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Jessica Ramczik und Nastassja von der Weiden über ihre taz-Recherche: „Wir müssen die Gefahr von sexueller Gewalt in sexpositiven Räumen ernst nehmen”

in einer aufwendigen Recherche für die taz haben Jessica Ramczik und Nastassja von der Weiden eine Vergewaltigung im Berliner KitKatClub öffentlich gemacht. Wir wollten von den beiden Journalistinnen wissen, wie sie auf den Fall gestoßen sind, wie sie ihn aufgearbeitet haben und welche Schlüsse sie daraus für den KitKatClub und die sexpositive Bewegung ziehen. Medienkonsument:innen sind beide Namen längst ein Begriff: Ramczik arbeitet u. a. für F.A.Z. und das Missy Mag, von der Weiden für den MDR, Deutschlandfunk Kultur, frohfroh und die GROOVE.

GROOVE: Wie bist du auf den Fall gestoßen, Jessica? Wann war das?

Jessica Ramczik: Dazu muss ich etwas ausholen. Ich habe von Menschen, die regelmäßig in den Kitkat Club oder auf andere sexpositive Partys gehen, gehört, wie viel Potenzial für Übergriffe sich dort bietet. Also bin ich Ende 2022 auf die Suche gegangen. In Foren, auf Social Media, in meinem Umfeld. Dort bin ich auf Fälle gestoßen, die teilweise in Verbindung mit dauerhafter psychischer Gewalt, mit Abhängigkeiten, mit Unterwerfung standen. Einige haben mir erzählt, was sie beobachtet haben, andere, was ihren Freund:innen passiert ist.

Es gab ein breites Spektrum zwischen unkonsensuellen Berührungen oder auch Abhängigkeitsgefügen, wo zum Beispiel eine Frau immer wieder auf solche Partys gedrängt wurde, um dort Sex zu haben. Das Problem war hier aber: Einige Betroffene wollten letztlich doch nicht öffentlich darüber sprechen, oder die Fälle wurden nicht zur Anzeige gebracht. Theresa hat sich dann nach einem Recherche-Aufruf bei Instagram bei mir gemeldet. Das war im Februar 2025.

Wie kam dabei die taz ins Spiel?

Jessica Ramczik: Als klar war, dass Theresa fest entschlossen ist, ihren Fall öffentlich zu machen, haben wir die taz angefragt. Mit ihnen konnten wir uns eine Zusammenarbeit am besten vorstellen.

Jessica Ramczik (Foto: Lena Hähnchen)
Jessica Ramczik (Foto: Lena Hähnchen)

Wie seid ihr bei der Recherche vorgegangen? Wie geht ihr mit der Betroffenen um?

Jessica Ramczik: Nastassja hatte das Thema Ende 2024 nochmal angeschoben. Alleine hätte ich es wahrscheinlich nicht nochmal angefasst. Dann haben wir uns entschlossen, einen gemeinsamen Aufruf bei Instagram zu starten. Der Inhalt war: „Habt ihr sexuelle Übergriffe auf sexpositiven Partys erlebt?” Daraufhin hat sich Theresa gemeldet; sie schrieb, dass sie ihren Fall aus dem Jahr 2024 zur Anzeige gebracht hat. Dann habe ich ein Vorgespräch mit ihr geführt. Ich habe Theresa alles erzählen lassen, was ihr wichtig war – immer mit dem Hinweis, dass sie jederzeit aussteigen kann. Theresa hat uns alle ihr verfügbaren Unterlagen geschickt: Polizeivorladung, Post vom Amtsgericht, Krankenkassenunterlagen, den Untersuchungsbericht der Charité, das toxikologische Gutachten des Abends. Ich habe danach bei der Charité angerufen, bei der Berliner Polizei und den KitkatClub mehrmals um Stellungnahme gebeten.

Nastassja von der Weiden: Ich habe mich währenddessen auf die Suche nach Gruppen und Strukturen gemacht, die sich um Prävention und Awareness-Konzepte im Nachtleben kümmern. Das waren Sidekicks und die Clubcommission. Bei mir hatten sich ebenfalls Betroffene nach unserem Aufruf gemeldet. Mit einer von ihnen habe ich ein längeres Telefonat geführt und bin auf das Präventionsprojekt Sidekicks in Berlin gestoßen, das sie erwähnt hat. Sidekicks ist ein Gesundheitsprojekt, das unter anderem in Clubs mit Info-Ständen präsent ist und für Gespräche zu Safer Sex und Safer Use bereitsteht. Um noch mehr Hintergründe zum zentralen Thema Awareness berichten zu können, war ich im Gespräch mit der Clubcommission. Diese beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit diesem Thema im Clubkontext.

Wie stellt ihr sicher, dass die geschilderten Vorgänge richtig wiedergegeben sind?

Jessica Ramczik: Als feministische Journalistinnen glauben wir Betroffenen. Davon abgesehen hat uns Theresa in mehreren Gesprächen, die jeweils mehrere Stunden andauerten, ihre Erfahrungen geschildert, die aus unserer Sicht durch die uns vorliegenden Unterlagen gestützt werden. Mit Alisa, der Person, die sie in dieser Nacht im Club unterstützt hat, habe ich ebenfalls gesprochen. Wir sprechen hier aber weiterhin von einer mutmaßlichen Vergewaltigung. Die Schuld des Täters wird ein Richter oder eine Richterin feststellen.

Nastassja von der Weiden (Foto: Lea Petry)
Nastassja von der Weiden (Foto: Lea Petry)

Handelt es sich um ein strukturelles Problem im (sexpositiven) Nachtleben oder ist nur der KitKatClub betroffen?

Nastassja von der Weiden: Wir leben in einer Gesellschaft, in der überall Gewalt und sexualisierte Gewalt ausgeübt wird. Es gibt ebenso Vorwürfe in anderen Clubs, laut denen auch dort so etwas passiert. Das ist nichts, was nur auf einen Club reduzierbar ist. Die Frage ist: Wie gehen Clubs, Veranstalter:innen und Kollektive, die sexpositive Räume öffnen, mit potenziellen Gefahren und bereits passierten Übergriffen um? Wir sind in Gesprächen auch auf positive Beispiele und Berichte gestoßen, also auf Partyreihen, die sich immer wieder mit Awareness beschäftigen, ihre Konzepte weiterentwickeln, nachbesprechen. Speziell im KitKatClub würde ich den Wunsch von Theresa, wie sie ihn deutlich formuliert, ernst nehmen: Also ein eigenes Awareness-Team etablieren, unabhängig von Veranstaltungen. Und für Transparenz über die Dokumentation und interne Aufarbeitung zu sorgen.

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