Foto: Christin Richter/® AV limited ™ (Stachy.DJ)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem monatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

Hat hier jemand “Club” gesagt? Wir meinen natürlich: Therme. Beim Liquid Sound Club nämlich ist der Name Programm: Die Veranstaltungsreihe bespielt vier in Deutschland und der Schweiz gelegene Thermen und zwar über wie auch unter dem Wasser. Stachy.DJ ist Betreiber des Labels ® AV limited ™ und legt in diesem ungewöhnlichen Setting in der Toskana Therme Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz auf.

Der Sound des umtriebigen, unter noch verschiedenen anderen Pseudonymen aktiven DJs und Produzenten lässt sich dementsprechend als aquatisch bezeichnen. Wie auf seinem eigenen Imprint, dessen Releases vorrangig auf Kassette und sogar VHS zu haben sind, dominieren Vaporwave und verwandte Spielarten seine Sets. Jede Menge Sonderzeichen- und Kanji-Musik, inklusive runtergepitchter Pop-Klassiker und sogar einem Radio-Spot für ein Kenny-G-Album, gibt es auch in dem dreistündigen Set zu hören, das Stachy.DJ für unseren Resident Podcast aufgenommen hat. Aber ebenso Ambient-Meilensteine von rEAGENZ und neue verwaschene Töne von beispielsweise Earth Trax.

Besondere Musik für ein besonderes Setting, das ab dem morgigen 5. März übrigens nach zwei Jahren Zwangspause wieder erlebt werden kann: Die Thermen und damit auch der Liquid Sound Club feiern dann ihre Wiedereröffnung. Solange bietet dieser Mix den idealen Einstieg in eine ganz besondere musikalische Veranstaltungsreihe – dive in!


Du hostest den Liquid Sound Club seit gut einem Jahrzehnt. Wie kam es dazu und welches Konzept verfolgst du mit der Reihe?

Das Konzept des Liquid Sound Clubs entstammt der schon älteren Tradition der Vollmondkonzerte, die in der Location, dem Thermalbad, völlig unabhängig vom Wochentag, immer zur Vollmondnacht vor der Zeit des LSClubs stattfanden. Damals reisten Konzert(bade)gäste teilweise von weit her an, um daran teilzunehmen. Mit dem Club wollten wir jüngeres, lokales Publikum ansprechen, das vielleicht eher nur am Wochenende bereit war, sich auf diese Fusion vom Thermalbad mit modernem, elektronischen Sounds einzulassen. Und da ich bereits 2009 das Booking für die Vollmondkonzertreihe machte, war es eine logische Konsequenz für mich, eine Artist-In-Residence Veranstaltungsreihe aufzubauen und es mehr darauf auszurichten, was ich mitterweile als Contemporary Chillout nenne – Baden in einer immersiven Umgebung voller Wellen. Im wahrsten sinne des Wortes: Man schwebt in der körpertemperierten Sole und hört die Musik mit dem ganzen Körper, aus einer PA unter und über Wasser. Dieses Setting ist wie geschaffen für diese Art von Musik, die ich schon damals parallel zu meiner Zeit als Techno- und House-DJ als sehr wichtig erachtete – ich komme aus der Neunziger-Tradition der Techno-Clubs, die damals parallel sowohl einen Footwork- als auch einen Braindance-/Chillout-Floor anboten.

Das Publikum für deine Sets ist dem Setting entsprechend sehr durchmischt. Wie gehst du als DJ damit um?

Zugegeben, anfangs war es relativ schwierig, sich der Versuchung zu entziehen, den schon fast zum Mainstream verkommenden damaligen Downbeat-Sound als den gemeinsamen Nenner für das eher traditionelle Thermenpublikum zu spielen. Denn die Gäste, die sich eher durch das Konzept des LSClubs angesprochen fühlten, waren damals nur vereinzelt vor Ort. Doch durch die Location selbst wurde mir so ziemlich schnell klar, dass es mit der Erfahrung der Veranstraltungsjahre davor relativ einfach war, auch diejenigen, die ansonsten mit dieser Musik nichts oder nur wenig anfangen konnten, davon zu überzeugen, dass das Floaten im Wasser zu spaciger Musik – wie immer man sie titulieren möchte – ein einmaliges Erlebnis darstellt, dass man für sich entdecken kann – auch wenn man sich daruf bewusst einlassen muss. Mitterweile sind für mich als Resident-DJ nach all den Jahren die akustischen Verhältnisse und das gemischte Publikum – sowohl die Tagesbesucher*innen, Tourist*innen und die regelmässigen LSClub-Gänger*innen – sehr vertraut und wirken gar immer noch inspirierend. Auf keinen fall hemmen sich mich darin, immer wieder Neues auszuprobieren.

Die Musik läuft auch unter Wasser. Wirkt sich das auf deine Selektion aus?

Es ist kein unwichtiger Aspekt – man muss beachten, dass das Wasser die Schallwellen ganz anders als Luft überträgt. Zu Einem hört man unter Wasser mono, für das menschliche Ohr ist keine Ortung möglich. Zum Anderen beeinflusst Wasser als Medium sehr stark das Frequenzspektrum – bei uns ist es schon bei circa 400-500 Hz Schluss mit den Bässen, dafür beginnt man Obertöne ab circa 5 khz mit dem menschlichem Knochengerüst wahrzunehmen. In den Frequenzen dazwischen dagegen hört man direkt über das Trommelfell, das allerdings den direkten Kontakt zu Wasser hat – alles klingt anders und für jemanden, der es noch nie ausprobiert hat, deshalb ziemlich ungewohnt. Man kann deshalb ganz grob sagen, dass zum Beispiel Drum’n’Bass oder Techno es sehr schwierig bei uns hätten – die Subbässe machen wir zwar für das Publikum über Wasser mit 1KW-“Würfeln”, die ich extra für die Veranstaltung aufbaue, hörbar. Unter Wasser allerdings verschwänden sie gänzlich. Die Beats würden dazu in der Badehalle, wo wir omnidirektionale Abstrahler mit Kugelcharakteristik haben, ziemlich schnell nerven, da wir außer der Wasseroberfläche überall eine fette Fensterfront plus Fliesen haben – das alles wirkt wie ein Spiegel für den Sound. Darüber hinaus wird die Dauer der Tracks anders wahrgenommen. In diesem Umfeld kann man sich es erlauben, mal einen Loop um ein Vielfaches länger spielen zu lassen, als es in einer “normalen” Abhörsituation es der Fall wäre. Wenn man all das mithilfe von ein wenig Erfahrung mit Psychoakustik summiert, kann man als DJ bestimmte Sachen im Set schon vorweg ausschliessen, einige dafür um so exponierter zur Geltung bringen.

Die Mixe von dir und diversen anderen DJs aus der Serie werden auch online dokumentiert. Was ist dir bei der Auswahl von Gast-DJs wichtig?

Vor allem die Fähigkeit, sich in die die Gesamtsituation – die Location, die Badegäste, der Sound und der immersive Charakter des Ganzen – schon in der Vorbereitungsphase empathisch hineinzuversetzen. Allein ein super DJ zu sein, gerade in der Szene gehyped zu werden oder schon Rang und Namen zu haben, reicht hier leider nicht wirklich aus, um einen superben, musikalisch-emotionalen Abend hinzulegen. Ich gehe vorher gerne privat auf Tuchfühlung mit der Person als solche – es muss schon auch zwischenmenschlich passen, damit ich mir sicher sein kann, dass die Künstler*innen am Ende auch selbst etwas Neues für sich entdecken können, wenn sie in der Therme beim Liquid Sound Club agieren. Es soll ja schließlich für alle Beteiligten eine Bereicherung sein! Hierbei muss ich auch erwähnen, dass meine Dokumentarwut sich daraus entwickelt hat, dass man bei den drei Stunden, die man während des Clubs zur Verfügung hat – wir spielen nur während der regulären Öffnungszeiten der Therme bis in den Abend hinein und müssen uns der Sperrstunde beugen – öfter über eigene Erwartungen hinauswächst und einfach Neues ausprobiert, abseits dessen, was man sich eigentlich vor dem Abend vorgenommen hat. Das Ergebnis ist, dass diese Mitschnitte, jeder für sich, wirklich einmalig werden. Dies einfach für den Augenblick an sich zu verlieren fand ich zu schade und irgendwann begann ich damit, jede Ausgabe mitzuschneiden. Fast jeder Abend ist mitterweile online nachzuhören, ohne dass man die Gefahr läuft, ein Déjà-vu zu erleben.

Du selbst legst auch unter verschiedenen Pseudonymen auf – als Stachy.DJ, [micro:form] und hofuku sochi 報復措置 etwa. Wie unterscheiden sich diese verschiedenen Personae voneinander?

Am Anfang war’s einfach eine Spielerei. Aus Stachy wurde Stachy.DJ, um auf meine eigene Website hinzuweisen. Mitterweile ist es einfach meine Artist-Kennung, egal, wo ich auftauche und was ich mache. Vielleicht spielt es noch bei den DJ-Sets eine Rolle – Stachy.DJ bleibt eigentlich meistens tanzbar. [micro:form] dagegen wurde tatsächlich erschaffen um ein wenig das aus der Tanzfläche auszuklammern, was im Liquid Sound Club Spaß macht. Zumindest in den Anfangsjahren des Clubs war es auch das Aushängeschild für die Live-Jams, die ich im LSClub abhielt, immer mit wechselndem Hardware-Setup, weit über das normale DJing hinaus. LSClub ist unter den von mir selbst vorgegebenen Rahmenbediengungen auch ein Live-Labor für mich. Ob die Gäste es am Ende gemerkt haben, war mir dann eigentlich nicht wirklich wichtig. Und Hofuku Sochi 報復措置 ? Nun, das ist so eine Art Egoprojekt, das mich bereits mindestens ein halbes Künstlerleben begleitet. Anfangs nur rein als japanophiles Soundnerd-Dings gestartet, ist es im Laufe der Zeit zur einer für mich sehr wichtigen Komponente meines Schaffens mutiert, die sich seit einiger Zeit sehr intensiv mit dem Phänomen des Vaporwave, in seinen zig verschiedenen Facetten beschäftigt. Es ist auch eine Art künstlerisches Sicherheitsventil, denn den Mainstream habe ich im letzten Jahrtausend hinter mir zurückgelassen. Hofuku Sochi 報復措置 half mir schon immer dabei, den Abstand dazu zu halten!

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?

Einfach aus einem kuzfristigem Impuls heraus ein dreistündiges Set für Euch zu packen, und es zu einem Gesamtkunstwerk zu moddelieren, sodass es wert ist, es immer wieder zu hören – wie ich es immer tue. Die Badewanne müsst ihr nicht dazu vollmachen, aber durch die drei Stunden könnt ihr zumindest eine LSClub-Ausgabe akustisch betreten.

Neben deiner Arbeit als DJ bist du auch als Produzent und Labelbetreiber von ® AV limited ™ sehr aktiv. Wie würdest du die Philosophie hinter diesem Imprint beschreiben?

Das ist keine einfach Frage. Vielleicht gibt es zwei Hauptgründe: Zum einen meine Passion im Sammeln von Musik auf physikalischen Tonträgern egal welcher Art als Gegenimpuls zum allgegenwärtigen Streamen. Man kann es vielleicht als nicht zeitgemäß sehen, keinen einzigen Login für Spotify und Co. zu haben – was ich auch meinen Kids versuche anzuerziehen. Ich möchte einfach eine materielle Spur mit meiner Musik zu hinterlassen, so wie man es früher auch mit (Foto-)Alben und eigenen Videoaufnahmen getan hat. Für mich ist Musik nur wirklich da, wenn sie auf einem Tonträger gespeichert ist und nicht eine bloße Abfolge von Binärzuständen einer flüchtigen Computerdatei ist. Dabei spielen die sogenannte – Achtung: hässliches Wort – Retro-Technologien eine wichtige Rolle. All das, was sich damit bei mir im Studio realisieren lässt, findet auf ® AV limited ™ statt: Tapes, VHS, MiniDisc, Microcassetten und auch bald Floppy Disks. Mit dazugehörigem Artwork und einer kurzen Entstehungs- oder Fantasiegeschichte werden sie zu einem solchen Tonträger. Aufmerksame Leser*innen werden es gleich merken: Es handelt sich hier um magneto(-optische) Medien – sie sind sozusagen die Materialbasis des Label. Zum anderen: Schon bevor der Traum vom Global Village langsam begann, in eine dystopisch anmutende #NowAge-Welt mit unsicherem Ausgang zu morphen, war ich bezüglich der Massenveranstaltungen, dem Massenerfolg, der massenbedingten Wertung eines Kulturereignisses oder Kunstprozesses immer skeptischer geworden. Zum Beispiel die Frage: ‘War eine Party gut?’ Und die Antwort: ‘Ja, es war voll!’ Genau das Gegenteil davon sind diese kleine Nischen, in denen man ungestört und eben nicht global wirken kann – mit nahezu vollständiger Kontrolle darüber, was man macht. Das war ein Traum für mich. Ganz nebenbei hat sich mit einem Micro-Label auf Bandcamp als Abbild dieser Auffassung und meiner Erwartung gezeigt, wie man selbst für sich erfolgreich künstlerisch agieren kann. Nicht die Masse entscheidet, sondern du selbst. Und dabei pushst du dich selbstständig weiter, mit einer größeren Motivation, als dir jemals ein Rockstadion voller Fans in einem einzigen Moment geben kann. Da muss man aber erstmal selbst drauf kommen.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Musik zu machen solange ich kann. Konkret heißt das: Mein Tonstudio weiter zu optimieren, mein Label um Veröffentlichungen auf Medien zu erweitern, die man nicht mehr so ganz auf dem Schirm hat, meinen Kids beizubringen, mit der sinnlosen Datenflut da draußen umzugehen und vielleicht mal Mixmaster Morris als Gast-DJ im Liquid Sound Club begrüssen zu dürfen. Und nie aufhören, zu träumen.

Stream: Stachy.DJ – Groove Resident Podcast 27

01. CRT麻痺 – 22 Winter Storm Weather Update (tape, Aquablanca _2021)
02. L’Avenue – Oceans (12″, self-released _2021)
03. No Death – Not By Sight (tape, Aquablanca _2021)
04. rEAGENZ – ö (12″, Musique Pour La Danse _2021)
05. hofuku sochi 報復措置 – かくせい (microcassette, ® AV limited ™ _2022)
06. Cylob – Rainsong (DAT, self-released _2021)
07. Kratzwerk – 月光に (microcassette, self-released _2021)
08. CYBEREALITYライフ – コマーシャルの時間 1 (12″, Tiger Blood Tapes _2021)
09. Gates of Siam – Garden of Eden (MiniDisc, Underwater Computing _2021)
10. Mind Spring Memories – tears of 28.8kbps snow (MiniDisc, Underwater Computing _2021)
11. Noizz Factor ++ – Raindrops (digit., Retro Spectrum Collective _2021)
12. solo gemini – Szybko Biec (tape, Superkasety Records _2022)
13. VAPOR GHOUL – 筆書きBrushstroke (tape, Tiger Blood Tapes _2021)
14. Kanal Vier – V8 (digit., self-released _2018)
15. hofuku sochi 報復措置 – S H A L A L A L A (digit., self-released _2017)
16. L’Avenue – Grand Vista Hotel (12″, self-released _2021)
17. CRT麻痺 – Snow’s Kiss (tape, Aquablanca _2021)
18. hofuku sochi 報復措置 – WELCOME_2_THE_PLEA$URE_DOME (digit., self-released _2017)
19. s a k i 夢 – 産業主義 (12″, Tiger Blood Tapes _2021)
20. Brooklyn Metro – Brooklyn Metro | Stachy.DJ edit (MiniDisc, Cityman Productions _2019)
21. hofuku sochi 報復措置 – 遥か彼方 (microcassette, ® AV limited ™ _2022)
22. [micro:form] – |o+o| / side A | excerpt (tape, ® AV limited ™ _2021)
23. Kanal Vier – Seine grössten Erfolge (digit., self-released _2018)
24. hofuku sochi 報復措置 – イエスの子守歌 (Lulajże Jezuniu) (digit., Music For A Confinement _2022)
25. Kanal Vier – Fürst (digit., self-released _2018)
26. TON STACHY SCHERBE – MICROMODULE OF ABSOLUTE (unreleased)
27. Earth Trax – Live Up To Date Festival 2021 (unreleased)
28. Kanal Vier – Neue Kraft (digit., self-released _2018)
29. L’Avenue – Osaka Drift (12″, self-released _2020)
30.soundcloud.com/januszpopal – To Tylko Sen (Feat. Malwina Tkacz) (digit., FURORA _2020)
31. hofuku sochi 報復措置 – now gathering (digit., Naviar Records _2018)
32. CVLTVRΣ – Disk • Space (12″, Tiger Blood Tapes _2021)
33. Scherbe- 夢がついに実現 (VHS, Underwater Computing _2022)
34. Mind Spring Memories – static washes (MiniDisc, Underwater Computing _2021)
35. hofuku sochi 報復措置 – SIGNALS FROM THE ISOLATION アイソレーション信号 SIDE[B](tape, ® AV limited ™ _2020)
36. no accident in paradise – EXIT9 (tape, ® AV limited ™ _2021)
37. CRT麻痺 – 22 Winter Storm Weather Update | Stachy.DJ edit (tape, Aquablanca _2021)
38. Vektroid – Diskloader (12″, Aguirre _2018)

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