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Motherboard: März 2025

Was ein Umzug nach Berlin so alles auslösen kann. Für den kanadischen Musiker Alex Cowan, der mit seinem Label Arbutus und der Band Blue Hawaii so einige jüngere Klassiker des Dream-Pop und Shoegaze zu verantworten hat, war er offenbar eine Neuorientierung und zog eine Beschäftigung mit der Neuen Deutschen Welle nach sich. Vielleicht war es aber auch die Begegnung mit der strengen Stimme der Berliner Sängerin Eddie Rabenberger, die Das Beat ausgelöst hat. Das gemeinsame Debütalbum Frau Fatal (Arbutus Records, 14. März) bringt jedenfalls an der Oberfläche gut nachgehörte Neo-NDW-Sounds mit permanenter Hitpotenz auf interessante Abwege. Das Songwriting ist nämlich höchst solide, orientiert sich eher an seinerzeit halbwegs radiotauglichen Bands wie Ideal oder Spliff als am Berliner Noise-Underground der frühen Achtziger. Aber dann sind da doch die kleinen Irritationen und das große Sounddesign, das das Album ganz heutig und sehr berlinig macht.

Groovend kluge deutsche Popmusik mit hinreißenden albernen philosophischen Texten, gab es das nicht schon einmal? Genau, nämlich von Andreas Dorau, kontinuierlich inspirativ seit seiner Schulzeit in den frühen, sehr frühen Achtzigern. Selbstverständlich ist Wien (Tapete Records, 12. Februar) – ein konzeptuell hochwertiges, monomanisch-monothematisches Album über die Hauptstadt Österreich – fest in der popmusikalischen Gegenwart verankert. Der trotz-minimalistische Vibe, der Dorau seit Blumen und Narzissen innewohnt und den er spätestens seit Ärger mit der Unsterblichkeit verlässlich abzurufen vermag, ist dennoch unverkennbar.

Kreativ offenbar nicht komplett ausgelastet von der Rock-Psychedelik der Wooden Shjips und der kosmisch-krautmotorischen Psychedelik des Moon Duo hat der Gitarrist Ripley Johnson vor ein paar Jahren zu Country, Folk und verwandter Americana gefunden. Mit einem Sound, dem die Psychedelik noch innewohnt, doch in unangestrengte Songs überführt – Stücke, die das ausladende Improvisieren, das entspannte Jammen allerdings nicht vergessen haben. So kamen nach und nach die befreundeten Musiker seiner anderen Band wieder dazu, und die Rose City Band wurde ganz unauffällig vom Solo-Hobbyprojekt zur ausgewachsenen Band und zu Johnsons musikalischer Hauptsache. Die lässige Haltung hat er dabei nicht verloren. Dass viele der feinen Songs mit Vintage-Siebziger-Aromen auf Sol Y Sombra (Thrill Jockey, 24. Januar) gegen Ende gerne mal solistisch ausfransen – Johnson ist selbstverständlich Grateful-Dead-Bewunderer – oder einen klassischen Disco-Boogie in die Country & Western-Welt einschmuggeln und sowieso immer einen Veranda-Abhäng-tauglichen Ambient-Vibe haben, macht das Ganze noch wertvoller.

Wie als Mitteleuropäer die fernweite Welt in die Musik bringen, ohne eine touristische oder exotisierende Perspektive einzunehmen? Der Brüsseler Producer und Labelbetreiber Fabien Leclercq scheint einen Weg gefunden zu haben. Odd Numbers / Số Lẻ (Balmat, 28. Februar) von seinem Projekt Le Motel wurde ein kollaboratives Album mit einem ganzen vietnamesischen Dorf. Chillige Electronica und warme Glitches unterspielen die jederzeit präsenten und den Gesamtsound bestimmenden Feldaufnahmen von erzählenden Stimmen, von urbanen Situationen und ungefilterter Natur. Ein Thema des Albums ist die vietnamesische Numerologie, so ist vielleicht nicht unangemessen, hier die World Music ungerade weiter zu zählen, also „Fifth World” oder gar „Seventh World”, jedenfalls weiter vorzuzählen zu einer der bislang am wenigsten ausbeuterischen Varianten von World Music. 

Die Erde zu lieben, so als Ganzes, als Welt, das hört sich einfach an, ist aber in der Umsetzung das Schwierigste überhaupt. Ob die Methode, sich an Infrastruktur zu kleben, erfolgversprechend sein kann, um entsprechendes Bewusstsein zu schüren, ist umstritten. Eher kann Kunst funktionieren, wenn auch indirekt. Sensibilisierung gegenüber der Schönheit der Welt ist das Rezept, das die Japaner Yumiko Morioka & Takashi Kokubo auf Gaiaphilia (Métron Records, 12. März) verfolgen. Die Pianistin Morioka improvisiert über die Field Recordings Kokubos, spielt entlang von Vogelstimmen, Insekten, tierischen Rufen, Blätterrauschen, Wind und Wetter. Wer könnte das besser verstehen als Morioka, die 1987 mit Resonance einen Meilenstein des japanischen New-Age-Ambients veröffentlicht hat, oder Kokubo, der seit Beginn der Achtziger wesentlich zur japanischen Environmental Music Kankyō Ongaku beitrug. Wie toll, dass sie auf ihre alten Tage noch einmal so entspannt-konzentriert zusammenfinden konnten.

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