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März 2025: Die essenziellen Alben (Teil 2)

Den ersten Teil der essenziellen Alben aus dem März findet ihr hier, Teil 3 hier.

Impérieux – Rezil (Macro)

Ein Album wie ein schräger Traum – und ich meine das durchaus positiv. Impérieux, dieser schwer fassbare Beat-Zauberer aus dem bulgarischen Kardjali, hat mit Rezil auf Macro ein Debüt hingelegt, das sich anfühlt wie ein Spaziergang durch ein glitchendes Spiegelkabinett.

Schon der Opener „Fo Pio” gibt die Richtung vor: keine wirklichen Drops, keine wirklichen Hooks, nur fein säuberlich zerkratzte Erwartungen. Und dann „Sword Fight” – was zur Hölle? Ein Track, der klingt, als würde sich eine MPC mit einer Saz duellieren, irgendwo zwischen Istanbul-Basement und Berliner Nachbeben. Diese Beats stolpern, tanzen, taumeln – aber sie fallen nie. „Imana” ist der Moment, in dem man merkt, wie clever dieses Album gebaut ist. Nicht nur Rhythmus, auch Raum wird hier bespielt. Der Sound ist überdreht, aber nie überladen. Der Titeltrack ist wie ein kaputtes Kinderkeyboard auf Xanax – und dabei völlig süchtig machend.

Impérieux ist keiner dieser Producer, die dich die Stirn runzeln lassen, während du noch versuchst, das Time-Stretching zu analysieren. Nein, hier steckt Humor drin, ein Hauch von Drama, vielleicht ein bisschen Wahnsinn – aber vor allem: Gefühl. So ehrlich verschroben klang Clubmusik schon lange nicht mehr. Und das beste Stück? „Young” ist uplifting. Hoffnung, Euphorie, Synths mit Sehnsucht – wie ein Sonnenaufgang nach der durchwummerten Nacht – mit Vogelzwitschern im Hintergrund. Wenn man sich so jung fühlen darf, klingt selbst der Kater poetisch.

Rezil ist kein Album, das man hört. Es ist eines, das dich hört. Und dich dann in deiner zerzausten Ganzheit zurückspiegelt – tanzbar, freaky, wunderschön. Liron Klangwart

Intrusion – The Seduction of Silence (Echospace) [Reissue]

​​Ambient schmiegt sich an Dub, dazu erklingen Stimmen wie die von Reggae-Legende Tikiman und fertig ist ein zeitloses Album, wiederveröffentlicht auf dem famosen Detroiter Dub-Techno-Label echospace. Stephen Hitchell ist derjenige, der sich hinter dem Alias Intrusion versteckt. Remastert und nun zum ersten Mal auf Platte, plätschern die Dubs aus dem Jahr 2009 auch mehr als eine Dekade später immer noch zeitlos und klar vor sich hin. Ein Favorit lässt sich auf dem Album kaum ausfindig machen, vielmehr ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild. Klangfläche folgt auf Klangfläche, wobei die Stücke alle bemerkenswert lange sind.

Grundlegend erlebt die elektronische Musik gerade ein Dub-Revival. Junge Künstler:innen entdecken das Futuristische am Dub-Entwurf neu. Die Art und Weise, Klang mit Echo und Delay zu modifizieren und mit Vocals zu arbeiten, könnte kaum zeitloser sein. Da tut es unnormal gut, auf alle Nuancen auf the seduction of silence zu achten und diese besondere Verbindung von Ambient und Dub-Techno auszukundschaften. Vincent Frisch

Moomin – Into the Distance (Oath)

Sebastian Genz tritt seit den Zehnerjahren als Produzent einer House-Musik in Erscheinung, von der man sagen könnte, dass ihre Kernphilosophie im Ausloten des Schönen im Wenigen besteht. Dieser House orientiert sich am Minimal der vorangegangenen Dekade, reduziert allerdings dessen Speed-getriebenen Vorwärtsdrang und ergänzt im Gegenzug jene melancholischen Klangelemente, die qua Prinzip immer in Gefahr stehen, dass Kitsch-kritische Ohr abzuschrecken.

In diese Falle ist Moomin auch auf seiner nunmehr vierten LP Into the Distance alles andere als getappt. Nachdem seine Platten bisher hauptsächlich auf dem Hamburger Deep-House-Flaggschiff Smallville oder seinem eigenen Label Closer erschienen sind, kommt Genz‘ neue LP und erste Veröffentlichung seit 2021 auf dem 2020 gegründeten Istanbuler Label Oath.

Die Rahmung von Into the Distance liefert zweifelsohne Detroit. Diese unmittelbare Assoziation verdankt sich dem ersten Stück „Things I Left Behind”, das nahtlos auf Omar-S‘ Ausnahmeplatte Thank you For Letting Me Be Myself gepasst hätte. Ein später Höhepunkt ist wiederum der leider viel zu kurze Abschlusstrack „Night Moves”, der mit seinem Vocal-Sample und Impro-Klavier Theo-Parrish-Gefühle weckt. Aber dazwischen hat Into the Distance noch so viel mehr zu bieten. Mal wagt sich Moomin im Titeltrack ins Breakbeat-Milieu, das er sanft auslotet, oder er komponiert mit „Joni” eine traumhafte Open-Air-Geheimwaffe.

Genz ist übrigens Produzent und Mastering Engineer in Personalunion. Das verwundert wenig: Auf dem Album findet sich eine durchformulierte, kristalline Deepness, die sich von ihrem Kernanspruch ausgehend in verschiedene Terrains vorwagt, dabei aber weder selbst verliert noch bloß billig abkupfert. Nathanael Stute

Nørbak – Casa (HAYES)

Kein sanfter Einstieg. Düster, tief. Das Intro sagt bereits: „Willkommen im Sci-Fi Blockbuster”. Ein alienartiges Geräusch oder Stimme in „Rosna” spinnt das filmische Bild weiter. Die Dystopie begleiten mitreißende Claps, als würde das vocallastige Ungetüm zum Rhythmus stampfen – ein Knaller. Das Hauptelement in „Compasso”? Ein seltsames hohes nasales Geräusch. Dazu eine tiefe Ride. On point. Zackig weiter geht es mit „Capital”, einer Zusammenarbeit mit Kollege Quelza. Ein brummiges Schieben und kurze Synths gehen nach vorne, dann ein kurzer Break. Der Intro-Blockbuster geht in die zweite Runde. „Tarefa” greift die anfängliche Stimme auf und breakt mit „Grego” um die Wette. „Sobreposto” schüttelt den Wüstensand nochmal von links nach rechts und siganlisiert die Verbindung der Elemente zur geografischen Herkunft des DJs. So auch in „Amigo”. Mit doppelter portugiesischer Kraft schafft er zusammen mit Temudo einen schwingenden potenziellen Techno-Klassiker. Eine volle Ride und Breaks werden im vorletzten „Sinal” nochmal eingesetzt, bis das Outro melancholisch entlässt.

Norbak erschafft mit Casa (zu Deutsch „Heim”) ein Album, das in seine Persönlichkeit und Herkunft eintauchen lässt. Modifizierte Sci-Fi-Elemente zusammen mit Tönen, die wie Sand und Wind klingen, zeigen, dass Techno ein cinematisches Bild erzeugen kann. Jacob Runge

Shinetiac – Infiltrating Roku City (West Mineral)

Dreistädteprojekte an den Außengrenzen des Techno sind oft eine ergiebige Angelegenheit. Zu den neueren Vertretern dieser clubmusikalischen Dreieckskonstellationen gehören Shinetiac, der Zusammenschluss von Pontiac Streator aus Philadelphia, dem in Brooklyn ansässigen Shiner und Ben Bondy, wohnhaft in Berlin. Auf ihrem zweiten Album reagieren sie mit ihrer Musik vor allem auf eine der gegenwärtig dominanten Formen, sich mit Inhalten und damit im weitesten Sinn auch der Welt zu beschäftigen: Streaming. Konsequenterweise haben zwei ihrer Titel in Klammern Zusätze mit direkten Verweisen auf solche Services, Hulu und Netflix. Eine gute Nachricht des Projekts ist, dass anscheinend selbst zielloses Daddeln auf Online-Kanälen nicht bedeuten muss, dass man darüber den eigenen künstlerischen Fokus verliert. Infiltrating Roku City hat etwas verstrahlt Schlenderndes, lässt das Trio als digitale Flaneure in Erscheinung treten, die ihren artifiziell driftenden Stream-of-streaming-content-Sound mit seiner Vielzahl von Samples, Billie Eilish eingeschlossen, bemerkenswert dicht und geschlossen wirken lassen. Im Grunde das Gegenteil dessen, was man bei dem Thema erwarten könnte. Medienkritik muss ja im Übrigen auch keine spröde Sache sein. Viel besser sogar, wenn sie Spaß macht. Bei Shinetiac wird so neue Energie gewonnen. Tim Caspar Boehme

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