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Motherboard: März 2025

Die Klangreise Luxury of Mind (Flin van Hemmen, 7. Februar) des in New York lebenden Niederländers Flin van Hemmen kommt zwar ebenfalls von einem Ort, wo es im Winter so richtig kalt wird. Es ist psychogeografisch aber weitaus weniger welt- und lichtabgewandt als Kirkegaards frostiger Trip. Allen Stücken dienen klanglich reiche urbane Field Recordings als Fundament, in die der Jazzer und Schlagzeuger kurze instrumentelle Phrasen hinein improvisiert und sie mit Loops und Cuts zu trippigen Stücken verschleift. Das hoffnungsvoll warmen Dark Ambient zu nennen, ist kein Widerspruch in sich. Van Hemmen formuliert es selbst so: „Um das Herz aufzutauen, muss man dahin gehen, wo es kalt ist.”

Bassiger Improv, der den Raumklang einer immensen ehemaligen Industriehalle explizit mit einbezieht. Ziemlich beeindruckend, was die beiden Italiener Domiziano Maselli & Tommaso Rolando aus ihren Instrumenten herausholen. Die Arbeit im Duo scheint hier essenziell gewesen zu sein, denn es ist nicht allein Rolandos Kontrabass, der diese Klänge so gewaltig und intensiv körperlich macht. Masellis Tape-Loops, die Mikrofonierung, das Soundprocessing und der in letzter Konsequenz immer wieder spürbar präsente Raum der Aufnahmen machen Enjoy Country Music (Torto Editions, 7. Februar) zu einem außergewöhnlichen Erlebnis.

Das sogenannte Halldorophon, entwickelt von Halldór Úlfarsson für das musikalische Forschungsinstitut EMS in Stockholm, kam zu einiger Berühmtheit, als es von Hildur Guðnadóttir in ihrem vielfach bepreisten Soundtrack für den Blockbuster Joker verwendet wurde. Die Berliner Cellistin und Elektronikerin Martina Bertoni hat dem algorithmisch unterstützen, hybriden Feedback/Synthese-Instrument ein ganzes Album gewidmet, die Electroacoustic Works for Halldorophone (Karlrecords, 21. Februar). Bertoni lotet das Halldorophon, das wie ein Cello spielbar ist, aber deutlich erweiterte Möglichkeiten an Klangmanipulation und Musterbildung bietet, in vier Stücken jeweils langer Form in der Tiefe aus. In ansteigender Intensität von sparsamem Klangflittern zu raumfüllendem Drone zeigt Bertoni, wie viel emotionale Unmittelbarkeit in Neue Musik auf neuen Instrumenten gepackt werden kann.

Dass der französische Cellist Gaspar Claus instrumentale Meisterschaft mit kompositorischer Offenheit zu verbinden weiß, hat er des Öfteren bewiesen, etwa mit Kollaborationen mit so unterschiedlichen Künstler:innen wie der japanischen Elektronik-Avantgardistin Eiko Ishibashi, dem spanischen Flamenco-Gitarristen Pedro Soler oder Improv-Doomer Aidan Baker. Am nächsten bei sich, am intensivsten im Dialog mit seinem Instrument scheint er paradoxerweise bei Auftragsmusik zu sein, wie etwa dem formidablen Soundtrack Un Monde Violent (InFiné, 22. Januar) zu Maxime Caperans gleichnamigem Filmdebüt, das eine Woche nach Veröffentlichung des Soundtracks in die Kinos kam. Eine feine Pointe zudem, dass Gaspar Claus hier mit Casper Clausen kollaboriert, dem Songwriter der dänischen Symphopopper Efterklang, mit dem Claus nicht nur einen Hang zur musikalischen Delikatesse teilt, sondern auch den Namen.

Klar ist es schade, dass Will Long sein ziemlich genau zwei Dekaden laufendes Drone-Projekt Celer (anfangs mit Ehefrau Danielle Baquet-Long, nach ihrem frühen Tod und dem Umzug Longs nach Japan dann solo) nur noch archivarisch betreibt. Die Veröffentlichungen unter seinem Eigennamen bieten allerdings etwas überraschend Anderes. Die EP-Serie Long Trax etwa exploriert deepsten Deep-House, deutlich inspiriert von Midtown 120 Blues der ebenfalls aus den USA nach Japan ausgewanderten Terre Thaemlitz alias DJ Sprinkles. Die Long Trax 4 (Long Trax Productions, 31. Januar) dürften die dringlichsten Arbeiten Longs seit einiger Zeit sein. Wo sonst gelingen extremer Minimalismus und forcierte Drumcomputer-Monotonie mit stetig wiederholten Sample-Fetzen derart hypnotisch und zwingend. So selten und delikat, kann der vierte Teil der Ende-offenen Serie tatsächlich mit DJ Sprinkles‘ Klassiker mithalten.

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