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Mathias Modica von Toy Tonics: „Jede:r zweite Schüler:in träumt heutzutage von einer DJ-Karriere”

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House hatte in den letzten Jahren einen schweren Stand. Wo entweder nerdige Breaks, düsterer Techno oder schriller Pop dominieren, geht Toy Tonics in die entgegengesetzte Richtung. Das Wahlberliner Label mit Münchner Wurzeln besinnt sich auf die Ursprünge von House in Soul, Funk und Disco, setzt steifer Bitschieberei ein lebendiges Spiel mit akustischen Instrumenten entgegen.

In seinem Label-Porträt gibt GROOVE-Autor Liron Klangwart unter anderem Einblick in die intergenerationale Dynamik, die Toy Tonics nun seit mehr als zehn Jahren antreibt. Auf der einen Seite steht da Zweitausender-Crossover-Veteran Mathias Modica, auf der anderen Seite eine Gruppe junger, spielfreudiger DJs und Musiker, die lieber von DJ-Jams als von Raves sprechen.

Wer eine Vinylscheibe von Toy Tonics in die Hand nimmt, sieht auf dem Label einen bärtigen Athleten, der eine Vinylscheibe schmiedet. Das Logo ist ein echtes, antikes Motiv. Allein das Schwert, das darauf geschmiedet wird, wurde durch eine Schallplatte ausgetauscht, erklärt Modica grinsend.

Modica geht es beim Toy-Tonics-Logo um „musikalische Vielfalt, Originalität und Diversität”, die er in Verbindung mit House in den verschiedensten Underground-Spielarten bedient. Ein Unterschied zum Label Gomma, das er vor Toy Tonics, von 1999 bis 2015, betrieb: „Gomma war als Indie-Tronic-Label verortet, das mit fast jeder Veröffentlichung einen neuen Stil erfinden wollte.”

Bedient mit seinem Label House und seine Underground-Spielarten: Mathias Modica (Foto: Michael Ullrich)

Während Gomma vor allem eine Avantgarde-Klientel bediente, ist Toy Tonics mit um die 130 europaweiten Veranstaltungen pro Jahr inzwischen viel größer. Zu den Toy-Tonics-Jams in Clubs wie der Berliner Panorama Bar, dem Phonox in London oder dem Rex in Paris kommen bisweilen 1500 Besucher:innen. Ein sehr junges Publikum zwischen 20 und 25 Jahren, das Modica als „Post-Rave”-Generation charakterisiert. Toy Tonics ist somit in den letzten zwölf Jahren von einem kleinen Münchner Dance-Label zu einer der stärksten Marken in der Reihe angesagter elektronischer Brands geworden – und das, obwohl ihr Initiator fast zwei Generationen älter ist. Label-Erfahrung hatte Mastermind Modica schon als Gomma-Macher gesammelt; mit seinem Duo Munk und als Produzent von so verschiedenen Acts wie Peaches, James Murphy (LCD Soundsystem) und WhoMadeWho sorgte er schon vor Toy Tonics für Furore, besetzte, dem Crossover-Spirit der Neunziger entsprechend, ähnlich den Labels Mo’ Wax oder DFA eine ganz bestimmte Schnittstelle zwischen Indie und Clubmusik.

Die neue Live-House-Band

Den Label-Honcho Modica zu erreichen, ist bei erwähnten 150 Veranstaltungen im Jahr schwierig. Bis dato waren es vor allem DJ-Events. Ab 16. März 2024 wird es die Toy-Tonics-Band geben, die „live” House spielt. „Die Toy-Tonics-Band ist ein Trio aus einer Londoner Bassistin, einem Perkussionisten (sonst in der Band von Jorja Smith aktiv, Anm.) und einem Keyboarder mit Vocals, die Live-Hybrid-House spielt”, so Modica. Neben Baby’s Berserk, einer Amsterdamer New-Wave-Funk-Band, ist dieser Act die zweite Live-Band auf dem Label.

Modica will damit dem aktuellen Status Quo der Dance Music etwas entgegensetzen. Es gebe weltweit eine Inflation an DJs, erklärt Modica. Jede:r zweite Schüler:in träume heutzutage von einer DJ-Karriere. Gleichzeitig sei geschätzt 80 Prozent der populären Musik der letzten zehn Jahre rein elektronisch produziert worden. „Mit Toy Tonics wollen wir daher die Band als Format wieder zurückbringen. Instrumente statt USB-Sticks, Zusammenspielen in der Gruppe statt Ego-Performance vor zwei CD-Playern vor einer Kamera. Das ist fresh!”, setzt er nach und strahlt. 

„Fünf Jahre Kirchenorgel und acht Jahre Schlagzeug”

Auf dem ADE in Amsterdam sollte sich Modica auf einem Panel mit dem Thema „Buidling a trusted brand” äußern. „Ich habe keine Ahnung von Marketing”, gesteht der Labelchef da. Er mache das Label, weil er seine musikalischen Ideen verbreiten wolle. „Ich bin Musiker und will Leute finden, die ähnlich denken wie ich, um sie in meine musikalische Familie aufzunehmen. Und ich hoffe, Menschen zu finden, die unsere Musik toll finden.” Nun habe er das zweite Mal in seinem Leben das Glück, dass das Konzept funktioniere. Wieso das so ist, kann sich Modica auch nicht hundertprozentig erklären. Als Grundlage helfe, dass alle Musiker seien. Die meisten haben Musik oder Kunst studiert. „Ich selbst habe 20 Jahre Klavier, drei Jahre Saxophon und acht Jahre Schlagzeug gespielt”, erklärt Modica. 

Toy-Tonic-Familienmitglieder Athelte Whippet übernehmen vom Chef (Foto: Rebecka Slatter)

Artists wie Coeo, Cody Currie, Sam Ruffillo, Athlete Whippet und Gee Lane gehören zur immer größer werdenden Toy-Tonics-Familie. Sie kommen aus München, London, Bologna, Berlin und Barcelona – Städte mit einer eigenen DNA im Sound, der eben auch für House, Disco und Funk steht. „Wir vermischen (Italian) Disco, Afro, New Wave, House oder Broken Beats – unsere Musik hat einen positiven Vibe”, so Modica. Alle Mitglieder der Toy-Tonics-Familie seien über das Spielen eines Instruments zum Auflegen und Produzieren elektronischer Musik gekommen. Viele der Musiker und DJs wurden Modica empfohlen, nicht weil sie versuchten, auf irgendeinen Dance-Music-Trend aufzuspringen, sondern weil sie wirklich Künstler seien, die etwas Eigenes kreieren wollten und den Vibe lebten. In der Szene sei dies mittlerweile die Ausnahme, erklärt er selbstbewusst.

Emotionen und Originalität zeichnen Toy Tonics aus (Foto: Rebecka Slatter)

Den Toy-Tonics-Vibe zeichnen komplexere Rhythmen und harmonischere Ebenen als in den meisten gängigen elektronischen Musikstilen aus. „Bei uns ist ganz viel Jazz- und Soul-Harmonik drinnen, gepaart mit Einflüssen aus der italienischen und englischen Songwriting- Geschichte.” Dagegen fehlten in 90 Prozent aller Techno-Stücke Harmonien und Groove. Dort würden die Emotionen oftmals eben mit den dazugehörigen Drogen erzeugt, mutmaßt Modica. „Unsere Musik erzeugt Emotionen, basierend auf Progression, synkopischen Beats – und viel Originalität.”

Junge Generationen tanzen zu positiven Vibes

Wer den Social-Media-Kanälen von Toy Tonics folgt, kann diesen positiven Vibe der Veranstaltungen einfangen. Die Toy-Tonics-Fans – junge Menschen der Generationen Y, Z und Alpha – tanzen ausgelassen zu dieser Musik. Modica sieht in dem Zuspruch dieser Altersgruppe den Beginn einer großen musikalischen und kulturellen Veränderung. Einen ähnlichen Umbruch hat er schon in den Nullerjahren beobachtet, als die Techno-Welt ähnlich groß und kommerziell war wie heute und von einer neuen Indie-Dance-Generation abgelöst wurde (LCD Soundsystem, Franz Ferdinand, Daft Punk, Justice). Das sehe man seiner Meinung nach schon an der Kleidung: Während die Trance- und Techno-Welt die vergangenen zehn Jahre in uniformiertem Schwarz gekleidet gewesen sei, bevorzugten die Toy-Tonics-Kids jetzt bunte, originelle Vintage-Mode, um ihre Diversität zu unterstreichen.

Man darf bei Toy Tonics auch lachen (Foto: Rebecka Slatter)

Modica sieht in der neuen House- und Funkyness-Welle eine klare Abgrenzung zu düsteren Spielarten der elektronischen Musik. Viele der eher düster orientierten Clubs würden diese neue Welle auch schon erkennen. Toy Tonics ist längst regelmäßig in die Berliner Panorama Bar, das Opium in Vilnius oder das Apolo in Barcelona eingeladen. „Da waren wir tatsächlich etwas unsicher, ob unsere Musik auch dort funktioniert”, so Modica. „Hat bisher immer gut geklappt”, lautet sein Resümee. Seine Erklärung: „Wir sprechen eine junge Generation von Musikliebhaber:innen an. Der analoge Groove sei für die Jungen fresh.” Interessant sei dabei auch: „Die Fans kennen sich extrem gut mit Musik aus.” Vom Neo-Soulsänger Anderson Paak kämen sie auf Produzenten-Legende Quincy Jones, von Quincy Jones auf NY-House-Ikonen Masters at Work. Ja, und dann entdeckten sie eben die Schallplatten mit dem bärtigen Vinyl-Schmied, der die Funken fliegen lässt und damit Kulturen, Stile und Menschen zusammenbringt.   

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