Seit 2015 zieht der Zug der Liebe durch Berlin – eine Demonstration, die politische Anliegen, sozialen Aktivismus und elektronische Musik miteinander verbindet. Mitbegründer und Organisator Jens Schwan, zugleich Herausgeber des Magazins TheClubmap, versteht den Umzug als positives Statement, als eine Demo für etwas: für Solidarität, Teilhabe und eine gerechtere Zukunft.
Zum zehnten Geburtstag spricht Schwan mit GROOVE-Autorin Lea Jessen unter anderem über die Herausforderungen hinter den Kulissen und warum für ihn feststeht, dass Techno nicht nur Hedonismus ist.
GROOVE: Am kommenden Samstag findet der zehnte Zug der Liebe statt. Was können Besucher:innen erwarten?
Jens Schwan: Eigentlich haben wir zum zehnten Geburtstag gedacht, dass wir etwas richtig Fettes planen müssen. Die ursprüngliche Idee war ein zusätzliches Straßenfest. Letztlich bleiben wir aber auch in diesem Jahr unserem Konzept treu: Maximal 15 Wagen, alles andere ist nicht kontrollierbar. Dazu kommen dieses Jahr noch zwei Fahrradanhänger. Die Route startet im Mauerpark und endet dann direkt beim Ritter Butzke, unserer Afterparty-Location. Wir werden also circa sechs Stunden unterwegs sein. Mit dabei sind dieses Jahr unter anderem die Gruppen kein Hass nur BASS, Space Lama e.V. oder vertraudich.online.

Warum gibt es kein Straßenfest?
Wir haben es zeitlich nicht geschafft, das umzusetzen. Meine Traumidee wäre irgendwann ein größeres Festival-Modell: Erst ein paar Stunden auf dem Tempelhofer Feld, danach die Demo und dann ein Wochenende der offenen Türen bei allen Vereinen. Die Idee hab ich allerdings auch schon seit 2019, du siehst ja, was daraus geworden ist. (lacht)
Was gibt es denn noch zu tun? Wie hoch ist dein Stresspegel?
Um ehrlich zu sein: Hoch. Ich habe in den letzten drei Jahren mehr oder weniger alles selbst gemacht: Website, Social Media, Pressearbeit, Organisation. Das sind alles unbezahlte Arbeitsstunden, ich habe kaum Zeit für mein Privatleben. Man muss sich das ganze Jahr über darum kümmern. Ich habe deshalb schon angekündigt, dass ich im nächsten Jahr raus bin. Offiziell kann ich zwar jederzeit aussteigen, weil ich und Martin Hüttmannn [Initiator des Zug der Liebe, Anm.d.Red.] die Markeninhaber sind, aber genau deshalb liegt die Verantwortung trotzdem noch bei mir. Klar ist die Organisation auch Routine, wir sind eingespielt. Gleichzeitig fühlt es sich jedes Mal so an, als würden wir von vorne anfangen, weil seit dem letzten Jahr so viel Zeit vergangen ist.
Ich dachte: Fuck Pegida, fuck AfD! Das war der einzige Grund, warum es weiterging.
Wer sind denn die anderen Mitbegründer:innen? Oder wart ihr nur zu zweit?
Der Kern waren von Anfang an Martin und ich. Wir haben uns schon 2013 in einer Bar in der Simon-Dach-Straße getroffen, wo er mir seine Idee vom Zug der Liebe eröffnet hat. Ich dachte erst mal: Demos finde ich immer geil. Als er mir den Namen der Demo genannt hat, bin ich vor Lachen fast vom Stuhl gefallen, weil es so nach der neuen Loveparade mit dämlich-deutschem Namen klang. Ich hab‘ mich dann aber direkt überzeugen lassen. Martin war genervt von der ständigen Anti-Haltung aus seiner fünfjährigen Fuckparade-Zeit, deshalb haben wir den Spieß umgedreht: eine Demo nicht gegen, sondern für etwas. Felix Hartmann, Martin Hüttmann und ich haben das ganze dann fünf Jahre professionell gewuppt. Als die beiden weggebrochen sind – Martin ist mit seiner Familie aufs Land gezogen –, habe ich vieles natürlich nicht mehr so professionell geschafft. Manchmal gibt es neue Leute, die Bock haben, aber da fehlt oft die langfristige Motivation.

Die Idee gab es also schon 2013. Die erste Demo fand aber erst 2015 als Protestbewegung gegen Pegida statt. Wie kam das?
Wir haben die Idee erst mal liegen lassen, weil wir während der zwei Jahre noch unser Projekt OpenAir to go gemacht haben; eine Art Rave, auf den jede:r eine Box mitgebracht hat und wir das DJ-Set über eine Radiofrequenz gesendet haben. Irgendwann kam dann das Thema Pegida in der Tagesschau auf, und wir haben die Idee wieder aus der Schublade geholt. Martin hat die Facebook-Veranstaltung online gestellt, und innerhalb von zwei Stunden hatten wir Tausende Zusagen. Ich habe innerhalb weniger Tage das politische Leitbild geschrieben, alles hat eigentlich in totalem Chaos angefangen. Im Mai hatte ich geheiratet, einen Monat später fand die Demo statt. Ich hatte bloß Zeit, um die Blumen für die Feier zu besorgen, alles andere musste meine Ehefrau machen. Das bekomme ich nun jeden Hochzeitstag um die Ohren. (lacht)
Clubsterben hin oder her, ein Kollektivsterben gibt es auf jeden Fall. Auch bei den Vereinen merke ich das, allerdings in geringerem Ausmaß.
Wie haben die Medien auf den Zug der Liebe reagiert?
Die ganze Pressegeschichte war anfangs ein Alptraum. Plötzlich rufen der Spiegel oder der rbb an, und du kommst verschwitzt ins Studio, weil du gerade noch ein Open Air aufgebaut hast. Ich habe 2015 bestimmt 90 Interviews geführt, um den Leuten zu erklären, dass wir nicht die Loveparade sind, deswegen war ich glücklich, als das mediale Interesse abgenommen hat.
War die Demo als Langzeitprojekt geplant? Hättest du gedacht, dass es mal ganze zehn Jahre werden?
Eigentlich sollte das nur ein einmaliges Ding werden. Ein großes Fuck you gegen Pegida. Die Idee: Wir kriegen mehr Leute auf die Straße als diese Nasen aus Dresden. Wir dachten an 5.000 Menschen und fünf Wagen. Am Ende waren es 25 Wagen und 30.000 Leute. Da wusste ich: Okay, ich tu‘ mir den Stress nochmal an. Nachdem unsere Demo in der Tagesschau gezeigt wurde, war Pegida egal. Es war ein „Ha, ihr denkt, ihr seid viele? Dann schaut mal hier.” Das Jahr darauf war die AfD im Berliner Parlament dann ein Thema. Und da dachte ich: Na ja, fuck Pegida, fuck AfD! Das war der einzige Grund, warum es weiterging.

„Gemeinsam für eine gerechtere Zukunft”. Wie ist der diesjährige Slogan entstanden und was war die Motivation dahinter?
Seit der ersten Demo 2015 haben wir ein Motto. Eigentlich waren es im ersten Jahr sogar sieben, das ging von Umweltschutz bis hin zu gerechten Lösungen der Flüchtlingsthematik. Ich habe auch Anlässe wie 30 Jahre Mauerfall als Ausgangspunkt für den jeweiligen politischen Schwerpunkt genommen, das hat immer gut funktioniert. Das diesjährige Motto steht einfach für das, was wir immer wieder betonen: Das Wir-für-euch. Das legt den Fokus auf die Vereine, um die es schließlich geht. Sie stehen für sich selbst. Das zu haben, ist für mich viel wert.
Das Verhältnis zur Polizei war mal besser. Früher sind die selbst noch in Shirts rumgelaufen und haben mitgetanzt. Ich glaube, das hat sich vor allem in der Zeit der Corona-Demos geändert.
Hat sich die Auswahl der Vereine und Kollektive über die Jahre hinweg verändert?
Durch die Bank weg hat sich nicht viel verändert. Die Kollektive mussten von Anfang an ihre Standpunkte mitbringen, reine Promofahrten waren ausgeschlossen. Das haben die Kollektive irgendwann gemerkt. Deshalb wurden die, die sich nur selbst inszenieren wollten, automatisch weniger. Es gibt Leute, die sind schon die gesamten zehn Jahre dabei. Sie merken, dass die Demo ihnen zum Beispiel zu mehr Mitgliedsanträgen verhilft. Genauso hast du aber auch eine Fluktuation. Dabei merkst du auch: Kollektive lösen sich auf. Clubsterben hin oder her, ein Kollektivsterben gibt es auf jeden Fall. Auch bei den Vereinen merke ich das, allerdings in geringerem Ausmaß.
Was unterscheidet den Zug der Liebe von Loveparade, Rave the Planet oder dem CSD?
Wir sind eine Demo und keine Parade. Bei uns gibt es keine kommerziellen Ansätze, die Teilnahme ist kostenlos. Das einzige, was die Kollektive bezahlen müssen, sind ihre eigenen Trucks, die sie selbst organisieren. Den Vereinen bleibt das erspart. Manche Leute sagen, dass die Menschen bei uns auch zum Feiern kommen. Natürlich ist das einer der Gründe, aber letztendlich hast du die Fotos in den Medien, auf denen sich die Menschenmassen unter unserem Leitbild vereinen. Dieses Jahr unterscheidet uns zu unserem Glück auch das Wetter!

Das heißt, ihr bezahlt so einiges. Wie sieht denn das Verhältnis von Solidarität und Kostendeckung aus?
Schwierig. Eigentlich lassen sich die Kosten durch die Afterparty decken, aber das wird steuerlich kompliziert, weil wir offiziell ja ein gemeinnütziger Verein sind und deshalb keinen hohen Gewinn erwirtschaften dürfen. Dazu kommt, dass alles teurer wird. Alleine die Toiletten für die Demo kosten mehr als die Location-Miete. Hinzu kommen Plakate, GEMA, Ordner:innen, Awareness-Essen und so weiter. Es ist ein nie endender Strom an Kosten. Wir hatten bereits Crowdfundings, aber als die Leute gemerkt haben, dass wir politisch sind, hat das den Spender:innen nicht mehr in den Kram gepasst. Sie bezahlen gerne für Hedonismus, aber nicht, wenn Statements dahinter stehen. Aber ey: Techno ist politisch, und unterschiedlichste Menschen vereinen sich bei uns für einen guten Zweck. Ich habe also realisiert, dass das, was wir tun, mehr nach außen getragen werden muss, ganz nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
Bekommt ihr von offizieller Seite viel Unterstützung?
Teils, teils. Dankbar bin ich vor allem den Jungs vom Ritter Butzke – wir haben einen super Deal. Auch die Malteser unterstützen uns zum Glück mit zehn Krankenwagen und 40 Leuten, das ist unfassbar und spart uns viel Geld. Das Verhältnis zur Polizei war hingegen mal besser. Früher sind die selbst noch in Shirts rumgelaufen und haben mitgetanzt. Ich glaube ,das hat sich vor allem in der Zeit der Corona-Demos geändert. Auch vom Senat her weht heute ein anderer Wind. Es gibt viel mehr Restriktionen, gerade in Bezug auf die Lautstärke. Gegen die 90 statt 95 Dezibel haben wir sogar geklagt, leider ist das nicht durchgegangen.
Zuletzt noch zu dir: Welche war deine erste Parade?
Die erste Loveparade, die ich besuchen konnte, war Anfang der Neunziger, als die Mauer weg war. Ich war 1992 und 1993 dort, danach wurde es mir zu groß und kommerziell. Ich war Punk im Osten, das steckt bis heute in mir. Aber die Erfahrung, öffentliches Gelände auf eine Art zu erobern, die so niemand kannte, war prägend.
Warst du vor dem Zug der Liebe bereits in politischen Projekten aktiv?
Ich hatte eigentlich immer politischen Output. Die Leute kommen irgendwie immer auf mich zu, das passiert einfach. Ich fange an zu helfen und stecke mittendrin. Plötzlich startet man Kampagnen. Ich habe das von meiner Mutter, die hat auch so ein Helferinnensyndrom. Bei mir ist es genau so, anscheinend brauche ich das. Selbst während der Pandemie haben wir coronakonforme Veranstaltungen für Vereine organisiert oder Videoprojekte zur Künstler:innenförderung gemacht. Es nimmt irgendwie nie ein Ende, irgendwie machst du immer irgendetwas anderes.

Siehst du das politische Klima als Herausforderung für den Zug der Liebe?
Sollte sich das politische Klima verschärfen, würde ich meinen Arsch erst recht in Bewegung setzen, um das Projekt am Leben zu erhalten. Ich war Punk und Hausbesetzer im Osten, Konflikte liegen in meiner DNA, wenn ich Widerstände habe, gegen die ich vorgehen kann. Ich sehe in Zukunft aber auch mehr Allianzen, zum Beispiel mit Wem gehört die Stadt oder der Fuckparade. Was ich mag, sind auch die kleineren Ableger in anderen Städten, beispielsweise in Köln. Wir werden gefragt, wie wir bestimmte Dinge handhaben. Damit könnten wir schon fast ein Beratungsangebot machen.
Denkst du, dass es den Zug der Liebe auch noch in zehn Jahren geben wird?
Ich würde mir natürlich wünschen, dass jüngere Leute Lust hätten, die Demo zu übernehmen. Ich gebe das schon an meinen Sohn weiter. Der legt, seit er 13 ist, auf und macht dieses Jahr zum ersten Mal die Demo-Leitung. Ich muss nicht mehr die ganze Nacht in Clubs auflegen, geschweige denn ewig den Zug der Liebe organisieren. Ich sitze hier lieber gemütlich in Hermsdorf [am nördlichen Stadtrand von Berlin, d.Red.], hole mir gleich einen Cappuccino und überlege, eine Radtour durch den Wald zu machen. Vielleicht sitze ich ja in zehn Jahren mit Martin und einem Bier in der Hand im Campingstuhl und wir schauen uns die Demo als Gäste an. (lacht)