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Terre Thaemlitz: „Veränderung ist nicht dasselbe wie ‚Fortschritt’” (Teil 1)

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Terre Thaemlitz mag in der Welt der Dance Music vor allem für ihre Arbeit unter dem Pseudonym DJ Sprinkles bekannt sein, doch ist der Comatonse-Recordings-Gründer auch seit jeher im Bereich der (audio-)visuellen Kunst aktiv. Das Projekt Reframed Positions schloss eine Aufführung des Multi-Media-Werks Deproduction aus dem Jahr 2017 und eine Diskussion mit Room40-Gründer Lawrence English in Berlin sowie ein DJ-Set in der Berliner Panorama Bar mit ein. Die gleichnamige, von Mai bis Mitte Juli laufende Ausstellung in der Halle für Kunst in Lüneburg versammelte Werke aus rund drei Jahrzehnten Schaffenszeit.

Im ersten Teil eines ausführlichen Interviews mit Kristoffer Cornils spricht Thaemlitz über ihre Ansichten zur Pandemie, die Ökonomie der Clubkultur und  verrät was seine ersten Schritte als Maler heute für ihn repräsentieren.

GROOVE: Wie hast du bisher die Pandemie wahrgenommen? Es überrascht eigentlich, dass du dich damit nicht in deiner Arbeit auseinandergesetzt hast, obwohl du viele der damit verbundenen Themen zuvor thematisiert hast.

Terre Thaemlitz: Ich habe in der gesamten Zeit nichts Neues gemacht und stattdessen die Auszeit vom Touren dazu genutzt, ein paar CD-Reissues und -Compilations für Comatonse Recordings zusammenzustellen, was alles viel Handarbeit mit sich brachte. Ich mochte das Reisen noch nie und war eigentlich ganz glücklich damit, zu Hause zu bleiben. Im Oktober habe ich mit einem DJ-Gig in New York wieder mit dem Reisen angefangen, mich aber dazu entschlossen, keine Tourneen mit mehreren Zwischenstopps mehr zu machen. Stattdessen werde ich nur einzelne Shows spielen, zwischen zwei und fünf pro Jahr.

Natürlich fällt diese Entscheidung nun genau damit zusammen, dass sich in der EU viele weigern, DJs für einzelne Shows zu buchen. Stattdessen fordern sie aus „ökologischen” Gründen von mir, pro Besuch gleich eine Reihe von Auftritten zu absolvieren. Paradoxerweise soll ich also mehr reisen, damit ein paar andere den „CO2-Fußabdruck” meiner verschiedenen Flüge untereinander aufteilen können. Auf dem Papier mag sich das gut lesen, für mich aber bedeutet es mehr Flüge innerhalb der EU. Es scheint sich da um eine neue, inflexible europäische Öko-Bürokratie zu handeln, bei der es allein um die Zahlen und nicht die tatsächliche Verschmutzung geht. Ich wurde deswegen sogar von einer Galerie in Frankreich ausgeladen. Ich glaube, dass sie mit einem jährlichen CO2-Ziel arbeiten und die Luftmeilen lieber für jemanden Bekannteren aufsparen wollten.

Es wird wohl noch ein, zwei Jahre dauern, bis ich verstanden habe, wie ich in dieser „Öko”-Industrie weniger auftreten und reisen kann. Sie fordert immer mehr Performance-Arbeit und Reiserei ein, wie auch Labels immer mehr Bonustracks und so weiter wollen. Diese Doppelmoral ist typisch für die heutige bürokratische Bewegung, der es rein um kapitalistisches virtue signaling geht. Der sogenannte CO2-Fußabdruck ist die Erfindung des Umweltverschutzers BP, der damit seinen bösen Arsch retten wollte, ähnlich wie BlackRock schwarze Woke-Kultur in DEI [Diversity, Equity, and Inclusion, d.Red.] und ESG [Environmental, Social, and Governance] verdreht hat, um alle mit ihrem Corporate-Culture-Identitäts-Bullshit auf Trab zu halten, während sie weiterhin die Erde vergewaltigen.

Die weitreichendere und möglicherweise auch interessantere Antwort auf deine Frage lautet, dass es sich bei der Pandemie um eines von diesen Ereignissen von solcher Größe und umfangreichen Falschinformationen handelt, dass ich erst pausieren wollte, bis mir klar geworden war, worum es dabei eigentlich ging. Die Alternative wäre gewesen, sich zu früh zu Wort zu melden und wie [der US-amerikanische Linguist und politische Theoretiker] Noam Chomsky dazustehen. Er gab Interviews, in denen er sich dafür einsetzte, Ungeimpfte zusammenzutreiben und von den Geimpften zu isolieren. Auf die Frage hin, wie sie denn an Nahrung kommen sollten, antwortete er, dass das „ihr Problem” sein würde! Das war ein wirklich trauriges Beispiel für angstgetriebene Propaganda; ausgerechnet von demjenigen, der einst ein Buch namens Manufacturing Consent geschrieben hat. Ich wollte nicht das Maul aufreißen und am Ende genauso aussehen. (lacht)

Wie denkst du heutzutage über die vergangenen dreieinhalb Jahre?

Als Anfang 2020 alles dicht machte, war mir lediglich klar, dass uns die Geschichte wieder und wieder gelehrt hat, dass der Kapitalismus, die großen Industrien, die Regierungen und die globalen Eliten einen Scheißdreck auf die Angestellten im Gesundheitssystem und die Öffentlichkeit im Gesamten geben. Zuerst fiel es mir angesichts all der Schließungen und Lockdowns, die angeblich allein für unsere Sicherheit stattfanden, schwer, mir zusammenzureimen, was sich eigentlich zutrug.

Es kam auch zu einer irren ideologischen Verkehrung: Sätze wie „Folgt der Wissenschaft!” wurden verwendet, um jegliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nutzen von drakonischen Auflagen und Maßnahmen abzuwürgen, während in den USA die Krankenhäuser hunderttausende Menschen feuerten. Die Art und Weise, in der mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschung und Medizin ohne Rücksicht auf langzeitliche gesundheitliche Folgen für Profit ausgebeutet wurde, war von einer Größenordnung, die alles in den Schatten stellte, womit sich Angehörige der HIV-Bewegung in den Achtzigern konfrontiert sahen. Es ist furchtbar, darüber nachzudenken. Wie kann irgendjemand das alles in Echtzeit verarbeiten?

„Wir müssen lernen, komplexere Beziehungen zum Konzept der Doppelmoral entwickeln.”

Es gab aber auch sonderbare Momente der Klarheit. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Trump irgendwann „Chai-na” die Schuld für das Virus gab, und China daraufhin behauptete, es sei von den USA erschaffen worden. Ich weiß noch, wie ich damals dachte, dass der gemeinsame propagandistische Fingerzeig der USA und China wohl auf eine Realität hindeute, die in die Mitte fällt: Ein Leck in einem Labor in Wuhan, in dem von den USA finanzierte Gain-of-Function-Forschung stattfand. Bis heute scheint das die realistischste und wissenschaftlichste Erklärung für das, was passiert ist. Aber selbst das darf in manchen Kreisen nicht gesagt werden, oder?

So wie ich das sehe, wird in wissenschaftlichen Kreisen weiterhin eine Vielzahl von Möglichkeiten diskutiert, auf gesellschaftlicher Ebene hat sich der Ton in den öffentlichen Diskussionen darum und andere politisierte Themen aber sicherlich verschärft.

Ich bezweifle, dass die kulturellen Indoktrinationen, die wir alle durchlaufen haben, jemals durchleuchtet werden. Sie werden bereits normalisiert. Und all das ist wahnsinnig schnell passiert. Wir befinden uns weiterhin in einem Moment, in dem das, was ich hier sage, dazu führen könnte, dass ich als „rechte Verschwörungstheoretikerin” gebrandmarkt werde, eine lächerliche Beleidigung, die sich Linke anhören müssen, die von dominanten Narrativen abweichen. Dabei klingt alles für uns verschwörerisch, weil sich gegen uns tatsächlich oft verschworen wird.

Ich bin Produzent von Audio und Media, und für mich zerstört all das tradierte Publikumsmodelle, von politischen Allianzen ganz zu schweigen. Wir erleben einen wirklich queeren Moment der closets und der Zurückhaltung, während die heteronormative Welt – das schließt den LGBT-Mainstream mit ein – immer mehr Forderungen nach der Anpassung an ihre moralischen Dogmen stellt. Dogmen, die diesen Wahnsinn tragen. Deswegen schließen queere Themen für mich stets eine kritische Befragung der Konstruktion und Funktion von Moralität mit ein. Niemals aber stellen sie eine Hinnahme von Moral dar.

Das bringt uns zu dem zurück, worüber du zuvor gesprochen hast: Wenn du in die Pflicht genommen wirst, „ökologisch” zu touren, wird aus der Angelegenheit eine individualisierte moralische Frage. Wenn sich aber tatsächlich alle so viel Sorgen um ihren oder deinen CO2-Fußabdruck machen, warum buchen sie dann nicht jemanden aus der Nachbarschaft? Versteh’ mich nicht falsch, ich will nicht sagen, dass dich niemand mehr buchen sollte. (lacht) Warum aber fliegen wir überhaupt Menschen um die Welt, um, na ja, im Grunde geht es darum, Alkohol zu verkaufen, oder? Es wäre schlecht fürs Geschäft, darüber offen zu sprechen, doch ist das zugleich nicht der Beweis, dass dieses Geschäft ein schlechtes ist? 

Ich kann mir meine Bookings schon selbst versauen, aber danke. (lacht) Klar, die Industrien für Musikaufführungen sind exakt das: Industrien. Ihre Rollen in der Kulturproduktion – denen allgemein von allen Teilnehmenden Wert zugeschrieben wird, während Konservative und die Verantwortlichen auf bürokratischer Seite sie dämonisieren – sind von den Problemen der Industrie nicht zu trennen. Und dennoch bekommen einige Clubs in der EU finanzielle Unterstützung aus den Kulturetats ihrer Regierungen. Also gibt es da auch eine Schnittstelle zu politischer Korruption. Genauso können Clubs mit dem organisierten Verbrechen verwickelt sein. Das heißt nicht nur Drogenhandel, sondern genauso Immobilienmarkt, Bauwesen, Genehmigungen und so weiter. Und dann sind da noch der Verleih für Lautsprecher und Equipment, Audio-Technologie-Firmen, Lärmschutz. Es wäre zu simpel, zu sagen, dass es nur um Alkohol geht. Es sind viele miteinander verknüpfte Wirtschaften – kommerzielle, steuerrechtliche und zwielichtige. Wenn so viele Menschen auf einmal mit einer Sache Geld machen, ist das im Allgemeinen ein Indikator für weitreichende gesellschaftliche Entwicklungen.

Welche?

Es hängt alles damit zusammen, dass es sich bei Clubs um „Heterotopien” im Sinne Michel Foucaults handelt, oder anders gesagt: kulturell sanktionierte Orte der sozialen Brüche oder Ausbrüche aus gesellschaftlichen Normen. Viele lassen sich von der Illusion der heterotopischen Zeit verführen und denken, diese würde einem radikalen Ausstieg gleichkommen. Stell’ dir bloß vor, dass einige Menschen wirklich glauben, dass ein Besuch bei Burning Man einem radikalen Akt der politischen und sozialen Transformation gleichkommt!

Heterotopische Veranstaltungen sind aber strategische Komponenten dominanter Heteronormativität, die uns „erfrischen” sollen, um uns noch mehr „Normalität” aussetzen zu können. Diese unausweichliche Rückkehr zu den Normen habe ich als „homotopisch” bezeichnet – nicht in Bezug auf irgendwas Queeres, sondern auf den Wortsinn von „homo”, „dasselbe”. Foucaults Verwendung des Begriffs „hetero” zielte auf das „Andere” ab, nicht jedoch auf Heterosexualität. Konservative haben ein Interesse daran, gegenkulturelle Orte zu erhalten. Ihre Tiraden gegen ebenjene Orte sind es, die deren heterotopischen Wert konstituieren. Die um Club herum bestehende Ökonomie ist also viel umfassender als eine bestimmte Industrie oder ein einzelnes Produkt.

Zugleich kann auf kultureller Ebene – womit ich nicht sagen möchte, dass mich irgendwer buchen sollte! – viel Wert darin bestehen, zusätzlich zur Unterstützung regionaler Szenen Menschen von weither zu holen und die Leute mit dem Unbekannten zu konfrontieren. Ich muss wohl einem Deutschen nicht erklären, was es strukturell bedeuten würde, lokale Kulturen durch einen aktiven Ausschluss von externen Einflüssen zu zentralisieren. Vor allem Clubmusik scheint mir ein besonders komplexes Mischmasch von globalen Einflüssen zu sein, die sich nicht voneinander entwirren lassen, egal wie oft nach Authentizität geschrien wird.

„Einige Menschen glauben wirklich, dass ein Besuch bei Burning Man einem radikalen Akt der politischen und sozialen Transformation gleichkommt!”

Natürlich aber ist es nur Venues mit großen Budgets möglich, DJs von weither zu holen. Deshalb sollten wir uns die vielen ökonomischen und kulturellen Abstufungen vor Augen halten, innerhalb derer Clubs ihre Arbeit verrichten. Ansonsten wird zu schnell verallgemeinert, was nun „gut” oder „schlecht” für Clubs sei, als seien sie alle gleich. Das sind sie definitiv nicht. Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass die Analyse von und die Diskussion über diese Industrien sehr wichtig ist. Ich würde nur Begriffe wie „gut” oder „schlecht” dabei umgehen wollen, weil die von ihnen implizierte moralische Bewertung einer Bequemlichkeit gleichkommt, die noch mehr problematischen Scheiß nach sich zieht. Der wird vor allem reflektieren, was „gut” für die Mega-Clubs ist und kleine sowie Underground-Clubs in den Bereich der „schlechten” Kultur herabstufen.

Das war auch das Ergebnis der rechtlichen Maßnahmen um den fuueiho-Moralkodex und die Einschränkungen des Tanzens in Japan in den vergangenen Jahren. Ich nehme nicht an, dass sich irgendwer daran erinnert, doch im Jahr 2015 haben sich japanische Mainstream- und Techno-DJs zusammengeschlossen, um eine „Erklärung über die Zukunft von Japans Clubkultur” zu unterzeichnen, in der sie sich buchstäblich bei Polizei und Politik dafür entschuldigten, ihnen über die Jahre hinweg „Ärger gemacht” zu haben. Sie haben ihr Versprechen abgegeben, zum Wachstum der japanischen Wirtschaft beizutragen. Völlig irrer, neokonservativer Bullshit. Den großen Clubs hat das mehr Macht verliehen, und die Einschränkungen für kleinere blieben bestehen. Obendrein erfolgten absolut gar keine Versuche, Prostituierten und anderen Menschen, die von diesem Moralkodex betroffen waren, zu helfen.

Wie könnten solche Fallen denn aber vermieden werden?

Wir müssen lernen, auf politischer und organisatorischer Ebene komplexere Beziehungen zum Konzept der Doppelmoral zu entwickeln. Wir müssen verstehen, dass sie nicht zu umgehen ist, und aufhören, Moralismus und Ethik als die einzigen Rechtfertigungsgrundlagen unserer Handlungen herbeizuziehen. Sonst nämlich läuft es nur wie hier in Japan: Mit Geschäftsmännern, die für ihr „Recht zu tanzen” kämpfen, indem sie darauf verweisen, dass sie doch aufrechte Bürger seien, die nur Spaß haben wollen – „und nichts mit Prostituierten oder perversen und kriminellen Subjekten” zu tun haben. So zu tun, als würden wir in einer Art und Weise handeln, die jegliche Doppelmoral ausschließt, trägt nur dazu bei, dass sich die Dinge nicht ändern oder sogar noch schlimmer werden. Denn es stellt sicher, dass wir uns nicht auf struktureller Ebene mit den sozialen Mechanismen im Kern unserer Kämpfe auseinandersetzen. Es sind genau diese Mechanismen, die die kulturelle Produktion der moralischen Grundsätze einer jeden Gesellschaft sowie die Kontrolle von Körpern leiten.

Das zeitgenössische Ideal, jegliche Doppelmoral hinter uns lassen zu wollen, und die falschen Versprechungen einer jeden transparent agierenden Gesellschaft sind exakt das, was uns corporate cons wie ESG- und DEI-Kultur eingebrockt haben. Dass wir gewillt sind, uns diese Strategien verkaufen zu lassen, sie aus einer illusorischen Idee der Selbstbehauptung heraus zu internalisieren und sie selbst untereinander auszuführen, sollte uns als Hinweis darauf dienen, dass wir die Kriege, die wir zu kämpfen glauben, schon längst verloren haben.

Du hast solcherlei Prozesse in deiner Arbeit thematisiert, was uns zur Retrospektive Reframed Positions in der Lüneburger Halle für Kunst bringt. Sie folgt auf eine Reihe von Archiv-Veröffentlichungen und Compilations. Welchen kuratorischen Ansatz verfolgst du damit jeweils?

Na ja, den Comatonse-CD-Auflagen der letzten Jahre ging herzlich wenig „Kurationsarbeit” voraus. Ich habe lediglich versucht, sie so umfassend wie möglich zu gestalten. Gayest Tits & Greyest Shits etwa versammelt alle Tracks, die ich als DJ Sprinkles veröffentlicht habe, zumindest jenseits von Midtown 120 Blues, das als Album weiterhin separat erhältlich ist.

Die Kollaborationen mit Mark Fell auf Incomplete Insight waren am interessantesten, weil es sich um einen seltenen Fall handelte, in dem ich zuvor unveröffentlichte Musik zugänglich gemacht habe. Ich produziere meinen Kram in der Regel strikt für die Veröffentlichung und habe niemals zusätzliches Material bei mir herumliegen. In diesem Fall aber haben Mark und ich die alten Sequencer-Files von den ersten EP-Sessions hervorgekramt, und uns gefielen einige der Rohentwürfe und Arbeitsversionen. Tatsächlich ist „Incomplete Spiral 4” die Version, die ich gerne auf der Vinyl-EP veröffentlicht hätte, aber Mark und der japanische Vertrieb, mit dem ich zu der Zeit arbeitete, haben mich damals überstimmt. Es war dann doch schön, sich den Track wieder anzuhören und festzustellen, dass sich meine Meinung über all die Jahre nicht geändert hat. (lacht) Diese vierte Entwurfsversion des Tracks ist auch diejenige, die ich in meinen DJ-Sets spiele.

Die Ausstellung Reframed Positions wurde von Lawrence English von Room40 zusammengestellt. Ich war am Prozess beteiligt, aber ohne seine Mühen wäre all das nicht passiert. Das schlug sich auch in der Auswahl der Werke nieder, die in der ersten Iteration der Retrospektive in der SubStation in Melbourne noch viel umfassender war und einen viel größeren Raum füllen konnte.

Zu sehen ist eine der frühesten Arbeiten, ein unbetiteltes minimalistisches Gemälde aus dem Jahr 1987, das aus neun Rechtecken besteht und an ein Keyboard erinnert. Was repräsentiert es in deiner künstlerischen Biografie?

Es handelt sich dabei eigentlich um ein Triptychon aus drei Quadraten, die in je drei Rechtecke eingeteilt sind. Es klingt offensichtlich, wenn du es sagst, aber ein Keyboard habe ich selbst nie darin gesehen. (lacht) Das mag wohl daran liegen, dass ich das Bild gemalt habe, bevor ich überhaupt einen Synthesizer besessen habe. Ich war um die 19 Jahre alt und studierte bei Stuart Diamond, der gerade eine Gastprofessur an der Cooper Union innehatte. Zu dieser Zeit war er selbst Teil der „postmodernen” Szene der Lower East Side und der einzige, der mein Interesse an Minimalismus unterstützte.

Replicas Rubato (1997) by Terre Thaemlitz
Replicas Rubato (1997) by Terre Thaemlitz

Andere Profs zwangen mich buchstäblich dazu, allerlei strukturelle und repräsentative Gemälde zu malen, um meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, bevor mir erlaubt wurde, einen eher minimalistischen Weg einzuschlagen. Das war schon sonderbar. Kunsthochschulen sind sonderbar. Ich verstehe schon, was sie von mir wollten und warum. Die Sache ist knifflig. Ich habe selbst im Rahmen von Gastprofessuren Kunsthochschulen in der EU besucht, wo anscheinend null Wert auf Technik gelegt wird, aber ein absoluter Schwerpunkt auf Inhaltlichem liegt. Das gefällt nicht allen, genauso wie mein Interesse für marxistisch inspirierten Minimalismus während meiner Studienzeit nicht allen gefiel.

Ich habe mal einen europäischen Studenten getroffen, der mit seinen Fähigkeiten als Maler haderte, er war vielleicht in seinem dritten Jahr. Es war offensichtlich, dass er einfach nur gut malen können wollte, weshalb ich seine Arbeit nicht aus inhaltlichen Gründen niedergemacht habe. Stattdessen habe ich den Super-Malerei-Nerd-Modus angeschmissen und habe ihn wegen seiner technischen Fertigkeiten niedergemacht. (lacht) Zwar auf liebevolle Art und Weise, ich war aber in Bezug auf seine schlechte Strichqualität, ungelenken Handbewegungen und so weiter brutal ehrlich. Wir haben ein bisschen zusammen geübt. Er sagte mir sogar, dass ich die erste Person gewesen sei, die ihm handwerkliche Ratschläge gab.

Aber ja, dem Großteil der europäischer Kunst, mit der ich mich im Rahmen meiner Arbeit auseinandersetze, mangelt es an Produktionsqualität. Genauso aber an Ideen, um ehrlich zu sein. Wie gegenkulturell können Analysen sein, wenn die analytischen Methoden von Institutionen entwickelt wurden, die von gesellschaftlichen und politischen Strukturen finanziert werden, die damit kritisiert werden sollen? Allerdings bieten Länder wie die USA und Japan keine solche Unterstützung an, und die Leute hauen trotzdem tonnenweise nichtssagenden corporate shit raus. Also egal, woher wir kommen: Alle Kunsthochschulen sind verfickter Bullshit. Ich bin sehr froh darüber, diese Welt verlassen zu haben. Musik ist auch Bullshit, klar. (lacht)

Ich schätze, für mich repräsentiert das Gemälde in Reframed Positions einen Pfad, den ich verlassen habe. Es ist hochwertig genug, um zu verdeutlichen, dass meine Karriere in diese Richtung hätte gehen können. Eine Richtung, die meinen gesamten heutigen Katalog inklusive all der dahinterstehenden analytischen Strategien zu einer Unmöglichkeit gemacht hätte.

Der zweite Teil unseres Interviews mit Terre Thaemlitz erscheint am 14. November.

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