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Motherboard: Dezember 2025

Die seit geraumer Zeit in Berlin logierende Peruanerin Alejandra Cárdenas hat sich als Ale Hop in der zeitgenössischen Szene der Elektroakustik eine reichlich eigenwillige Nische geschaffen. Ein seltsam zweckfrei-experimenteller, immer einladender Raum der (Dys-)Funktionalität zwischen Post-Club und Dark Ambient. Dass ihr jüngstes Großwerk A Body Like a Home (Other People, 14. November) nun unter ihrem Eigennamen erscheint, bedeutet keine Abkehr von dieser expansiv kollaborativ forschenden Arbeitsweise. Es ist in vieler Hinsicht ein persönliches, nahes Album, aber ähnlich wie bei der vor kurzem vorgestellten claire rousay sind die Intimität und Direktheit vorwiegend Ausdruck eines großzügigen Umgangs mit der Welt, mit den Klängen der unmittelbaren Umgebung und der je eigenen Herkunft und Tradition. Also weniger verstrahlt abstrahiertes Club-Erleben als strahlend-konkreter Folklore-Noise-Glitch, der aus konkreter wie radikaler Poesie erwächst.

Freundliche Außenseiter-Sounds, Entdeckungsfahrten im geplünderten Plunder, Weltumrundungen im eigenen Haushaltsarchiv sind hier immer willkommen. Der britische Soundhistoriker und Amateurklangdetektiv mit dem unauffindbaren Alias U hat mit ARCHENFIELD (Lex Records, 31. Oktober) eine solche von geisterhaften Texturen und verschütteten Erinnerungen durchwobene Lokalgeschichte der klanglichen Gespenster zwischen Herefordshire und Worcestershire geschrieben. Manchmal werden die ephemeren Fetzen zu richtigen Songs, zu Folklore und Tradition, öfter doch sind sie skizzenhafte, aber tief erzählende, viel wissende Ambient-Collagen aus Field Recordings und alten Synthesizern. Lose zusammengefügte Klangstücke, in deren Ritzen und Falten sich die verlorenen Erinnerungen finden, was Land und Musik einmal ausmachte.

Was ein Einstieg: Das mehr als einleuchtend betitelte Albumdebüt Eternal Life Makes Your Past Grow Too Big (One Instrument, 20. November) des in Wien lebenden Italieners Simone Borghi alias Morning Seance erscheint auf Aimée Portiolis Berliner Konzept-Label One Instrument. Und das eine einzige Instrument, das in diesem Fall zum Einsatz kommt, ist der Roland Alpha Juno JU-1, neben dem Yamaha DX7 und dem Sequential Prophet-5 einer der klassischen polyphonen und stöpsellosen Synthesizer der mittleren Achtziger. Borghi holt aus dem seinerzeit nur mittel-erfolgreichen, aber eine Dekade später ob der deftigen Saug- und Wobblebässe in Jungle, Rave und frühem Techno massiv wiederentdeckten Keyboard einen beachtlich dichten und komplexen Gesamtsound, weniger an dem meist eher minimalistischen Einsatz in den elektronischen Clubmusiken der Neunziger orientiert als an Soundexperimenten, wie sie am und mit Synthesizern aller Art schon seit vielen Jahrzehnten betrieben werden, also irgendwo zwischen akademischer Klangforschung, Eurorack-Traditionalismus und New Age und Ambient. Vor allem Letzteres, denn bei aller Komplexität und Massivität bleiben die Sounds doch immer freundlich und leicht.

Im hart umworbenen Gewerbegebiet der Modularsynthese ist es definitiv keine triviale Aufgabe, so etwas wie ein Referenz-Album hinzulegen. Aber versuchen kann – ja sollte – man es auf jeden Fall. Etwa so wie Ioa Beduneau auf Mélodies pour Clairons (Marionette, 21. November). Da probiert der Franzose, das hochgradig komplexe emotional-klangliche Spektrum der Clarion oder Clarin genannten hohen Barocktrompete in selbstgebauter Stöpsel-Elektronik abzubilden. Was gerade darin spannend wird, dass es kaum gelingt, vielleicht nicht gelingen soll, eine genaue Nachbildung des Klangs zu erreichen. Vielmehr liegt im zwangsläufigen Scheitern der Emulation die Chance auf etwas Anderes und Neues. Etwas, das mal klingt wie eine in Schräglage gebrachte Computerkonversation in 8-Bit-Auflösung und mal wie synthetischer Gamelan-Free-Jazz in High-End-Qualität.

Zwölftonmusik, also genau die von Arnold Schönberg, Anton Webern und anderen Anfang des 20. Jahrhunderts vorgeschlagene musikalische Revolution, hat heute nicht gerade den Ruf, besonders zugänglich zu sein. Das ist aber kein ehernes Naturgesetz, sondern eine historisch begründete Konvention. Dass es eben auch anders geht, zeigt uns niemand Geringeres als Biosphären-Retterin Chris Korda. Für Granularism (Kevorkian Records, 8. Dezember) hat sie spezifische Techniken von Komposition und Sounddesign entwickelt, die dem Prinzip der gleichberechtigten und gleichmäßigen Verteilung von Noten im tonalen Spektrum die Schärfe und Dissonanz nehmen. Umgesetzt mit polyphonen Synthesizern oder mit dem Klavier entstehen hochinteressante Soundscapes, die außerhalb aller Konventionen von Neoklassik oder Dark Ambient spielen, aber eben als angenehm wahrgenommen werden können. Wie das funktioniert, lässt sich hier nachlesen. Nur so viel: es funktioniert.

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