehen, weil die Miete so hoch ist, ist das Wahnsinn für alle. Ich hätte zum Beispiel unter dem Admiralspalast einen Club haben können, da wären die Fixkosten bei sowas wie 25.000 Euro gelegen. Wenn da ein, zwei Monate Scheiße laufen, bist du schon durch. Das wollte ich mir nicht geben.

Du hast dich für die Freiheit entschieden.

Ja, in erster Linie geht es um Freiheit. Dass ich das machen kann, was ich machen möchte. Das ist vielleicht unterrepräsentiert in der allgemeinen Diskussion: die Freiheit an sich.

Ludwig Eben zwischen Foto und Ölgemälde (Foto: Ludwig Eben)

Was bedeutet Freiheit in einer durchverwalteten, kapitalistischen Welt?

Alle sind in Jobs eingespannt, müssen hier, müssen da, müssen dort – jahrzehntelang. So ist es hier nicht. Manchmal ist es natürlich anstrengend, manchmal ist keine Kohle da. Dann muss man durchziehen. Wir hatten ein Ziel und Glück, nach der Pandemie ist es ja tierisch abgegangen. Wir haben versucht, alle Leute bei der Stange zu halten, haben Bauprojekte gemacht, obwohl wir nicht wussten, ob wir hinterher überhaupt noch da sind. Wir haben alle rangeholt. Es gab auch diese Spendenaktion.

In der Pandemie haben eure Gäste und Fans 25.000 Euro gespendet.

Diese Resonanz zu sehen: Damit hatte ich nicht gerechnet. Wenn ich länger drüber nachdenke, kriege ich immer noch feuchte Augen. Wow. Liebe!

Du gehörst zu den wenigen Berliner Clubmachern, die schon im Mauer-Berlin in den Achtzigern aktiv waren. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?

Ich bin 1987 in West-Berlin gelandet, mit Vorsatz. Das war einfach spannend zu sehen: Es gibt dieselben Gesetze, die aber völlig anders ausgelegt werden. Es gab diese Sperrstunde von 5 bis 6. Es kam aber nie einer, deswegen gab’s eigentlich gar keine Sperrstunde.

Auch ein Kunstwerk: Die Klos des Clubs (Foto: Jérôme Hardeman/ Google)

Heute steht das Achtziger-Berlin für den von Todessehnsucht getränkten Punk von Clubs wie dem Risiko mit Figuren wie Blixa Bargeld, aber auch für den Glamour des Dschungel.

West-Berlin war schon speziell. Einer von der taz hat mal gesagt: Der wahre Sozialismus war eigentlich in West-Berlin. Da stimme ich irgendwie zu. Man konnte arbeiten – oder auch nicht. Es gab viele Leute, die hatten kein Geld, aber man hat sich trotzdem nicht arm gefühlt, weil ein starkes Gemeinschaftsgefühl da war. Auch mit den ausländischen Mitbürgern gab es nochmal eine ganz andere Gemeinschaftsgeschichte. Die war mit dem Mauerfall schlagartig weg. Irre.

Beim Mauerfall warst du gerade zwei Jahre hier. Wie hast du den erlebt?

Die Mauer fiel. Im Osten gab es viele Räume, die man einfach besetzen konnte. Aber auch in West-Berlin. Wir machten im Hotel Stuttgarter Hof in der Anhalter Straße eine „Kunstbesetzung”, das war ein Hotel mit 60, 70 Räumen. Da hast du nicht ein Bild im weißen Raum aufgehängt, das war ein Raum wie der hier. [zeigt auf die graffitiüberzogenen Wände des Backstage, in dem wir sitzen] Richtig voll. Der Raum war quasi das Bild oder auch die Kunstinstallation. Vielleicht hing da noch ein anderes Bild, dort stand noch ein Koffer oder irgendetwas anderes. Ich fand das total faszinierend, dass man die ganze Umgebung entsprechend präpariert.

Tischtennis an jedem Dienstag im Humboldthain (Foto: Humboldthain)

Nach dem Stuttgarter Hof warst du im Tacheles tätig, jetzt im Humboldthain. Räume mit einer bestimmten ästhetischen Qualität scheinen dein Thema zu sein.

Ich habe sehr verschiedene Dinge gemacht. Ich habe mit viel Geld gebaut – das war scheiße. Und ich habe mit wenig Geld gebaut – das war immer besser. Weil dann Lösungen kommen, die unkonventionell sind. Dann kommt halt etwas aus einem Kino, wie die Sessel, auf denen wir sitzen – oder aus einer seltsamen Dinner Bar. Man sucht Lösungen, die anders sind. Die ergeben sich automatisch. Manchmal wunderbar, manchmal Quatsch – dann muss man’s nochmal anders machen.

Sommernächte im Humboldthain (Foto: Humboldthain)

Das liegt nicht jedem.

Wenn man selbst bauen kann, macht man solche Experimente. Ich habe hier hinten eine Treppe gebaut – meine erste Treppe. So bin ich drauf. Wir machen das, bevor ich jetzt Abertausende ausgebe. Das hat auch viel damit zu tun, dass man selbst baut. Die Bar mit den Fenstern unten ist von mir entworfen und umgesetzt, so wie ich auch Tacheles oder das Zapata präpariert habe.

Das Café Zapata befand sich im Tacheles. Ein Drache über der Bar spuckte echtes Feuer, die Metallskulpturen im Hof prägten den industriellen Look vieler Orte im Neunziger-Berlin.

Da war alles aus Metall, weil’s ein ruppiger Laden war. Alles – auch ein normaler Stuhl – war nach zwei Wochen im Arsch. Dann gab’s lauter selbstgemachte Stühle. So ist etwas ganz anderes entstanden. Zum Teil habe ich Mobiliar hierher mitgenommen. Das hat ganz viel damit zu tun, dass man so was zulässt [Ludwig zeigt auf die Wände] – und nicht dauernd streicht. Wenn du so etwas herstellen willst, kriegst du es nicht so hin. Nicht so authentisch wie die Wand hier, wie der Raum hier, wie der Club, der zugeschmiert ist. Das kommt auch bei den Leuten an: die werden lockerer als in komischen Discos, wo alles steif ist. Das kommt gut an. Selbst die Suppe draußen gehört dazu.

Du musst erklären, was es mit der Suppe auf sich hat.

Jetzt, wenn es so kalt ist, kochen wir Suppe. Die kostet uns 30, 40 Euro, dann haben wir 40 Portionen. Ohne Rechnung, ohne Mehrwertsteuer – einfach Suppe verteilen. Das ist eine gute Nummer.

Tischtennis im Humboldthain (Foto: Humboldthain)

Gibt es konkrete Geschichten von damals, von denen du Parallelen zu heute ziehen würdest? Viele Veranstalter versuchen heute, die damaligen Gefühle zu reproduzieren – die Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Lockerheit, die ihr damals vielleicht hattet.

Wir waren damals alle arm wie die Kirchenmäuse. Wenn du auf der Straße was gefunden hast, hast du nicht etwa die Leinwand genommen, sondern das fette Holz oder das verrostete Blech. Es musste nicht der geile Rahmen sein. Du kannst Kunst auf dem Teppich machen, auf der Kühlschranktür – überall. Damit ging es bei mir los: Du kannst mit allem irgendwas machen.

Und was hast du damit gemacht?

Du kannst aus Scheiße Gold machen. Und natürlich auch aus Gold Scheiße. Im Tacheles habe ich gesehen: Wir machen aus Scheiße Gold, und andere machen aus Gold wieder Scheiße. Die haben das nicht verstanden. Die dachten, wir sind nur eine Sauftruppe, und ab und zu hängt da mal ein Bild. Falsch. Es ging schon um Kunst. Natürlich hatten wir auch eine Bar, weil irgendwo Geld reinkommen und man sich treffen muss. Ganz normale Dinge. Erst kommt Kunst, Kunst, Kunst – und dann die Cashpoints. Das ist eine wichtige Feststellung. Dass man diesen kapitalistischen Gewinnmaximierungsgedanken hinter sich lässt. Ich habe kein Wahnsinnsauto, das brauche ich aber auch nicht. Ich habe alles, was ich brauche. Das macht mich frei, das ist schön.

Dir geht es aber nicht nur um dich persönlich. 

Das lebt hier weiter. Ich versuche den jungen Menschen das mitzugeben. Du musst dir gar nichts gefallen lassen. Wenn du weißt, was du willst, dann mach‘ es einfach. Wer macht, ist vorne. Man kann viel mehr machen, als die meisten denken. Man kann Leute richtig nerven und viel auslösen mit minimalen Ansätzen und minimaler Energieeinspeisung. Du musst nur dranbleiben.

Auch das kann das Humboldthain: Konzerte (Foto: Humboldthain)

Vielleicht sind wir alle ein bisschen bequemer geworden.

Die Kraft ist noch da. Ich bin inzwischen relativ alt und mache das nicht noch zig Jahre. Aber ich will den anderen vermitteln: Hallo, da geht so viel. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit jungen Leuten gemacht, die dankbar sind, dass einer sagt: Du kannst alles machen. Im Kopf geht’s los, dann kommt der Rest. Das gefällt mir, dass man noch was weitergeben kann.

Wird es in Zukunft in Berlin noch möglich sein, so konsequent Kunst zu leben?

Da gibt’s mehrere Probleme. Die meisten, die Kunst und Kultur in der Stadt veranstalten, arbeiten für den Senat oder den Bezirk. Ich behaupte: Viele von denen haben überhaupt keine Ahnung von Kunst. Die machen die todsicheren Sachen. Klassik ist zum Beispiel todsicher. Da ist keine Risikobereitschaft. Da geht es nur um Kontrollpolitik. Das Tacheles war auch deswegen tot, weil sie es nicht kontrollieren konnten. Sie haben es mehrmals versucht – der Senat hat uns 300.000 im Jahr gezahlt. Das ist lächerlich, das ist eine Theaterproduktion. Darüber wollten sie uns kontrollieren. Wir haben gesagt: Nee, läuft nicht, wir machen was anderes.

Leute, die keine Ahnung von Kunst haben, sollten nicht Kunst verwalten oder Künstler auswählen. Das sollten Leute machen, die wissen, was sie tun. Das sind sehr wenige – Galeristen, Kuratoren, echte Leute. Deswegen verflacht das alles in irgendeine komische Geschichte. Das passiert überall: Die Straßen sehen standardisiert aus. Deutschland ist eh etwas langweilig – ein Dorf sieht aus wie das andere, wenn du das Ortsschild vorne nicht siehst, weißt du nicht, wo du bist.

Der Dancefloor (Foto: Humboldthain)

Die Energie kommt dir trotzdem nicht abhanden. 

Man muss sich von den ganzen Arschgeigen hier nicht unterkriegen lassen und selber zum Stino werden. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Der Spruch ist echt richtig. Ich kann nicht irgendwas machen, was mich innerlich kaputt macht – Reifen verkaufen oder was der Teufel was. Das ist alles unterirdisch. Für Leute, die Sicherheit wollen und einen festen Job, ist das ihr Ding. Für mich nicht.

Du hast gesagt, du wirst den Humboldthain nicht noch zig Jahre machen. Glaubst du, dass das Projekt mit dir „geht“ oder wünschst du dir eine nachhaltige Weitergabe?

Ich kämpfe nicht nur für den Humboldthain-Club mit meiner Leitung, sondern für den ganzen Standort. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig das ist. Für junge Leute ist es gar nicht mehr so leicht, sich zu begegnen, das ist echte Arbeit. Wenn die sich kennenlernen wollen, dann ist Tischtennis-Rundlauf das beste. Analog-Tinder. Diese Orte sind wichtig, wo man locker jemanden ansprechen kann, ohne Wisch-Wisch-Wisch, sondern real. Deshalb hätte ich gern, dass der Standort bleibt. Auch wenn ich nicht mehr da bin, gibt es hoffentlich jemand anders, der das Ding weiter treibt.

Die Bar im Außenbereich (Foto: Humboldthain)

Die Stimmung im Nachtleben der Stadt ist pessimistisch.

Meines Erachtens ist der Kampf noch angesagt. Aber es sind natürlich schon Rückzugsgefechte. Das, was ich in Mitte sehe – Mitte-Mitte –, ist eigentlich wie ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Da kommen die Hilfskräfte vom Stadtrand, putzen, bauen, einkaufen et cetera. Und die anderen feiern ihre Erbschaft ab. Da scheint Geld ohne Ende da zu sein.

Wie wirkt der Neubau auf dich? 

Es ist sehr merkwürdig, wenn im Tacheles-Ruinenkomplex plötzlich ein Edelresto ist, wo man für einen Fuffi mal seine Freunde einladen kann. Extrasause. Das ist alles sehr dekadente Scheiße und unecht. Das sind die Leute, die jemanden wie mich beneiden, weil sie nie den Blues hatten. Wenn du den Blues nicht hast und nie unten angetippt hast, weißt du nicht, was der Blues ist. Da steckt auch ein bisschen Klassenkampf drin.

Eine allgemeine politische Verortung scheint dir wichtig zu sein.

Früher war der Westen relativ sozial, weil es den Osten gab. Dann ist der Osten weggefallen, dann hat man noch zehn Jahre ein bisschen rumgeeiert, und dann ist die Maske gefallen. Auf einmal gab es hier diese tierische Miet-Scheiße. Irgendeiner liegt am Strand und lacht sich tot, und die anderen haben ein Scheißleben. Da musst du einen halben Monat für die Miete arbeiten; was man für eine neu angemietete Wohnung ausgeben muss – zwischen 1.000 und 2.000 Euro!

Du kommst aus München, da war das nie anders.

Als junger Mensch war es eine äußerst schwierige Angelegenheit, in München überhaupt irgendeine Wohnung zu finden. Ich war öfter mal ohne Zimmer oder ohne Wohnung, hatte nur ein Auto. Das ist scheiße. Ich bedauere alle, die Wohnraum suchen, einen Vertrag abschließen und dann tierisch ablatzen müssen. Das ist Wahnsinn. Das nervt total und wirkt sich auf alles aus. Da gibt’s kein Spiel mehr, keine Lässigkeit mehr. Zum Schluss kratzen sich alle gegenseitig die Augen aus. Dann ist es wie eine beschissene westdeutsche Stadt.

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