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Motherboard: Juli 2025

Die jüngste Entdeckung der deutsch-japanischen Tenniscoats-Notwist-Connection ist vielleicht die bislang am wenigsten obskure. Das Duo um Gitarristin und Sängerin Eddie Corman (Miyazami Hitomi) und Bassist Jules Marcon aus Himeji, Japan, ist seit knapp 25 Jahren als Eddie Marcon aktiv, mit einer noch weiter in die Vergangenheit reichenden Historie bei den J-Psychedelikern LSD March und mit einem definitiven Underground-Legendenstatus ausgestattet, zumindest unter Fans des japanischen Psychedelic Rock und Acid Folk der Neunziger. Eddie Marcon waren seither kontinuierlich aktiv, wenig ihrer Musik hat es allerdings aus Japan herausgeschafft. So ist das Doppelalbum Carpet Of Fallen Leaves (Morr, 2. Mai) Werkschau und Blick in die Zukunft zugleich für eine der unauffällig-einflussreichsten japanischen Singer-Songwriter-Kombos.

Wo der Song aufhört und die endlose Leere anfängt, wo das Universum endet und die Innenwelt beginnt, da flirren die fragilen Soundscapes der belgischen Violinistin und Sängerin Elisabeth Klinck, flattern und huschen zwischen Song und prozessiertem Umgebungsgeräusch, immer am Rande der Selbstauflösung. Ihr zweites Album Chronotopia (Hallow Ground, 6. Juni) ist angetreten zu erkunden, wie Musik die Zeit aufheben kann, schafft dabei aber noch einiges mehr. Etwa vorzuschlagen, wie sich Songwriting anhören könnte, das vollständig aus den Prinzipien der elektroakustischen Komposition abgeleitet ist. Wie Quasi-Folksongs aus Stille und Konzentration aufscheinen können. Überhaupt, wie Schönheit aus dem Zarten und Einfachen entsteht. Präzise konstruierte Flüchtigkeit, wenig aus nichts.

Apropos Songwriting, Elektroakustik und Improvisation: Das in Washington, D.C. angesiedelte, von Jonathan Williger betriebene Label Outside Time hat sich mit bislang vier Veröffentlichungen als zuverlässige Adresse für immer interessante Explorationen zwischen den Genres und Rezeptionsmoden etabliert. Auf die exzellenten Arbeiten von Alma Laprida, Natalia Beylis und Nate Scheible folgt nun die amerikanische Nord-Süd-Kollaboration Orbweaver (Outside Time, 18. April) von Zosha Warpeha & Mariel Terán mit Warpeha an der norwegisch-traditionellen Hardangerfiedel und Terán an diversen traditionell lateinamerikanischen und indigenen Flöten. Zusammen weben sie aus diesen Fäden einen jederzeit überraschenden Sound, der als psychedelischer Avant-Folk verstanden werden darf, aber genauso als topmoderne Improv-Kunst jenseits der Konventionen.

Die jüngste Veröffentlichung des Labels, On Separation (Outside Time, 30. Mai) von der Washingtoner Klangkünstlerin Heather Stebbins, bringt dessen Ansatz mit anderen klanglichen und kompositorischen Mitteln ebenso präzise auf den Punkt. Es ist Ambient aus Tape-Loops, Drone aus elektronischen und akustischen Instrumenten, Noise aus Feldaufnahmen und Soundprocessing. Es ist vor allem wundervolle freie Musik, die für sich keine Grenzen zieht und doch jederzeit im Bereich des Schönen und Intimen verweilen mag.

Das Songwriting der Madrider Producerin und Sängerin Amanda Mur liegt genau im Schnittpunkt des Dreiecks von spanischer Folklore, Mainstream und Beat-Avantgarde. Die Track-Songs ihres exzellenten, ausgereiften Debütalbums Neu Om (La Castanya, 25. April) nehmen verwaschene, ausgeleierte Reggaeton-Beats, die Stimmgewalt der traditionellen ländlichen spanischen Tänze und Chöre und verweben diese zu neuen Strukturen. Über diesem ultimativ müde gewordenen, mürbe gebackenen Sound schwebt Murs kompromisslos ätherische Stimme, mal zu einem virtuellen Chor verdichtet, mal pur und unbearbeitet. Virtuelle Folksongs, in viele Teile zerborsten, aus Fragmenten von Trip-Hop und Dream Pop rekonstruiert.

Eine andere Abzweigung vom Song nahm der britische Balearic-Producer Steve Miller: nämlich das einmal etablierte – und in diesem Fall höchst breitenwirksame – Songwriting und Remix-Business wieder aufzugeben, aufzubrechen zugunsten ozeanischer Klänge und mildem Experiment. Auf Hidden Deep (Subatomic UK, 9. Mai), dem Debüt des Duos Afterlife & Moonseed, gelingt das sogar ausnehmend überzeugend. Die anderthalb Generationen jüngere chinesische New-Age-Avantgardistin Moonseed steuert die Klänge traditionell chinesischer und tibetischer Saiteninstrumente zu den mehr als ausgereift perfekten Chill-Produktionen Millers. So entsteht tatsächlich eine tendenziell neue, bislang ungehörte Synthese von New-Age-Ideen, mit Ambient gedacht, gemacht als Pop.

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