Der Producer Andrey Kurokhtin aus Yekaterinburg ist in einigen tanzbaren Genres unterwegs, seine größte Sympathie und Hingabe gilt allerdings der New-Age-Electronica japanischer Ausprägung – vom Kankyō Ongaku der Achtziger bis zum von der Natur inspirierten Ambient von heute. Kurokhtins Alias Shine Grooves verbindet beides, House, Techno und beatlose Klänge. Auf dem ausladenden 60-Minuten-Tape Sequences For Fluttering (Not Not Fun, 2. Mai) frönt er – zum Glück – hemmungslos der Liebe zu synthetischen New-Age-Eso-Flöten und DX7-Schlüsselbrett-Wellness. Da das Sounddesign zwar augenzwinkernd, aber doch gänzlich unironisch im vorigen Jahrhundert schwelgt, sind diese Anleitungen zum Unruhig-Sein ein freundlich paradoxes Gegenstück zum Vapor-Zynismus dieser Tage, und zur Realität sowieso.
Osnabrück-Welt, so könnte eine Retrospektive, der inzwischen über 25 Jahre aktiven Krautsynthetiker Sankt Otten heißen. Stattdessen gibt es „Filterkaffee und Finsternis” und ähnlich clever bedrückte Titel auf – grob geschätzt – Album Nummer 15 namens Tote Winkel (Denovali, 6. Juni). Analogmaschinen, E-Bow und prozessierte Gitarre, hin und wieder mit Vocoder-Gesang und Ringmodulator, jederzeit in tiefste Melancholie getaucht. Immer wieder eine stille Feier der Provinz-Renitenz, des Selbermachens, des zwanglosen Weitermachens. Nicht zu vergessen, wo man herkommt, dem nachzugehen, was einen zu dem gemacht hat, das man ist – nicht weniger hat sich die zeitgleich erscheinende Mini-LP Hymnen und Helden (Denovali, 6. Juni) vorgenommen. Und diese Coverversionen von Stücken aus den mittleren bis späten Siebzigern und frühen Achtzigern des vergangenen Millenniums haben es in sich. Nicht unerwartet sind Cover von Krautmelancholikern wie Günter Schickert, aber auch andere, weniger erwartbare von den weithin vergessenen amerikanischen Noiserock-Außenseitern Wipers oder sogar Moroder-Disco-Klassiker. Es sind durchwegs zartestmögliche Annäherungen an etwa David Bowies „Heroes” oder A Flock of Seagulls‘ „Wishing” – und darin sind sie schlicht großartig.
Apropos Hymnen und Helden: Die, um Legenden ohne Anführungszeichen zu werden etwas zu spät gekommenen Düsseldorfer „Post-Punk-Legenden” The Crippled Flower (unter anderem der Startpunkt des jugendlichen Stefan Schneider, seines Zeichens Motherboard-Regular, auf dessen Label das Reissue nun erscheint) hatten Mitte der Achtziger nur zwei Sommer, auf der Kassette Forming Haze [Recordings 1985/86] (TAL, 2. Mai) stilgerecht dokumentiert. Ihr Potential wurde von den Beteiligten später und anders ausgeschöpft. Das Album bleibt, trotz allem.
Dunkler Techno aus den Neunzigern, mit einem Wink hin zu Pop und in feinster Texturen, geradezu als Ambient ausgearbeitet, zeichnet Death in Vegas, das Pop-Projekt von Altrocker Richard Fearless, schon immer aus. Das vorige, in Darkwave wildernde Album Transmission liegt auch schon fast eine Dekade zurück, die Vinyl-EP Acid Rejects von Anfang des Jahres hat allerdings den alten neuen Weg bereitet für die psychedelischen Techno-Rocker von Death Mask (Drone, 6. Juni). Der auf den ersten Blick schroffe und rohe Retro-Sound täuscht ein wenig über die Finesse der Produktion, die jeden der Tracks spätestens nach ungefähr der halben Laufzeit einholt.
Im kreativen Dreieck von Neoklassik, Electronica und Dark Ambient lässt sich formidabel cinematisch vor sich hin düstern – und als klangliche Storyboards arrangiert, zudem noch jede Menge Inspiration holen. Zumindest gelingt das Reid Willis aus New Orleans immer wieder und offenbar mühelos. Regelmäßig, ungefähr alle zwei Jahre, produziert er ein ausschweifendes Album, in dem jedes einzelne Stück detailversessen durchkonstruiert ist. Nach dem eher IDM-nahen Mother Of und dem breakbeatlastigeren Sediment nun Reliquary (Mesh, 11. Juli), das atmosphärisch stimmigste und stimmungsvollste Album, das Willis bislang vorgelegt hat. Zugleich wohl eines der experimentellsten und kühnsten Werke aus dem Zusammenhang von Neoklassik und Electronica.
Gar nicht so leicht, im Post-Vapor-Dark-Ambient eine eigene Stimme zu finden. Zu viele menschliche, androidische und vollständig artifizielle Cyberwesen schwirren da schon herum. Der US-amerikanische Produzent Daniel Lea alias Cura Machines hat einen Pfad ins Dickicht der überhitzten Speicherchips und verschmorten Kabel gehackt, der zugleich menschlich wie maschinell erscheint, digital organisch. Ein Sound zwischen Hard-Glitch und Ambient-Punk, welcher auf dem hochkonzeptuellen Album DISEMBODY (Bedouin Records, 23. Mai) einen Ausdruck findet, der das Schöne im Kaputten sucht, das Glück in der Futur-II-Nostalgie, der Suche nach einer verlorenen Zukunft im Ehemaligen. Oder anders gesagt, der beste Soundtrack zu einem Neo-Noir-Science-Fiction-Anime, der nie geschrieben wurde.