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Die Platten der Woche mit 1morning, Deniro, Dopplereffekt, Henry Hodson und Kolorit

1morning – Because I Told You So (Ilian Tape)

I told you so oder: Ich hab‘ dir doch gesagt, dass schwarze Klamotten am Strand keine gute Idee sind. Einmal im Jahr kehrt der zugezogene Kern-Berliner seiner kaputten Großstadt-Seele den Rücken zu und sucht sein Glück in der Ferne, um sich mal wieder richtig zu spüren. Die Antwort: verlängertes Wochenende in Lärz. Besser noch: Apulien, weil Italien. Kein Uber, dafür Car Sharing und Fabrizio de André statt Ben Klock. Das Problem: keine Hornhaut an den Fußsohlen, also spielt man Asphalt-Twister. Da kann selbst der Birkenstock-Abdruck auf der Oberseite nichts dran ändern.

Irgendwie so ist das bei 1morning, nur andersrum. Das ist: Die Sonne im Gemüt meets Busfahrertemperament. Analoges Klanggehölz trifft auf Warehouse-Rave. Goodbye Brasilien, hello Ilian Tape. Weniger abstrakt, dafür schön tanzbar. Als hätte man seine Urlaubs-Reels einmal mit Blawan-Sample-Pack durch Ableton gejagt. Also: loopig, maschinell, treibend und trotzdem: lebendig, rhythmisch und, na ja, euphorisierend. Das funktioniert wunderbar mit dem passenden Schuhwerk – und der richtigen Einstellung. Jakob Senger

Deniro – 4 Cities EP (Tape)

Obacht, das ist – anders als der Name erwarten lässt – kein Travelguide für Sandalenmenschen, die mit der Spiegelreflexkamera am Hals durch die Gassen stolpern. 4 Cities ist eher: Meilen sammeln auf der Smartwatch, weil man schon wieder zwölf Stunden hüpfen war, im Club. Deniro ist halt ein Schlingel, der diese leuchtenden Weltmetropolen der arroganten Reduktion hernimmt und damit eigentlich doch den Reiseführer macht. Ich meine: Detroit, Paris, Birmingham und, äh, Amsterdam – da weiß man natürlich sofort, wie es hergeht, nämlich nie verkehrt. Zumindest wenn man Techno schätzt, der seit 35 Jahren dieselben Schleifen zieht und also immer noch wunderbar funktioniert. Nur nicht als Travelguide für Menschen, die noch was entdecken wollen. Aber das ist eine andere Sache. Christoph Benkeser

Die EP lässt sich hier anhören.

Dopplereffekt – Metasymmetry (Tresor)

Das Duo Dopplereffekt, bestehend aus Gerald Donald und To-Nhan, beendete das Jahr 2025 mit seinem Debüt-Release auf Tresor. Übergeordnetes Thema der EP ist das Verhältnis zwischen Physik und Natur. Die vier Tracks münden dadurch in eine harmonische Audio-Tessellation. Musikalische Formen und Texturen sind so im Raum angeordnet, dass sie nahtlos ineinander fließen. Während jede Seite der Platte mit mystischem elektronischem Sounddesign eröffnet, endet sie in einer Ambient-behafteten Klangwelt. Kein einfacher Drexciya-Abklatsch, sondern eine Intensivierung komplexer Überlegungen, wie Rhythmen und einzelne Elemente miteinander funktionieren. Kein Wunder, bei drei Jahrzehnten erfolgreicher Dancefloor-Historie. Michael Sarvi

Henry Hodson – Coado (Long Vehicle/KANN)

Eine Symbiose aus Elementen, die nach HiFi-Anlage, Club und Sommernacht schreien: Bei der sechsteiligen EP Coado von Henry Hodson kommen alle auf ihre Kosten, die ein Gefühl für Rhythmus und puristischen Deep House haben. Piña Colada in der Hand, Füße im Sand, Strohhut auf dem Kopf – diese Minimal-induzierte Deep-House-EP liefert den passenden Soundtrack. Nach Veröffentlichungen auf Limousine Dream fusioniert Hodson hier Dub-Elemente in typischer KANN-Manier mit rhythmischen, aber nie linearen Drum-Loops. Entworfen für große Soundanlagen, bewegt sich das Werk in einem Genre-Pingpong unter dem House-Dach, das subtile Piano-Momente, Acid-Sounds und Dub-Synths mit euphorischen Akkorden eint. Ob als Begrüßung der Nacht oder im Ausklang der Afterhour – Coado bietet vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Das KANN-Sublabel Long Vehicle bedient hier die House-Sparte mit minimalistischer Struktur, aber maximaler Wirkung. Paul Sauerbruch

Kolorit – Lose Ideen (Workshop) 

Beim ersten Hören dieser EP und gleichzeitigem Lesen eines Artikels über die nächste Raumstation nach der ISS-Verschrottung fühlte sich Lose Ideen wie ein cooler Soundtrack für einen zeitgemäßen Science-Fiction-Film an. Offensichtliche Club-Tracks sind darauf nicht zu finden, aber kreative DJs, die pure Beat-Tools gerne mit verspielt-spacigen Loops mixen, werden letztere auf dem Sechs-Tracker definitiv finden. In erster Linie strahlt die albumhafte EP aber eine wohltuende Zweckfreiheit aus, mit Betonung auf dem zweiten Teil dieses hübschen, zusammengesetzten Hauptworts. Kolorit, Das Duo aus Kassem Mosse und Lowtec, pfeift auf dramaturgische Regeln und lässt sich nicht nur eigenwillig-interessante Musik, sondern auch assoziationsreiche Songtitel einfallen, die schon so einiges über Konzept und Entstehungsprozess preisgeben: „Auf Klettergerüsten sitzen und rauchen”, „Metall im Bild”, „Gernika” und natürlich „Lose Ideen”. Da groovt auch der Geist mit. Mathias Schaffhäuser

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