burger
burger
burger

Aphex Twin: Darum ist der Warp-Künstler auf YouTube erfolgreicher als Taylor Swift

Taylor Swift. Die Frau, die das Wetter kontrolliert, die Volkswirtschaften im Alleingang saniert und deren Fans (diese hochdisziplinierte, freundliche, aber im Ernstfall paramilitärisch organisierte Weltmacht) jede Zeile ihrer Trennungsschmerz-Lyrik als heilige Schrift exegieren – diese Frau wird geschlagen. Auf YouTube. Von Aphex Twin.

Ja, der Mann, der in den Neunzigern Musik gemacht hat, die klang wie ein Presslufthammer in einer Kristallglasfabrik. Der seine eigene Unnahbarkeit als Geschäftsmodell perfektioniert hat, lange bevor es das Wort „Content-Strategie” überhaupt gab. Er hat Taylor Swift auf YouTube überholt. 448 Millionen monatliche Zuhörer:innen hat er dort. Im Gegensatz zu den 399 Millionen, die dem Tradwife-Weltstar lauschen. Ein Sieg der Anarchie über das Hochglanzprodukt?

Wohl eher ein Missverständnis. Es ist ein gigantischer – um es mit der sogenannten Gegenwart zu sagen – postmoderner Irrtum. Die Sache soll nämlich an „QKThr” liegen. Ein Songtitel wie ein Passwort, das dir Firefox vorschlägt, zu einem Track vom 2001er-Album Drukqs. Jene Platte, die bis heute viele ratlos zurücklässt, weil sie so klingt, als würde ein mechanisches Klavier einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Und genau dieses Stück, dieses kurze, melancholische Etwas soll jetzt der Grund sein, warum Taylor-Fans ausrasten. Warum? Weil die YouTube-Algorithmen beschlossen haben, dass es die perfekte Tapete für den Wahnsinn ist. Nicht nur als direkte Wiedergabe seiner Videos. Es ist auch der Soundtrack für „Corecore”. Für „Hopecore”. Für all diese 15-sekündigen Shorts, in denen Gen-Z-Kids ihre existenzielle Leere zwischen zwei Bissen Avocado-Toast dokumentieren.

Wieder mal Teil einer, äh, Bewegung sein

Die meisten, die Aphex Twin in ihre Shorts quetschen, dürften keine Ahnung haben, wen sie da hören. Für die ist Aphex kein Künstler, das ist ein „Audio”. Sie benutzen Richard D. James, als wäre er ein Filter bei Instagram oder eine Schriftart bei TikTok. Sie generieren Reichweite mit einem Track, der älter ist als sie selbst, komponiert von einem Mann, der wahrscheinlich gerade in seinem Haus in Schottland sitzt und lacht, während er die Tantiemen für 448 Millionen „passive Hörer:innen” zählt, die gar nicht wissen, dass sie gerade Teil einer elektronischen Avantgarde-Bewegung geworden sind.

Taylor Swift wird vermarktet wie ein Premium-Auto, jedes Detail ist geplant, jedes Lächeln eine Investition. Und dann kommt eine 25 Jahre alte Nummer daher, die eigentlich nur aus ein paar sanften, verstimmten Tönen besteht. Und sie frisst die Welt auf, weil sie zufällig perfekt zu einem Video von einem dicken Hamster passt.

Das ist die Rache des Richard D. James. Er muss gar nichts tun. Er muss nicht auf Tour gehen, er muss keine „Eras” erfinden, er muss keine exklusiven Vinyl-Varianten in 47 verschiedenen Farben pressen (obwohl die Fehlpressungen, bei denen Swifties plötzlich Industrial-Techno statt Country-Pop hörten, natürlich das beste Marketing waren, das man sich nicht kaufen kann). Aphex muss einfach nur existieren. Und der Algorithmus erledigt den Rest.

Millionen von Menschen weltweit fühlen plötzlich eine tiefe, nostalgische Sehnsucht, wenn sie diese Töne hören. Sie wissen nicht warum. Sie wissen nicht, von wem. Aber sie klicken. Sie wischen. Und sie machen einen bärtigen Exzentriker kurz zum größten Popstar auf YouTube. Ohne sein Zutun. Einfach nur, weil die Melancholie von 2001 so verdammt gut zum Burnout von 2026 passt.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Mitarbeiterin Luisa* über den Polizeieinsatz im Augsburger City Club: „Wir empfinden den Einsatz als unverschämt, unverhältnismäßig und nicht zielführend”

Am Samstagabend drangen 200 Polizist:innen in den City Club in Augsburg ein und unterzogen Gäste und Team einer Tortur, zu der auch die mutwillige Zerstörung der Einrichtung gehörte. Unser Gespräch gibt einen Einblick in die verstörenden Stunden.

Gregor Tresher zur Wiederbelebung seines Alias Sniper Mode: „Du findest es böse, aber auch geil”

Zwischen Sniper-Mode-Revival und der Arbeit mit Sven Väth erzählt Gregor Tresher, warum er den Zeitgeist nicht bedient.

Mein Plattenschrank: Marc Schneider

Welche Vinyls prägen einen DJ's DJ? Und welche Geschichte steckt hinter ihnen? Marc Schneider verrät es uns.