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Motherboard: November 2025

Vanessa Wagner spielt Philip Glass, spielt The Complete Piano Etudes (Infiné, 10. Oktober), also seine größten Hits. Das kann tatsächlich nicht schiefgehen. Denn gerade dem spätmodern-meta-romantischen Minimalisten Glass bekommt der kristalline Ton, die analytische Herangehensweise der französischen Pianistin extrem gut. Wagner öffnet die Strukturen, zeigt die Funktion jedes Tons im großen Ganzen, ohne dieses in zusammenhanglose Fragmente aufzulösen. Entrückt und schwelgerisch sind Glass‘ Etüden ja sowieso schon. Da wirkt Wagners Spiel wie ein herb frischer Wind, der schon mal an den Knochen rüttelt, dann aber befriedet und glücklich entrückt zurücklässt.

Und geht es ums Piano, kommt man kaum vorbei am Power-Trio The Necks. Seit 39 Jahren sind Chris Abrahams, Tony Buck und Lloyd Swanton, inzwischen so etwas wie ein lebendes Kulturerbe Australiens, dabei, die Schnittmengen von Jazz, Kraut-Psychedelik und Postrock auszuloten, Genregrenzen neu zu definieren und dabei noch immer mächtig aktiv. Disquiet (Northern Spy, 10. Oktober) ist ein Manifest ihrer kreativen Unruhe. Vier Stücke auf drei CDs, Laufzeit jeweils über eine Stunde, kraftvoll raumgreifende, wider die Endlichkeit mäandernde, maßlose und doch präzise austarierte Schönheiten.

Das Unbewusste anzapfen, die nichtlineare Logik der Träume in ein zeitlich lineares Artefakt verwandeln, das kann nur Kunst: elektroakustische Komposition im Fall der multimedial arbeitenden Künstlerin und Musikerin Lea Bertucci aus New York. Ihr Soloalbum The Oracle (Cibachrome Editions, 17. Oktober) führt vor, wie es im besten Fall gelingen kann, das gefühlte und nicht aussprechbare Unbehagen am Zustand der Welt in eine unmittelbar verständliche Form zu bringen. Aus Raumklang, Schleifen, Hall und Echo, Drones, Überlagerungen und Stimmfragmenten entstehen flirrende Soundscapes, in denen die surreale Sinnverknotung weder trockenen Humor noch süffigen Ernst ausschließt.

Die klassische Teezeremonie Japans als situativer Akt der Selbstbesinnung und Konzentration übt eine ungebrochene Faszination aus, auf ein westliches wie japanisches Publikum. Die ins kleinste Detail streng formalisierte Performance steht inzwischen weniger für einen Weg des Zen-Buddhismus denn für eine global anschlussfähige Praxis der Einkehr, Freiheit durch Innerlichkeit. Kein Wunder also, dass es immer wieder musikalische Ansätze gibt, die versuchen den Geist des Chashitsu in tonale Form zu bringen. Die zwischen London und Tokio arbeitende Violinistin Midori Komachi hat mit Chashitsu: Auditory Tea Room (MSCTY_EDN, 10. Oktober) eine besonders überzeugende auditorische Umsetzung des Teeweges gefunden. Mit dem in der westlichen Tradition verankerten Instrument und den Field Recordings des Londoner Radio-Hosts und Label-Kurators Nick Luscombe entsteht hier ein ähnlich virtuelles altes Japan wie in den prozessierten Samples von Meitei / 冥丁(zum Beispiel hier), eine absolut zeitgemäß und fragil schönes Zeremoniell der Moderne.

Die in Toronto lebende US-Amerikanerin Linda Catlin Smith ist ähnlich dem neulich vorgestellten Jürg Frey eine Komponistin, die mit minimalen Strukturen und Stille arbeitet, und damit über den engeren Kreis akademischer Neuer Musik hinaus bei Hörer:innen von Ambient und Neoklassik ein enthusiastisches Publikum finden konnte. So ist es besonders erfreulich, dass das kanadische Label Redshift nun eine ganze Serie mit ihren Werken für Piano auflegt. Die erste Folge der Complete Piano Solos (1989-2023): The Plains (Redshift Music, 3. Oktober), sanft wie transparent interpretiert von der kanadischen Pianistin Cheryl Duvall, gibt bereits den ersten Höhepunkt. Ein über einstündiges Stück fragmentarischer Harmonie und inniger Konzentration. Weite und Raum lassend, wie es nur der beste Ambient könnte.

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