VA – Gost Zvuk 10 Years (Gost Zvuk)
Gost Zvuk heißt übersetzt so viel wie „staatlich genormter Klang”. Das ist natürlich ironisch gemeint und spielt auf das Ziel des Labels an, russische elektronische Musik jenseits von Klischees zu zeigen. Seit zehn Jahren versteht sich Betreiber Ildar Zaynetdinov als Katalysator, der eine lokale Ästhetik ohne Bezug zur westlichen Szene pushen will, mit Fokus auf langfristige Kollaborationen statt schnellem Hype. Als Kurator mit DIY-Spirit, der nach Sounddesign und Kontext wählt, wodurch auch eine soziokulturelle Dimension der Musik zum Ausdruck kommen soll.
Im digitalen Zeitalter und nicht zuletzt vor dem Ukraine-Krieg eine beachtliche Leistung, sich so lange bewusst gegen Streaming-Algorithmen und ein Musik-Überangebot durchzusetzen. Dabei baut Gost Zvuk gezielt wiederkehrende Artists aus dem eigenen Freundesnetzwerk auf, die statt Genres eine kollektive Handschrift verbindet, die zwischen Hip-Hop, Ambient, Library, Dance, Field Recordings, Space Rock und Techno so ziemlich alles abbildet, was aus Sicht des Labels den Status Quo des russischen Undergrounds ausmacht.
Die 4-fach-LP mit 33 Stücken ist sorgsam sequenziert, mit eigenem Spannungsbogen auf jeder der Vinylseiten. Dabei bildet die Compilation behutsam die Entwicklung von clubbigen Wurzeln hin zu abstrakter Vielfalt ab. Laut und offensichtlich wird das nie, vielmehr trieft es vor Reverb, Tiefe und organisch texturierten Sounds. Die „staatliche Norm”, sie ist hier alles andere als standardisiert, sondern strotzt vor eigenem Anspruch. Leopold Hutter

VA – Place: Ireland (Air Texture)
Diesmal verschlägt es die Place:-Reihe von Air Texture auf die grüne Insel, nach Irland. Als musikalische Reiseführerin hat sich Efa O’Neill der irischen Szene angenommen und aus allen Ecken des Landes Künstler:innen und deren Tracks zusammengeführt. In ihrer eigenen Radioshow „Out Of Space” präsentiert sie regelmäßig sowohl aufstrebende als auch etablierte Künstler:innen und weiß deshalb, worauf es bei der Kuration einer Compilation ankommt.
Als kleine Aufgabe sollten die kontaktierten Musikschaffenden Tracks heraussuchen, die sich am authentischsten und ehrlichsten in Bezug auf den eigenen kreativen Output ausdrücken. Das Ergebnis ist eine in sich absolut schlüssige Darbietung verschiedener Stile, von druckvollen Ambient-Passagen wie „Albatross” von Soria über rhythmische Experimentierfreude in „Bell Dent” von ópax bis hin zu eingängigen Four-to-the-Floor-Dub-House Grooves wie Small Bears‘ „Brian Eno’s Ghost”, die einerseits die Musiker:innen Dublins beleuchtet, gleichermaßen aber auch den Blick auf die entlegeneren Orte Irlands richtet. Leon Schuck

VA – Running Back Mastermix: Marcel Dettmann – Edits & Cuts (Running Back)
Wenn Marcel Dettmann auf Gerd Janson trifft, ist das mehr als bloß ein Crossfade zwischen Berghain und Robert Johnson. Für den neuen Running Back Mastermix nimmt sich Dettmann seine selbst editierten und geremixten Allzeit-Lieblingstracks vor, zerlegt und montiert diese in ein DJ-Set („Cristian Vogel – Untitled (Marcel Dettmann Cut)”), das sich zwischen zartem Eskapismus und funktionalem Maschinenfunk bewegt („Tocotronic – Bis uns das Licht vertreibt (Marcel Dettmann Version 2 Remix)”).
Und plötzlich klingt das alles nach einer anderen Zeit, nach dem House und Techno der frühen Neunziger („Junior Boys – Work (Marcel Dettmann Remix)”). Dabei bleibt die Klangfarbe immer typisch minimal Dettmann: trocken, reduziert, verspult, nie kalt („Marcel Dettmann – Water feat. Ryan Elliott (My Own Shadow Remix)”).
So selbstverständlich wie er sich durch Genregrenzen bewegt, merkt man sofort, er macht das nicht erst seit gestern. Klassiker der elektronischen Musikgeschichte wie Yellos „Limbo”, Nitzer Ebbs „Shame” oder Conrad Schnitzlers „Das Tier” verlieren in seinen Edits und Remixen ihre ursprüngliche Zielrichtung, um sich im hypnotischen Sog des Sets neu zu erfinden. Dettmanns Mastermix ist keine Retro-Hommage, sondern ein Statement. Ein Mix wie eine Nacht in der Panorama Bar – wenn sie leer ist. Mirko Hecktor

VA – Silberland Vol 3 – The Ambient Side Of Kosmische Musik 1972-1986 (Bureau B)
Nach zwei furiosen Auflagen voller Motorik und Metronom-Stoizismus wagt Silberland Vol. 3 nun das Gegenteil: Rückzug, Entschleunigung, Einkehr. Bureau B hat sich mit chirurgischer Präzision durch die Archive der deutschen Elektronik-Szene zwischen 1972 und 1986 gearbeitet und präsentiert hier eine subtile Topografie aus schwebenden Synth-Flächen, melancholischen Miniaturen und struktureller Zurückhaltung. Der dritte Teil der Serie fokussiert nicht das Vorwärts, sondern das Verweilen – ambient, meditativ, entrückt.
Die Kompilation öffnet mit einem Klassiker, der exemplarisch für das Unterfangen steht. Brian Eno und Cluster kreieren mit „Ho Renomo” ein oszillierendes Gleichgewicht aus Gitarrenhall, zurückgelehntem Bass und viel Raum – als würde man die Stille selbst modulieren. Ein archetypischer Moment, in dem kosmische Musik nicht in den Himmel, sondern ins Ich projiziert. Rolf Trostels „Hope Is The Answer” klingt wie ein aus dem Orbit gesendetes Wiegenlied. Die repetitive Synth-Figur ist mal versponnen, mal kristallklar, stets aber melancholisch getönt. Die Filter wirken wie atmende Mechanik, eine technische Seele, die zu uns spricht – prä-künstliche Intelligenz, aber zutiefst menschlich. Vonos „Hitze” irritiert mit koto-artigen Anschlägen und sirrenden Obertonfrequenzen, eine Mischung aus archaischer Folklore und kybernetischer Störung. Die Reibung zwischen tonaler Klarheit und digitalem Vibrieren macht den Track zu einem hypnotischen Ausnahmezustand im Ambient-Kanon. Moebius‘ „Falsche Ruhe” ist ein Stück, das mit seinem Titel spielt: Die Ruhe hier ist trügerisch, immer unterwandert von klanglicher Unruhe, digitalen Schatten, akustischen Gespenstern. Moebius destilliert aus scheinbar Wenigem eine dichte Atmosphäre – ein Anti-Track, der sich verweigert und gerade dadurch magnetisch wirkt. Fausts „Lampe an, Tür zu, Leute rein!”: Noch nie veröffentlichte Tondokumente sind oft eine Spielwiese für Nerds. Hier jedoch offenbart sich ein düsteres Klangstück, das mit Field Recordings, dronigen Rückkopplungen und unbehaglicher Enge operiert. Die Faust’sche Destruktion wird zum Klangraum, der abweist, aber genau deshalb notwendig bleibt. Als finales Stück tanzt sich Thomas Dingers „Alleewalzer” aus der Isolation: Dieser ist zart, minimal und fast wehmütig. Ein repetitiver Loop aus Synth-Fragmenten und verschleierter Romantik, eine letzte Geste, die sich langsam in der Ferne auflöst.
Silberland Vol. 3 ist keine Retro-Romantik, sondern ein präzise kuratiertes Statement über das Langsame, das kontemplative Andere. Die Sammlung beweist, dass kosmische Musik nie nur Genre war, sondern auch Haltung. In Zeiten algorithmischer Hochfrequenz eine notwendige Erinnerung: Sound darf auch einfach nur sein – ohne Ziel, ohne Drang, ohne Zweck. Diese Compilation ist mehr als Archivarbeit. Sie ist ein sphärisches Plädoyer für das Utopische im Lautlosen. Und ein würdiger Schlusspunkt einer der besten Compilation-Reihen der letzten Jahre. Liron Klangwart

VA – Tectonic Sound (Tectonic)
Zum 25. Jubiläum veröffentlicht Tectonic keine angestaubte Rückschau, sondern eine vorwärtsgewandte Compilation, die der Zukunft der Bass Music entgegenblickt: An der Schnittstelle von Dubstep, Techno, Grime, Bass und Electronica versammelt Labelboss Pinch sowohl alte Bekannte, mit denen er ab 2005 das frühe Dubstep-Umfeld geprägt hat, etwa 2562, Distance, RSD oder Coki, aber auch Neuzugänge wie Re:ni, Yushh oder Beatrice M. Ihnen allen gemein ist die Einstellung zur Bass Music als Soundsystem-Kultur, bei der die Wände gefälligst wackeln sollen.
Egal ob sich das in Leftfield-Clubtracks wie dem hyper-flackernden „Feel Something” von Peverelist oder dem Drum’n’Bass-Techno-Mutanten „Strobes” von Om Unit äußert – hier zählt weniger Szene-Zugehörigkeit als der Wille, etwas Neues zu sagen im Lande der rüttelnden Subwoofer. Dabei kann sich Pinch auf die Anhänger:innen des in Bristol ansässigen Labels verlassen, denn fast alle Stücke sind exklusiv für diese Compilation und mit dem Tectonic-Sound im Ohr geschrieben worden. Dabei herausgekommen sind wirklich spannende Hybride aller Arten. Ob atmosphärische Breaks, Schwergewichts-Stepper der alten Schule oder grime-geschwängerte Experimente, bei diesen 24 Tracks kommen Bass-Freaks ganz sicher auf ihre Kosten. Besonders schön, wenn das Label damit gleichzeitig seinen Beitrag zur Evolution des Genres weiterführt. Leopold Hutter
